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Die heilige Lanze in Wien

Vorwort:
Wer aufmerksam war, dem fiel auf das ich nie direkt über die Wiener Heilige Lanze geschrieben habe und sie immer nur in Teilen erwähnte.
Dies hat mehre Gründe. Zum einen fand ich keinen entsprechenden Artikel den ich als Basis verwenden konnte und der mir genug Informationen und Denkanstöße lieferte. Zum Anderen, und das ist für mich schwerwiegender, gibt es viel zu viele mystifizierende Geschichten wobei die Brücke von Longinus zum Ewigen Wanderer und weiter zum Ewigen Juden nur der Gipfel des Eisbergs ist. Nicht zu vergessen unendlich furchtbare Dokus, von denen ich neulich wieder eine sah.

Aber auch gerade das sollte ein Grund für mich sein das Thema nun auf das wesentliche runterzubrechen. Vor kurzem fand ich nun einen Aufsatz von Mechthild Schulze-Dörrlamm der mir hier als Basis dient und ich zusammenfassen werde, aber auch ergänzen und Gegenfragen stelle. Den Aufsatz selbst verlinke ich am Ende des Posts.

Rekonstruktionsversuch der ursprünglichen Heiligen Lanze

Einleitung
Die Heilige Lanze aus den heute in Wien aufbewahrten Reichskleinodien ist wahrscheinlich am stärksten mystifizierte Objekt der Selbigen. Dabei ist das Objekt weder großartig mystisch, noch ein Einzelstück unter der Vielzahl heiliger Lanzen.

Chronologie der sogenannten Heiligen Lanze der Wiener Reichskleinodien
Erstmals begegnet uns die Lanze im Jahr 926 als König Heinrich I. sie in Worms von Rudolf II. König von Hochburgund und zu dieser Zeit auch König von Italien erhielt.  Dieser hatte sie höchst wahrscheinlich als Herrschaftszeichen vom norditalienischen Grafen Samson zum Regierungsantritt in Italien bekommen.

Heinrich I. schrieb seinen Sieg gegen die Ungarn in Riade am Longinustag 933 der Lanze zu.  Otto I. führte die Lanze 939 gegen Aufständige und 955 auf der Schlacht beim Lechfeld mit sich. Als Otto III. 999/1000 in Polen verweilte erhielt Boleslaw Chrobry eine Kopie der Lanze in der ein Partikel des echten Kreunagels eingearbeitet worden sein soll. Otto III. lies die lanze auch auf dem weg nach Rom zur Kaiserkrönung vorweg tragen. Bei der Krönung Heinrichs II. in Mainz wurde sie zur Krönung verwendet, da die Reichskrone im Besitzt der Gegner Heinrichs war.

Unter Konrad II. wurde die Heilige Lanze den öffentlichen Blicken Entzogen  und wurde nun im Querbalken des neu angefertigten Reichskreuzes verwahrt.

Die Lanze und ihre Veränderungen
Bei der Lanze selbst handelt es sich um eine typische karolingische Flügellanze des Typ II nach Westphal die in das späte 8./ frühe 9. Jahrhundert datieren sollte. Ihre einzige Verzierung ist eine Furchenzier an der Tülle.  Sie ist aus einfachem Eisen geschmiedet und besitzt Schlackeeinschluße und Verunreinigungen, welche später auch zum Bruch führten. Auch weist das Blatt keinerlei Spuren einer Damaszierung auf. Es ist somit ein eher gewöhnliches Stück. Ihre Bedeutung kann daher nicht aus ihrer Wertigkeit abgeleitet werden.

Da das Lanzenblatt keinerlei Spuren von Scharten oder ähnliches aufweist, dürfte sie nie im Kampf eingesetzt worden sein, sondern sollte von Anfang an als Fahnenlanze fungiert haben, so Mechthild Schulze-Dörlamm im Verweis auf  Mehofer/Leusch/Bühler.1
Schulze-Dörlamm versucht nun auf Grund dieser Informationen die Herkunft der Lanze zu erörtern. Eine Königslanze Karls des Großen schließt sie auf Grund der minderen Qualität aus, ebenso scheidet eine Lanze aus die Karl vom Patriarchen von Jerusalem im Jahr 800 zugesandt bekam, da eine Lanze aus dem Kalifat der Abasiden eben keine fränkisch/karolingische Flügellanze ist.
Ihre Vermutung ist daher das es sich bei der Lanzenspitze ursprünglich um jene Lanze handeln könnte an der das päpstliche Banner befestigt war das Karl erhielt und dessen Abbildung im Tricliniumsmosaik im Lateran zu sehen war. Ich hätte an dieser Stelle noch ergänzend das Vexillum des hl. Martin anzubieten, wobei hier wohl auch eine bessere Ausführung zu vermuten wäre.

Schon bald danach wurde die einfache Lanzenspitze optisch verändert und aufgewertet. Dazu stemmte man aus dem Lanzenblatt einen spitzovalen Teil aus. Hierbei brach erstmalig das Lanzenblatt an der rechten Seite. Der Bruch konnte jedoch durch ein aufgeschweistes Metallband kaschiert werden und ist nur durch eine dunklere Stelle am Blatt zu erkennen.  Er steht übrigens in keinem Zusammenhang mit dem kompletten Bruch des Blattes der später das Anbringen der Manschette nötig machte.
In die Ausparung des Lanzenblattes wurde nun ein Knebelstift eingepasst. Dieser war passgenau eingefügt, so dass er keinerlei Halterung, wie die späteren Silberdrähte, bedurfte. (Ich könnte mir vorstellen das das Lanzenblatt dabei erhitzt wurde, so dass das Metall sich ausdehnte und anschließend der kalte Knebelstift eingesetzt wurde. Beim abkühlen klemmte dieser nun fest.)
Der Knebelstift selbst bestand ursprünglich aus 2 Lanzettenförmigen Spitzen, von denen heute nur die Obere erhalten ist. In der Mitte ist der Knebel durch drei kreuzförmige, mit Messing tauschierten Kreuzen verzierte , Verdickungen die selbst als Kreuze angesehen werden geschmückt. In diese Verdickung ist seitlich eine Nut eingefügt in der wiederum ein Metallstück sitzt, welches zwischen kreuzförmiger Verdickung und Metallstück insgesamt 4 halbmondförmige Freiräume lässt. (Zu diesen hat Schulze-Dörrlamm eine interessante Idee, doch dazu  später mehr)
Im unteren Bereich, zwischen Flügeln und eigentlichem Blatt, wurden zwei dünne Klingen angebracht. Sie waren nicht mit Silberdrähten, sondern mit Lederriemen befestigt, von denen der obere Teil erhalten blieb, da der Bereich später durch die Manschette überdeckt wurde.
Die Klingen sind im Gegensatz zum Lanzenblatt schartig.
Die verbreiterte Tülle war zu diesem Zeitpunkt noch nicht existent.

Die Veränderungen und ihre möglichen Bedeutungen
Ich möchte an dieser Stelle bei den angefügten unteren Klingenblättern beginnen um mich dann noch oben vorzuarbeiten.
Erst einmal verwundert Schulze-Dörrlamm zu recht das die Klingenblätter nur mit Riemen an der Lanze befestigt sind. Wäre es doch einem versierten Schmied ein leichtes gewesen diese zu verlöten oder sogar anzuschweißen. Schulze-Dörlamm vermutet daher das die Blätter nicht in direktem Zusammenhang mit der Lanze stehen und man die Lanze, der man bereits eine gewisse Bedeutung beimaß, nicht als solches dauerhaft verändern wollte, sondern nur eine bestimmte Optik zu erzielen suchte.
Zur Herkunft der Klingenblätter kann leider keine konkrete Auskunft gegeben werden, dennoch werden einige Varianten aufgezählt: Messer des 7. od. 8. Jahrhunderts denen man zuschrieb die Messer gewesen zu sein mit denen das Gewand Jesu zerteilt wurde, Teile eines römischen Lanzenblattes, im speziellen Fall Teile der im Liber Pontificalis erwähnten romphaea victoriae bezeichneten Lanze , die Papst Hadrian Karl 774 im Rom schenkte. Oder aber eben nichts der gleichen sondern nur der bereits erwähnte Versuche der Lanze eine bestimmte Optik zu geben.
Mich verwundert bei alledem jedoch die Schartigkeit der beiden Klingen, die Schulze-Dörrlamm lediglich der dünneren Ausführung zuschreibt. Die Scharten wären dann lediglich entstanden weil irgendjemand Beispielsweise die Lanze zu heftig irgendwo anlehnte. Etwas das mir sehr fragwürdig erscheint. Ich denke daher schon das die Klingen als solches eine Gewisse Bedeutung hatten, die über eine reine optische Funktion hinaus gingen.

Nun möchte ich zum Knebelstift übergehen. Dieser wird ja mitunter (gerne in den Eingangs erwähnten Dokus) als Kreuznagel gedeutet. Hier wiederspricht Schulze-Dörlamm. Gibt es doch einen ganzen Haufen anderer vermeintlicher Kreuznägel die wirklich nach Nagel aussehen2  Vielmehr sieht sie zwei parallele Funktionen. Zum einen sind stilisierte  3 Nägel gleichzeitig aus verschiedenen Perspektiven zu sehen.  Die mit messingtauschierten Kreuzen verzierten Verdickungen, von Schulze-Dörlamm als gleicharmige Kreuze bezeichnet, stellen demnach die Nagelköpfe dar. Den mittlersten Nagel sieht man also von oben. Die obere und untere Verdickung  mit dem jeweiligen Dorn nach oben und unten stellen somit stilisierte Nägel in Seitenansicht dar.  Die Eigentliche Nagelreliquie sieht sie nicht in den Tauschierungen selbst, sondern in den Verdickten Teilen selbst, die durch das Eisenstück in den Nuten zusammegefasst werden. Die Tauschierungen, 3 auf der Verdickung und 2 auf den Flügeln der Lanze in Form von Andreaskreuzen deutet sie mehr als Symbole der Passion Christi (Wie in der späteren Kunst auch die Marterwerkzeuge)

Aus diesem Stück zieht Mechthild Schulze-Dörlamm auch ihre Datierung der Umarbeitung. Sie verweist dazu auf die Ähnlichkeit des Mittelteils mit den drei gleicharmigen Kreuzen auf die Ähnlichkeit zu  karolingischen Gleicharmfibeln vom Typ Destelbergen, welche ebenfalls mit drei gleicharmigen Kreuzen verziert sind, als auch zur Knopfriemenzunge aus Karlsburg. Demnach sollte die Veränderung im Bereich zwischen Rhein und Mosel entstanden sein, wobei sie hier auch durchaus an die Pfalz Aachen denkt.

Nun zu der oben bereits angesprochenen Besonderheit der sichelförmigen Freiräumen zwischen „Nagelköpfen“ und dem in den Nuten eingefügte Metallstück.  Schulze-Dörlamm stellt die Frage ob die sichelförmigen Öffnungen in dem passgenau eingeklemmten Knebelstifft nicht den Sinn hatten vielleicht ein pfeifendes Geräusch zu erzeugen. Dies könne man nur mit einer genauen replik prüfen, so schreibt sie.

Was nun noch fehlt ist warum die Klingen angefügt wurden bzw. welche Optik damit erreicht werden sollte.  Ich finde die Therie von Frau Mechthild Schulze-Dörlamm etwas weit hergeholt, aber dennoch ist sie auf jeden Fall einen Gedanken wert. Zumal sie mir durchaus gefällt, weil sie um die Ecke denkt.

Ihrer Meinung nach sollte, wie bereits angedeutet,  durch Hinzufügung der Klingen das Lanzenblatt eine geschweifte Optik erhalten.  Ihr fällt dabei auf, das die Flügel der Lanze wie das Parier eines Schwertes oder Dolches wirken.

Nun denkt sie dabei an die Lancea Domini, die im 6. Jahrhundert von Pilgern in der Jerusalemer Grabeskirche gesehen wurde und 614 angeblich durch den Kommandanten der kaiserlichen Garde Patrikios Niketas vor den Persern nach Konstantinopel gerettet wurde. Im 7. Jahrhundert sah Bischof Arculf diese dem Longinus zugeschriebene Lanze und beschreibt das diese eine gespaltene Tülle besessen habe. Mit einer gespaltenen Tülle wäre sie aber weder byzantinisch, noch römisch, geschweige denn fränkisch. 1201 , nur kurz vor ihrem Verschwinden im Jahr 1204, als das Kreuzzugsheer in Konstantinopel einfällt, beschreibt der Diakon Nikolaos Mesarites die Lancea Domini erneut und beschreibt sie in Form eines zweischneidigen Schwertes , welches in Form eines Kreuzes gestaltet sei und zudem blutunterlaufen wirke.  Hieraus schließt Schulze-Dörrlamm, dieses Objekt habe aus Hämatit bestehen können, welches bei der Zerstörung der Grabeskirche großer Hitze, sprich Feuer ausgesetzt gewesen war, bevor sie wie „ein archäologischer Bodenfund“ aus der Erde gezogen wurde. Schulze-Dörlamm vermutet nun das diese Lancea Domini, die übrigens nicht identisch sein kann mit jener die  in der Loggia der hl. Veronika  im Vierungspfeiler des Petersdoms verwahrt wird, da diese ins 11. Jahrhundert zu datieren sei, nichts anderes ist als ein römischer Pugio mit zweischaligem Griff. Dieser zweischalige Griff wurde in der Beschreibung des Bischof Arculf eben zu einer gespaltenen Tülle.

Demnach hätte man mit der Umarbeitung der heute in Wien verwahrten Heiligen Lanze versucht die Optik der in Konstantinopel verwahrten Lancea Domini zu imitieren. Womit wir wieder genau beim Bestreben der Franken wären mit den Byzantinern gleich zu ziehen!

Und das finde ich nun mal wirklich super witzig! Eine möglicherweise pfeifende Heilige Lanze, die auch nur die Kopie einer weiteren heiligen Lanze ist, die in Wirklichkeit ein römischer Dolch ist!

  • Als Quelle diente: Die Heilige Lanze in Wien. Die Frühgeschichte des karolingisch-ottonischen Herrschaftszeichens aus archäologischer Sicht, Jahrb. RGZM 58, 2011 (2012) 707-742. findet sich hier
  1. Szameit 2005, 162. – Mehofer / Leusch / Bühler 2005, 181. – Zu
    den frühmittelalterlichen Fahnenlanzen []
  2. Schulze-Dörrlamm schrieb dazu selbst zur Byzanzaustellung des RGZM den Aufsatz „Heilige Nägel und heilige Lanzen“, online hier []

Vexillum Sancti Martini – Das Banner der Franken

Ich habe ja eine gewisse Faszination für Reliquien – Reliquien als Zeitzeugen, also archäologisches Fundstück und zum Teil als Kuriosum.
Besonders interessieren mich aber die Reliquien des hl. Martin von Tours, da sie einen Teil der fränkischen Staatsreliquien bildeten und mein genau gesuchtes Objekt ist der Mante, der als Banner bei Feldzügen der Franken Verwendung gefunden haben soll.

Einziges interessantes Ergebnis in der Suche war bisher eine Reliquie aus Bussy-Saint-Martin  die mitunter als Mantel des hl. Martin ( hape de Saint-Martin) bezeichnet wird , aber tatsächlich das Fragment eines Polsterwamses ist  (Hier habe ich damals darüber geschrieben) 

Der Weg der „echten“ Mantelreliquie verliert sich zumindest über die Jahrhunderte und soll wohl durch die Hugenotten zerstört worden sein. Aber ich habe mich entschieden mal ein wenig zu bohren, auch weil es vielleicht einen neuen Blick auf Banner/Fahnen/Wimpel eröffnet.

Meine erster Gedanke in der Suche war die Frage woher der Mantel denn nun überhaupt stammen soll. Geht man davon aus die Mantelteilung trug sich wirklich so zu, teilte Martin seine Chlamys, den römischen Militärmantel,  334 in Amiens.

Nach der Vita von 395 die noch zu Lebzeiten Martins entstand wurde er 351 getauft und errichtete ab 361 das erste Kloster des Abendlandes. Daraus darf man vermuten das wohl erst nach 350 die Sache mit der Mantelteilung für die Öffentlichkeit überhaupt erst interessant wurde, wenn nicht sogar erst mit Entstehung der Vita. Das Martin oder oder die römische Armee den Rest des Mantels mehr als 20 Jahre lang im Schrank liegen ließ ist eher unwahrscheinlich. Martin dürfte schon bald nach dem Ereignis einen neuen Mantel besessen haben, und der Rest sollte eher den Weg eines Putzlumpens genommen haben, als fein säuberlich verwahrt zu werden.

Als er 397 starb,  hatte er in höchsten Kreisen verkehrt und bereits eine bedeutende Anhängerschaft angehäuft, wobei aber der richtige Martins-Boom erst durch Gregor von Tours einsetzte. Also nochmal 200 Jahre später.

Die Reliquie selbst taucht dann auch erst 682 unter Theuderich III.  als cappa domni Martini auf, über der Schwüre geleistet werden. 709 hatte der Hausmeier Grimoald der Jüngere Verfügungsgewalt  über die Reliquie und nutzte sie als Feldzeichen in Feldzügen, aber vielleicht hatte schon sein Vater Pippin der Mittlere sie für die Karolinger in Besitz genommen.

Verwalter der Reliquie unter karolingischer Herrschaft  waren wohl die Laienäbte von Tours, darunter so illustre Namen wie Vivian von Tours und Robert der Tapfere. Nach der Zerstörung der Abtei von Tours kam die Reliquie wahrscheinlich über Cormery nach St. Denis.  Wobei aber anzumerken ist das im Hochmittelalter jeder zweitklassige Graf in Frankreich ein Martinsbanner besessen zu haben scheint und es nicht wirklich feststellbar ist wer denn nun das Original besaß…

Letztendlich durch Robert  gelangte die Cappa in den Besitz der Kapetinger und wurde somit Teil des französischen Kronschatzes. Eine Theorie zur Namensgebung der Kapetinger leitet den Namen der Kapetinger übrigens  von der Mantelreliquie , der Cappa, ab.

Nun ist ein wenig Licht auf den Weg der Reliquie geworfen. Fragt sich nun woher die Reliquie kam die bei Theuderich auftauchte. Hier hilft mal wieder das Reallexikon der Germanischen Altertumskunde weiter. Und mehr noch!

Demnach hatte Dagobert I. 629/39 die Grablege Martins restaurieren lassen und  sich wohl auch Reliquien einverleibt. Demnach ist die Cappa aber nicht der Mantel, die römische Chlamys, des Soldaten Martinus (Warum hätte auch ein Bischof damit bestattet werden sollen?) , sonder die palla sepulchri, das Grab- oder Sargtuch!!! Und jetzt wird es richtig interessant, wie ich finde.

Auch wenn man unter Grabtuch vielleicht sofort an das Grabtuch von Turin denken muss, kennen wir doch tatsächlich einige solcher Tücher die zu Verehrungszwecken Gräbern entnommen wurden. Eines der bekanntesten dürfte der Quadrigastoff sein, der aus dem Grab Karls des Großen stammen soll. Aber auch gerade aus unzähligen Bischofsgräbern kennt man solche Stoffe.

Und Martin von Tours war Bischof – und was für einer. Einer der der sich schon mal in Trier mit Kaiser Magnus Maximus anlegte. Er hatte also durchaus Einfluss und Zugang zu höchsten Kreisen. Selbst wenn er eher als Asket bekannt ist, so dürften es sich doch seine Anhänger, sein Bistum und Andere sich bei der Bestattung nicht zurückgenommen haben. (Schließlich konnte er sich nicht mehr wehren)

Schaut man sich etwa das Spätantike Grab 279 aus St. Maximin in Trier an (4./5. Jahrhundert) So findet man hier gemusterte Seidengewebe (Tunika) und feine Schleiergewebe (Grabtuch). Denkbar ist auch das der eigentlich Sarg Martins noch einmal mit einem Tuch bedeckt war, ähnlich einer Tischdecke. So oder so, sollte es sich dabei nicht um ein schnödes Tuch gehandelt haben. Es war wohl schon etwas aufwendiger, womöglich ein Seidengwebe wie ein gemusterter Damast (Sponsored by Kaisers?).

Natürlich wäre es möglich das die Schwüre die über der Cappa , einem einfachen, von Leichflüssigkeit verflecktem Leinenlappen in Leinwandbindung geleistet wurden. Ein aufwändiges Tuch würde aber mehr Eindruck hinterlassen.  Auch wäre ein solches Tuch wohl eher als  Vexillum S. Martini geeignet, als welches es beschrieben wird wenn es im Feld mitgeführt wird.

Nun ergibt sich für mich die nächste Frage: Was haben wir uns unter dem Vexillum S. Martini vorzustellen?

Zunächst Einmal bezeichnet ein Vexillum ein Feldzeichen der römischen Armee, ein rechteckiges, oder quadratisches Stück Stoff, welches an einem Querbalken hängt und an einer Stange befestigt ist. Davon hat übrigens exakt Eines(!) die Jahrhunderte überdauert und befindet sich heute im Puschkin Museum in Moskau1

Aber nicht zwingend muss unter den Franken das auch noch genauso ausgesehen haben. Viele lateinische Worte hatten bereits ihre Bedeutung verändert oder wurden pars pro toto verwendet. So könnte es grundsätzlich jegliche Arte von Flagge, Banner oder Wimpel bezeichnen können. Aber eine Abbildung eines Vixillum des 11. Jahrhunderts kennen wir gut. Das päpstliche Banner auf dem Mast der Mora, dem Flaggschiff Wilhelm des Eroberers. Ein quadratisches Stück Stoff mit blauem Rand und goldenem, rot gerahmten Kreuz, so aufgehängt das es jeder erkennen kann. Eben wie ein römisches Feldzeichen.  Aber im Gegensatz dazu steht die Abbildung des päpstlichen vexillums auf dem Tricliniumsmosaik im Lateran. Hier wird das vexillum als „einfache“ Fahne dargestellt. Also doch: pars pro toto. Wir können am Namen nicht erkennen wie es tatsächlich aussah.

Grafische Iddee des vexillum s. martini. Die Farbgestaltung nimmt die farben späterer Banner, wie des Oriflamme und der des französischen Königsbanners auf (Für größeres Bild klicken)

Nun tendiere ich aber persönlich tatsächlich dazu das das  Vexillum S. Martini, da es von jedem erkannt werden sollte und auch entsprechend kostbar war,   ebenso in die Schlacht getragen wurde: gut erkennbar über den Köpfen aller, ohne es dabei großartig hin und her zu schwenken, wie es etwa für eine Fahne notwendig wäre um sie erkenntlich zu machen. Eben als Banner oder Standarte. Wobei ich denke das die eigentliche cappa hierbei auf einen Trägerstoff appliziert war. 

Dies würde auch der Handhabe von heutigen Kirchenbannern entsprechen, von denen ich in meiner Laufbahn als Ministrant einige bei Prozessionen schleppen durfte.


Zusätzliches Gedankenspiel:
Gedanklich ratterte es in mir , aber um dies fix zu machen fehlen zu viele Hintergründe und zu viel Theorie steckt hier drin. Daher gesondert als Denkanstoß oder Gedankenspiel.

Bei der Frage nach dem Aussehen des Vexillums stellte ich mir die Frage wie den nun der Stab, oder eher die Lanze aussah an dem das Vexillum hing.

Dabei musste ich an Oriflamme, Montjoie  und die heilige Lanze denken.2

Nun werden sowohl Oriflamme, als auch Montjoie als Banner Karls des Großen beschrieben, jedoch ohne dafür einen Beweis zu haben. Grundsätzlich beginnt das alles erst mit dem Rolandslied aus dem 11./12. Jahrhundert. Einzig zeitgenössisch in den Quellen für Franken und frühe Karolinger ist das Vexillum S. Martini. Und über das wissen wir auch nicht viel. Eine angeblich graublau Färbung rührt nur aus dem Umstand das man in irgendeiner Weise die blaue Grundfarbe der Flagge der französischen Könige begründen wollte.

Was spräche also dagegen das Oriflamme, Montjoie und das vexillum S. Martini (Chape de Saint  Martin) ein und das Selbe sind? Vielleicht sind ja die angeblichen gelben Aplikationen auf der Oriflamme die wiederverwendeten Muster eines Damastgewebes aus des Vixillum?

Und war es nicht Heinrich I. der die Heilige Lanze einst von dem Welfen  Rudolph von Burgund erworben hatte? War nicht Hugo Abbas, Abt von St. Martin in Tours , ebenfalls Welfe? War die Heilige Lanze vielleicht die Fahnenstange zum vexillum s martini?

Ok, ich gebs zu. Das ist jetzt super holprig und eher eine Spinnerei die in eine der History Channel Dokus auf Phoenix oder sonst wo gehört.

Aber im Prinip finde ich den Gedanken dennoch interessant. Da die Flügellanzenspitze der heiligen Lanze niemals zum Kämpfen genutzt wurde könnte sie ursprünglich als Spitze eines Banners genutzt worden sein. Aber dazu Wiener Heiligen Lanze gibts dann auch den nächsten Post.

  1. Bild, WikiComons: https://commons.wikimedia.org/wiki/Category:Vexilla?uselang=de#/media/File:Vexillum-Pushkin_Museum_of_Fine_Arts.png []
  2. Zu den Sachen hatte ich hier geschrieben. http://www.tribur.de/blog/2012/04/17/das-ende-der-fahnenstange-flaggen-banner-wimpel/ http://www.tribur.de/blog/2012/04/19/lanzen-als-herrschaftszeichen-im-bezug-zu-oriflamme/  []

Das ottonische Liuthar-Evangeliar unter Betrachtung des Byzantinismus

Die Darstellung Ottos III. im Luithar-Evangeliar ist eine der bemerkenswetesten Darstellungen eine Herrschers des Mittelalters.

uploadottoiiiDas Thronbild zeigt Otto III. auf dem Thron sitzend, überhöht von allen, umgeben von Engeln, umfangen von einer Mandorla die sonst in den Darstellungen einzig Christus vorbehalten ist. Gerahmt wird das Ganze durch eine Purpurne Arkade. Die Kaiserkrone erhält Otto direkt von Gott, ohne Umweg über den Papst.

Dieses Bild enthält mehr Anspielung als man auf den ersten Blick sieht und einige habe ich gerade eben schon aufgezählt.
Otto III., der erste der sich auch als römischer Kaiser bezeichnet, nutzt die den byzantinischen Herrschern vorbehaltene Farbe Pupur. Zum einen wegen seines kaiserlichen Anspruches, vielleicht aber auch als Anspielung auf seine Mutter Theophanu, von der man ja eigentlich gehofft hatte das sie eine Purpurgeborene sei.1
Die Überhöhung Ottos, verbunden mit der Krönung durch Gotteshand selbst und der Gleichsetzung bzw. Nachfolge Christi, entspricht ebenfalls der Gleichsetzung mit den byzantinischen Herrschern. Die sich als über dem Patriarchen stehend betrachteten. Gleiches macht Otto wenn er den Papst nicht einmal im Hauch darstellt.

Interessanter finde ich jedoch etwas das ich erst bei meiner Recherche zum vorhergehenden Artikel fand. Die Beschreibung Luitprand von Cremonas seiner Audienz beim byzantinischen Kaiser:

Bei meinem Eintritt erhoben die Löwen ihr Gebrüll und die Vögel zwitscherten je nach ihrem Aussehen; mich aber ergriff weder Furcht noch Erstaunen, da ich mich nach alledem bei Leuten, die damit wohl bekannt waren, genau erkundigt hatte. Nach dreimaliger tiefer Verbeugung vor dem Kaiser hob ich den Kopf empor und erblickte ihn, den ich zuerst gehoben auf einer kleinen Erhöhung sitzen sah, fast bis zur Decke der Halle emporgehoben und mit anderen Kleidern angetan. Wie dies zuging, kann ich mir nicht denken, es sei denn, daß er emporgehoben wurde wie die Bäume der Kelterpressen gehoben werden. Mit eigenem Munde sprach der Kaiser bei dieser Gelegenheit kein Wort; denn wenn er auch gewollt hätte, so wäre solches wegen der großen Entfernung unziemlich gewesen; durch seinen Kanzler aber erkundigte er sich nach Berengars Leben und Wohlergehen. Nachdem ich darauf in gebührender Weise geantwortet hatte, trat ich auf den Wink des Dolmetschers ab und wurde in die mir angewiesene Herberge zurückgebracht. (Hervorhebung durch mich)

Unter dem Eindruck des vorangegangenen Zitates halte ich es für möglich das die Abbildung nicht nur eine symbolische Darstellung der göttlichen Überhöhung zeigt, sondern auch mindestens Anspielung auf das byzantinische Hofzeremoniell sein könnte, wenn nicht sogar deren explizite Darstellung ist.

  1. der Begriff purpurgeboren rührt von einem purpurnen Raum im Palast in Byzanz der für die Geburt der Kinder des Kaisers vorbehalten war []

Eine Frage der Festkleidung oder warum Byzanz nach Franken gekommen sein könnte

Schon vor 5 Jahren machte ich mir Gedanken zu Mänteln und ihrer Bedeutung als möglicher „Sonntagskleidung“ (siehe hier und hier ). Dabei schnitt ich das Thema leider viel zu kurz an , wie ich beim erneuten Lesen feststellen musste. Tatsächlich scheint hier mehr dahinter zu stehen als einfach eine spezielle Art der Kleidung des adligen Karolingers zum Kirchgang oder für zeremonielles Ritual.

Beinlinge aus byzantinischer Seide
Beinlinge aus byzantinischer Seide, getragen von einem fränkischen Grafen (Gawan Dringenberg)

Das Byzanz Einfluss auf den Kleidungsstil der Karolinger hatte. beschreibt auch Notker in seiner Gesta Karoli1 , wenn er sich über die Höflinge in ihrer feinen Kleidung lustig macht, die nicht zur Jagd geeignet sei. Wobei Notker wohl augenscheinlich etwas übertreibt, denn in der Karlsbeschreibung Einhards wird die fränkische Tracht Karls wie selbstverständlich als mit Seide verziert beschrieben. Seide als solches war also im fränkischen Reich nichts unbekanntes, wenn auch lediglich der High Society verfügbar.

Doch wie kamen die Karolinger, nach dem sie ja schon Seidenstoffe kannten und trugen und das schon seit Opas Merowingerzeit, an die Byzantinische Kleidung an sich, bzw. was veranlasste sie  byzantinischen Stil und Chick zu übernehmen oder sich von ihm beeinflussen lassen? Und das weit bevor mit den Kreuzzügen ähnliche Moden im zentralen Europa für  breite Schichten verfügbar waren?

Eine Frage der Diplomatie:
Zwar hatte der byzantinische Kaiser Michael 812 den Titel Karls des Großen als Kaiser bestätigt, sah sich aber selbst dennoch in einer Vormachtstellung über alle Fürsten der Welt. Allein schon da er über den Patriarchen stand, während der Fränkischen Kaiser im Verständnis der westlichen Kirche unter dem Papst standen.

Den Franken war diese Abwertung ihres Kaisertums durchaus bewusst, es konnte ihnen auch nicht verborgen bleiben, denn die byzantinischen Kaiser nannten sich schon bald explizit romanorum imperator augustus, also Römische Kaiser während die Franken nur den Titel des imperator augustus , also Kaiserfür sich beanspruchen konnten. Erst Otto III. fügt den Zusatz des römischen Kaisers dem Seinen hinzu.

Die Franken versuchten beständig ihren Kontakt mit Byzanz zu verbessern, auch bezüglich ihrer Anerkennung,  und schickten Botschafter in den Osten. Doch beim Kaiser empfangen zu werden war ein langwieriges Unterfangen. Es konnte Monate dauern bis man vorgelassen wurde und das Prozedere selbst war weit weniger leger als am fränkischen Hof und in ein starres Korsett gepresst, das heute als Byzantinismus bezeichnet wird. Davon weiß zum Beispiel Luitbrand von Cremoa zu berichten, als er 949/950  und 968 am byzantinischen Hof weilte.

Die als Barbaren bezeichneten fränkischen Gesandten mussten sich also ihrer Umgebung anpassen um nicht ganz als Barbaren da zu stehen. Am einfachsten war dies in dem man sich am Kleidungsstil anpasste um so zumindest optisch der Vorverurteilung zu entgehen.

Natürlich kehrten die Gesandten auch wieder ins Fränkische Reich zurück. Im Gepäck unter Anderem das Wissen um das aufwendige Hofprotokoll und die Kleidung aus Byzanz.

Aber auch der umgekehrte Fall ist uns bekannt. Byzantinische Gesandte am fränkischen Hof. So berichten die fränkischen Annalen von Ludwig dem Frommen  der in den Vogesen oder dem Pfälzerwald auf byzantinische Gesandte trifft. Der Wald ist nicht unbedingt der Ort an dem man Audienz mit den Byzantiner halten will, also gehts weiter nach Ingelheim nur um festzustellen das die Mühe eher sinnlos war:

(…)und als er hörte, dass ihre Botschaft keine andere sei als die, welche erst vor kurzem Niciforus als Gesandter desselben Kaisers überbracht hatte, entließ er sie bald wieder und reiste weiter, wohin er [eigentlich] wollte.

Man bemühte sich also den Byzantinern einen gewissen Prunk zu zeigen, denn Pfalzen hätte es durchaus gegeben auf dem Weg, nur eben keine wie Ingelheim.

Schenken wir nun Einhards Beschreibung Karls des Großen und auch der später erschienenen Gesta Notkers Glauben, so könnte sich folgendes Bild ergeben: Unter Karls Herrschaft und wohl auch noch in Teilen unter Ludwig dem Frommen herrschte noch ein gewisses fränkisches Selbstbewusstsein, das es aus eigenem Stolz heraus nicht nötig machte sich näher Byzanz anzubiedern. Den späteren karolingischen Herrschern fehlte eine Dominanz wie sie Karl inne hatte.  Man suchte die Augenhöhe mit Byzanz herzustellen in dem man mehr und mehr byzantinische Gepflogeneiten übernahm, darunter auch die Kleidung bei Hofe. So ist die nach 880 entstandene Gesta Karls mit der Anekdote der byzantinisch gekleideten Höflinge als Kritik der Anbiederung an Byzanz zu verstehen.

Dies wird auch deutlich wenn man sich ein bestimmtes Herrscherbild aus späterer Zeit ansieht, das ich jedoch in seinem Kontext gesondert morgen behandeln werde.

Es zeigt sich also das die Verwendung byzantinischer Trachtenbestandteile nicht aus modischen Aspekten zu verstehen ist. Vielmehr handelt es sich um den Versuch den Anspruch auf den westlichen Kaiserthron auch in Kleidung und Habitus zu manifestieren.

 

Ergänzend. bzw. in die Merowingerzeit führend,  findet sich bei academia.edu ein neues PDF von Fr. Mechtild Schulze Dörrlamm „Einflüsse byzantinischer Prunkgewänder auf die fränkische Frauentracht“ aus dem Arch. Korrospondezblatt von 1976, ich hab allerdings noch nicht reingeschaut…

 

  1. Gesta Karoli I 8 []

Eigentümliche Fibelabbildungen auf Herrscherbildern der Karolingerzeit

Scheibenfiebeln sind im gesamten Frühmittelalter nichts ungewöhnliches.  Wir kennen wunderbare große Modelle aus Gold und Almandin aus der Merowingerzeit, wir kennen wunderbare Kreuzfibeln, Scheibenfibeln  mit Emaileinlage  aus der Karolingerzeit und Salierzeit usw. Und dennoch wurde mir kürzlich eine interessante Frage gestellt:

In karolingischen Abbildungen sieht man oft Mantelträger, deren Mantel mit einer großen, seltsamen Fibel geschlossen ist. Was ist das für eine Fibel?

Die Antwort ist doch leicht! Das ist eine… Das ist… Ähh…

Bevor ich versuche eine Antwort zu bekommen schauen wir uns zunächst einmal die Handschriften an in denen eine solche Fibel erkennbar ist.

Aus Gründen der Übersichtlichkeit, werde ich nur einige der Abbildungen direkt anführen, bzw. bebildern. Der Stuttgarter Psalter, wohl eine der bekanntesten Handschriften zeigt bisweilen Fibeln an den Mänteln. Da  die Zeichnungen zwar ausführlich, aber nicht detailreich sind (Fibeln erscheinen nur als kreisförmige Gebilde ohne weitere Details) lässt es sich schwer sagen ob hier einfache Scheibenfibeln oder größere, aufwendigere Modelle dargestellt sind, auf deren Suche ich mich ja befinde.

Fibel2
Fibelkonstrukt Lothars aus dem Lotharpsalter (klick mich)

Die Herrscherdarstellung des Codex Aureaus von St. Emmeram (ca.870Reims) zeigt Karl den Kahlen auf dem Thron sitzend. Auf seiner rechten Schulter ist ein Objekt, welches als Fibel identifiziert werden darf. Bei dieser Darstellung gibt es jedoch Auffälligkeiten die darauf hinweisen das es sich nicht um eine „profane“ Scheibenfibel handelt. Dieselbe Auffälligkeit findet sich auch im Psalter Lothars (Tours ca. 850).

In beiden Darstellungen steht die Fibel von der Schulter ab. Im Falle des Lothar Psalters erscheint es sogar als wäre der Mantel mit einer Dreiknopffibel der Völkerwanderungszeit geschlossen, deren Knöpfe jedoch nach oben zeigen entgegen der üblichen tragweise nach unten, während im Codex Aureus von St. Emmeram am Ende des Bügels etwas wie ein Vierpass zu erkennen ist.

fibel1
(Klick mich)

Erkennbar ist diese Art der Fibel auch in der Bibel von St. Paul vor den Mauern (Tours ca. 870). Hier ist fol CCCXXIV Karl der Kahle abgebildet, dessen Mantel mit einer kreisrunden Fibel geschlossen wird, aber wieder drei Finger nach oben abstehen und die nach unten rechteckig ausläuft. Mein erster Gedanke es könne sich um kunstvoll nach oben gedrehte Mantelteile handeln, die mit einem Band umwickelt wurden auf das dann die Fibel gesteckt wurde, musst ich nach einer genauen Prüfung von Drucken mit dem Fadenzähler fallen lassen (siehe Bild ).

Ebenfalls in der Bibel von St. Paul vor den Mauern ( fol. CCCXXXIV)findet sich eine Abbildung König Salomons. Hier ist ein rechteckiges Gebilde als Schließe erkennbar, das recht sicher als Gleicharmfibel identifiziert werden darf.

Das Lothar Evangeliar (ca. 850 Tours) zeigt den Herrscher, gerahmt von Creti und Pleti, mit einer scheibenförmigen Schließe auf der rechten Schulter, aus der zwei goldenen Bänder herab hängen.

In gleicher Art ist auch die Fibel in der Herrscherdartstellung Karls des Kahlen in der Vivian Bibel (ca. 845 Tours)dargestellt. Eine Verzierte Scheibe auf goldenen Bändern.

Im Sakramentar Karls des Kahlen (ca. 870 Tours) ist wieder der Herrscher mit einer scheibenförmigen Fibel dargestellt die den Mantel schließt. Sie erscheint zwar größer als die einer einfachen Scheibenfibel, aber auch nicht sonderlich dominant groß oder prunkvoll (Vergleiche hier die Darstellung der Riemenzunge zur Fibel).

Fassen wir also zusammen: Große (Prunk-)Fibeln finden sich auf Herrscherdarstellungen. Es scheint 2 dominante Typen zu geben:

  1. Eine Form der Bügelfibel im weitesten Sinn, die auf Grund ihrer Verzierung von mir zuerst der Begriff „asymetrische Gleicharmfibel“ in den Sinn kam( lassen wir mal  Salomon außen vor). Diese erscheint lediglich  im Psalter Lothars, Codex Aureus von St. Emmeram.  Aber auch in der Bibel von St. Paul vor den Mauern.  Auf diese Fiebeln muss  genauer eingegangen werden muss
  2. Große Scheibenfibeln.  Sichtbar in Handschriften unterschiedlichster Herkunft

Während sich groß, bzw. größere Scheibenfibeln (Durchmesser >4cm )  recht leicht als byzantinische Importe, oder etwa byzantinisch inspirierte Werke angesehen werden können1, verhält es sich mit erstgenannten Fibel anders.

Versuch die betreffenden Fibeln bildichdarzustellen
Versuch die betreffenden Fibeln bildlich darzustellen

Vom Grundaufbau sollte es sich zunächst um Bügelfibeln im weitesten Sinne handeln.  Doch allein schon mit dieser Begrifflichkeit verzettele ich mich in Wiedersprüche, denn die Bügelfibel war Bestandteil der Frauentracht und kam zudem im 7. Jahrhundert auf dem Kontinent aus der Mode.  Unsere Abbildungen stammen jedoch aus der aus der Mitte des 9. Jahrhunderts! Eine Zeit in der lediglich die gleicharmige Bügelfibel noch auftritt, aber im Fränkischen Reich auch nur noch in Nordhessen, den Küstengebieten und Ostsachsen.2

Ein anderer Ansatz ist nun die Herkunft der Abbildungen und ihren Hintergrund zu erfragen.  So  stammen alle drei Abbildungen aus den Werkstätten der Hofschule, bzw. deren Nachfolge nach der Zerstörung von St. Martin Tours durch die Nordmänner.  Trotz umfangreicher Suche konnte ich diese Fibeldarstellung auch nur bei den Brüdern Lothar I. und Karl dem Kahlen feststellen.  Bei anderen karolingischen Herrschen waren nur Scheibenfibeln zu erkennen, dies gilt sowohl für illuminierte Handschriften, als auch für Siegel und Münzen.

Am ehesten ähnelt das Objekt auf Lothars Schulter einer angelsächsischen Breitkopffibel. Doch auch die wurden in aller Regel von Frauen getragen und waren längst aus der Mode. Auch kann es sich nicht um ein englisches „Erbstück von der Oma“ handeln, da noch keine engeren Verwandtschaften nach England bestehen.  Und doch könnte dies einen entscheidenenden Hinweis geben! Denn tatsächlich gibt es im Norden, vorallem in Skandinavien noch die Nutzung von Bügelfibeln, den sogenannten disc-on-bow brooches bis etwa 10503.

Aber fassen wir bis hier noch einmal zusammen:  Die Brüder Lothar I. und Karl der Kahle, lassen sich in der Zeit von 840-8704 von Mitgliedern der Hofschule bzw. deren Nachfolge mit Fibeln abbilden, die aus der Zeit geschlagen zu scheinen.
Beide müssen etwas gemein haben, das sie von ihrem dritten Bruder Ludwig dem Deutschen unterscheidet. Etwas das so einschneidend ist das man auf repräsentativen Darstellungen nicht etwa byzantinische Scheibenfibeln mit Pendilien trägt, sondern eben Fibeln deren Art, die für den Kontinent eigentlich als veraltet gelten.

Theorie: Hier könnte das Schlüsselwort tatsächlich Skandinavien, bzw. Wikinger oder Nordmänner sein.
Ab den späten 830 Jahren wird Westfranken und Lothars Mittelreich wiederholt das Ziel schwerer Einfälle der Nordmannen, während das Ostreich nur am Rande betroffen ist. Dorestadt wird mehrfach geplündert und 863 zerstört, Paris 845 schwer in Leidenschaft gezogen, Rouen 855 geplündert und vor allem wird die Hofschule in St. Martin in Tours 853 zerstört.

Button-on-bow broochaus Gotland 10. Jahrhundert. Bild: cc-by-sa Mary Harrsch Flickr: https://www.flickr.com/photos/mharrsch/21179163629/in/photolist-ygwKtB
Button-on-bow brooch aus Gotland  ca.10. Jahrhundert. Bild: cc-by-sa Mary Harrsch Flickr: https://www.flickr.com/photos/mharrsch/21179163629/in/photolist-ygwKtB

Mir erscheint es zur Zeit so als wurden die beiden Herrscher zu einer Zeit der Wikinigereinfälle entweder mit Beutestücken dargestellt um sich als Sieger über die Feinde aus dem Norden darzustellen ( Vergleiche hier Arnulf von Kärnten und die Ausstellung erbeuteter Banner der Nordmänner in St. Emmeram in Regensburg ) , oder aber die Mönche, die die Abbildungen fertigten, fügten diese als kleine Spitze ein um den Herren zu mahnen aktiv gegen die Feinde vorzugehen.

Das nun ausgerechnet die ach so „männlichen“ Wikinger mit einer Frauenfibel herum gelaufen sein sollen, ließe sich auch mit dem Beinamen der oben abgebildeten Fibel begründen.  Diese oben abgebildete Fibel wird mit  Brisingamen gleichgesetzt. Dabei handelt es sich um ein mythisches, von Zwergen geschmiedetes Kleinod , welches in aller  Regel auch als „Halsschmuck“ bezeichnet wird. Auch im Beowulf taucht ein Schmuck namens Brosinga mene auf, den  König Ermanrich am Ende besitzt.  Sollten nun solche Fibeln mit dem Brisingamen Freyas gleichgesetzt gewesen sein, ließen sich diese als Abschiedsgeschenk der  daheim gebliebenen Frauen erklären , denn Freya war es die die die Hälfte der in der  Schlacht gefallenen Krieger beanspruchen darf und wird auch mit Bifrost in Verbindung gebracht.

Aber auch byzantinische Anleihen des Schmuckes halte ich dennoch nicht ausgeschlossen, auch wenn ich für die Fibeln keinerlei byzantinisches Vorbild fand , denn der Hof Karls des Kahlen galt als Zentrum der Byzantintisierung. Es wird berichtet das Karl sich 869 als novus constantinus ausriefen lies und in Ponthion graecisco more paratus et coronatus – nach griechischer Art gekleidet und gekrönt auftrat.5

Dies ist nur eine Theorie! Ich bitte das zu beachten und würde mich freuen wenn jemand andere Theorien hat. Ich bin definitiv für alles offen und auch letztendlich nicht ganz zufrieden mit meiner eigenen Begründung. 

  1. vergleiche hierzu auch Mechthild Schulze-Dörrlamm  „Eine goldene, byzantische Senkschmelzfibel mit dem Bild der Maria Orans aus dem 9. Jahrhundert- Entstehung und Deutung karolingischer Heiligenfibeln“ []
  2. Fibel und Fibeltracht S. 178 []
  3. letzte Funde aus Gotland, verschwinden  der disc on bow brooch mit der Christianisierung []
  4. Bevor jetzt einer mault: Natürlich ist Lothar bereits 855 gestorben… []
  5. Ute Schwab , Die vielen Kleider der Passion in Theodisca S.323 []

Der Helm von Verden – kein karolingischer Helm

Vor kurzem bekam ich eine Anfrage bezüglich des “Helmes von Verden”. Dieser Helm war mir schon bei meinen Recherchen zu Helmen untergekommen, aber auf Grund der mangelhaften Informationslage hatte ich ihn nicht berücksichtigt. Nun aber versuche ich dem Helm, bzw. der Problematik des Selben gerecht zu werden. Da der Helm im Gesichtbereich einen keilförmigen Ausschnitt besitzt und auch über die Möglichkeit einer Aufnahme einer Helmzier verfügt wird mit unter Angenommen das es sich hierbei um „den Karolinger Helm“ handeln müsse. Davon ging im übrigen auch sein „Entdecker“ aus.

Helm1
Der Verdener Helm nach „Zeitschrift für historischen Waffenkunde“ Band 6. Links der Ausschnit für das Gesicht

Über den Helm wurde erstmals, und wie es scheint auch einzigst, in der „Zeitschrift für historischen Waffenkunde“ Band 6, erschienen zwischen 1912 und 1914, publiziert. Verfasser des dortigen Atrikels mit dem Titel „Ein Frühmittelalterlicher Spangenhelm“ war ein gewisser Dr. jur. W.A.J. Wilbrand, der auch der damalige Besitzer des Helmes war. Der Verfasser ist höchst wahrscheinlich  mit dem Darmstädter Dr. jur. Wilhelm (Willi) August Julius Wilbrand (1871-1957) gleichzusetzen , dem Sohn eines Darmstädter Ministerialrates, selbst Politiker, Jurist und auch Verfasser einiger weniger geschichtlicher Schriften.

Fundgeschichte und erste Probleme
Wilbrand hatte den Helm und eine Lanzenspitze bei einem Händler erworben wie er schreibt. Dieser berichtete beide Funde stammen aus dem Verdener Moor, wo sie beim Torfstechen von zwei Torfstechern gefunden worden seien. Wie Wilbrand selbst berichtet sind ihm die Finder, als auch die Fundumstände unbekannt und auch der Händler konnte keine weiteren Angaben machen.
Diese Aussagen müssen daher mit einer gesunden Skepsis betrachtet werden und Fundumstände und Fundort hinterfragt werden.
Bereits seit Ende des 19. Jahrhunderts blühte der Versuch dem „Verdener Blutgerichtes“, der angeblichen Sachsenschlächtung Karls des Großen 782, habhaft zu werden. Zahlreiche mehr oder minder wissenschaftliche Texte und Bücher wurden verfasst und auch Heimatdichter Hermann Löns befasste sich 1912  damit. In dieser, auch politisch, aufgeheizten Stimmung um (neu-)Heidentum, „Sachenschlächter“ Karl und und Nationalstolz konnte mit einem Helmfund der den Sachsenkriegen zugeordnet wurde, wesentlich bessere Preise erzielt werden als mit einem profanen Helmfund. Ähnliche Vorgänge im Kunst- und Antikenhandel waren, und sind auch heute noch keine Seltenheit.

Vor diesem Hintergrund müssen Fundort und Fundzusammenhang von Helm und Lanze infrage gestellt , bzw. müssen mit Vorsicht genossen werden, weshalb ich mich auch nicht der Lanzenspitze sondern lediglich dem Helm widmen werde.

Der Fund als Solches
Der Helm besteht aus 2 überkreuzt laufenden Spangen, die jeweils 4 Segmente in Form halten und dem Helm seine halbkugelige Form geben. Auf dem Zentrum des Helm befindet sich eine zentrale  quadratische Platte, die an den Längseiten gekerb und in der Mitte halbkugelig ausgetrieben ist. Sie verbindet noch einmal die Segmente miteinander und in der Austreibung befindet sich eine schräge Bohrung, wahrscheinlich zur Aufnahme einer Helmzier.
Der Helm weist neben dieser recht gängigen Form einige Besonderheiten auf. Wie bereits beim Helm von Gnezdovo sind die Platten der Kalotte nicht direkte miteinander vernietet, sondern sind an den Spangen befestigt, welche eine kammartige Aufwölbung besitzen.
Auf der Vorderseite ist der Helm keilförmig eingeschnitten, so dass die Spange hier kürzer ist, aber die Nieten sich in gleicher Höhe wie bei den anderen Spangen befindet. Hierdurch liegt die Spange in diesem Bereich nur auf den Platten an und ist nicht fest mit ihnen verbunden.
Auch die Spangen an sich scheinen ungewöhnlich, den sie sind in keiner Weise verziert, bis auf die Aussparungen in kreissegmentform so dass sich ein Wellenmuster ergibt.
Der Rand des Helmes ist leicht nach oben gebogen. Eine Einfassung mit einem Metallband ist daher nicht anzunehmen. Am Rand selbst befinden sich einige Löcher, wohl zur Befestigung eines Innenfutters, Wilbrand fand wohl in den Löchern einen grünlichen Filzstoff darin.
Neben dem Ausschnitt für das Gesichtsfeld befinden sich 3 direkt nebeneinander liegende Löcher. Wilbrand vermutete hier die Befestigung eines Riemens. Andere vermuteten die Befestigung von Wangenklappen.

Vergleiche:
Zunächst erscheint der Verdener Helm einzigartig. Bei näherer Betrachtung finden sich jedoch parallelen zu anderen Helmen.
Die Wellen förmige, bzw der Kreissegmentauschnitt der Spangen findet sich bei slawischen Helmen wieder, zum Teil auch bei zu Platten verbreiterten Spangen wie etwa dem Helmen Cherna Mogolia (ca.960-970), Mokroe (ca.1000) , Raiki(ca. 1100-1250) oder stark verzierte Spangen bei Gnezdovo (2) (10. Jahrhundert.)

Helm von Peshki,
Helm von Peshki, Kirpichnikov 1971

Ebenso wie sich die Wellenform der Spangen bei slawischen Helmen findet, findet sich auch der quadratische Aufsatz für die Helmzier bei slawischen Helmen. Am vielleicht ähnlichsten ist hier die am Helm von Peshki (ca. 1250-1300)  zu finden, wobei hier die Spitzen des Quadrats sternförmig verlängert wurden.

Ebenso verhält es sich mit einer fehlenden Randeinfassung, die sich immer wieder bei slawischen Helmen findet.
Mehr noch gibt der keilförmige Ausschnitt für das Gesichtsfeld zu denken. Wie bereits beschrieben ist die Spange am Ende nicht mit den Platten vernietet und liegt lose auf diesen auf. Bei einen Schlag auf den Helm fängt dieser Teil an zu schwingen, was nicht nur unangenehm, sondern schädlich für die restliche Vernietung der Spangen ist! Ein Rüstungsschmied hätte diesen Malus wohl kaum beabsichtigt. Es scheint als sei der Ausschnitt für das Gesichtsfeld erst später vorgenommen worden zu sein, vielleicht um den Helm für einen Träger mit kleinerem Kopf tragbar zu machen, vielleicht auch um einen Defekt (defektes Nasal oder Brille?) zu entfernen.

Fazit
Eine Abschließende Wertung für diesen Helm abzugeben fällt mir schwer. So interessant dieser Helm auch erscheint, so sehr beschleicht mich das Gefühl das Wilbrand einem Betrüger aufgesessen ist, de ihm ein X für U vormachte.
Neben den bereits genannten Ähnlichkeiten zu slawischen Helmen kommen weitere Indizien hinzu.
Wilbrand berichtet von grünen Filzresten in den Löchern des Helmrandes. Wenn man aber davon ausgeht das der Helm ca. 1100 Jahre im Torfmoor lag, sollte man denken das Gerb- und Huminsäuren die Textilreste zu einem Rotbraun verfärbt haben. Da dies aber nicht der Fall scheint, ist anzunehmen das der Helm nicht im Moor lag. Wenn also anzunehmen ist, dass die Geschichte von den zwei Torfstechern nicht stimmt ist die Wahrscheinlichkeit das Wilbrand einem Betrüger aufgesessen ist extrem hoch.

Meine persönliche Meinung ist, dass es sich bei dem sogenannten Verdener Helm um einen slawischen Helm des 12.- 13. Jahrhunderts handelt, der aus welchen Gründen auch immer, im Gesichtsbereich verändert wurde. So oder so würde ich jedem von diesem Helm für eine Karolingerdarstellung abraten!

Wenn jemand neuere Erkenntnisse zu dem Helm hat, oder aber auch anderer Meinung ist,  würde es mich freuen davon zu hören.

Das Widmungsbild der Vivian Bibel (f.423r)

Seit mehr als 2 Wochen und mehr als 2000 Wörtern schreib ich an einem Zusatzartikel zur karolingischen Kleidung und verzettelte mich derartig, dass ich mal Abstand brauche. Ich mich daher etwas angenommen, das mich schon lange interessiert hat und auch in das momentane Thema passt: Das Widmungsbild der Vivian Bibel.

Da es im folgenden auch um viele Details geht, die auf den Bildern, die etwa Wikipedia zur Verfügung stellt kaum zu erkennen sind, empfehle ich zunächst in einem weiteren Fenster die das zoombare Digitalisat zu öfnnen, welches die gallica bibliotheque nationale zur Verfügung stellt: Hier der direkte Linke auf Folio 423 recto

Ein Grund mich mit Folio 423 recto der Vivian-Bibel zu befassen sind die Dartsellung der Weltlichen, bzw. der 2 Personen direkt links und rechts des Thrones Karls des Kahlen. Diese zwei „Gestalten“ stoßen mir schon eine ganze Weile auf. Sie tragen goldenen Stirnreifen, doppelte Clavi auf ihren Tuniken, wie sie sich etwa auf kirchlichen Dalmatiken und byzantinischen Tuniken jener Zeit findet und dann diese Wadenwickel… ..oder doch etwas anderes?
Die Beiden auf Grund der Stirnreifen als Prinzen bzw. Söhne Karls des Kahlen zu identifizieren funktioniert nicht. Die Vivian Bibel entstandt 845/46, Karls ältester Sohn wurde jedoch erst 846 geboren.
Und dennoch müssen sie in enger Beziehung zum König stehen. Vorallem die Person die sich vom Betrachter aus auf der linken Seite des Königs befindet. Nicht nur das sie zur Rechten des Königs steht, auch der König wendet sich ihr zu. Und noch etwas wichtiges zeigt sich in der Darstellung der Beiden: Das Schuhwerk beider ist rot (mit Gold)! Dies mag auf den ersten Moment profan erscheinen, jedoch gibt es in Byzanz die Regel das nur der Kaiser, bzw. Personen der kaiserlichen Familie rote Schuhe tragen dürfen1

Charles Reginald Dodwell will in diesen Personen den ostuarius, den Obertormeister, sowie den saccelarius, den Säckler, sehen2 Micheal Patella identifiziert die Person zur Karls Rechten jedoch als Graf Vivian von Tours, Laienabt des Klosters St. Martin in Tours und Auftraggeber der Bibel, der diese dem König präsentiert3, wobei dieser das Amt des camerarius (Kämmerer) inne hatte und nicht das das ihm unterstellten sacelarius4 Ob er dieses Amt aber überhaupt noch inne hat als er zwischen September 843 und 5. Januar 845 Laienabt von Tours wurde ist nicht bekannt.

Das Bildprogramm wird nun etwas klarer. Der Auftraggeber der Bibel ist Graf Vivian (Comes Vivianus), einer der engsten Vertrauten Karls des Kahlen während dessen Aufstiegs. Im Amt des camerarius war er zwar nicht an höchster Stelle der Hofämter, aber wohl in der Stellung die dem König und seiner Familie am nächsten stand.5 Er lässt sich im wahrsten Sinne des Wortes auf Augenhöhe mit dem König zeigen. Fast im familiären Verhältnis.

Interessant zur Darstellung Vivians ist eine Anmerkung von Patrick Henriet6 das Vivian auf Wolken steht und daher als bereits verstorben betrachtet werden müsse , was die Entstehung auf nach 851 schieben würde.

Doch tatsächlich markant ist die Kleidung der „Zivlisten“. Wie bereits erwähnt zeigen ihre Tuniken 2 Clavi, Ihre Hosenbeine sind durch Riemen unterhalb des Knies verziert, während die Wadenbinden nicht wie herkömmliche Wadenbinden wirken und die Füße, bzw. Zehen nicht durch Schuhe bedeckt sind. Oder kurz gesagt, sie wirken byzantinisch, denn tatsächlich war die „zehenfrei“-Konstruktion aus Wickeln und Sandalen zumindest in Byzanz zu jener Zeit sehr beliebt.

Haben also Vivians Mönche byzantinische Vorlagen zur Gestaltung genutzt? Was die Anordnung der Personen, bzw. den Aufbau des Bildes angeht, so hat man sich an den spätantiken Vorlagen orientiert. Schließlich war St. Martin Tours ein Zentrum für spätantike Vorlagen. Die Gestaltung der Tuniken der realexistierenden Personen, also mit ausnahmen der allegorischen Darstellung von Krethi und Plethi, sollte andere Vorbilder haben.

Der Hof Karls des Kahlen galt als Zentrum der Byzantintisierung. Es wird berichtet das Karl sich 869 als novus constantinus ausriefen lies und in Ponthion graecisco more paratus et coronatus nach griechischer Art gekleidet und gekrönt auftrat.7
Als Kämmerer kannte Vivian nicht nur die Familie des Königs, sondern auch seine Kleidungsgewohnheiten, Geschenke die von Gesandtschaften kamen und auch die Geschenke die an andere Herrscher vergeben wurden.
Die beliebtesten Gesandtschaften waren jene aus Byzanz, die Wort wörtlich hofiert wurden bei ihren Anwesenheit. Fränkische Gesandtschaft wurden dagegen bei einem Besuch in Byzanz schon mal 80 Tage warten gelassen, bevor sie zum Basileus vorgelassen wurden.

Die Darstellung arbeitet folglich auf mehreren Ebenen. Auf Vivians persönlicher Ebene die seine Beziehung zum König darstellt, ihn nahe an den König heranrückt, aber auch auf der Ebene des Königs, bzw. einer ihm schmeichelnder Ebene. Diese stellt ihn auf die Ebene mit dem byzantinischen Kaiser, ohne dabei die Referenz an König David durc Kethi und Plethi zu verlieren, die die Franken mit den Israeliten gleichstellt. Und alle befinden zu auch in der Pose einer klassischen philosophischen Verhandlung.

Beschreibung der dargestellten Kleidung:
Die Kleidung der hohen religiösen Würdenträger im unteren Bildbereich entspricht dem was aus archäologischen Befunden aus Gräbern bekannt ist. An Füßen, zum Teil auch an den Händen, zeigt sich die Albe (Alba, von Tunica Alba – weiße Tunika ) Sie besitzt eng anliegende Ärmel und Reicht bis bis auf den Boden. Die Darstellung entspricht dem Schnitt den ich mit dem Nachschneidern der Ulrichsdalmatika erreichen konnte.
Darüber wird die cremefarben dargestellte Dalmatika getragen die bis über die Knie reicht. Sie ist mit roten Clavi verziert, neben denen sich V-förmige weitere Verzierungen befinden, die den Eindruck von kurzen aufgenäht erscheinenden Stoffbändern erwecken. Hierüber wird die Kasel getragen, deren Saum und Zierstreifen immer goldfarben dargestellt sind. Der Stoff der Kassel wird jedoch unterschiedlich dargestellt, sowohl in Farbe als auch Musterung. Die durch Gruppen von Dreierpunkten angedeutete Stoffmusterung verweist auf damaszierte Seidenstoffe. In der linken Hand tragen die Kleriker den Manipel.
In ihrer Darstellung unterscheiden sich drei Kleriker am linken Bildrand von den Übrigen, da sie weitaus weniger verziert erscheinen. Es handelt sich dabei um die drei Mönche aus St. Martin die die Bibel ausführten und sie nun gemeinsam dem König überreichen werden.

Im Gegensatz zur Tunika Karls des Kahlen im 20 Jahre später entstandenen Sakramentar Karls des Kahlen8, bei der ebenfalls dreier Gruppen von Punkten genutzt werden um eine Damaszierung darzustellen, weist die Tunika Vivians keine Punkte auf. Jedoch sind im Faltenwurf der Tunika mit Goldfarbe Lichtrefelexe dargestellt, die auf die Verwendung von Seide als Material hinweisen. Die Tunika ist in byzantinischem Stil mit 2 Clavi verziert, ein verzierter Saum am Handgelenk fehlt. Am unteren hingegen ist mit einem Rankenband verziert und besitzt eine seitliche Schlitzung. Die Saumverziehrung mit Ranken hebt sich von den restlichen Saumverzierungen ab, da diese sich geometrisch darstellen.
Die Hosen Vivians sind unterhalb der Knie mit Riemen, oder besser doppelten, goldfarbigen Bändern gebunden. Diese Bänder legen nahe das Vivian und auch die anderen weltlichen Personen kein Hose sondern Beinlinge, bzw. Strümpfe tragen, die bis auf die Oberschenkel reichen (ganz ähnlich Pontifikalstrümpfen) und kein Fußteil besaßen9
Die Schuhkonstruktion die der Künstler verwendet weist jedoch Fehler auf. Dieser fast kniehohe Hybrid aus Stiefel und Sandale bestand aus Leder und wurde auf der Vorderseite geschnürt. Stattdessen ist aber auf der Abbildung nur eine Wicklung zu erkennen. Es ist daher anzunehmen das der Künstler die Schuhe nicht aus eigener Anschauung kannte und sie von einer Vorlage, möglicherweise ein Konsulardyptichon oder ähnlichem, abzeichnete. Dabei interpretierte er die Schnürung als angedeutete Wicklung, übernahm aber den wulstigen Rand an Zehen und Wade.10

Wie weit die Darstellung der Kleidung nun dem Zeichner bekannt war, oder was tatsächlich so bei Hofe getragen wurde ist schwer zu entscheiden, jedoch scheint es als sei sehr viel Byzantinisches bereits weit vor Theophanu im fränkischen Reich angekommen.

Leider konnte ich aus Zeit und anderen Gründen nicht alles Unterbringen, das mir im Kopf rum schwirrt. Bitte das zu entschuldigen.

  1. vergleiche Mosaiken in San Appolinare Nouvo, Ravenna []
  2. Charles Reginald Dodwell The Pictorial Arts of the West, 800-1200 S.74 []
  3. Word and Image: The Hermeneutics of the Saint John’s Bible von Michael Patella S. 63 []
  4. vgl Regesta Imperii: http://www.regesta-imperii.de/id/0843-02-18_1_0_1_2_1_356_356 []
  5. Ironischer Weise starb Vivian auf einem Feldzug gegen die Bretonen 851 als einer der Heerführer, nachdem Karl mit seinen Truppenteilen, darunter „geliehene“ Sachsen, flieht. Die Leiche Vivians bleibt unbeerdigt auf dem Schlachtfeld bei Grand-Fougeray liegen. []
  6. Patrick Henriet La mort comme revelateur ideologique in Autour des morts S.70 []
  7. Ute Schwab , Die vielen Kleider der Passion in Theodisca S.323 []
  8. Abbildung Wikipedia []
  9. Ein Model langer, nach byzantinischer Art gefertigter Beinlinge/Strümpfe des 8. Jhd., jedoch mit Fußteil findet sich beim Metropopolitan Museum of Art. []
  10. vgl. z.B. den Barberini Dyptichon []

Tunikaverziehrungen und mögliche Vorbilder – Ein Brainstorming

Seit einigen Tagen bin ich mit einigen Details meiner Tunika-Suche nicht mehr ganz glücklich. Wobei es wohl aber nur eine Frage der Ergänzung bzw. des Zusammenhangs ist.

Im Rahmen der Ulrichsdamatik durchwühlte ich natürlich eine Menge historischer Messgewänder, war irgendwann beim Rationale und damit auch beim Superhumerale in seiner kirchlichen Fassung.  Und hier beginnt mein Kopfzerbrechen.

Das Superhumerale war, bevor es in unser Region eine religiöse Form erhielt, ein Herrschaftszeichen. Bereits spätantike Herrscher und Herrscherinnen trugen es. Am bekanntesten ist wohl die Darstellung Theodoras, der Frau Justunians, auf den Mosaiken Ravennas mit Superhumerale. Es taucht aber auch immer wieder auf späteren Darstellung bis weit ins Hochmittelalter auf. Es verschmiltz bei der Männerkleidung bisweilen mit dem Loros, auf das wir auch gleich kommen werden. Die Ähnlichkeit des Superhumerale als Kreisrunder, reichbestickter Stoffkragen, bzw. Collier mit dem Kragenbesatz karolingischer Tuniken ist frappierend. Besonders extrem wird diese Ahnlichkeit bei Superhumeralen die Streifen auf die Ärmel und auf Front und Rücken besitzen.
Es scheint so als haben die Karolinger ihre Tunikenbesätze nach Vorbildern byzantinischer Herrschaftskleidung gefertig, bzw. diese adaptiert.

Doch stellt sich die Frage ob es denn überhaupt byzantinische Kleidungsstücke gab, die sich in veränderter Form auf, oder als Inspirationsquelle für Kleidungsstücken unserer Breiten erweisen.

Tatsächlich fand ich in Bamberg, bzw. in Folge meines Bambergsbesuchs einen Hinweis.
So wird auf S. 67 von „Gekrönt auf Erden und im Himmel – Das heilige Kaiserpaar Heinrich II. und Kunikunde“ über die Tunika Heinrichs II, bzw. Tunika Kunigundes (wirklicher Träger unbekannt) geschrieben das es sich bei dem asymmetrischen Halsauschnitt um die Adaption eines byzantinischen Loros Handeln könnte. (Die Veröffentlichung bezeichnet den Halsauschnitt als „ohne Vergleichsbeispiel“. Wie wir jedoch bereits gesehen haben gibt es eine Vielzahl von Ausschnitten die nicht zentral und auch nicht symmetrisch sind, eine prominentes Beispiel ist etwa die blaue Tunicella aus den Reichskleinodien. Bezieht sich die Aussage auf die verzierten Beläge als solches stimmt dieses jedoch). Der Loros ist mit dem Superhumerale verwand und besteht aus einem Langen, reichverzierten Schal der kunstvoll um den Körper gewunden wird.

Ein weiteres Stück, welches scheinbar die Übernahme aus klerikaler Verwendung findest sich auf der Alba aus den Reichskleinodien. Hier wird die Rationale in ihrer Urform als Brustschild in Stickereien nachgebildet.

Nun, da ich diese Gedanken niedergeschrieben habe, bemerke ich etwas. Nicht zwingen muss es sich um byzantinische Vorlagen für die Übernahmen handeln, denn all diese Elemente kommen oder kamen auch in nahezu gleicher Verwendung an oder auf klerikalen Gewändern vor.
Dies könnte bedeuten ,das die Übernahme von klerikalen Gewändern erfolgte. So wie sei auch bei den Kleidungsstücken der Reichskleinodien erfolgte (darüber wird noch gesondert zu schreiben sein) um das Gottesgnadentum auch symbolisch in der Kleidung zu zeigen.

Sollte sich jemand hierzu einmal Gedanken gemacht haben, würde ich mich über ein Feedback freuen.

Die karolingische Tunika V: Ein Ausflug zum heiligen Ulrich

Eine weitere Form der Verzierung erscheint gelegentlich in Abbildungen.Sie betrifft in der Regel Kleriker. Diese tragen statt einer zentralen Clavus zwei von den Schultern herablaufende Clavi.

ulrich
Dalmatik des hl. Ulrich. Abb. aus Die Heiltumskammer, Deutscher Kunstverlag

Eigentlich wäre ich wegen der Kleriker Geschichte gar nicht auf die Tunika eingegangen, wenn es hier nicht ein schönes Beispiel gäbe an dem sich viele der Beobachtungen an karolingischen Tuniken wieder finden, selbst wenn das betreffende Kleidungsstück nicht mehr karolingisch ist.
Es handelt sich um die Dalmatik des 973 verstorbenen Bischofs Ulrich von Augsburg. (Leider verschwand die Albe im Halleschen Heiltums, es wäre interessant wenn diese auch erhalten geblieben wäre).

Die Dalmatik ist aus byzantinischer Seide gefertigt, wohl aber nicht in Byzanz, sondern im Fränkischen Reich. Besonders die Clavi können über den Stoff berichten. Es handelt sich dabei um Samit mit Ritzmuster der wohl beim Schneidern der Kasel Ulrichs übrig blieb und nun auf der Dalmatik als Clavi Verwendung fand.
Der Samit zeigt einen gekrönten Herrscher mit Nimbus. Dieses Motiv lässt es wahrscheinlich werden, das der Stoff ursprünglich vom byzantinischen Königshof als Geschenk an Kaiser Otto I. gelangte. Vielleicht in Folge der Schlacht am Lechfeld erhielt Ulrich die Stoffe als Geschenk und lies prunkvolle Messgewänder daraus fertigen in denen er letztendlich bestattet wurde.

Das Kleidungsstück weist eine Breite von 202cm und eine Länge von 143cm auf. Die Ärmel entsprechen nebeneinander gelegt der Breite der Dalmatika an ihrer breitesten Stelle. Demnach ist die Stoffbreite etwa 101cm, die Länge eines Ärmels ca 50,5cm. Die  beiden Ärmel wurden demnach aus einem Teil der Stoffbahn geschnitten.
Was zunächst einmal auffällt sind die Maße des Kleidungsstück, von dem die Veröffentlichung „Die Heiltumskammer, der mittelalterliche Reliquienschatz von St. Ulrich und Afra“ das es eher einer Tunika gleiche denn einer Dalmatik, obwohl immer so genannt wurde. Sie sind ungewöhnlich groß.
Zum vergleich meine Tunika (und ich bin bei Gott nicht schlank) eine Gesamtbreite von 172cm, Länge 105cm und einer Bahnbreite von 62cm. Nur mal zum Vergleich, der ehemalige Schwimmstar Michael Groß, genannt der Albatros, besitzt auf eine Körpergröße von 201cm eine Armspannweite von 213cm (inkl. Hände). Demnach dürfte ihm die Dalmatik nach heutigem Verständnis ganz gut gepasst haben.

Nun ist aber vom heiligen Ulrich weder bekannt das er ein Riese gewesen wäre, noch das er besonders fettleibig war. Im Gegenteil wird er als asketischer Mensch beschrieben, der auf dem Teppich schlief!
Natürlich dürfte einer der Gründe für extreme Größe des Gewandes gewesen sein kein Zoll des kostbaren Stoffes zu verschwenden und so mit Status zu demonstrieren. Aber auch Die Weite die die Oberteile mitunter in Illuminationen haben und die geschoppten Ärmel könnten sich in diesem Kleidungstück finden.

Das Schnittmuster ließ sich für mich in Teilen anhand des Bildes nachvollziehen und erweist sich als durchaus Aufschlussreich. Gerade die Konstruktion der Ärmel hat es mir angetan.
ÄrmelDer ca. 50cm lange Ärmel (Stoffbreite ca. 35cm ungefaltet) wird auf einer Länge von etwa 25cm ein bogenförmiges Stück ausgeschnitten. Das nun schmale Stück wird den Ärmelsaum bilden. Die Ausgeschnittenen Stücke werden am Oberarm angenäht und bilden nun die Verbreiterung am Oberarm. Ihre Funktion ist ähnlich den Keilen unter der Achsel die uns gewöhnlich später begegnen. Der Stoff der Ärmel wird aus der vollen Stoffbreite geschnitten.

Auch der Halsabschluss ist interessant. Er ist eng ausgeführt, der Auschnitt liegt auf der Schulter und wurde dort geschlossen, wie mir gesagt wurde.

Das oben gezeigte Bild zeigt im Übrigen die Rückseite der Dalmatik, da diese wesentlich besser erhalten ist. Aus der Vorderseite wurden zudem einige Stücke als Reliquien heraus geschnitten. Urspünglich soll sie an den Seiten offen gewesen sein. Die breiten Saumborten stammen erst aus dem 14. Jahrhundert. Die Kleidungstücke des heiligen Ulrichs waren bereits 1183 nach einem Brand aus dem Grab geborgen worden und werden seit dem verehrt. Im Heiltumsblatt von ca. 1500 wird das Stück auch mit offenen Seiten und den breiten Säumen gezeigt (wobei ich mich frage ob die Saumborten nicht angefügt wurden nachdem das Kleidungstück begann zu zerfransen als man aus der Seite Reliquienstücke schnitt) und ist mit der Beschreibung versehen „Das ist die Dalmatic oder Sarok von Ulrich(s)…“

Zum einen überlege ich im Moment die Dalmatik zu Experimantalzwecken aus billigem Leinenstoff grob nachzuschneidern um einfach die zu erfahren wie der Stoff fällt, zumal ich mit 172cm in etwa der Durchschnittsgröße des Frühmittelalters entspreche. Zum Anderen bin ich ab Freitag in Bamberg und kann mir endlich die Kleidung von Heinrich II, Kunigunde und Papst Clemens II. ansehen, wovon ich mir zumindest ein paar Erkenntnisse oder Ideen verspreche.

Die karolingische Tunika IV – Das Gürtel-Problem

Ursprünglich war der Gürtel der karolingischen Tunika eines der Themen mit dem ich mich zuerst befassen wollte. Jedoch stellte sich schon bald heraus das dies nicht so einfach sein würde wie ich mir das vorstellte.

Obwohl ich fast zwei  Dutzend karolingischer Handschriften und Fragmente wälzte, blieb es doch  einzig bei zwei Gürtelabbildungen bei „Zivilpersonen“. Und das war die, die ich ohnehin schon kannte.

karlkahlDas erste Bild zeigt eine Festkrönung Karls des Kahlen  die früher für eine Darstellung Karls des Großen gehalten wurde. Karl wird hier mit einer breiten Riemenzunge dargstellt (Zudem beachte man die Tunika, die potentiel aus Damastseide besteht und angedeute Schlitzungen am weit fallenden Rockteil besitzt)

Der Katalog „Die Macht des Silbers“ weiß dazu zu berichten das es sich bei vielen der bekannten großen silbernen Riemenzungen aus dem Fundgut um eben solche Riemenzungen von Klerikern handelt. Hinweise hierfür sind die geistlichen Sinnsprüche oder Kreuze die sich auf den Zungen finden. Während man in Rom  die Alba mit einem Band knotete, trug man im gallischen Raum den Gürtel mit der wuchtigen Riemenzunge. Da , so der Katalog, der Zeichner nur die die Welt der Kleriker kannte, zeichnete er auch Karl mit einem solchen Gürtel.

Ich halte das für nicht zu Ende gedacht! Kontext, my dear Watson!
Dargestellt ist eine Festkrönung, eine liturgische Handlung. Zudem kennen wir den sakralen Charakter des Königtums. Karl ist also festlich gekleidet aber nun doch nicht dargestellt wie ein gallischer Kleriker. Vielmehr ist er entsprechend seines Standes gekleidet. Zudem tragen die beiden Kleriker die Karl einrahmen den römischen Typus des geknoteten Bandes. Unwahrscheinlich das der Zeichner zwar die römische Art die Albe zu binden kannte nicht aber die eines Zivilsten. Zudem unterscheidet sich seine Gürteldarstellung von denen der Kleriker in der Bibel von St. Paul.  Während diese die Riemnzung in der Körpermitte tragen, bzw. die Riemenzunge mittig hängt, liegt sie bei Karl auf dem rechten Oberschenkel. Selbstverständlich kann dies ein zeichnerischer Kunstgriff sein um sowohl Riemenzunge als auch Rechteckmantel zu zeigen (auch keine Klerikerkleidung!)

KarlGroßSchauen wir uns nun die zweite Abbildung an. Es handel sich dabei um ein im Archivio capitolare di Modena verwahrtes Fragment einer Abschrift des 10.Jahrhunderts aus dem ersten Drittel des 9. Jahrhunderst. Die Abbildung, die für den Schwiegersohn Ludwigs des Frommen hergestellt worden war, zeigt Karl den Großen und seinen Sohn Pippin den Buckligen sich gegnübersitzend, scheinbar in Beratungen.
Es ist die Riemenszunge Karls des Großen die sichtbar ist. Leider lässt sich nicht sagen ob diese Riemenzunge zum Schwertgurt oder Leibgurt gehört.

Die meisten gefundenen Riemnzungen die zu Schwertgurten zugehörig sind, sind verhältnismäsig lang und schmal. Die in der Abbildung gezeigte Riemenzunge macht jedoch einen kürzeren und breiteren Eindruck. So wie zuvor die Riemenzunge Karls des Kahlen. Meiner Auffassung nach handelt es sich daher auch in dieser Abbildung um den Leibgurt. Und wie schon zuvor ist an der der rechten Körperhälfte Karls zu sehen. Auch hier kann dies ein Kunstgriff sein um sie überhaupt darzustellen.  (Ihr scheint also eine besondere Bedeutung zuzukommen)

Gehe ich also davon das es sich bei beiden Riemenzungen um Zungen des Leibgurtes handelt, so muss ich davon ausgehen das es den Klerikern vorbehalten war diese in der Körpermitte zu tragen, während der „Zivilist sie nach rechts verschoben trug, scheinbar sogar soweit das komplett auf der rechten Körperhälfte lag. Wenn dies der Fall sein sollte, ließe sich so erklären warum die in der Regel frontal dargestellten Personen keine Riemenzungen aufweisen. Sie befinden sich auf der rechten Körperhälfte und währen somit nicht sichtbar.
Der tragweise scheint demnach auch eine Bedeutung zu besitzten, die sich aber meiner Kenntnis entzieht. Ich erkenne aus dem Stegreif Ähnlichkeiten zur Trageweise von Orden.

Die Riemen der Leibgurte konnten im einfachsten Fall aus Leder bestehen, jedoch sind auch Funde aus Stoff bekannt. So wurde mir kürzlich über einen Gürtel berichtete, der aus Tuchbindung mit Leinenkettfäden und Goldlahnschuss(!) bestand.