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Die heilige Lanze in Wien

Vorwort:
Wer aufmerksam war, dem fiel auf das ich nie direkt über die Wiener Heilige Lanze geschrieben habe und sie immer nur in Teilen erwähnte.
Dies hat mehre Gründe. Zum einen fand ich keinen entsprechenden Artikel den ich als Basis verwenden konnte und der mir genug Informationen und Denkanstöße lieferte. Zum Anderen, und das ist für mich schwerwiegender, gibt es viel zu viele mystifizierende Geschichten wobei die Brücke von Longinus zum Ewigen Wanderer und weiter zum Ewigen Juden nur der Gipfel des Eisbergs ist. Nicht zu vergessen unendlich furchtbare Dokus, von denen ich neulich wieder eine sah.

Aber auch gerade das sollte ein Grund für mich sein das Thema nun auf das wesentliche runterzubrechen. Vor kurzem fand ich nun einen Aufsatz von Mechthild Schulze-Dörrlamm der mir hier als Basis dient und ich zusammenfassen werde, aber auch ergänzen und Gegenfragen stelle. Den Aufsatz selbst verlinke ich am Ende des Posts.

Rekonstruktionsversuch der ursprünglichen Heiligen Lanze

Einleitung
Die Heilige Lanze aus den heute in Wien aufbewahrten Reichskleinodien ist wahrscheinlich am stärksten mystifizierte Objekt der Selbigen. Dabei ist das Objekt weder großartig mystisch, noch ein Einzelstück unter der Vielzahl heiliger Lanzen.

Chronologie der sogenannten Heiligen Lanze der Wiener Reichskleinodien
Erstmals begegnet uns die Lanze im Jahr 926 als König Heinrich I. sie in Worms von Rudolf II. König von Hochburgund und zu dieser Zeit auch König von Italien erhielt.  Dieser hatte sie höchst wahrscheinlich als Herrschaftszeichen vom norditalienischen Grafen Samson zum Regierungsantritt in Italien bekommen.

Heinrich I. schrieb seinen Sieg gegen die Ungarn in Riade am Longinustag 933 der Lanze zu.  Otto I. führte die Lanze 939 gegen Aufständige und 955 auf der Schlacht beim Lechfeld mit sich. Als Otto III. 999/1000 in Polen verweilte erhielt Boleslaw Chrobry eine Kopie der Lanze in der ein Partikel des echten Kreunagels eingearbeitet worden sein soll. Otto III. lies die lanze auch auf dem weg nach Rom zur Kaiserkrönung vorweg tragen. Bei der Krönung Heinrichs II. in Mainz wurde sie zur Krönung verwendet, da die Reichskrone im Besitzt der Gegner Heinrichs war.

Unter Konrad II. wurde die Heilige Lanze den öffentlichen Blicken Entzogen  und wurde nun im Querbalken des neu angefertigten Reichskreuzes verwahrt.

Die Lanze und ihre Veränderungen
Bei der Lanze selbst handelt es sich um eine typische karolingische Flügellanze des Typ II nach Westphal die in das späte 8./ frühe 9. Jahrhundert datieren sollte. Ihre einzige Verzierung ist eine Furchenzier an der Tülle.  Sie ist aus einfachem Eisen geschmiedet und besitzt Schlackeeinschluße und Verunreinigungen, welche später auch zum Bruch führten. Auch weist das Blatt keinerlei Spuren einer Damaszierung auf. Es ist somit ein eher gewöhnliches Stück. Ihre Bedeutung kann daher nicht aus ihrer Wertigkeit abgeleitet werden.

Da das Lanzenblatt keinerlei Spuren von Scharten oder ähnliches aufweist, dürfte sie nie im Kampf eingesetzt worden sein, sondern sollte von Anfang an als Fahnenlanze fungiert haben, so Mechthild Schulze-Dörlamm im Verweis auf  Mehofer/Leusch/Bühler.1
Schulze-Dörlamm versucht nun auf Grund dieser Informationen die Herkunft der Lanze zu erörtern. Eine Königslanze Karls des Großen schließt sie auf Grund der minderen Qualität aus, ebenso scheidet eine Lanze aus die Karl vom Patriarchen von Jerusalem im Jahr 800 zugesandt bekam, da eine Lanze aus dem Kalifat der Abasiden eben keine fränkisch/karolingische Flügellanze ist.
Ihre Vermutung ist daher das es sich bei der Lanzenspitze ursprünglich um jene Lanze handeln könnte an der das päpstliche Banner befestigt war das Karl erhielt und dessen Abbildung im Tricliniumsmosaik im Lateran zu sehen war. Ich hätte an dieser Stelle noch ergänzend das Vexillum des hl. Martin anzubieten, wobei hier wohl auch eine bessere Ausführung zu vermuten wäre.

Schon bald danach wurde die einfache Lanzenspitze optisch verändert und aufgewertet. Dazu stemmte man aus dem Lanzenblatt einen spitzovalen Teil aus. Hierbei brach erstmalig das Lanzenblatt an der rechten Seite. Der Bruch konnte jedoch durch ein aufgeschweistes Metallband kaschiert werden und ist nur durch eine dunklere Stelle am Blatt zu erkennen.  Er steht übrigens in keinem Zusammenhang mit dem kompletten Bruch des Blattes der später das Anbringen der Manschette nötig machte.
In die Ausparung des Lanzenblattes wurde nun ein Knebelstift eingepasst. Dieser war passgenau eingefügt, so dass er keinerlei Halterung, wie die späteren Silberdrähte, bedurfte. (Ich könnte mir vorstellen das das Lanzenblatt dabei erhitzt wurde, so dass das Metall sich ausdehnte und anschließend der kalte Knebelstift eingesetzt wurde. Beim abkühlen klemmte dieser nun fest.)
Der Knebelstift selbst bestand ursprünglich aus 2 Lanzettenförmigen Spitzen, von denen heute nur die Obere erhalten ist. In der Mitte ist der Knebel durch drei kreuzförmige, mit Messing tauschierten Kreuzen verzierte , Verdickungen die selbst als Kreuze angesehen werden geschmückt. In diese Verdickung ist seitlich eine Nut eingefügt in der wiederum ein Metallstück sitzt, welches zwischen kreuzförmiger Verdickung und Metallstück insgesamt 4 halbmondförmige Freiräume lässt. (Zu diesen hat Schulze-Dörrlamm eine interessante Idee, doch dazu  später mehr)
Im unteren Bereich, zwischen Flügeln und eigentlichem Blatt, wurden zwei dünne Klingen angebracht. Sie waren nicht mit Silberdrähten, sondern mit Lederriemen befestigt, von denen der obere Teil erhalten blieb, da der Bereich später durch die Manschette überdeckt wurde.
Die Klingen sind im Gegensatz zum Lanzenblatt schartig.
Die verbreiterte Tülle war zu diesem Zeitpunkt noch nicht existent.

Die Veränderungen und ihre möglichen Bedeutungen
Ich möchte an dieser Stelle bei den angefügten unteren Klingenblättern beginnen um mich dann noch oben vorzuarbeiten.
Erst einmal verwundert Schulze-Dörrlamm zu recht das die Klingenblätter nur mit Riemen an der Lanze befestigt sind. Wäre es doch einem versierten Schmied ein leichtes gewesen diese zu verlöten oder sogar anzuschweißen. Schulze-Dörlamm vermutet daher das die Blätter nicht in direktem Zusammenhang mit der Lanze stehen und man die Lanze, der man bereits eine gewisse Bedeutung beimaß, nicht als solches dauerhaft verändern wollte, sondern nur eine bestimmte Optik zu erzielen suchte.
Zur Herkunft der Klingenblätter kann leider keine konkrete Auskunft gegeben werden, dennoch werden einige Varianten aufgezählt: Messer des 7. od. 8. Jahrhunderts denen man zuschrieb die Messer gewesen zu sein mit denen das Gewand Jesu zerteilt wurde, Teile eines römischen Lanzenblattes, im speziellen Fall Teile der im Liber Pontificalis erwähnten romphaea victoriae bezeichneten Lanze , die Papst Hadrian Karl 774 im Rom schenkte. Oder aber eben nichts der gleichen sondern nur der bereits erwähnte Versuche der Lanze eine bestimmte Optik zu geben.
Mich verwundert bei alledem jedoch die Schartigkeit der beiden Klingen, die Schulze-Dörrlamm lediglich der dünneren Ausführung zuschreibt. Die Scharten wären dann lediglich entstanden weil irgendjemand Beispielsweise die Lanze zu heftig irgendwo anlehnte. Etwas das mir sehr fragwürdig erscheint. Ich denke daher schon das die Klingen als solches eine Gewisse Bedeutung hatten, die über eine reine optische Funktion hinaus gingen.

Nun möchte ich zum Knebelstift übergehen. Dieser wird ja mitunter (gerne in den Eingangs erwähnten Dokus) als Kreuznagel gedeutet. Hier wiederspricht Schulze-Dörlamm. Gibt es doch einen ganzen Haufen anderer vermeintlicher Kreuznägel die wirklich nach Nagel aussehen2  Vielmehr sieht sie zwei parallele Funktionen. Zum einen sind stilisierte  3 Nägel gleichzeitig aus verschiedenen Perspektiven zu sehen.  Die mit messingtauschierten Kreuzen verzierten Verdickungen, von Schulze-Dörlamm als gleicharmige Kreuze bezeichnet, stellen demnach die Nagelköpfe dar. Den mittlersten Nagel sieht man also von oben. Die obere und untere Verdickung  mit dem jeweiligen Dorn nach oben und unten stellen somit stilisierte Nägel in Seitenansicht dar.  Die Eigentliche Nagelreliquie sieht sie nicht in den Tauschierungen selbst, sondern in den Verdickten Teilen selbst, die durch das Eisenstück in den Nuten zusammegefasst werden. Die Tauschierungen, 3 auf der Verdickung und 2 auf den Flügeln der Lanze in Form von Andreaskreuzen deutet sie mehr als Symbole der Passion Christi (Wie in der späteren Kunst auch die Marterwerkzeuge)

Aus diesem Stück zieht Mechthild Schulze-Dörlamm auch ihre Datierung der Umarbeitung. Sie verweist dazu auf die Ähnlichkeit des Mittelteils mit den drei gleicharmigen Kreuzen auf die Ähnlichkeit zu  karolingischen Gleicharmfibeln vom Typ Destelbergen, welche ebenfalls mit drei gleicharmigen Kreuzen verziert sind, als auch zur Knopfriemenzunge aus Karlsburg. Demnach sollte die Veränderung im Bereich zwischen Rhein und Mosel entstanden sein, wobei sie hier auch durchaus an die Pfalz Aachen denkt.

Nun zu der oben bereits angesprochenen Besonderheit der sichelförmigen Freiräumen zwischen „Nagelköpfen“ und dem in den Nuten eingefügte Metallstück.  Schulze-Dörlamm stellt die Frage ob die sichelförmigen Öffnungen in dem passgenau eingeklemmten Knebelstifft nicht den Sinn hatten vielleicht ein pfeifendes Geräusch zu erzeugen. Dies könne man nur mit einer genauen replik prüfen, so schreibt sie.

Was nun noch fehlt ist warum die Klingen angefügt wurden bzw. welche Optik damit erreicht werden sollte.  Ich finde die Therie von Frau Mechthild Schulze-Dörlamm etwas weit hergeholt, aber dennoch ist sie auf jeden Fall einen Gedanken wert. Zumal sie mir durchaus gefällt, weil sie um die Ecke denkt.

Ihrer Meinung nach sollte, wie bereits angedeutet,  durch Hinzufügung der Klingen das Lanzenblatt eine geschweifte Optik erhalten.  Ihr fällt dabei auf, das die Flügel der Lanze wie das Parier eines Schwertes oder Dolches wirken.

Nun denkt sie dabei an die Lancea Domini, die im 6. Jahrhundert von Pilgern in der Jerusalemer Grabeskirche gesehen wurde und 614 angeblich durch den Kommandanten der kaiserlichen Garde Patrikios Niketas vor den Persern nach Konstantinopel gerettet wurde. Im 7. Jahrhundert sah Bischof Arculf diese dem Longinus zugeschriebene Lanze und beschreibt das diese eine gespaltene Tülle besessen habe. Mit einer gespaltenen Tülle wäre sie aber weder byzantinisch, noch römisch, geschweige denn fränkisch. 1201 , nur kurz vor ihrem Verschwinden im Jahr 1204, als das Kreuzzugsheer in Konstantinopel einfällt, beschreibt der Diakon Nikolaos Mesarites die Lancea Domini erneut und beschreibt sie in Form eines zweischneidigen Schwertes , welches in Form eines Kreuzes gestaltet sei und zudem blutunterlaufen wirke.  Hieraus schließt Schulze-Dörrlamm, dieses Objekt habe aus Hämatit bestehen können, welches bei der Zerstörung der Grabeskirche großer Hitze, sprich Feuer ausgesetzt gewesen war, bevor sie wie „ein archäologischer Bodenfund“ aus der Erde gezogen wurde. Schulze-Dörlamm vermutet nun das diese Lancea Domini, die übrigens nicht identisch sein kann mit jener die  in der Loggia der hl. Veronika  im Vierungspfeiler des Petersdoms verwahrt wird, da diese ins 11. Jahrhundert zu datieren sei, nichts anderes ist als ein römischer Pugio mit zweischaligem Griff. Dieser zweischalige Griff wurde in der Beschreibung des Bischof Arculf eben zu einer gespaltenen Tülle.

Demnach hätte man mit der Umarbeitung der heute in Wien verwahrten Heiligen Lanze versucht die Optik der in Konstantinopel verwahrten Lancea Domini zu imitieren. Womit wir wieder genau beim Bestreben der Franken wären mit den Byzantinern gleich zu ziehen!

Und das finde ich nun mal wirklich super witzig! Eine möglicherweise pfeifende Heilige Lanze, die auch nur die Kopie einer weiteren heiligen Lanze ist, die in Wirklichkeit ein römischer Dolch ist!

  • Als Quelle diente: Die Heilige Lanze in Wien. Die Frühgeschichte des karolingisch-ottonischen Herrschaftszeichens aus archäologischer Sicht, Jahrb. RGZM 58, 2011 (2012) 707-742. findet sich hier
  1. Szameit 2005, 162. – Mehofer / Leusch / Bühler 2005, 181. – Zu
    den frühmittelalterlichen Fahnenlanzen []
  2. Schulze-Dörrlamm schrieb dazu selbst zur Byzanzaustellung des RGZM den Aufsatz „Heilige Nägel und heilige Lanzen“, online hier []

Odin, Thor und Freyja – Ausstellung im Archäologischen Museum Frankfurt

„Odin, Thor und Freyja – Skandinavische Kultplätze des 1. Jahrtausends n. Chr. und das Frankenreich“ ist eine neue Ausstellung des Archäologischen Museums in Frankfurt/Main. Da ich eingeladen war der Eröffnung beizuwohnen konnte ich die Ausstellung bereits am 10.2. in Augenschein nehmen und auch der Eröffnungsfeier im Refektorium des ehemaligen Karmeliterklosters beiwohnen.

Diese begann mit einem  unschönen Programmteil: Prof.  Egon Wamers musste dem zu früh verstorbenen Lars Jørgensen Gedenken, der einer der Mitinitatoren  und dessen Forschungen Grundlage für die Ausstellung war.  Jørgensen war im vergangenen September verstorben.

Weitere Redner waren Arne Friis Petersen, dänischer Botschafter und Schirmherr der Ausstellung, Per Kristian Madsen, Generaldirektor des Dänischen Nationalmuseums Kopenhagen, sowie eine Vertreterin (Der Name ist mir leider entfallen) für Dr. Ina Hartwig , der Kulturdezernentin der Stadt Frankfurt. Umrahmt wurde die Reden durch die musikalische Untermalung  von Sopranistin Laurie Reviol und Toshinori Ozaki an den Zupfinstrumenten, die thematisch passende Stücke interpretierten und auch Teile aus Beowulf rezitierten.

Die Reden waren, vielleicht bis auf die durch die Vertreterin der Frankfurter Politik, durchweg interessant. Berichteten sie doch u.a. über die Forschung Jørgensens, dessen Ausgrabungen und Forschungen zum Fundplatz Tissø, der die herausragende Grundlage der Ausstellung bildete.
Nach dieser Einführung war für uns die Ausstellung eröffnet, die nun bei „Frankfurter Wein und Käsestangen vom Rewe“, wie es Warmers formulierte, in Augenschein genommen werden durfte.

Als ich dann in der Garderobe meinen Mantel holen wollte um mich zum eigentlichen Museumseingang zu begeben traf ich dann auch das erste bekannte Gesicht in Form von Gawan Dringenberg.

Die Einführung in die Ausstellung beginnt mit einem Blick in die (frühe) Götterwelt im Norden. Ergänzt werden die großflächigen Schautafeln mit einer Vielzahl von meist kleineren Funden, wie Götteramuletten, aber auch silbernem Geschirr das als Opfergabe in Mooren niedergelegt wurde. Diese Funde stammen zum großen Teil aus den Fundplätzen von Hoby und Gudme.

Als Übergang in die Haupträume des Museums dient die begehbare Visualisierung des Kulthauses von Tissø-Fugledegård mit zwei übergroßen Holzidolen und dem fast 2kg schweren Goldreif. Tatsächlich sind es solche Darstellungen, die ich mag. Zum einen lassen diese Visualisierungen in die Welt jener Zeit eintauchen, schaffen aber auf Grund der Wände als Fotoreproduktionen eine nötige Distanz.

Betritt man nun den Hauptraum findet man an der Stirnseite linker Hand eine digitale Rekonstruktion der  großen Halle von Tissø-Fugledegård auf 11m breite. Das Raumerlebnis wird durch eine in den Ausstellungsraum ragende Feuerstelle komplettiert. Somit wird der Verbindundungsbau des Museums zum Kirchenschiff des Karmeliterklosters zur großen Halle von Tissø.

Während sich nun die rechte Seite den Funden aus dem namensgebenden Tissø (Stiersee) findet, darunter eine merowingische Spatha und ein Schwert des 10./11. Jahrhunderts, widmet sich die linke Seite der Festtafel. Hier finden sich neben Banketaxt und Fleischgabeln auch Falknergeschirr und Hundeleinen. Als Vergleiche werden Auschnitte aus dem Teppich von Bayeux genutzt. Auch Vergleiche und Parallelen der Anlagen von Tissø zu fränkischen Königshöfen werden gezogen.

Der Abschnitt über die Beziehungen zu Franken – „Der neue Glauben aus dem Süden“ wird durch die Funde und das Modell des Bootskammergrabes aus Haithabu sowie dem erstmals aus Ingelheim verliehenen Modell der Pfalz Ingelheim gebildet  und befindet sich an dem Platz an dem normalerweise die Funde aus der Pfalz Franconofurd zu sehen sind. Ergänzt wird die gesamte Austellung noch mittels eines Films zu  Ausgrabungen und Fundplatz Tissø, zu dem ich allerdings nichts sagen kann da ich in nicht gesehen habe.

Mit der  Ausstellung ist dem Archäologischen Museum in Frankfurt ein echtes Schmankerl gelungen. Viele der ausgestellten Funde waren noch nie auf deutschen Boden zu sehen, genauso wie viele neue Erkenntnisse zum Fundplatz Tissø präsentiert werden können. Einzig zu kritisieren wäre meiner Ansicht nach mal wieder die Anbringungen der Beschriftungen innerhalb der Vitrinen, da dies Rollifahrern und Sehbehinderten das Lesen der Beschreibungen stark erschwert.

Die Ausstellung ist noch bis 6. Juni  in Frankfurt zu sehen. Eintritt beträgt 7€,  ermäßigt 3,50€. Ein Katalog ist für 17,95 € erhältlich und steht bereits bei mir im Regal. Er enthält alle Texte, sowie Bilder und Informationen  ausgestellter Funde im Katalogteil.
Weitere Informationen, auch Bilder von Funden, hat die Website des Archäologischen Museums Frankfurt

St. Panthaleon – Besuch und Beschreibung

westbau
Westbau von St. Pantaleon

Vergangene Woche war ich recht spontan in Köln. Im Rahmen meiner Idee möglichste viele Graborte deutscher Herrscher zu besuchen war es natürlich selbstverständlich auch St. Pantaleon zu besuchen wo Kaiserin Theophanu beigesetzt ist, die byzantinische Gemahlin von Otto II.

Zur Erklärung: Nur eins Vorweg. Mir erscheint es das sich niemand mehr die Grundrisse seit den Grabungen genauer angesehen hat, bzw. als wenn es nicht legitim erscheint die Westwerks-Theorie anzuzweifeln. Oder aber man sieht den Westwerks-Begriff sehr, sehr weit gefächert. So heißt es auf den Seiten der romanischen Kirchen Köln und auch auf der Seite von St. Pantaleon selbst „Westwerk karolingischen Typs“. Hier scheiden sich die Geister. Ich hatte bereits über die müssige Westwerksdiskussion geschrieben. (Hier zum Nachlesen!)

Wenn man, so wie ich es tue, davon ausgeht das  nur der Aufbau in Corvey ein echtes Westwerk ist, so bleibt als einzige weitere Kirche mit einem Westwerk die alte Kathedrale von Winchester in England, die von der karolingischen Baukunst beeinflusst wurde. Wobei auch hier letztendlich nicht klar ist wie sie nun aufgebaut war.  Nicht aber St. Pantaleon! Hier stimmt der Grundriss überhaupt nicht, also können auch weitere Stockwerke nicht passen! Es gibt keinen Umgang, somit kein Westwerk! Finito! Westbau dagegen ja, weshalb ich den Begriff Westbau verwenden werde!

Mein Besuch:  St. Pantaleon liegt wenige hundert Meter außerhalb der römischen Stadtgrenze Kölns, die sich hier am Blaubach entlang zog und heute durch die Straße Blaubach erkenntlich ist.  Nach einer Grünfläche erreicht man von der Innenstadt kommend ein Tor und durchquert man dieses fällt der Blick sofort auf den Monumentalen Westbau von St. Pantaleon. Leider ist jedoch nur weniges noch Original, denn weniger der Zweite Weltkrieg, denn die Umbauten des Barock hatten dem Westbau schwer zugesetzt. Der Zentrale Turm war erhöht worden, der Porticus entfernt und die Treppentürme nach einem Einsturz  bis hinunter auf den quadratischen Teil hin abgebrochen gewesen.

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Sarg Theophanus

Rechts des Porticus befindet sich der Eingang, der in das südlich  Seitenschiff führt.
Wenige Schritte nur und man befindet sich im Westbau. Gleich rechts im Annex des Westbaus steht ein weißer Marmorsargophag der die sterblichen Reste Theophanos beherbergt. Sein Deckel ist mit quadratischen Ornamenten geschmückt die man auch von byzantinischen Miniaturen her kennt. Er stammt aus dem Jahr 1965.
Die Bögen des Westbaus und seiner Empore sind in alternierend rot aus rotem und hellen Sandstein gefertigt, etwas das man auch als byzantinischen Stil bezeichnet.

Vor dem barocken Chor findet sich ein spätgotischer Lettner, der vor eine moderne Betonwand montiert ist. Der Grund für diese eigenwillige Konstruktion sind nicht etwa Kriegsschäden. Der durch einen großen Bogen vom Schiff getrennte Westbau war im barock vermauert worden. Dort Stand der Lettner ohne Rückwand und trug die Orgel. Im Zuge der Romanisierung rückte er wieder vor den Chor.

Irgendwann an diesem Punkt meines Besuches muss mein Gemurmel, Blickachsensucherei und Abschreiten von Distanzen die Aufmerksamkeit eines bis dato unscheinbaren Herren in der hintersten Bank der Kirche auf sich gezogen haben, denn er trat an mich heran und fragte ob ich die Krypta sehen wollte. Wollte ich? Natürlich wollte ich!
Der Herr, der wie sich herrau stellte vom Verein für Romanische Kirchen in Köln war, war so freundlich mir den Chorraum zu öffnen von wo aus eine Treppe in die Krypta führte. Dort ist die Ringkrypta und ein Teil ihres Vorgängers, einer Stollenkrypta, noch erkennbar. In dem Stückchen Stollen, der nun Ringkrypta und Hallenkrypta verbindet steht der Sarg Bischof Bruns. Brun war jüngerer Bruder Ottos I. und Bischof von Köln. Er besitzt noch seinen original Sarg, nur der Deckel musste erneuert werden.

Im Anschluss wurde mir noch eine größere Ehre zu Teil, denn Herr knippste zu erst das Licht hinter in einen Raum unter dem Altar an, der nur über ein kleines Gitterchen zu sehen war um mich dann zu fragen ob er aufschließen solle. Hinter dem schmiedeisernen Türchen verbargen sich die Reste der unter der Kirche liegenden römischen Ausgrabung, inkl. Wasserleitung und Hypocaustum. Auch hier ließ ich mich nicht bitten.
Leider dachte ich im Anschluss nicht für 5 Dinarii nach, denn sicherlich wäre mir auch der Zugang auf die Emporen geöffnet worden… Dennoch danke an den netten Herrn!

 

Innenraum des Westbaus
Innenraum des Westbaus

Zur Kirche und ihrer Geschichte selbst: Die heutige Kirche steht auf den resten einer römischen villa suburbana des 3. Jahrhunderts. Zwischen 866 und 877 wird bereits eine Kirche erwähnt die dem hl. Pantaleon geweiht ist. Dies ist insoweit erstaunlich da St. Pantaleon eher ein oströmischer Heiliger ist und man daher vermuten könnte die Byzantinerin Theophanu sei für die Weihung verantwortlich. Möglicherweise war es eher umgekehrt und der byzantinische Heilige weckte ihr Interesse an Kirche und Kloster.
Es finden sich im Umfeld der Kirche jedoch bereits reiche Gräber der späten Merowingerzeit die nahelegen das hier bereits eine Kirche stand. Sven Schütte und andere gehen davon aus das bereits die Bauten der villa als Kirche genutzt wurden.

Durch Bischof Brun erfolgt zwischen 955 und 964 die Gründung einer Benediktinerabtei. Dieser Stiftet Reliquien des Heiligen und wird hier zum Bischof geweiht. Auf Wunsch seines Bruders Otto I. wird er nach seinem Tod 965 auch in dieser Kirche beigesetzt.
Kurz darauf beginnt Bischof Warin mit dem Neubau der Kirche. Sie ist einschiffig und besitzt einen Westbau dessen Eingangsbereich (Westbau) ähnlich einer Krypta überwölbt ist. Es handelt sich aber dem grundriss nach nicht um ein Westwerk im klassischen Sinn!
Vor der Kirche entsteht ein oktagonaler Bau.

Kurz darauf tritt auch schon Theophanu auf den plan und baut die Kirche erneut um. Sie erhält eine gestelzte Apsis, eine Ringkrypta, einen doppelt so tiefen Portikus wie heute mit Skulpturen und auch den Westbau. Dieser ist wie viele dieser Kirchen jener Zeit nicht als Kaiserempore oder ähnliches zu verstehen, denn die Idee einer Kaiserempore ist eine Erfindung des 19. Jahrhunderts.
Der Sinn der Emporen ist viel profaner! Noch immer war St. Pantaleon eine Benediktinerkloster, von Mönchen bewohnt! Und Frauen, selbst wenn sie Kaiserin sind und aus Byzanz stammen, haben im Langhaus nichts zu suchen! Sie waren auf der Frauenempore. So wie in Gernrode, so wie in Kaufungen, so wie in Essen, so wie in Quedlinburg usw. Ach noch schöneres Beispiel: wie in der Hagia Sophia in Byzanz selbst!!

Mit ihrem Tod 991 wird Theophanu im Westbau beigesetzt. 11 Jahre später wird ihr toter Sohn Otto III. vor seiner Überführung nach Aachen ebenfalls in der Kirche aufgebahrt.

Es folgen weitere Umbauten. Um 1150 werden die Seitenräume des Westbaus überwölbt, die Flankentürme erhalten runde Aufsätze und Seitenschiffe werden angebaut. 1230 Wird eine Scheitelnische in die Krypta eingebaut. Im 17. Jahrhundert erfolgt dann die Barockisierung. 1835 wird auf dem Turm ein optischer Telegraph installiert. 1882 bis 92 erfolgt die Reromanisierung der Kirche, 1925 wird die Krypta freigelegt. Im Zweiten Weltkrieg wird das Mittelschiff und weitere Teile stark in Mitleidenschaft gezogen. Die Wiederherstellung erfolgt im Anschluss und ist erst 1962 beendet.

Heiß, heißer, Museumsuferfest

 

Gawan Dringenberg (Rechts) und ich
Gawan Dringenberg (Rechts) und ich am Mainufer (Oder auch comes und iudex halten einen Plausch)

Am 27. und 28.8. war ich als Gast von Reges-Francorum im Archäologischen Museum Frankfurt und durfte dort mit Anderen den fränkisch karolingischen Erklärbar geben.
Zwar habe ich Ähnliches bereits früher gemacht, jedoch wurde mir bisher nie die Ehre zu Teil dies im Verbund einer Truppe , geschweige denn im Archäologischen Museum Frankfurt zu tun.

Meine Ausrüstung hatte ich bereits am Freitag Abend im Museum deponieren können, wo uns dankenswerter Weise ein Räumlichkeit im Untergeschoss zur Verfügung gestellt wurde die mit dem wichtigsten Utensil des Wochenendes ausgestattet worden war: Wasser!
Dem Samstag konnte ich somit gelassen entgegen sehen, zumindest was Probleme der Parkplatzsuche in der Frankfurter Innenstadt anging. Am frühen morgen fuhr ich am Samstag mit dem PKW bis an die Frankfurter Stadtgrenze, schwang mich auf meine mein Crossrennrad und konnte somit entspannt die letzten 10km hinter mich bringen und pünktlich vor Ort sein, das Rad im Keller des Museums verstauen und mich in Thorsberghose, Wadenwickel, nadelgebundene Strümpfe, Wendeschuhe, Untertunika und Tunika zwängen. Warum schreibe ich was ich trug? Kleidung war an diesem Wochenende, neben der Flüssigkeitsaufnahme, ein entscheidender Faktor, sollte doch das Quecksilber bis auf 36°C klettern.

Hintergrund unserer Anwesenheit war neben dem Museumsuferfest auch der Hinweis auf die kommende Ausstellung „Odin, Thor und Freyja“, in der auch auf die Beziehung zwischen Franken und Dänen eingegangen wird.

Bereits gegen 10 Uhr, als das Museum seine Pforten öffnete, merkte jeder von uns die Hitze die uns den Tag über begleiten und im Nacken sitzen sollte. Ich konnte dies bereits merken als ich in Begleitung kurz vor 11:00 Uhr erste Flyer am Mainufer verteilte die auf unsere kommenden Aktionen hinwiesen:
Gegen 11.00, 16:00 und 19:00 Uhr gab es Vorführungen von Militärtechnik und Militärtechniken, um 13:00 und 17:00 eine Modenschau der Damenwelt und durchgehend wurden im Museum und davor Handwerk präsentiert, darunter Schmiedearbeit und Glasperlen Herstellung, Scriptoriumsarbeit und Pergament Herstellung, Bogenbau, Stick- und Näharbeiten, Nadelbinding, Brettchenweben usw.
Gerade unsere Militäreinheit muss extrem geschwitzt haben unter Stoffpanzer, Kette oder Lamellenpanzer. Umso bemerkenswerter das manche den ganzen Tag die Rüstung nicht mehr auszogen. Wohl auch aus dem Hintergrund das alles darunter vollkommen durchgeweicht war. Hut ab meine Herren!
Selbst ich in gehobener Zivilkleidung legte nach einiger Zeit mein Schwert ab, denn jedes Gramm Gewicht das man mit sich herum schleppte war zu viel. Trotz dieser Wiedrigkeiten die am Sonntag auch noch Opfer in den eigenen Reihen fordern sollte, waren alle hoch motiviert, was nicht zuletzt auch am tollen Publikum lag, dem hier ein großartiges Lob gebührt!

Modenschau
Modenschau mit privilegierter slawischer Frau, Dame aus Haithabu, dänische Hofdame und fränkischer Adligen

Trotz der großen Hitze, die dem Museumsuferfest weniger Besucher bescherte, waren die Besucher am Archäologischen Museum durchweg interessiert und aufgeschlossen. Und das war wirklich bemerkenswert wenn man bedenkt das das Museumsuferfest in großen Teilen kein Fest der Museen mehr ist, sondern eine ausgiebige Party und Fressmeile bietet.
So entstanden jedoch fantastische Gespräche. Ich habe selten so ein interessiertes Publikum erlebt!!

Der zweite Tag war für uns wesentlich schwerer zu bewältigen. Obwohl Sonntag sich ein wenig die Luft bewegte, steckte doch allen die Hitze des Vortages in den Knochen. Fehlende Mineralien und der gestörter Wasserhaushaltund mitunter schlechter Schlaf in Autos taten ihr übriges. Einige der Damen und Herren hatten nun auch leichtere Kleidung gewählt und zum Beispiel Wollkleid gegen Leinenkleid getauscht. Dennoch war vieles gemächlicher, bis auf die Kampfvorführung die sogar etwas an Zahn zulegte. Aber wir hatten Sonntag doch einzelne kreislaufbedingte Opfer zu bringen und das Obwohl wir für in regelmäßigen Abständen einige Minuten immer mal wieder im Museumsinneren für Durchzug sorgen konnten.
Auch der Besucherandrang war am Sonntag wesentlich geringer. Vielleicht auch weil gegen 17:00 Uhr Windböhen aufkamen und dunkle Wolken ein Gewitter ankündigten das jedoch ausblieb. So lagen viele der Kämpfer nur noch kraftlos um Jaxas improvisierter Schmiede und versuchten es sich so angenehm wie möglich zu machen.

Als wir gegen 19:30 mit dem Abbau begannen und aus unseren Trachten schlüpfen konnten neigte sich ein anstrengendes, aber schönes Wochenende dem Ende entgegen. Ich möchte mich bei allen beteiligten ganz herzlich Bedanken, hoffe das alle gut nach Hause gekommen sind und freue mich auf jeden Fall auf eine weitere Einladung von Reges Francorum!

Auf Facebook befindet sich ein Album mit einigen meiner Aufnahmen (Klick mich) (Ein Video folgt…)

Kurzfristiger Veranstaltungshinweis – Karolinger in Frankfurt

Heute hat das Frankfurter Museumsuferfest begonnen. Und dabei wird das Archäologische Museum durch karolinger belebt.

Hier zu der Informationstext:

Die Karolinger und ihre nordischen Nachbarn – Die Pfalz Franconofurd 800 bis 1000 n. Chr.

Reges Francorum und Gäste

Das Archäologische Museum nimmt seine Besucher beim Museumsuferfest 2016 mit in die Zeit um 800 bis 1000 n. Chr. Als Karl der Große und seine Nachfolger in mächtigen Pfalzanlagen herrschten, wurde im wikingischen Norden in prächtigen Hallen Hof gehalten. Die Gruppe Reges Francorum gibt lebendige Einblicke in diese Zeit. Im Museum dreht sich fleißig die Spindel, die Bogensehne surrt, die Feder fliegt übers Pergament. Draußen ächzen Männer unter dem Gewicht der Kettenhemden, begleitet vom Hämmern der Schmiede. Hier werden Schilde in Anschlag gebracht und die Schwerter gekreuzt. Edle Damen zeigen, was es hieß, Fränkin oder Wikingerin zu sein. (…)

Der Punkt bei der Geschichte ist, das ich einer der Gäste bin und endlich auch mal wieder was aktiv mache…

Würde mich freuen wenn man sich sieht!

Eigentümliche Fibelabbildungen auf Herrscherbildern der Karolingerzeit

Scheibenfiebeln sind im gesamten Frühmittelalter nichts ungewöhnliches.  Wir kennen wunderbare große Modelle aus Gold und Almandin aus der Merowingerzeit, wir kennen wunderbare Kreuzfibeln, Scheibenfibeln  mit Emaileinlage  aus der Karolingerzeit und Salierzeit usw. Und dennoch wurde mir kürzlich eine interessante Frage gestellt:

In karolingischen Abbildungen sieht man oft Mantelträger, deren Mantel mit einer großen, seltsamen Fibel geschlossen ist. Was ist das für eine Fibel?

Die Antwort ist doch leicht! Das ist eine… Das ist… Ähh…

Bevor ich versuche eine Antwort zu bekommen schauen wir uns zunächst einmal die Handschriften an in denen eine solche Fibel erkennbar ist.

Aus Gründen der Übersichtlichkeit, werde ich nur einige der Abbildungen direkt anführen, bzw. bebildern. Der Stuttgarter Psalter, wohl eine der bekanntesten Handschriften zeigt bisweilen Fibeln an den Mänteln. Da  die Zeichnungen zwar ausführlich, aber nicht detailreich sind (Fibeln erscheinen nur als kreisförmige Gebilde ohne weitere Details) lässt es sich schwer sagen ob hier einfache Scheibenfibeln oder größere, aufwendigere Modelle dargestellt sind, auf deren Suche ich mich ja befinde.

Fibel2
Fibelkonstrukt Lothars aus dem Lotharpsalter (klick mich)

Die Herrscherdarstellung des Codex Aureaus von St. Emmeram (ca.870Reims) zeigt Karl den Kahlen auf dem Thron sitzend. Auf seiner rechten Schulter ist ein Objekt, welches als Fibel identifiziert werden darf. Bei dieser Darstellung gibt es jedoch Auffälligkeiten die darauf hinweisen das es sich nicht um eine „profane“ Scheibenfibel handelt. Dieselbe Auffälligkeit findet sich auch im Psalter Lothars (Tours ca. 850).

In beiden Darstellungen steht die Fibel von der Schulter ab. Im Falle des Lothar Psalters erscheint es sogar als wäre der Mantel mit einer Dreiknopffibel der Völkerwanderungszeit geschlossen, deren Knöpfe jedoch nach oben zeigen entgegen der üblichen tragweise nach unten, während im Codex Aureus von St. Emmeram am Ende des Bügels etwas wie ein Vierpass zu erkennen ist.

fibel1
(Klick mich)

Erkennbar ist diese Art der Fibel auch in der Bibel von St. Paul vor den Mauern (Tours ca. 870). Hier ist fol CCCXXIV Karl der Kahle abgebildet, dessen Mantel mit einer kreisrunden Fibel geschlossen wird, aber wieder drei Finger nach oben abstehen und die nach unten rechteckig ausläuft. Mein erster Gedanke es könne sich um kunstvoll nach oben gedrehte Mantelteile handeln, die mit einem Band umwickelt wurden auf das dann die Fibel gesteckt wurde, musst ich nach einer genauen Prüfung von Drucken mit dem Fadenzähler fallen lassen (siehe Bild ).

Ebenfalls in der Bibel von St. Paul vor den Mauern ( fol. CCCXXXIV)findet sich eine Abbildung König Salomons. Hier ist ein rechteckiges Gebilde als Schließe erkennbar, das recht sicher als Gleicharmfibel identifiziert werden darf.

Das Lothar Evangeliar (ca. 850 Tours) zeigt den Herrscher, gerahmt von Creti und Pleti, mit einer scheibenförmigen Schließe auf der rechten Schulter, aus der zwei goldenen Bänder herab hängen.

In gleicher Art ist auch die Fibel in der Herrscherdartstellung Karls des Kahlen in der Vivian Bibel (ca. 845 Tours)dargestellt. Eine Verzierte Scheibe auf goldenen Bändern.

Im Sakramentar Karls des Kahlen (ca. 870 Tours) ist wieder der Herrscher mit einer scheibenförmigen Fibel dargestellt die den Mantel schließt. Sie erscheint zwar größer als die einer einfachen Scheibenfibel, aber auch nicht sonderlich dominant groß oder prunkvoll (Vergleiche hier die Darstellung der Riemenzunge zur Fibel).

Fassen wir also zusammen: Große (Prunk-)Fibeln finden sich auf Herrscherdarstellungen. Es scheint 2 dominante Typen zu geben:

  1. Eine Form der Bügelfibel im weitesten Sinn, die auf Grund ihrer Verzierung von mir zuerst der Begriff „asymetrische Gleicharmfibel“ in den Sinn kam( lassen wir mal  Salomon außen vor). Diese erscheint lediglich  im Psalter Lothars, Codex Aureus von St. Emmeram.  Aber auch in der Bibel von St. Paul vor den Mauern.  Auf diese Fiebeln muss  genauer eingegangen werden muss
  2. Große Scheibenfibeln.  Sichtbar in Handschriften unterschiedlichster Herkunft

Während sich groß, bzw. größere Scheibenfibeln (Durchmesser >4cm )  recht leicht als byzantinische Importe, oder etwa byzantinisch inspirierte Werke angesehen werden können1, verhält es sich mit erstgenannten Fibel anders.

Versuch die betreffenden Fibeln bildichdarzustellen
Versuch die betreffenden Fibeln bildlich darzustellen

Vom Grundaufbau sollte es sich zunächst um Bügelfibeln im weitesten Sinne handeln.  Doch allein schon mit dieser Begrifflichkeit verzettele ich mich in Wiedersprüche, denn die Bügelfibel war Bestandteil der Frauentracht und kam zudem im 7. Jahrhundert auf dem Kontinent aus der Mode.  Unsere Abbildungen stammen jedoch aus der aus der Mitte des 9. Jahrhunderts! Eine Zeit in der lediglich die gleicharmige Bügelfibel noch auftritt, aber im Fränkischen Reich auch nur noch in Nordhessen, den Küstengebieten und Ostsachsen.2

Ein anderer Ansatz ist nun die Herkunft der Abbildungen und ihren Hintergrund zu erfragen.  So  stammen alle drei Abbildungen aus den Werkstätten der Hofschule, bzw. deren Nachfolge nach der Zerstörung von St. Martin Tours durch die Nordmänner.  Trotz umfangreicher Suche konnte ich diese Fibeldarstellung auch nur bei den Brüdern Lothar I. und Karl dem Kahlen feststellen.  Bei anderen karolingischen Herrschen waren nur Scheibenfibeln zu erkennen, dies gilt sowohl für illuminierte Handschriften, als auch für Siegel und Münzen.

Am ehesten ähnelt das Objekt auf Lothars Schulter einer angelsächsischen Breitkopffibel. Doch auch die wurden in aller Regel von Frauen getragen und waren längst aus der Mode. Auch kann es sich nicht um ein englisches „Erbstück von der Oma“ handeln, da noch keine engeren Verwandtschaften nach England bestehen.  Und doch könnte dies einen entscheidenenden Hinweis geben! Denn tatsächlich gibt es im Norden, vorallem in Skandinavien noch die Nutzung von Bügelfibeln, den sogenannten disc-on-bow brooches bis etwa 10503.

Aber fassen wir bis hier noch einmal zusammen:  Die Brüder Lothar I. und Karl der Kahle, lassen sich in der Zeit von 840-8704 von Mitgliedern der Hofschule bzw. deren Nachfolge mit Fibeln abbilden, die aus der Zeit geschlagen zu scheinen.
Beide müssen etwas gemein haben, das sie von ihrem dritten Bruder Ludwig dem Deutschen unterscheidet. Etwas das so einschneidend ist das man auf repräsentativen Darstellungen nicht etwa byzantinische Scheibenfibeln mit Pendilien trägt, sondern eben Fibeln deren Art, die für den Kontinent eigentlich als veraltet gelten.

Theorie: Hier könnte das Schlüsselwort tatsächlich Skandinavien, bzw. Wikinger oder Nordmänner sein.
Ab den späten 830 Jahren wird Westfranken und Lothars Mittelreich wiederholt das Ziel schwerer Einfälle der Nordmannen, während das Ostreich nur am Rande betroffen ist. Dorestadt wird mehrfach geplündert und 863 zerstört, Paris 845 schwer in Leidenschaft gezogen, Rouen 855 geplündert und vor allem wird die Hofschule in St. Martin in Tours 853 zerstört.

Button-on-bow broochaus Gotland 10. Jahrhundert. Bild: cc-by-sa Mary Harrsch Flickr: https://www.flickr.com/photos/mharrsch/21179163629/in/photolist-ygwKtB
Button-on-bow brooch aus Gotland  ca.10. Jahrhundert. Bild: cc-by-sa Mary Harrsch Flickr: https://www.flickr.com/photos/mharrsch/21179163629/in/photolist-ygwKtB

Mir erscheint es zur Zeit so als wurden die beiden Herrscher zu einer Zeit der Wikinigereinfälle entweder mit Beutestücken dargestellt um sich als Sieger über die Feinde aus dem Norden darzustellen ( Vergleiche hier Arnulf von Kärnten und die Ausstellung erbeuteter Banner der Nordmänner in St. Emmeram in Regensburg ) , oder aber die Mönche, die die Abbildungen fertigten, fügten diese als kleine Spitze ein um den Herren zu mahnen aktiv gegen die Feinde vorzugehen.

Das nun ausgerechnet die ach so „männlichen“ Wikinger mit einer Frauenfibel herum gelaufen sein sollen, ließe sich auch mit dem Beinamen der oben abgebildeten Fibel begründen.  Diese oben abgebildete Fibel wird mit  Brisingamen gleichgesetzt. Dabei handelt es sich um ein mythisches, von Zwergen geschmiedetes Kleinod , welches in aller  Regel auch als „Halsschmuck“ bezeichnet wird. Auch im Beowulf taucht ein Schmuck namens Brosinga mene auf, den  König Ermanrich am Ende besitzt.  Sollten nun solche Fibeln mit dem Brisingamen Freyas gleichgesetzt gewesen sein, ließen sich diese als Abschiedsgeschenk der  daheim gebliebenen Frauen erklären , denn Freya war es die die die Hälfte der in der  Schlacht gefallenen Krieger beanspruchen darf und wird auch mit Bifrost in Verbindung gebracht.

Aber auch byzantinische Anleihen des Schmuckes halte ich dennoch nicht ausgeschlossen, auch wenn ich für die Fibeln keinerlei byzantinisches Vorbild fand , denn der Hof Karls des Kahlen galt als Zentrum der Byzantintisierung. Es wird berichtet das Karl sich 869 als novus constantinus ausriefen lies und in Ponthion graecisco more paratus et coronatus – nach griechischer Art gekleidet und gekrönt auftrat.5

Dies ist nur eine Theorie! Ich bitte das zu beachten und würde mich freuen wenn jemand andere Theorien hat. Ich bin definitiv für alles offen und auch letztendlich nicht ganz zufrieden mit meiner eigenen Begründung. 

  1. vergleiche hierzu auch Mechthild Schulze-Dörrlamm  „Eine goldene, byzantische Senkschmelzfibel mit dem Bild der Maria Orans aus dem 9. Jahrhundert- Entstehung und Deutung karolingischer Heiligenfibeln“ []
  2. Fibel und Fibeltracht S. 178 []
  3. letzte Funde aus Gotland, verschwinden  der disc on bow brooch mit der Christianisierung []
  4. Bevor jetzt einer mault: Natürlich ist Lothar bereits 855 gestorben… []
  5. Ute Schwab , Die vielen Kleider der Passion in Theodisca S.323 []

Buchveröffentlichung: Auf den Spuren Karls des Großen in Ingelheim

ingelheimWer sich Literatur über die Pfalz Ingelheim zulegen wollte, war bislang auf Einzelveröffentlichung wie „Die Grabungen in der Königspfalz zu Nieder-Ingelheim in den Jahren 1960-1970“, Sammelveröffentlichungen wie Bindings „Deutsche Königspfalzen“ oder schwere Fachliteratur wie „Pfalz und Fiskus Ingelheim“ angewiesen.
Im Karlsjahr 2014 wurde dies mit der Veröffentlichung „Auf den Spuren Karls des Großen in Ingelheim , Entdeckung – Deutung – Wandlung“ aus dem Imhofverlag behoben.
Als Herausgeber der im Auftrag der Stadt Ingelheim erschienen Publikation fungiert Forschungsleiter Holger Grewe M.A., der auch die meisten der Beiträge beisteuert.

Das im A4 Format vorliegende 143 Seiten fassende Buch gliedert sich in fünf Abschnitte: Teil I Spurensuche in der Schriftüberlieferung , Teil bildet „Spurensuche in der Kaiserpfalz“ und befasst sich mit Archäologie, Bauskulptur und final mit der Goldmnünze Karls des Großen. Als dritter Teil folgt „Metarmophosen: Palast- Ruine -Denkmal“ und folgt Pfalzanlage bis in die Gegenwart. Als vierter Teil folgt „Entdeckungen: Ausgrabung und Bauforschung“. Hier wird die Wiederentdeckung der Anlage ab dem 16. Jahrhundert und die ersten Ausgrabungen behandelt, wobei die Erwähnung einer Brechstange im zweiten Unterkapitel bereits ahnen lässt wohin der Weg führt.
Der letzte Abschnitt trägt den Titel „Spurensuche in der Gegenwart“. Gerade in diesem Teil weiß mich das Buch zu überzeugen und erläutert Fragen wie etwa warum nicht die Pfalz oder Teile davon wiederaufgebaut wird und wie während Sanierung vorgegangen wird.
Gerade dieser Abschnitt sollte doch von vielen gelesen werden die in einem Denkmalgebiet leben. Aber auch sonst sind diese Beiträge höchst interessant vermitteln sie doch wie sich die Auffassung von Archäologie und Wissensvermittlung geändert haben.

Das Buch ist generell gut zu lesen, auch wenn die Texte dem ungeübten in der Materie hin und wieder ein wenig kompliziert vorkommen könnten, so etwa wenn Caspar Ehlers über einen Hoftag eher beiläufig erwähnt das er unter den Begriffen synodus und auch generalis conventus auftaucht. In der Regel hält man sich jedoch daran Begriffe zu erläutern, so findet sich dann auch hinter „Dreikonchenbau“ der in Klammern gesetzte Einschub mit der Erläuterung was denn überhaupt eine Konche ist.
Viele, auch großformatige, Farbbilder erläutern die dargestellte Materie, auch wenn man wohl die meisten der Bilder bereits kennt wenn man in der Materie ist.

Zwar richtet sich das Buch, wie bereits angedeutet, eher an den interessierten, denn den versierten Leser, ist aber jedem nahe zu legen der sich für die Geschichte und die Architektur der Pfalz Ingelheim interessiert. Zumal man so kompakt die Informationen nicht noch einmal bekommt.

Auf den Spuren Karls des Großen in Ingelheim , Entdeckung – Deutung – Wandlung
Holger Grewe (Hg), Michael Imhhof Verlag
ISBN 978-3-7319-0074-0
19,95€
 

Die karolingische Tunika III – Mehr als ein Schnitt

Bevor ich mich weiter in Beschreibungen und Erörterungen von Kleidungsverzierungen ergehe möchte ich heute zunächst einmal auf den Schnitt der karolingischen Tunika eingehen. Und das hat auch so seine Gründe.

Als ich mich erstmalig mit Reenactment befasste, so um 2000 herum, war der Tenor einhellig was eine Karolingerdarstellung anging: „Bist du wahnsinnig? Da gibts doch nicht mal Klamottenfunde!“

Ganz so falsch ist die Aussage nicht, aber eben auch nicht richtig, denn tatsächlich gibt es den Fund einer Tunika die nah an das 9. Jahrhundert heranreicht.
Es handelt sich dabei um die Tunika des Mannes von Bernuthsfeld. Jene wird nach einer C14  Datierung  in die Zeit zwischen  680 und 775 n. Chr. verortet.

Die Halspartie scheint ähnlich der kürzlich in Norwegen gefundenen Lenbreen Tunika aus der späten römischen Kaiserzeit zu sein ( Link ). Auch ihr gesamter Schnitt zeigt noch analogien zu älteren Tuniken, wie etwa der Thorsberg Tunika. Zwar ist die Thorsbergtunika an den Seiten nicht fest vernäht, ihr Grundschnitt ist jedoch nahezu identisch.

Der Schnitt der Bernzhsfelder Tunika entspricht einem(!) der im Stuttgarter Psalter verwendeten Schnitte. Tatsächlich gibt es im Stuttgarter Psalter mehr als einen Schnitt:

Stuttschnitt

Schnitt 1 entspricht dem der Bernuthsfelder  Tunika: ein gerader, seitlich geschlitzter Schnitt. Schnitt 2 jedoch ist deutlich weiter ausgestellt, soweit das es dem Träger möglich ist den Rocksaum unter den Gürtel zu stecken der vom langen Brustteil der Tunika verdeckt wird. Dabei besitzt der Rock keine (erkennbare) seitliche Schlitzung. Diese Tragweise taucht in späteren Illuminationen immer mal wieder auf, wobei die Träger in der Regel irgendeiner Tätigkeit nachgehen. Hier lassen sich Analogien zur hochgebundenen Bruche im Hochmittelalter bei Arbeitenden erkennen.
Spätere Bilderhandschriften zeigen sich wie folgt:

  • Vivan Bibel (ca.845): seitlich geschlitzt, weiter Schnitt
  • Psalter Karls des Kahlen (842-869): keine Schlitzung. weiter Schnitt, zum Teil hochgerafft
  • Goldener Psalter von St.Gallen (nach 850): vereinzelte Schlitzung, weiter Saum
  • Bibel von St.Paul vor den Mauern (ca.870): keine Schlitzung, weiter Schnitt
  • Codex Aureus von St. Emmeram (ca.870): keine Schlitzung erkennbar, weiter Schnitt
  • Sakramentar Karls des Kahlen (ca.870): extrem kurze Schlitzung, weiter Saum,

Es scheint sich zu zeigen, dass während der Entstehungszeit des Stuttgarter Psalters (ca. 825) der gerade Schnitt der Tuniken aus der Mode kommt und sich nach und nach ein weiter Schnitt durchsetzt, der durchaus noch geschlitzt sein kann. Diese Schlitzungen treten häufig bei stärker verzierten Tuniken, gelegentlich auch so kurz , oder nur angedeutet, das sich für die Schlitzungen kein Nutzen ergibt. Sie scheinen daher ein Statussymbol zu sein im Sinne von : „Ich kann es mir noch leisten wie mein Opa einen Schlitz ins Kleid zu machen ohne das es einen echten Sinn hätte.“
Daraus stellt sich die Frage wie nun die Weitung des Rockteils erzielt wurde. Auch hier bin ich der Meinung das der Psalter mögliche Antworten bereit hält:
weitung

Auf der linken Seite zeigen sich drei Tuniken mit weiten Saum, rechts dagegen, zum Vergleich, eine gerade, seitlich geschlitzte Tunika.
Es fällt auf das sämtlichst ein Faltenwurf im Bereich des Schritts dargestellt wird. Zum einen stellt er den Verlauf der Beine dar und somit das Bild plastisch, aber zum Teil scheinbar auch den Nahtverlauf. Ich gehe daher davon aus das es sich nicht um einen einfachen Keil handelt der den unteren Bereich der Tunika aufweitet, stattdessen vermute ich das der gesamte untere Rockteil aus Trapezen angesetzt war. (Hier die Abbildung eines alanischen Kaftans aus byzantinischer Seide, dessen Rockteil entsprechend konstruiert ist)
Ein komplett angesetztes Rockteil würde auch den Verlauf der zentralen Clavi begünstigen, die im Gürtelbereich verschwindet. Wahrscheinlich an der Naht an der die Rockteile anetzten.

 

Der Saum der Handgelenke liegt durchweg eng an. Dies kann auf mehreren Wegen bewerkstelligt werden. So kann die Armröhre am unteren Ende so verengt werden werden, das die Hand eben noch so hindurchpasst. So geschehen bei meiner aktuellen Tunika.

Irgendetwas, ein eher unbestimmtes Bauchgefühl, sagt mir aber das dies nicht der goldene Lösungsweg ist. Ich sah mich daher ein wenig um. Fündig wurde ich in der Thorsberg Tunika, die zwar älter ist, aber zumindest noch den selben Grundschnitt aufweist wie die Tunika des Mannes von Bernuthsfeld. Auch hier sind die Ärmel eng gehalten, jedoch die unteren 12cm des Armes keilförmig geschlitzt.Interresanter Weise besitzt auch die Hose von Skjodehamn eine solche Schlitzung um den Füßen das durchschlupfen durch die engen Hosenbeine zu erleichtern. Ich halte dies für eine durchaus praktikable Lösung für die karolingische Tunika.

Auch der Kragen, bzw. der Halsauschnitt gibt mir zu Denken. Auch hier hatte ich mich seiner Zeit für die einfache Schlupflösung mittels eines kreisförmigen Halsausschnittes entschieden. Doch das auch die Tunika von Bernuthsfeld einen seitlichen Auschnitt aufweist, der im Übrigen einen gut verdeckten Eindruck macht gab mir zu denken.
Da andere Bildquellen den Halsauschnitt fast immer durch einen Mantel verdecken, suchte ich erneut den Stuttgarter Psalter ab um Hinweise zu erlangen. Tatsächlich fand ich einige Darstellungen, die Überlegungen zulassen:

kragen

Natürlich lässt sich zu den Bildern die Vermutung aufstellen, dass es sich bei den Strichen, die der zentralen Clavi auf den Kragen folgen, um Fehler, Reste der Vorzeichnung oder ähnliches handelt. Und dennoch halte ich es für wichtig sich dies einmal näher anzuschauen und zu hinterfragen.
Zunächst einmal sollte man fragen ob es diesen seitlichen Schlitz im Kragen auch noch später gab. Und tatsächlich gibt es ihn an der Dalmatica Heinrichs II/ Kunigundes (Träger ist leider nicht klar) Hier tauchen im übrigen auch wieder Kreisverzierungen auf!! (Bild)

Auch die Skjoldehamn Tunika weist eine ganz ähnliche Kaschierung des Auschnittes auf. (Ich spreche hier nicht über die oftmals nachgescheiderte „Übertunika“ sondern die etwas unbekanntere „Untertunika“ Abbildung des Schnittes hier,  die ganze Tunik (pinterest) und der Auschnitt (pinterest) )

Ebenfalls beachtenswert in diesem Zusammenhang ist die byzantinische Tunika aus den türkischen Mazan Höhlen, die ins 9. Jahrhundert datiert wird. (Abbildungen mit Schnittmuster). Auch sie verblendet den eigentlichen Halsauschnitt.

Tatsächlich scheint also das Verdecken des eigentlichen Halsauschnittes nichts ungewöhnliches zu sein. Daher keimt in mir die Frage auf ob die Tuniken etwa einen Schlüssellochauschnitt besaßen, der dann mittels der Halsverzierung verdeckt wurde. Ganz  ähnlich eben den Auschnitten an der Tunika aus den Mazan Höhlen oder der Tunika von Skjoldehamn.
Eine Begründung für diese Vorgehensweise  könnte das Schamgefühl sein. Könnte doch ein offener Ausschnitt mitunter zu viel „Dekolletee“, bzw. zu tiefe Einblicke ermöglichen, vergleichbar mit dem herumlaufen in Unterwäsche.

KittelTest Eine Tunika wie ich sie im vorangegangenen Text beschrieben habe,  könnte nun so aussehen wie links dargestellt.

Ergänzend sollten wir noch einen Blick auf das Bildnis des Markgrafen Gero werfen, welches in der Stiftskirche Gernrode hängt. Gero starb 965. Es gilt als sicher das das heutige Bild Geros, welches um 1540 entstand, eine Abzeichnung einer möglichen Grabplatte darstellt bevor diese erneuert wurde. Dafür spricht auch, das das fast gleiche Bildnis auf einer Siegelfälschung aus der Zeit um 1200 auftaucht.

Geros Tunika ist, zuminest im Bereich des Rocksaums noch wesentlich weiter geschnitten als die Abbildungen der Tuniken des 9. Jahrhunderts. Soweit das man sogar davon ausgehen könnte das er gerafft ist und ebenfalls separat angesetzt wurde.  Der Kragen scheint nun sehr weit zu sein und es sich tatsächlich um einen Schlupfkragen zu handeln. Übrigens trägt Gero auf dem Bild eine rote Kappe.

Eine Quick-and-Dirty Rekonstruktion der Johanniskirche

Nach meinem Besuch hat mich die Johanniskirche nicht losgelassen, zu unterschiedlich sind die Raumeindrücke im Urzustand und heute. Ich habe daher eine schnelle Reko angefertigt. Sie achtet nicht wirklich auf die Bemaßung und ist nur Pi mal Daumen erstellt, versucht aber sich an die Vorgaben zu halten.
Ich habe mich dabei entschieden auch Krypta und Chorbereich einzufügen. Vorlage war dabei ein Text von Frau Mechthild Schulze-Dörrlamm, die sich hier findet. Schulze-Dörlamm stellt dabei die Frage ob es sich bei der Darstellung auf der Chorschranke aus dem alten Dom nicht um eine Architekturdarstellung des Altarbereichs handelt. Ich habe mich dabei entsprechend an ihre Vorlage gehalten.

Was den Chor angeht so ist man sich (noch) nicht einig wie er aussah. Ich folge hierbei von Winterfeld und Anderen, die den heutigen Chor, der entgegen gotischer Gepflogenheiten in der Region fast quadratisch ist, als Fortführung eines karolingischen Rechteckchores sehen. Die Andere Schiene geht etwa Wegener (1988), der einen Halbkreischor vermutet.

Der Betrachter im Bild steht in der Vorhalle und blickt durch den Bogen in das ca. 13 x 13m große Schiff und weiter zur fast gleichgroßen Vierung in die die Krypta hineinragt. Die Eingänge in die Krypta führen aus dem Querhaus hinunter etwa dort wo die Treppen hinauf führen.  Die Positionierung der Krypta versucht somit Befund der potentiellen Kryptentür und der Idee von Schulze-Dörlamm gerecht zu werden.

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Ein Besuch der Grabungen in der Johanniskirche Mainz

Eigentlich hätte es nur ein kleine Grabung werden sollen als bei der Sanierung im Juni 2013 in der Mainzer Johanniskirche, dem alten Dom, einige Mauerreste auftauchten. 3 Wochen waren angesetzt doch nun gräbt man seit über einem Jahr.

Am vergangenen Wochenende nun konnte ich mich gemeinsam mit Terraplana e.V. über den momentanen Stand der Grabungen informieren. Die Führung übernahm Grabungsleiter Dr. Ronald Knöchlein von der Direktion Landesarchäologie Mainz.

Betritt man im Moment die Jaohanniskirche, gleicht diese mehr einem im Bau befindlichen Schwimmbad. Zumindest kann man diesen Eindruck gewinnen, wenn man vor der knapp 2m tiefen Baugrube im Inneren steht und man kann erahnen was noch alles hier zu tun ist.
Dr. Knöchlein begann seine Ausführungen mit dem Hintergrund zur Johanniskirche. Es ist zu vermuten das sie sich auf dem Areal befinden auf dem in römischer Zeit das Forum lag. Wann hier eine erste Kirche entstand ist ungewiss, sicher aber gab es eine unter Bischof Sidonius im 6. Jahrhunder, wenn auch unklar ist ober eine bestehende Bischofskirche sanierte oder neu erbauen lies. Diese Kathedralkirche, wie der heutige Dom ebenfalls dem fränkischen Staatsheiligen Martin geweiht, war Teil einer Kirchenfamilie die durch eine Marienkirche im Norden (am heutigen Gutenbergplatz gelegen) und einer Taufkirche, deren Position unbekannt ist, kompetiert wurde. Es ist zu vermuten das die Taufkirche Johannes dem Täufer geweiht war. Nachdem der neue Dom dem heiligen Martin geweiht wurde erhielt der alte Dom das Patronizium der Taufkirche. Auch die Marienkirche wurde aufgegeben und durch die Liebfrauenkirche (auch Maria ad gradus, Mariengreden) als Vorkirche des neuen Doms ersetzt.

Die Bauteile die wir heute noch sehen können stammen größtenteils aus der Zeit Bischof Hattos und somit aus dem späten 9. und frühen 10. Jahrhundert. Sie werden als Bau II, bezeichnet während die fränkische Vorgängerkirche als Bau I bezeichnet wird.

Blick auf die freigelegten Teile der Arkaden
Blick auf die freigelegten Teile der Arkaden
Der Raumeindruck den die heutige Johanniskirche bis vor kurzem vermittelte war ein Eigenartiger. Ungewöhnlich breit erschien das Kirchenschiff, zu breit für die Höhe. Dabei aber auch wieder zu hoch für die niedrigen, vermauerten Arkaden, die, gedrungen wie sich darstellten einen hochromanischen Eindruck hinterließen. Oder kurz gesagt: irgendwas stimmte hier nicht mit den Dimensionen.
Das da was nicht stimmte war auch schon anderen aufgefallen, weshalb man davon ausging das der ursprüngliche Laufhorizont tiefer liegen musste. Doch das die Pfeiler fast noch einmal so tief in den Boden reichten, wie sie darüber lagen ahnte fast niemand, obwohl Kautsch bereits 1909 von einem 2,65m tiefer liegenden Laufhorizont ausging.

Im Kirchenschiff, gleich links der Vorhalle die ehemals einen Ostchor bildetet, fand sich im Langhaus ein Altarsockel im Boden der in knapp 2m tiefe auf einem Plattenboden aus dem 12./13. Jahrhundert stand. Noch ein kleines Stück darunter war dann an der Wand endlich die Basis der Pfeiler von Bau II. erreicht. Doch auch noch darunter fand sich ein Boden, wohl von Bau I. Man hatte also den ursprünglichen Boden des Hattobaus erreicht. Und ohne die Auffüllungen in der Kirche wirkt nun der Raum vollkommen anders. Die niedrigen Arkaden wachsen nun in ungeahnte Höhen und wirken nun Schlank und filigran.

Auch der Chor brachte Überraschungen. Der gotische Chor war mit Schutt aus dem Zweiten Weltkrieg verfüllt unter dem man den gotischen Boden fand. Diesem fehlten aber die rechteckigen Sandsteinplatten, die ihn einst bedeckten. Sie hatten jedoch im Mörtel sichtbare Abdrücke hinterlassen. Einer dieser Abdrücke war jedoch besonders. Er zeigte den Abdruck einer mit Flechtwerk verzierten Chorschranke, der zu jener passte die bereits 1906 gefunden worden war. Ein Chorabschluss konnte jedoch bis jetzt nicht gefunden werden. Wie also der Westchor der Kirche aussah muss also zunächst offenbleiben. Die Vermutungen pendeln zwischen halbrunder Apsis und Rechteckchor, wobei viele dem Rechteckchor den Vorzug geben da sich so der eigenwillige gotische Chor erklären ließe.

Unser Weg führte uns nun durch die ehemaligen Seitenschiffe ins Frei und nun wieder in die Kellerräume der Kirche, von wo aus auch die Baugrube zu erreichen ist. Der Weg führte uns in einen kleinen Seitenraum, der ehemals für Öltanks genutzt wurde. Hier konnte man nun die bereits erwähnte karolingische Säulenbasis sehen, die im Gegensatz zur Kirchenschiffseite noch voll plastisch ausgeformt war.

Zwischen Langhauswand und Außenmauer, die ebenfalls auf den Mauern von Hattos Seitenschiffen aufbaut befinden sich die Reste einer weiteren Mauer. Sie ist in ihrer Mauertechnik ähnlich fein säuberlich wie römische Mauern aufgebaut, ihrem Mörtel fehlt jedoch der typische Ziegelklein. Die Mauer ist Bau I des Sindonius zuzuordnen. Direkt an die Mauer angelehnt fand sich eine gemauerte Grabkammer in der einst ein Holzsarg lag. Die hier bestatte Person muss hochgestellt gewesen sein, war jedoch bis auf ein undefinierbares Stück Metall auf dem Oberarm beigabenlos.

Am Eingang in den Kellerbereich findet sich noch ein weiteres Schmankerl. Knapp über dem heutigen Boden befindet sich der Bogen eines Durchganges in der Wand, der in oder unter den Altarraum führen würde. Es wird vermutet das es sich um den Zugang in eine Krypta handelt. Zur Zeit wird hier am Gewände des Durchgangs nach unten gegraben, in der Hoffnung auf die Treppen der Krypta zu stoßen.

Leider vergaß ich Herrn Dr. Knöchlein über die Westung der Kirche zu fragen, denn genau wie der heutige Dom ist auch die Johanniskirche gewestet. Im Regelfall befindet sich die Krypta jedoch unter dem Hauptaltar, was bedeuten würde das auch die Johanniskirche bzw. der alte Dom gewestet gewesen wäre.Dies wiederum würde der Vermutung Willigis habe den neuen Dom gewestet um ihn Alt-St. Peter in Rom ähnlich werden zu lassen. Er hätte ihn also nur gewestet um in der Tradition des Vorgängerbaus zu stehen.

Im Anschluß gingen wir mit Herrn Dr. Knöchlein noch essen, wobei mir eines nicht aus dem Kopf ging. Als wir in der Kirche waren und ich den ursprünglichen Zustand vor meinem inneren Auge rekonstruierte, fielen mir immer mehr Parallelen den Bauten Hattos auf der Reichenau auf. Allen voran die ausgeschiedene Vierung. Ich Sprach Dr. Knöchlein darauf an und tatsächlich sind es diese Parallelen die es den Historikern erlauben den Bau Hatto zu zuzuordnen, denn entsprechende archäologische Funde gibt es bisher leider nicht. Die Füllschichten waren bisher frei von jeglichen Scherben. Aber das könnte sich noch ändern!
Die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau hat beschlossen das Bodennivau auf das des 12. Jahrhunderts abzusenken um so den ursprünglichen Raumeindruck wieder herzustellen. Für Dr. Knöchlein bedeutet das noch eine ganze Menge Arbeit und wahrscheinlich auch noch einige überraschende Funde. Wir dürfen gespannt sein.

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