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Tunikaverziehrungen und mögliche Vorbilder – Ein Brainstorming

Seit einigen Tagen bin ich mit einigen Details meiner Tunika-Suche nicht mehr ganz glücklich. Wobei es wohl aber nur eine Frage der Ergänzung bzw. des Zusammenhangs ist.

Im Rahmen der Ulrichsdamatik durchwühlte ich natürlich eine Menge historischer Messgewänder, war irgendwann beim Rationale und damit auch beim Superhumerale in seiner kirchlichen Fassung.  Und hier beginnt mein Kopfzerbrechen.

Das Superhumerale war, bevor es in unser Region eine religiöse Form erhielt, ein Herrschaftszeichen. Bereits spätantike Herrscher und Herrscherinnen trugen es. Am bekanntesten ist wohl die Darstellung Theodoras, der Frau Justunians, auf den Mosaiken Ravennas mit Superhumerale. Es taucht aber auch immer wieder auf späteren Darstellung bis weit ins Hochmittelalter auf. Es verschmiltz bei der Männerkleidung bisweilen mit dem Loros, auf das wir auch gleich kommen werden. Die Ähnlichkeit des Superhumerale als Kreisrunder, reichbestickter Stoffkragen, bzw. Collier mit dem Kragenbesatz karolingischer Tuniken ist frappierend. Besonders extrem wird diese Ahnlichkeit bei Superhumeralen die Streifen auf die Ärmel und auf Front und Rücken besitzen.
Es scheint so als haben die Karolinger ihre Tunikenbesätze nach Vorbildern byzantinischer Herrschaftskleidung gefertig, bzw. diese adaptiert.

Doch stellt sich die Frage ob es denn überhaupt byzantinische Kleidungsstücke gab, die sich in veränderter Form auf, oder als Inspirationsquelle für Kleidungsstücken unserer Breiten erweisen.

Tatsächlich fand ich in Bamberg, bzw. in Folge meines Bambergsbesuchs einen Hinweis.
So wird auf S. 67 von „Gekrönt auf Erden und im Himmel – Das heilige Kaiserpaar Heinrich II. und Kunikunde“ über die Tunika Heinrichs II, bzw. Tunika Kunigundes (wirklicher Träger unbekannt) geschrieben das es sich bei dem asymmetrischen Halsauschnitt um die Adaption eines byzantinischen Loros Handeln könnte. (Die Veröffentlichung bezeichnet den Halsauschnitt als „ohne Vergleichsbeispiel“. Wie wir jedoch bereits gesehen haben gibt es eine Vielzahl von Ausschnitten die nicht zentral und auch nicht symmetrisch sind, eine prominentes Beispiel ist etwa die blaue Tunicella aus den Reichskleinodien. Bezieht sich die Aussage auf die verzierten Beläge als solches stimmt dieses jedoch). Der Loros ist mit dem Superhumerale verwand und besteht aus einem Langen, reichverzierten Schal der kunstvoll um den Körper gewunden wird.

Ein weiteres Stück, welches scheinbar die Übernahme aus klerikaler Verwendung findest sich auf der Alba aus den Reichskleinodien. Hier wird die Rationale in ihrer Urform als Brustschild in Stickereien nachgebildet.

Nun, da ich diese Gedanken niedergeschrieben habe, bemerke ich etwas. Nicht zwingen muss es sich um byzantinische Vorlagen für die Übernahmen handeln, denn all diese Elemente kommen oder kamen auch in nahezu gleicher Verwendung an oder auf klerikalen Gewändern vor.
Dies könnte bedeuten ,das die Übernahme von klerikalen Gewändern erfolgte. So wie sei auch bei den Kleidungsstücken der Reichskleinodien erfolgte (darüber wird noch gesondert zu schreiben sein) um das Gottesgnadentum auch symbolisch in der Kleidung zu zeigen.

Sollte sich jemand hierzu einmal Gedanken gemacht haben, würde ich mich über ein Feedback freuen.

Die karolingische Tunika II – Historisierende Clavi oder Zeichen der Fremdartigkeit?

Im Stuttgarter Psalter findet sich eine speziell Form der Clavi auf Tuniken. Es finden sich, neben den zentralen Clavi deren Ende vom Gürtel verdeckt scheint, den bereits behandelten durchlaufenden,  auch solche die bis auf die Oberschenkel reichen und dort in einem Kreis auslaufen. Sie bereiten mir ein wenig Kopfzerbrechen.

Es ist weniger ihre Form, oder das zu rekonstruierende Aussehen, welches mir Kopfzerbrechen bereitet. Es ist die Begründung dafür, das Warum.

Darstellung des Stuttgarter Psalters im Vergleich mit spätantiker Clavi
fol 7 v Darstellung des Stuttgarter Psalters im Vergleich mit spätantiker Clavi

Die Abbildung links im Vergleich mit einer spätantiken Clavi zeigt eindeutige Parallelen. Wie auch das spätantike Original wird auch die Abbildung des Stuttgerter Psalters vor der Kreisform deutlich Schmaler und auch die Kreisdarstellungen passen wieder  überein.

Es erscheint mir am wichtigsten sich die Darstellungen der Träger noch einmal genau anzusehen.

Wie bei jeder mittelalterlichen Handschrift, Malerei o.Ä. wurde auch im Stuttgarter Psalter auch mit Stereotypen gespielt. Dies erleichterte dem Betrachter, der nicht zwingend lesen oder schreiben konnte, das gesehene einzuordnen. Es ist also auf die Darstellung der Personen zu achten.

Hier nun alle Darstellungen mit Angabe des Folios (vorsortiert):

psalter

Zunächst können wir feststellen ,dass es diese Verzierung nur 5 mal im Psalter gibt. Im Vergleich zu anderen Verzierung deutlich die geringste Anzahl. Bei zweien der Träger handelt es sich um Engel, deren Tunika mit Steinen verziert ist. Es folgt ein Zimbelspieler und zwei Krieger (Von rechts nach links).

Bei den Krieger zeigt sich eine Auffälligkeit. Beide sind Bartträger. Wie bereits früher festgestellt ist der Vollbart keine Tracht der Franken. Trug man zu Karls Zeiten noch den an den Seiten herunterhängenden Schnurrbart (Siehe Asterix), so ist der Bart danach passé. Im Psalter tragen daher nur 2 Gruppen Vollbart: Die Propheten, um deren Weisheit zu symbolisieren und Fremde/Feinde um deren Fremdartigkeit zu zeigen. Bei den beiden Kriegern handelt es sich tatsächlich um Feinde, die den jeweiligen Protagonisten bedrohen.

Die Kleidung der Engel ist byzantinischer Tracht nachempfunden, die als herrschaftlich gilt, aber ebenso auch fremdländisch ist, jedoch mit positiver Konotation.

Und dann ist da dieser Zimbelspieler…  Er bereitet mir am meisten Kopfzerbrechen. Mitunter wird die Gestalt auf Folio 84v auch als Gaukler angesprochen. Wohl in der Annahme er balanciere Teller.  Dies ist jedoch absurd, bezieht sich doch die Darstellung u.A. auf Psalm 150:

Halleluja! Lobet den Herrn in seinem Heiligtum; lobet ihn in der Feste seiner Macht! Lobet ihn in seinen Taten; lobet ihn in seiner großen Herrlichkeit! Lobet ihn mit Posaunen; lobet ihn mit Psalter und Harfen! Lobet ihn mit Pauken und Reigen; lobet ihn mit Saiten und Pfeifen! Lobet ihn mit hellen Zimbeln; lobet ihn mit wohlklingenden Zimbeln! Alles, was Odem hat, lobe den Herrn! Halleluja!

Die Darstellung des Harfe spielenden Davids in Begleitung von Zimbelspielern findet sich auch u.A. im Psalter Karls des Kahlen und der Vivian Bibel.

Die Darstellung des Zimbelspielers zeigt in der Regel: Asaph und  Heman , so im Psalter Karls des Kahlen  wo diese durch Ethan und Idithum ergänzt werden, sowie in der der Vivian Bibel, wobei die Vier noch durch die Personifizierung der Leibwachen Krethi und Plethi, bzw. Kreter und Philister (Fremde!!)  erweitert werden. Bei den Vieren Asaph, Heman, Ethan und Idithium handelt es sich um den Chor Davids (vgl. 1.Chronik 15,17, 1.Chronik 15,19) Und ab hier wirds kompliziert! Unser Zimbelspieler ist Heman. Dieser stammt aus der Familie/ bzw. ist Sohn des Machol (1. Könige 4,31), gleichzeitig wird Heman und seine Brüder auch als Söhne des Serach bezeichnet (1. Chronik 2,6) und dieser Serach ist einer der Fürsten oder Könige Edoms. Nun sind die Edomiter zwar auch Hebräer, aber keine Israeliten. Und in den Darstellungen der frühmittelalterlichen Bibeln nehmen die Franken nur die Gestalt der Israeliten an, nicht aber deren Verbündeten,Verwandten oder Freunde.
Uns mag diese Genauigkeit pingelig erscheinen, solche Differenzierungen finden sich aber durchweg in den mittelalterlichen Bibel und auch noch in Renaissancegemälden. Die Clavi könnte also wie zuvor auch ein Zeichen der Fremdartigkeit sein.

vivian
Abbildung des Davidschen Chors mit Leibgarde aus der Vivian Bibel

Ich habe aber noch eine weitere Theorie im Kopf. Gerade die Abbildung der Vivian Bibel verleugnet nicht ihre Herkunft aus spätantiken Vorbildern. Auch der Stuttgarter Psalter hat seine Vorbilder in der Spätantike, die er mit dem byzantinischen Chludov Psalter teilt, bis hin zur gleichen Bildkomposition. Leider liegt mir jedoch kein Digitalisat des Chludov Psalters vor, so dass es mir nicht möglich ist die jeweiligen Szenen zu vergleichen. Es wäre aber durchaus denkbar, dass hier direkt ein spätantikes Vorbild übernommen wurde und somit eine typische spätantike Clavi auf dem Zimbelspieler landete.

 

Gewissheit in Kalkriese?

Kalkriese wurde und wird mitunter als Ort der Varusschlacht angezweifelt. Warum? Wo sind die Massengräbner die Germanicus Jahre nach der Schlacht für die Toten anlegen lies nachdem die Germanen die Toten einfach liegen liesen wie es Tacitus beschreibt?

Doch eine kleine Nachricht in den Grafschafter Nachrichten lässt aufhorchen und nimmt gleichzeitig den Kritikern den Wind aus den Segeln. In Kalkriese kamen im Verlauf der Jahre 8 Gruben ans Tageslicht in den Knochen von Pferden, Maultieren und Menschen lagen. Die menschlichen Überreste lagen einige Zeit im freien bevor sie in den Gruben beigesetzt wurden. Es sollte sich somit um die Reste der toten Legionäre und des Trosses handeln die auf Befehl des Germanicus beigesetzt wurden. Somit wäre Kalkriese klar als Ort der Varusschlacht identifiziert.

Fehlt jetzt nur noch das man die Massengräber der Schlacht von Hastings findet.

Hier die Meldung der Grafschafter Nachrichten und der Osnabrücker Zeitung

Limesinformationszentrum Hof Grass

Das Wochenende habe ich genutzt das Limesinformationszentrum Hof Grass bei Hungen zu besuchen. Ich hatte es kürzlich wegen der eigentümlichen römischen Wasserleitung erwähnt, dazu aber später mehr.

Das Limesinformationszentrum Hof Grass entstand in der Folge der Ernennung des Obergermanischen Raetischen Limes als UNESCO Weltkulturerbe. Hauptinformationszentrum ist das Kastell Saalburg bei Bad Homburg, welches durch regionale Informationszentren auf Kreisebene ergänzt wird. Dazu zählt auch das Limesinformationszentrum Hof Grass des Kreises Gießen.

Alleine die Hofanlage ist recht ansehnlich und bemerkenswert und liegt leicht erhöht in er Auenlandschaft der Horloff, etwas abseits der Hauptstraße von Nidda nach Hungen. Da liegt schon ein kleines Problem. Die Beschilderung ist noch durchaus ausbaufähig, denn kommt man aus Richtung Nidda, so wie ich es tat, kommt man ein einer kleinen Alleeneinfahrt vorbei die direkt auf den Parkplatz zuführt, jedoch keine Beschilderung aufweist. Weiter in Richtung Hungen gibts dann eine weitere Einfahrt, wohl die Offizielle, die leider nur das Schild „Hof Grass“ aufweist. Ein expliziter Hinweis auf das Informationszentrum wäre schön. Das Nichtvorhandensein ist aber vielleicht zur Zeit auch noch den Straßenbauarbeiten geschuldet.

InformationszentrumDas eigentliche Informationszentrum ist fast ein bisschen versteckt. aber gut zu finden denn es liegt gleich hinter dem Eingang in die Hofanlage

Die etwas ungewöhnlichen Öffnungszeiten sind der Betreuung durch Eherenamtilche geschuldet. So hat das Informationszentrum unter der Woche von 10:00 bis 12:00 Uhr geöffnet, Samstags von 14:00 bis 16:00Uhr, Sonntags von 10:00 bis 16:00Uhr.

Unter Umständen muss man klingeln um eingelassen zu werden, was aber kein Problem darstellt. Problematischer sollte dafür der Zugang für Rollstuhlfahrer sein.

 

Die Ausstellung als solches ist eher klein und findet ihren Platz  ihren Platz im Hauptraum der durch ein offenes Fachwerk geteilt wird. Bis auf eine Ausnahme waren die Texte gut angebracht und durchweg gut lesbar. Zu den großen Texten finden sich ebenfalls Informationen in Braille und englische und französische Übersetzungen sind in ausziehbaren Fächern vorhanden.

AusstellungSchön ist auch das es viel anzufassen gibt. Wobei ich natürlich maulen könnte das die Tuniken unter den (vernieteten!) Kettenhemden maschienengenäht sind, was ich aber in diesem Fall nicht ganz so schlimm finde.

Ergänzend zu Ausstellung gibt es noch einen Rundweg von über 3km Länge und einen Spielplatz.

Wer jetzt explizit nur wegen der Ausstellung nach Hungen fahren sollte, wird enttäuscht sein. Es lohnt sich eher für diejenigen die in der Region wohnen oder sowieso hier vorbei fahren. Dabei lohnt es sich auch einen Spaziergang über den Rundweg zu machen wobei darauf hingewiesen sei, das die Wege zum Teil unbefestigt sind und sehr schlammig sein können (wie an diesem Wochenende!)

Limesinformationzentrum Hof Grass
35410 Hungen

Öffnungszeiten: Dienstag-Freitag: 10:00-12:00 Uhr, Samstag 14:00-16:00Uhr, Sonntag 10:00-16:00 Uhr, Montag geschlossen
Eintritt frei, Spende erbeten
Internet: http://www.liz-hofgrass.de/

 

Nun noch mal zur Wasserleitung von neulich:

Hier noch mal das Zitat aus der Ausstellung:

(…)Die fertige Bleileitung wurde in ein feuchtes Mörtelbett mit Ziegelschlag auf eine rechteckige, ebenfalls noch feuchte Tonplatte gelegt und wie eine “Biskuitrolle” eingerollt. Anschließend wurde die “Rolle” in einem Töpferofen bei hohen Temperaturen gebrannt. (…)

Und hier nun die Rolle:

RolleFür mich macht es eher den Eindruck als sei die Tonrolle separat um eine Form gewickelt und gebrannt worden. Im Anschluss wurde das Bleirohr hineingeschoben und der Hohlraum mit dem „Mörtel gefüllt worden, der dann Lufttrocknete. Er sieht sehr spröde und krümelig aus.

Falschinformtionen über ein römische Wasserleitung

Eine kleine Aufgabe aus dem Physikunterricht für Weggetretene:
Wir stellen uns einen römischen Brennofen vor in dem Ton gebrannt wird.  Zur Hintergrundinformation, ein römischer Ofen für Zigelbrand konnte ein Temperatur von ca. 1000°C erreichen1. Augusta Raurioca gibt für die von Töpferofen benötigte Temperatur zum Brennen von Keramik eine Temperatur von 1000-1200°C an2 In einen dieser Öfen legen wir jeweils ein Stück Blei und ein Stück Ton.  Blei hat einen Schmelzpunkt von 327,43 °C3

Frage: Was passiert mit dem Blei?

Wer nun als Antwort sagt das das Blei schmelze, während der Ton hart gebrannt wird liegt physikalisch auf der richtigen Schiene, nicht aber wenn man dem Limes-Infozentrum  Hof Grass in Hungen glaubt.

Dort ist an dem Fundstück einer Bleiwasserleitung aus dem Kastell Zugmantel zu lesen:

(…)Die fertige Bleileitung wurde in ein feuchtes Mörtelbett mit Ziegelschlag auf eine rechteckige, ebenfalls noch feuchte Tonplatte gelegt und wie eine „Biskuitrolle“ eingerollt. Anschließend wurde die „Rolle“ in einem Töpferofen bei hohen Temperaturen gebrannt. (…)

Dies wurde bemerkt und man informierte die zuständige Archäologin und bot auch an die Fehler mittels eines Experimentes zu demonstrieren. Leider blieb eine Antwort aus.
Da ich am Wochenende in der Nähe von Hungen sein werde, werde ich mir wahrscheinlich ie Sache noch mal aus der Nähe betrachten.

Danke an Biggi Schröder (Terraplana) für die Informationen

 

 

  1. Quelle Archäologie Online []
  2. Online   []
  3. Quelle: Wikipedia []

Das Praetorium in Köln und weitere Statthalterpaläste im Imperium Romanum

Gestern erwähnte ich das Praetorium in Köln als potentielles Vorbild für die Aachener Pfalz. Passend dazu fand ich auch eine Doktorarbeit von Felix F. Schäfer aus dem Jahr 2004 mit dem Titel „Das Praetorium in Köln und weitere Statthalterpaläste im Imperium Romanum – Eine baugeschichtliche Untersuchung und eine vergleichende Studie zu Typus und Funktion“. Die gut 500 Seiten umfassende Arbeit besitzt leider keine Abbildungen, hat aber dafür auch nur platzsparende 3,9MB

Das PDF findet sich hier (link gefixed)

Vorbild und Wahrnehmung der Pfalzen Aachen und Ingelheim im Kontext ihrer Zeit

Die (spät-)antiken Vorbilder karolingischer Bauten im architektonischen Sinne zu ermitteln stellt in der Regel keine Probleme dar. Die Trierer Basilika als Vorbild der Aula von Aachen, oder etwa San Vitale in Ravenna als Vorbild für die Aachener Marienkirche sind leicht zu erkennen.

Schwieriger wird es Intentionen zur ermitteln die mit dem Bau der Gebäude angestrebt wurde, bzw. die Gefühle die diese beim Betrachter auslösten zu erkennen.  Auf die Geschichtsschreiber jener Zeit ist dabei kaum eine Information zu entlocken. So schreibt Einhard zu Ingelheim und Nimwegen lediglich:

Auch begann Karl mit dem Bau von zwei herrlichen Palästen: Der eine war nicht weit von Mainz, in der Nähe seines Gutes Ingelheim,der andere in Nimwegen am Fluss Waal, der südlich der Bataverinsel fließt.

Die Pfalz Aachen scheint für Einhard schon vollkommen gewöhnlich zu sein, wobei er aber die Marienkirche hervorhebt.

Die  mangelnde Erläuterung erscheint uns heute eigenartig, ist jedoch bei weitem weniger verwunderlich als man vermuten könnte. Zum einen ist Pergament für Schreibarbeiten kostbar. Mit Beschreibungen von „alltäglichen“ Bauten und Vorgängen dieses Pergament zu vergeuden, zumal man sich die Bauten ja selbst ansehen konnte,  war also unnötig. Es ist genauso als würde ich einen Text über die Formel 1 schreiben und explizit darauf Hinweise das die Fahrzeuge eine hohe Beschleunigung besitzen, es wäre nicht nötig.

Dennoch versuche ich mich einmal in die Welt der Karolinger hinein zu versetzten. Ich tat dies bereits in einem meiner ersten Beiträge hier im Blog zu Ingelheim (hier), dessen Bestätigung später auch durch Holger Grewe MA (Forschungsleiter Ingelheim) erfolgte, den ich aber in diesem Zusammenhang noch einmal erweitern möchte.

Das tatsächliche bauliche Vorbild für Ingelheim ist nicht bekannt, es baut jedoch auf römischen Vorbildern auf. Diese Idee besteht bereist seit den ersten Ausgrabungen in Ingelheim. Ein Vorbild könnte die Exedra des römischen Forums in Köln sein. Ein beeindruckendes Halbrund mit Umgang (Porticus) und Portal. (Informationen dazu beschrieb ich hier)
Und obwohl sich beide Anlagen ähneln und das Forum womöglich Vorbildcharakter besitzt, unterscheiden sich beide doch elementar, was bereits in ihrem Zweck andeuet.
Das Kölner Forum stellt ein Stadtzentrum dar. Zwar war seine Außenfront gut ausgearbeitet, doch ihr Zweck war lediglich ein Trennen von Innen und Außen, Hauptaugenmerk lag auf dem Innenraum, dem freien Platz in dem sich das soziokulturelle Leben der Stadt abspielte (abgesehen von den Thermen).
In Ingelheim ist die Situation eine völlig andere. Die Pfalzanlage ist freistehend, quasi auf der grünen Wiese. Im Gegensatz zum Kölner Forum versperrt hier nichts den Blick auf die Anlage und ihr Haupttor, das sogenannte Heidesheimer Tor. Der Innenraum ist im Gegensatz zum Kölner Forum in Teilen bebaut und scheint, bis auf die Exedra, nicht der strengen Symmetrie zu folgen.
Das Hauptaugenmerk lag also nicht in der Freifläche im Inneren. Der Blick in Ingelheim sollte bereits durch das Äußere beeindrucken.

Nun geschieht im architektonischen Bereich nichts ohne Grund. Genauso wie die Bemalungen im Inneren von Kirchen die Intention hatten, den nicht Lateinern, bzw. den Analphabeten biblische Geschichten zu vermitteln, so ist dies auch bei der architektonische baulichen Gestaltung von Kirchen und vielen anderen Bauten der Fall. Spielereien mit Lichteinfällen zu bestimmten Tagen gehören genauso dazu, wie die Positionierung von Altären in bestimmten Bauteilen und Reihenfolgen, Anzahl von Säulen (etwa in der Anzahl der 12 Apostel), bestimmte Längen und ähnlichem. Alles hat einen tieferen Sinn.

Ganz ähnliches scheint auch in Ingelheim erfolgt zu sein. Der anreisende Betrachter sieht also das halbrund der Exdra mit seinen einfassenden Türmen. Er sieht etwas das der typischen Ikonographie einer Stadt entspricht. Diese Ikonographie findet sich bereits im spätantiken Notitia Dignitatum (hier). und wandert durch das gesamte Mittelalter und ist ebenso immer wieder Sinnbild für das himmliche Jerusalem. Ein schönes Beispiel ist auch der Barbarossaleuchter in Aachen (hier) oder der nicht mehr existierende Bernwardsleuchter in Hildesheim, sowie weitere Radleuchter die das Vorbild des himmlischen Jerusalem aufnehmen.
Diese Symbolik Ingelheims als himmlisches Jerusalem wird umso verständlich wenn man bedenkt das der Erbauer Karl der Große von Alkuin als David bezeichnet wird.

Wir hätten es also mit dem neuen Jerusalem zu tun, dessen Erbauer und König  sich auf eine Stufe mit dem alttestamentarischen König David setzt (nicht nur was die Anzahl der Frauen angeht 😉 ) und dies auch nach Außen proklamiert.

 

Mit Aachen verhält es sich nun etwas anders.
Wie bereits der am Montag Plan der Pfalz Aachen andeutet  kennen wir die wahre Ausdehnung der Pfalz Aachen nicht. Wir können also nicht mit Bestimmtheit sagen wo der Eingang lag, wo „Vorne“ und wo „Hinten“ ist. Auch Hugots Rasterplan1 den er über die Pfalz legte ist zunächst einmal nur Spekulation und der Versuch die bekannten Gebäude mit den Thermen zu verbinden.

In der Regel geht man davon aus, das es sich bei der Westseite der bekannten Gebäude um die „Schauseite“ handelt. D.h. man blickt auf den Porticus (Verbindungsgang) an dessen linken Ende der Blick auf die Aula mit ihrer Apsis fällt, während an ihrem rechten Ende die Marienkapelle mit ihrem Atrium steht.
Früher dachte man bei dem Mittelbau, von dem man ja nun weiß das er nicht zur Zeit Karls des Großen entstand, handele es sich um einen Torbau. Dem ist nicht so. Man weiß allerdings auch nicht was sich zunächst an seiner Stelle befand, also ob der Gang einfach durchlief oder sich hier vielleicht die Stelle befand die nach den Quellen zusammenstürzte.
Eine beliebt Meinung, der ich eigentlich auch nachhing, ist im Verbindungsgang eine Reminiszenz an den Palast Theoderichs des Großen zu sehen, wie er in Sant Apollinare Nuovo zu sehen ist (Bild), wobei dies ohne den Mittelbau fraglich ist.

Optische Parallelen zeigen sich aber auch, und durchaus stärker, im Vergleich mit dem römischen Prätorium in Köln (Bild1 und Bild2). Gerade das Kölner Praetorium wurde in den vergangen Jahren in ein neues Licht gerückt.  Tatsächlich scheint die von Sven Schüte aufgestellte Theorie um 780 hab ein Erbeben Köln und das Praetorium verwüstet korrekt2.
Bis zu diesem Zeitpunkt diente das Praetorium nicht nur als Verwaltungssitz der Römer, sondern nahm aller Wahrscheinlichkeit auch die Funktion des Herrschaftssitzes der lokalen fränkischen Kleinkönige, wie etwa Sigibert von Köln, ein.

Somit war der beeindruckende Bau des Praetoriums auch Bindeglied zwischen Römern und Franken im Sinne einer kontinuierlichen Nachfolge.

Kurzer Einschub: Die Idee Schütes in dem oktagonalen Mittelbau einen Vorläufer, bzw ein Vorbild der Marienkapelle Aachens zu sehen, betrachte ich mit Vorbehalt. Auffälliger ist es das der zu Mitte des 9. Jahrhunderts erbaut Mittelbau der Aachener Pfalz exakt die Position einnimmt die das Oktogon im Praetorium besaß. Es stellt sich also die Frage ob dieser Bau nur eine Notlösung war um dem Vorbild ähnlicher zu sein, ergänzt durch die Frage was den Erbauer zum Neubau bewegte. Letztere Frage lässt sich vielleicht mit einem Blick in die Quellen klären!
Einhard berichtet uns, dass am Himmelfahrtstag des Jahres 813 ( der 5. Mai) eine von Karl “in mühsamer Anstrengung” errichtete Porticus zwischen Aula und Basilica bis zu den Fundamenten in sich zusammen gefallen sei. Die Annales Regni Francorum hingegen berichten über das Jahr 817, dass am Gründonnerstag dieses Jahres Ludwig der Fromme der vom Gottesdienst kommend eine hölzerne Porticus durchschritt und diese mit 20 weiterer Personen in sich zusammenfiel und alle zu Boden stürzen ließ.
Man könnte daher daraus schließen, dass man nach dem Einsturz 813 eine hölzerne Behelfslösung errichtet die bereits 817 erneut einbrach. Dies machte den Weg frei für den neuen Mittelbau.3

Egal ob Theoderichspalast oder Kölner Praetorium, beide haben eine leicht unterschiedliche, aber dennoch ähnliche Konnotation.
Die Vorliebe Karls für Theoderich ist bekannt. Er lies aus seinem Palast, bzw. was zu diesem Zeitpunkt noch vorhanden war, Säulen und ein Reiterstandbild Theoderichs abtransportieren. Zu dem kommt hinzu das das die Sage es will das Theoderich durch Byzanz legitimiert gewesen sein soll einen neuen Weströmischen Kaiser zu ernennen, was er jedoch nicht tat.
Sollte dem wirklich so gewesen sein, bzw. wenn Karl der Große diesen Sachverhalt bereits kannte, könnte es sich bei einer Kopie des Palastes in der Aachener Pfalz um einen Teil seiner Herrschaftslegitimation handeln. Ebenso ist hier noch zu erwähnen das Theoderichs Palast auf den Palast der Kaiserin Galla Placidia zurückgeht und somit die Verbindung zur karolingischen Renaissance und die Verbindung zu Rom hersellt.

Ähnliches gilt auch für das Kölner Praetorium als Vorbild. Hier steht der fließende Übergang von Römern zu Franken im Vordergrund, aber auch die Verdeutlichung des Machtanspruches. Im Fall des Praetoriums war Seite die Aachens Westseite so ähnelt dem Rhein zugewand. Dennoch handelte es sich um die Schauseite, die mit ihrer beeindruckenden ca 90m langen Fassade die Germanen auf der anderen Rheinseite beeindrucken sollte.

Beiden Fällen ist also eine gewisser imperialer Machtanspruch und die Verdeutlichung der Nachfolge gemein.Dennoch muss aber darauf hingewiesen werden das es sich bei Karls Version einer römischen Palastinterpretation lediglich um einen Blender handelt! Wo es sich bei den Vorbildern noch um ganze Gebäude handelt ist Karls Version lediglich ein Gang von A nach B. Der Grund hierfür könnte auch in der bereits fortgeschrittenen Zerstörung der spätantiken Vorbilder liegen.

  1. online hier []
  2. FAZ 20.8.2012 Online []
  3. Hiermit merke ich an das ich dies zuerst veröffentlicht habe, falls das nächstes Jahr publiziert wird   []

Nebeninformationen zum Helm

Seit einiger Zeit versorgt mich Hiltibold mit Seiteninformation zu den Helmabbildungen nach antikem Vorbild. Speziel geht es hierbei um die breitkrempigen Helme die wir sowohl aus karolingischen Abbildungen kennen, als auch aus den Abbildungen der römischen Spätantike, wie etwa das der Trojanische Rat im Vatikanischen Virgil1 .  Und eigentlich hätte mir die dortige Abbildung eines sitzenden Herrn mit phrygischer Kappe ein Hinweis sein können, aber gleich mehr dazu.

böotischerhelm
CC-BY-SA 3.0 Classical Numismatic Group, Inc. http://www.cngcoins.com

Nun kenn ich mich nur rudimentär mit römischen Helmen  aus, klar war jedoch das der einzige breitkrempige römische Helm den ich kannte der Gladiatoren Helm des Thraex war. Dieser ist eine Abwandlung des böotischen Helms. Der boötische Helm fand in der Zeit vom 4. – 3. vorchristlichen Jahrhundert Verwendung2 und ist auf vielen Münzen abgebildet. Aber auch schon die Münzen, wie die Links abgebildete des Philoxenos, datieren auch in spätere Zeit.

Hiltibold wies mich nun gestern ganz Explizit auf die Grabstele des Salmamodes hin3 , deren Darstellung, und da muss ich neidlos zustimmen, doch sehr der des Ludwig des Frommen im De laudibus sanctae crucis erinnert.

Für mich macht es den Anschein, dass nicht nur die Karolinger ein Antikenrezeption auf die römischen Abbildungen durchführten, sondern scheinbar bereits die Römer diese Abbildungen von griechischen Vorlagen kopierten. Quasi Anikenrezeption-Inception 😉

Seit 133 vor Christi war Griechenland von Rom annektiert. Griechische Lehrer galten als das Nonplusultra im gediegenen römischen Haushalt und auch sonst schauten sich die Römer viel von den Griechen ab (z.B. Architektur).  Oder wie meine Geschichtslehrerin (ausgewiesene Römerhasserin) zu sagen pflegte: „Die Römer haben sowieso alles von den Griechen geklaut“.

Gibt es vielleicht jemanden der Informationen über den böotischen Helm und seine symbolische Bedeutung für Griechen und Römer hat?

  1. Link []
  2. wenn ich Wikipedia glauben darf: hier []
  3. Flickr Abbildung hier []