Die karolingische Tunika VI – Fazit und Zusammenfassung

In und vor der Zeit Karls des Großen dominiert ein Schnitt ganz ähnlich bzw. gleich der Tunika des Mannes von Bernuthsfeld. Der Tod Karls und die innere Konsolidierung des Reiches unter Ludwig dem Frommen fördert auch den Konkurrenzgedanken gegenüber Byzanz und bringt somit Veränderungen.
Im Sinne der Renovatio wird eine größtmögliche Ähnlichkeit mit „den Römern“ angestrebt. Darunter ist jedoch nicht mehr Konstantin der Große oder gar die klassische römische Periode zu verstehen. Vielmehr bietet sich hier Ostrom, also Byzanz, als Vorbild an.

Gerade im höfischen Umfeld finden Elemente aus Byzanz regen Anklang. Der Rocksaum wird weiter, mitunter ohne Schlitzung. Die engen, geschoppten Ärmel waren wohl ähnlich jenen an der Tunika/Dalmatika des heiligen Ulrich geschnitten. Keile, wie sie im Hochmittelalter unter den Armen zur Weitung eingesetzt wurden, wurden wohl noch nicht genutzt. Die Kragenschlitzung war verdeckt, entweder durch den Halsbesatz oder aber lag auf der Schulter um dabei möglichst unsichtbar zu sein.

Besonders im gallo-romanischen Westfranken fallen die byzantinischen Einflüsse auf fruchtbaren Boden, während der Osten, der sich mehr und mehr Sachsen zuwendet, in Fragen der Mode eher Konservativer erscheint.
Der Import byzantinischer Stoffe floriert, auch wenn diese nur hochrangigen Personen verfügbar, bzw. bezahlbar sind. Mitunter konnten auch einfachere Adelige (Freie) durch Schenkung in Besitz dieser Stoffe kommen. Etwa als Dank für Verdienste in Feldzügen.

Clavi und andere Verzierungen wurden im besten Fall aus damaszierte Seite gefertigt, die die typischen Kreismotive des byzantinischen und persischen Raums aufwiesen. Mitunter konnte die gesamte Tunika aus Seide hergestellt sein. Die Verzierungen wurden, wenn die Kleidung abgetragen war, als ganzes oder partiell (also das Kreismotiv) abgelöst und auf einen neuen Grundstoff aufgebracht.
Diese Kleidung wurde jedoch nicht alltäglich genutzt sondern war wohl rein repräsentativen Anlässen vorbehalten. Sozusagen der Sonntagsstaat des Adels seiner Zeit. Für Jagd, Reise, Kriegszug o.ä. war die Kleidung hingegen ungeeignet. Hier wurden einfachere Schnitte aus weniger kostbaren Materialien getragen. Seinen Höhepunkt erreicht diese Mode in zivilen Kreisen während der Regentschaft Karls des Kahlen (843-877). Die Einfälle der Normannen dürften jedoch diese Entwicklung zurückgeworfen haben.

Es scheint daher als habe Westfranken bereits im 9. Jahrhundert viele Elemente byzantinischer Mode übernommen während der Osten diesen zunächst verhalten gegenüber steht. Erst mit Einheirat Theophanus hält auch verstärkt byzantinischer Chic Einzug ins frühere Ostfranken. Dennoch können wir sowohl in West- als auch in Ostfranken in den Herrscherdarstellungen byzantinisch, kaiserliche Tracht von der Herrschern getragen wird.

Alle vorherigen Artikel zu diesem Thema:
Die karolingische Tunika I – Kreisverzierungen
Die karolingische Tunika II – Historisierende Clavi oder Zeichen der Fremdartigkeit
Die karolingische Tunika III – Mehr als nur EIN Schnitt
Die karolingische Tunika IV – Das Gürtel Problem
Die karolingische Tunika V -Ein Ausflug zum heiligen Ulrich
Die karolingische Tunika Vb – Die Ulrichsdalmatika nachgenäht

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