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Vexillum Sancti Martini – Das Banner der Franken

Ich habe ja eine gewisse Faszination für Reliquien – Reliquien als Zeitzeugen, also archäologisches Fundstück und zum Teil als Kuriosum.
Besonders interessieren mich aber die Reliquien des hl. Martin von Tours, da sie einen Teil der fränkischen Staatsreliquien bildeten und mein genau gesuchtes Objekt ist der Mante, der als Banner bei Feldzügen der Franken Verwendung gefunden haben soll.

Einziges interessantes Ergebnis in der Suche war bisher eine Reliquie aus Bussy-Saint-Martin  die mitunter als Mantel des hl. Martin ( hape de Saint-Martin) bezeichnet wird , aber tatsächlich das Fragment eines Polsterwamses ist  (Hier habe ich damals darüber geschrieben) 

Der Weg der „echten“ Mantelreliquie verliert sich zumindest über die Jahrhunderte und soll wohl durch die Hugenotten zerstört worden sein. Aber ich habe mich entschieden mal ein wenig zu bohren, auch weil es vielleicht einen neuen Blick auf Banner/Fahnen/Wimpel eröffnet.

Meine erster Gedanke in der Suche war die Frage woher der Mantel denn nun überhaupt stammen soll. Geht man davon aus die Mantelteilung trug sich wirklich so zu, teilte Martin seine Chlamys, den römischen Militärmantel,  334 in Amiens.

Nach der Vita von 395 die noch zu Lebzeiten Martins entstand wurde er 351 getauft und errichtete ab 361 das erste Kloster des Abendlandes. Daraus darf man vermuten das wohl erst nach 350 die Sache mit der Mantelteilung für die Öffentlichkeit überhaupt erst interessant wurde, wenn nicht sogar erst mit Entstehung der Vita. Das Martin oder oder die römische Armee den Rest des Mantels mehr als 20 Jahre lang im Schrank liegen ließ ist eher unwahrscheinlich. Martin dürfte schon bald nach dem Ereignis einen neuen Mantel besessen haben, und der Rest sollte eher den Weg eines Putzlumpens genommen haben, als fein säuberlich verwahrt zu werden.

Als er 397 starb,  hatte er in höchsten Kreisen verkehrt und bereits eine bedeutende Anhängerschaft angehäuft, wobei aber der richtige Martins-Boom erst durch Gregor von Tours einsetzte. Also nochmal 200 Jahre später.

Die Reliquie selbst taucht dann auch erst 682 unter Theuderich III.  als cappa domni Martini auf, über der Schwüre geleistet werden. 709 hatte der Hausmeier Grimoald der Jüngere Verfügungsgewalt  über die Reliquie und nutzte sie als Feldzeichen in Feldzügen, aber vielleicht hatte schon sein Vater Pippin der Mittlere sie für die Karolinger in Besitz genommen.

Verwalter der Reliquie unter karolingischer Herrschaft  waren wohl die Laienäbte von Tours, darunter so illustre Namen wie Vivian von Tours und Robert der Tapfere. Nach der Zerstörung der Abtei von Tours kam die Reliquie wahrscheinlich über Cormery nach St. Denis.  Wobei aber anzumerken ist das im Hochmittelalter jeder zweitklassige Graf in Frankreich ein Martinsbanner besessen zu haben scheint und es nicht wirklich feststellbar ist wer denn nun das Original besaß…

Letztendlich durch Robert  gelangte die Cappa in den Besitz der Kapetinger und wurde somit Teil des französischen Kronschatzes. Eine Theorie zur Namensgebung der Kapetinger leitet den Namen der Kapetinger übrigens  von der Mantelreliquie , der Cappa, ab.

Nun ist ein wenig Licht auf den Weg der Reliquie geworfen. Fragt sich nun woher die Reliquie kam die bei Theuderich auftauchte. Hier hilft mal wieder das Reallexikon der Germanischen Altertumskunde weiter. Und mehr noch!

Demnach hatte Dagobert I. 629/39 die Grablege Martins restaurieren lassen und  sich wohl auch Reliquien einverleibt. Demnach ist die Cappa aber nicht der Mantel, die römische Chlamys, des Soldaten Martinus (Warum hätte auch ein Bischof damit bestattet werden sollen?) , sonder die palla sepulchri, das Grab- oder Sargtuch!!! Und jetzt wird es richtig interessant, wie ich finde.

Auch wenn man unter Grabtuch vielleicht sofort an das Grabtuch von Turin denken muss, kennen wir doch tatsächlich einige solcher Tücher die zu Verehrungszwecken Gräbern entnommen wurden. Eines der bekanntesten dürfte der Quadrigastoff sein, der aus dem Grab Karls des Großen stammen soll. Aber auch gerade aus unzähligen Bischofsgräbern kennt man solche Stoffe.

Und Martin von Tours war Bischof – und was für einer. Einer der der sich schon mal in Trier mit Kaiser Magnus Maximus anlegte. Er hatte also durchaus Einfluss und Zugang zu höchsten Kreisen. Selbst wenn er eher als Asket bekannt ist, so dürften es sich doch seine Anhänger, sein Bistum und Andere sich bei der Bestattung nicht zurückgenommen haben. (Schließlich konnte er sich nicht mehr wehren)

Schaut man sich etwa das Spätantike Grab 279 aus St. Maximin in Trier an (4./5. Jahrhundert) So findet man hier gemusterte Seidengewebe (Tunika) und feine Schleiergewebe (Grabtuch). Denkbar ist auch das der eigentlich Sarg Martins noch einmal mit einem Tuch bedeckt war, ähnlich einer Tischdecke. So oder so, sollte es sich dabei nicht um ein schnödes Tuch gehandelt haben. Es war wohl schon etwas aufwendiger, womöglich ein Seidengwebe wie ein gemusterter Damast (Sponsored by Kaisers?).

Natürlich wäre es möglich das die Schwüre die über der Cappa , einem einfachen, von Leichflüssigkeit verflecktem Leinenlappen in Leinwandbindung geleistet wurden. Ein aufwändiges Tuch würde aber mehr Eindruck hinterlassen.  Auch wäre ein solches Tuch wohl eher als  Vexillum S. Martini geeignet, als welches es beschrieben wird wenn es im Feld mitgeführt wird.

Nun ergibt sich für mich die nächste Frage: Was haben wir uns unter dem Vexillum S. Martini vorzustellen?

Zunächst Einmal bezeichnet ein Vexillum ein Feldzeichen der römischen Armee, ein rechteckiges, oder quadratisches Stück Stoff, welches an einem Querbalken hängt und an einer Stange befestigt ist. Davon hat übrigens exakt Eines(!) die Jahrhunderte überdauert und befindet sich heute im Puschkin Museum in Moskau1

Aber nicht zwingend muss unter den Franken das auch noch genauso ausgesehen haben. Viele lateinische Worte hatten bereits ihre Bedeutung verändert oder wurden pars pro toto verwendet. So könnte es grundsätzlich jegliche Arte von Flagge, Banner oder Wimpel bezeichnen können. Aber eine Abbildung eines Vixillum des 11. Jahrhunderts kennen wir gut. Das päpstliche Banner auf dem Mast der Mora, dem Flaggschiff Wilhelm des Eroberers. Ein quadratisches Stück Stoff mit blauem Rand und goldenem, rot gerahmten Kreuz, so aufgehängt das es jeder erkennen kann. Eben wie ein römisches Feldzeichen.  Aber im Gegensatz dazu steht die Abbildung des päpstlichen vexillums auf dem Tricliniumsmosaik im Lateran. Hier wird das vexillum als „einfache“ Fahne dargestellt. Also doch: pars pro toto. Wir können am Namen nicht erkennen wie es tatsächlich aussah.

Grafische Iddee des vexillum s. martini. Die Farbgestaltung nimmt die farben späterer Banner, wie des Oriflamme und der des französischen Königsbanners auf (Für größeres Bild klicken)

Nun tendiere ich aber persönlich tatsächlich dazu das das  Vexillum S. Martini, da es von jedem erkannt werden sollte und auch entsprechend kostbar war,   ebenso in die Schlacht getragen wurde: gut erkennbar über den Köpfen aller, ohne es dabei großartig hin und her zu schwenken, wie es etwa für eine Fahne notwendig wäre um sie erkenntlich zu machen. Eben als Banner oder Standarte. Wobei ich denke das die eigentliche cappa hierbei auf einen Trägerstoff appliziert war. 

Dies würde auch der Handhabe von heutigen Kirchenbannern entsprechen, von denen ich in meiner Laufbahn als Ministrant einige bei Prozessionen schleppen durfte.


Zusätzliches Gedankenspiel:
Gedanklich ratterte es in mir , aber um dies fix zu machen fehlen zu viele Hintergründe und zu viel Theorie steckt hier drin. Daher gesondert als Denkanstoß oder Gedankenspiel.

Bei der Frage nach dem Aussehen des Vexillums stellte ich mir die Frage wie den nun der Stab, oder eher die Lanze aussah an dem das Vexillum hing.

Dabei musste ich an Oriflamme, Montjoie  und die heilige Lanze denken.2

Nun werden sowohl Oriflamme, als auch Montjoie als Banner Karls des Großen beschrieben, jedoch ohne dafür einen Beweis zu haben. Grundsätzlich beginnt das alles erst mit dem Rolandslied aus dem 11./12. Jahrhundert. Einzig zeitgenössisch in den Quellen für Franken und frühe Karolinger ist das Vexillum S. Martini. Und über das wissen wir auch nicht viel. Eine angeblich graublau Färbung rührt nur aus dem Umstand das man in irgendeiner Weise die blaue Grundfarbe der Flagge der französischen Könige begründen wollte.

Was spräche also dagegen das Oriflamme, Montjoie und das vexillum S. Martini (Chape de Saint  Martin) ein und das Selbe sind? Vielleicht sind ja die angeblichen gelben Aplikationen auf der Oriflamme die wiederverwendeten Muster eines Damastgewebes aus des Vixillum?

Und war es nicht Heinrich I. der die Heilige Lanze einst von dem Welfen  Rudolph von Burgund erworben hatte? War nicht Hugo Abbas, Abt von St. Martin in Tours , ebenfalls Welfe? War die Heilige Lanze vielleicht die Fahnenstange zum vexillum s martini?

Ok, ich gebs zu. Das ist jetzt super holprig und eher eine Spinnerei die in eine der History Channel Dokus auf Phoenix oder sonst wo gehört.

Aber im Prinip finde ich den Gedanken dennoch interessant. Da die Flügellanzenspitze der heiligen Lanze niemals zum Kämpfen genutzt wurde könnte sie ursprünglich als Spitze eines Banners genutzt worden sein. Aber dazu Wiener Heiligen Lanze gibts dann auch den nächsten Post.

  1. Bild, WikiComons: https://commons.wikimedia.org/wiki/Category:Vexilla?uselang=de#/media/File:Vexillum-Pushkin_Museum_of_Fine_Arts.png []
  2. Zu den Sachen hatte ich hier geschrieben. http://www.tribur.de/blog/2012/04/17/das-ende-der-fahnenstange-flaggen-banner-wimpel/ http://www.tribur.de/blog/2012/04/19/lanzen-als-herrschaftszeichen-im-bezug-zu-oriflamme/  []

Odin, Thor und Freyja – Ausstellung im Archäologischen Museum Frankfurt

„Odin, Thor und Freyja – Skandinavische Kultplätze des 1. Jahrtausends n. Chr. und das Frankenreich“ ist eine neue Ausstellung des Archäologischen Museums in Frankfurt/Main. Da ich eingeladen war der Eröffnung beizuwohnen konnte ich die Ausstellung bereits am 10.2. in Augenschein nehmen und auch der Eröffnungsfeier im Refektorium des ehemaligen Karmeliterklosters beiwohnen.

Diese begann mit einem  unschönen Programmteil: Prof.  Egon Wamers musste dem zu früh verstorbenen Lars Jørgensen Gedenken, der einer der Mitinitatoren  und dessen Forschungen Grundlage für die Ausstellung war.  Jørgensen war im vergangenen September verstorben.

Weitere Redner waren Arne Friis Petersen, dänischer Botschafter und Schirmherr der Ausstellung, Per Kristian Madsen, Generaldirektor des Dänischen Nationalmuseums Kopenhagen, sowie eine Vertreterin (Der Name ist mir leider entfallen) für Dr. Ina Hartwig , der Kulturdezernentin der Stadt Frankfurt. Umrahmt wurde die Reden durch die musikalische Untermalung  von Sopranistin Laurie Reviol und Toshinori Ozaki an den Zupfinstrumenten, die thematisch passende Stücke interpretierten und auch Teile aus Beowulf rezitierten.

Die Reden waren, vielleicht bis auf die durch die Vertreterin der Frankfurter Politik, durchweg interessant. Berichteten sie doch u.a. über die Forschung Jørgensens, dessen Ausgrabungen und Forschungen zum Fundplatz Tissø, der die herausragende Grundlage der Ausstellung bildete.
Nach dieser Einführung war für uns die Ausstellung eröffnet, die nun bei „Frankfurter Wein und Käsestangen vom Rewe“, wie es Warmers formulierte, in Augenschein genommen werden durfte.

Als ich dann in der Garderobe meinen Mantel holen wollte um mich zum eigentlichen Museumseingang zu begeben traf ich dann auch das erste bekannte Gesicht in Form von Gawan Dringenberg.

Die Einführung in die Ausstellung beginnt mit einem Blick in die (frühe) Götterwelt im Norden. Ergänzt werden die großflächigen Schautafeln mit einer Vielzahl von meist kleineren Funden, wie Götteramuletten, aber auch silbernem Geschirr das als Opfergabe in Mooren niedergelegt wurde. Diese Funde stammen zum großen Teil aus den Fundplätzen von Hoby und Gudme.

Als Übergang in die Haupträume des Museums dient die begehbare Visualisierung des Kulthauses von Tissø-Fugledegård mit zwei übergroßen Holzidolen und dem fast 2kg schweren Goldreif. Tatsächlich sind es solche Darstellungen, die ich mag. Zum einen lassen diese Visualisierungen in die Welt jener Zeit eintauchen, schaffen aber auf Grund der Wände als Fotoreproduktionen eine nötige Distanz.

Betritt man nun den Hauptraum findet man an der Stirnseite linker Hand eine digitale Rekonstruktion der  großen Halle von Tissø-Fugledegård auf 11m breite. Das Raumerlebnis wird durch eine in den Ausstellungsraum ragende Feuerstelle komplettiert. Somit wird der Verbindundungsbau des Museums zum Kirchenschiff des Karmeliterklosters zur großen Halle von Tissø.

Während sich nun die rechte Seite den Funden aus dem namensgebenden Tissø (Stiersee) findet, darunter eine merowingische Spatha und ein Schwert des 10./11. Jahrhunderts, widmet sich die linke Seite der Festtafel. Hier finden sich neben Banketaxt und Fleischgabeln auch Falknergeschirr und Hundeleinen. Als Vergleiche werden Auschnitte aus dem Teppich von Bayeux genutzt. Auch Vergleiche und Parallelen der Anlagen von Tissø zu fränkischen Königshöfen werden gezogen.

Der Abschnitt über die Beziehungen zu Franken – „Der neue Glauben aus dem Süden“ wird durch die Funde und das Modell des Bootskammergrabes aus Haithabu sowie dem erstmals aus Ingelheim verliehenen Modell der Pfalz Ingelheim gebildet  und befindet sich an dem Platz an dem normalerweise die Funde aus der Pfalz Franconofurd zu sehen sind. Ergänzt wird die gesamte Austellung noch mittels eines Films zu  Ausgrabungen und Fundplatz Tissø, zu dem ich allerdings nichts sagen kann da ich in nicht gesehen habe.

Mit der  Ausstellung ist dem Archäologischen Museum in Frankfurt ein echtes Schmankerl gelungen. Viele der ausgestellten Funde waren noch nie auf deutschen Boden zu sehen, genauso wie viele neue Erkenntnisse zum Fundplatz Tissø präsentiert werden können. Einzig zu kritisieren wäre meiner Ansicht nach mal wieder die Anbringungen der Beschriftungen innerhalb der Vitrinen, da dies Rollifahrern und Sehbehinderten das Lesen der Beschreibungen stark erschwert.

Die Ausstellung ist noch bis 6. Juni  in Frankfurt zu sehen. Eintritt beträgt 7€,  ermäßigt 3,50€. Ein Katalog ist für 17,95 € erhältlich und steht bereits bei mir im Regal. Er enthält alle Texte, sowie Bilder und Informationen  ausgestellter Funde im Katalogteil.
Weitere Informationen, auch Bilder von Funden, hat die Website des Archäologischen Museums Frankfurt

Eine Frage der Festkleidung oder warum Byzanz nach Franken gekommen sein könnte

Schon vor 5 Jahren machte ich mir Gedanken zu Mänteln und ihrer Bedeutung als möglicher „Sonntagskleidung“ (siehe hier und hier ). Dabei schnitt ich das Thema leider viel zu kurz an , wie ich beim erneuten Lesen feststellen musste. Tatsächlich scheint hier mehr dahinter zu stehen als einfach eine spezielle Art der Kleidung des adligen Karolingers zum Kirchgang oder für zeremonielles Ritual.

Beinlinge aus byzantinischer Seide
Beinlinge aus byzantinischer Seide, getragen von einem fränkischen Grafen (Gawan Dringenberg)

Das Byzanz Einfluss auf den Kleidungsstil der Karolinger hatte. beschreibt auch Notker in seiner Gesta Karoli1 , wenn er sich über die Höflinge in ihrer feinen Kleidung lustig macht, die nicht zur Jagd geeignet sei. Wobei Notker wohl augenscheinlich etwas übertreibt, denn in der Karlsbeschreibung Einhards wird die fränkische Tracht Karls wie selbstverständlich als mit Seide verziert beschrieben. Seide als solches war also im fränkischen Reich nichts unbekanntes, wenn auch lediglich der High Society verfügbar.

Doch wie kamen die Karolinger, nach dem sie ja schon Seidenstoffe kannten und trugen und das schon seit Opas Merowingerzeit, an die Byzantinische Kleidung an sich, bzw. was veranlasste sie  byzantinischen Stil und Chick zu übernehmen oder sich von ihm beeinflussen lassen? Und das weit bevor mit den Kreuzzügen ähnliche Moden im zentralen Europa für  breite Schichten verfügbar waren?

Eine Frage der Diplomatie:
Zwar hatte der byzantinische Kaiser Michael 812 den Titel Karls des Großen als Kaiser bestätigt, sah sich aber selbst dennoch in einer Vormachtstellung über alle Fürsten der Welt. Allein schon da er über den Patriarchen stand, während der Fränkischen Kaiser im Verständnis der westlichen Kirche unter dem Papst standen.

Den Franken war diese Abwertung ihres Kaisertums durchaus bewusst, es konnte ihnen auch nicht verborgen bleiben, denn die byzantinischen Kaiser nannten sich schon bald explizit romanorum imperator augustus, also Römische Kaiser während die Franken nur den Titel des imperator augustus , also Kaiserfür sich beanspruchen konnten. Erst Otto III. fügt den Zusatz des römischen Kaisers dem Seinen hinzu.

Die Franken versuchten beständig ihren Kontakt mit Byzanz zu verbessern, auch bezüglich ihrer Anerkennung,  und schickten Botschafter in den Osten. Doch beim Kaiser empfangen zu werden war ein langwieriges Unterfangen. Es konnte Monate dauern bis man vorgelassen wurde und das Prozedere selbst war weit weniger leger als am fränkischen Hof und in ein starres Korsett gepresst, das heute als Byzantinismus bezeichnet wird. Davon weiß zum Beispiel Luitbrand von Cremoa zu berichten, als er 949/950  und 968 am byzantinischen Hof weilte.

Die als Barbaren bezeichneten fränkischen Gesandten mussten sich also ihrer Umgebung anpassen um nicht ganz als Barbaren da zu stehen. Am einfachsten war dies in dem man sich am Kleidungsstil anpasste um so zumindest optisch der Vorverurteilung zu entgehen.

Natürlich kehrten die Gesandten auch wieder ins Fränkische Reich zurück. Im Gepäck unter Anderem das Wissen um das aufwendige Hofprotokoll und die Kleidung aus Byzanz.

Aber auch der umgekehrte Fall ist uns bekannt. Byzantinische Gesandte am fränkischen Hof. So berichten die fränkischen Annalen von Ludwig dem Frommen  der in den Vogesen oder dem Pfälzerwald auf byzantinische Gesandte trifft. Der Wald ist nicht unbedingt der Ort an dem man Audienz mit den Byzantiner halten will, also gehts weiter nach Ingelheim nur um festzustellen das die Mühe eher sinnlos war:

(…)und als er hörte, dass ihre Botschaft keine andere sei als die, welche erst vor kurzem Niciforus als Gesandter desselben Kaisers überbracht hatte, entließ er sie bald wieder und reiste weiter, wohin er [eigentlich] wollte.

Man bemühte sich also den Byzantinern einen gewissen Prunk zu zeigen, denn Pfalzen hätte es durchaus gegeben auf dem Weg, nur eben keine wie Ingelheim.

Schenken wir nun Einhards Beschreibung Karls des Großen und auch der später erschienenen Gesta Notkers Glauben, so könnte sich folgendes Bild ergeben: Unter Karls Herrschaft und wohl auch noch in Teilen unter Ludwig dem Frommen herrschte noch ein gewisses fränkisches Selbstbewusstsein, das es aus eigenem Stolz heraus nicht nötig machte sich näher Byzanz anzubiedern. Den späteren karolingischen Herrschern fehlte eine Dominanz wie sie Karl inne hatte.  Man suchte die Augenhöhe mit Byzanz herzustellen in dem man mehr und mehr byzantinische Gepflogeneiten übernahm, darunter auch die Kleidung bei Hofe. So ist die nach 880 entstandene Gesta Karls mit der Anekdote der byzantinisch gekleideten Höflinge als Kritik der Anbiederung an Byzanz zu verstehen.

Dies wird auch deutlich wenn man sich ein bestimmtes Herrscherbild aus späterer Zeit ansieht, das ich jedoch in seinem Kontext gesondert morgen behandeln werde.

Es zeigt sich also das die Verwendung byzantinischer Trachtenbestandteile nicht aus modischen Aspekten zu verstehen ist. Vielmehr handelt es sich um den Versuch den Anspruch auf den westlichen Kaiserthron auch in Kleidung und Habitus zu manifestieren.

 

Ergänzend. bzw. in die Merowingerzeit führend,  findet sich bei academia.edu ein neues PDF von Fr. Mechtild Schulze Dörrlamm „Einflüsse byzantinischer Prunkgewänder auf die fränkische Frauentracht“ aus dem Arch. Korrospondezblatt von 1976, ich hab allerdings noch nicht reingeschaut…

 

  1. Gesta Karoli I 8 []

Eine Ingelheimer Riemenzunge und mögliche Gürtel (Update)

RiemenzungeBei der links dargestellten Riemenzunge handelt es sich um die Replik eines Fundes der  1994 im Umfeld der Aula Regia („…in einer Grube, die in dem Laufniveau über dem 1. Bauhorizont
(dritte Drittel des 8. Jh. bis frühe 9. Jh.) eingetieft war…“) von Ingelheim unter Holger Grewe gemacht wurde.

Die im Tassilokelstil dekorierte Rimenzunge misst 89 x 15 x 3 mm und besteht aus Kupfer mit einer feuervergoldeten Oberfläche.

Die zu sehende Replik wird im dortigen Museumshop als Lesezeichen verkauft, was das rote Stoffband erklärt und ist aus Messing gefertigt, entspricht aber in allen Details dem Original, was der Grund für den Kauf war.

Sie datieren auf Ende des 8., Anfang des 9. Jahrhunderts und passen daher in meinen groben zeitlichen Rahmen. Gerade die Rückseite der Riemenzunge , aber auch die abgeschrägten Seitenflächen der Vorderseite, werden durch ihre Ornamentik  als frühe Form der Pfalzenornamentik der Karolingerzeit nach 800 gedeutet.

Der Grund das ich mich nun hier mit ihnen auseinandersetzte, wurde durch das rote Band ausgelöst. Da ich noch Bronzenieten habe werde ich dieses Band natürlich entfernen und durch einen adäquaten Riemen ersetzten. Nur welchen?
Die Aufnahme des Riemens besteht nur aus einem kleinen Schlitz und reicht nur auf die wenigen Millimeter im Bereich der Nieten ins Metall.Das ist nicht etwa ein Fehler der Replik sondern ebenso beim Original und bei vergleichbaren Riemenzungen.

Ein Gedanke der mir dabei in den Kopf schoss, war die Frage ob für diese Riemenzungen eine Form einer Brettchenwebborte in Frage käme. Dies führte dazu, dass ich mir vergleichbare Riemenzungen einmal genauer ansah. Vergleibare stammen aus Gornji Vrbljani, Rossum, Dorestadt, Harreshausen (zw. Darmstadt und Aschaffenburg) , und Medvedicka. Ergänzt werden diese durch zwei etwas kürzeren Funde aus Dorestadt und einem nicht näher verortbaren Fund aus Belgien.1

Diese beiden zuletzt genannten Funde sind die Einzigen die Reste eines Riemens aufweisen. Es handelt sich um einfaches Leder.

Müssen wir daher mit einfachen, naturbraunen Gürteln leben? Nein, müssen wir nicht. Leider bieten die Abbildungen karolingischer Handschriften kaum Abbildungen von Leibgürteln. Meist sind die Gürtel vom darüber fallenden Bauchbereich der Tunika verdeckt. Dies zeigt auch das die Riemenden bei Leibe nicht so lang gehalten waren, wie sie dies etwa im Hochmittelalter waren, sondern wohl nur wenige Zentimeter unterhalb des Gürtelknoten endeten. Ein Beispiel ist auf dem Sakramentar Karls des Kahlen (ca. 870) zu erahnen (Bild bei Wiki Commons hier). Das Bild zeigt aber auch das der Gürtelriemen selbst zumindest leicht verziert erscheint, denn achtet man auf die Ränder erkennt man hier dunkle, kontrastierte Streifen. Hierbei könnte es sich um eine Punzierung oder aber eine andersartige Verzierung handeln.

Ein schönes Beispiel streifenartiger Verzierungen von Gürteln zeigen sich am Gürtel und Manschetten der im Grab der Arnegunde (+565/70). Zu den Manschetten ist in „Die Königinnen der Merowoniger“ zu lesen: „… aus mehreren Streifen Kalbsleder sind ringförmig umlaufend mit drei Ziernähten in Saumurstichart, olastische Rippen und à jour eingestempelten Dreiecken mit unterlegtem vergoldetem Pergament verziert“.
Dieses Beispiel, obwohl zeitlich zu früh, hab ich gewählt um die Vielfalt der Verzierungen aufzuzeigen die hier auf einem einzigen Stück zu finden sind.
Hinzu kommt die Möglichkeit der Färbung des Leders.

Letztendlich bleibt damit festzuhalten , dass im Grunde niemand mit einem einfachen naturbraunen Gürtel herumlaufen müsste. Auch die Verwendung von weicherem Klabsleder, im gegenzug zum heute oft verwendeten steiferen Rindsleder, eröffnet wesentlich feinere Gestaltungsmöglichkeiten.

Update: Ich wurde gerade über einen „in Tuchbindung gewebter Gürtel aus Leinen-Kettfäden mit Goldlahnschuss“ informiert der sich fragmentarisch an einer Schließe und Riemenzunge erhalten hat!

  1. Der ältere Lindauer Buchdeckel in seinen Originalbestandteilen, Ulrike Sander 2007 []

Rezension – M. Becher Chlodwig I.

Weihnachten ist ja die Zeit in der man Geschenke bekommt, so auch ich. Ich bekam aus meiner Amazon Wunschliste (falls mir mal jemand was schenken will!!) den Chlodwig I.

becherMatthias Becher legte 2011 mit „Chlodwig I – Der Aufstieg der Merowinger und das Ende der Antiken Welt“ die erste deutsche Biographie über den großen Merowinger Herrscher vor.

Das Buch mit seinen 330 Seiten ist chronologisch gegliedert. Es beginnt mit den frühsten Erwähnungen der Franken und ihren Funktionen im römischen Reich, einer Bestandsaufnahme Galliens am Ende des Weströmischen Reiches und begibt sich dann auf die Suche nach den Franken  bei Gregor von Tours und  bis hin zu Childerich und geht dabei auch auf die u.a. bei Fredegar genannte Herkunft der Franken aus Troja  und die überlieferten Herrschernamen ein.

Becher mahnt bei vielen althergebrachten Ideen, wie zum Beispiel den langen Haaren als königlichem Zeichen, einem Stierkult und der Frage nach einem Sakralkönigtum, zur Vorsicht, wobei er angenehm ambivalent bleibt und lediglich Positionen gegenüber stellt, jedoch ausdrücklich nicht wertet. Nicht jedem scheint diese Herangehensweise zu gefallen , worauf ich noch eingehen werde.

Diese, den Weg für Chlodwig bereitenden Teile, nehmen 143 Seiten Seiten ein  bis Becher zu Chlodwig selbst kommt. Dies mag lang erscheinen, ist jedoch für ein umfängliches Verständnis nötig und bettet die eigentliche Biographie in den entsprechenden Kontext ein. Sie ermöglichen auch Lesern ohne erweitertes Hintergrundwissen einen guten Einstieg in das Thema.

Im eigentlichen biographischen Teil legt Becher viel wert auf die Beziehungen Chlodwigs zu anderen Gruppen, wie etwa Goten und Burgenden , da sie vielen Wechselwirkungen mit den Franken unterlagen. Der Nachwirkung Chlodwigs widmet Becher hingegen nur 5 Seiten, hier hätte es durchaus etwas mehr sein können, wobei natürlich vieles der Rezeption durch Gregor und andere bereits vorher aufgearbeitet wird.

Abschließen wollte ich noch auf einen Kritikpunkt eingehen der an Becher heran getragen wurde und den ich oben bereits andeutete. In der FAZ vom 1.4.2011 (hier) zeigte sich Michael Borgolte verhalten:

Er begnügt sich leider damit, in chronologischer Folge und unter Rückgriff auf die gesamte fränkische Vorgeschichte Sachverhalt für Sachverhalt, Geschehen für Geschehen abzuhandeln; ausführliche, immer dichter und länger werdende Quellenzitate werden kommentiert, aber nie in eine geschlossene historische Erzählung integriert. Was Bechers Buch bietet, ist ein Ereignis- und Themenreferat auf dem Boden der Spezialforschung, in der der Autor bestens beschlagen ist.

Was Borgholte hier kritisiert, finde ich geradezu wichtig. Ich möchte kein vorgefertigtes Bild einer historischen Person haben. Ich möchte mir ein eigenes Bild machen, unabhängig von vorgefertigten Meinungen.
Und gerade das ist es was Bechers Werk für mich interessant macht.
Ebenso ist zu bedenken das es sich im die erste deutsche monographische Biographie Clodwigs handelt. Und als solches ist es wirklich ein unverzichtbare Lektüre für jeden der sich für die Merowinger und die Entstehung des fränkischen Reiches interessiert.

Matthias Becher „Chlodwig I. Der Aufstieg der Merowinger und das Ende der antiken Welt“ 330S.
C.H. Beck 20111, ISBN-13: 978-3406613708, Gebundene Ausgabe 24,95€

Bleibt alles Anders: Aachener Pfalz

Hier schrieb ich ja schon mal über die neuen Infos zur Pfalz Aachen, die ich so aufschnappte. Nun kann ich dazu auch Schriftliches bieten, worauf ich am Wochenende hingewiesen wurde. Der Aachener Geschichtsverein hat dazu einen Onlinebeitrag mit dem Titel „Nach 6 Jahren Stadtarchäologie wandelt sich das Bild von der Pfalz Aachen.“ veröffentlicht und dem Ganzen einen Grundrissplan mit Bauphasen hinzugefügt.

Ums kurz zu machen, erstes Gebäude nach der Antike ist die „Nordbasilika“, jenes basilikale Gebäude das nördlich des Oktogons stand. Der Bau von Aula, Kapelle und Verbindungsgang erfolgte zu Karls Zeiten. Aus jener Zeit stammt auch ein Buntmetallschmelze auf dem Katschhof, wo vielleicht die Gitter für die Kapelle und sonstiges Zubehör gegossen wurden.  Erst im/mitte des 9. Jh. erfolgte der Bau der den Verbindungsgang in zwei Hälften Teilt und kein Tor ist! Dabei wurde auch der südliche Porticus erneuert, das Atrium umgebaut etc.

Der Artikel findet sich hier, der Grundriss da

 

Walter Hotz und die „Königshalle“

Am Wochenende wurde ich auf das Buch „Römische und romanische Paläste: Eine architekturgeschichtliche Untersuchung: Eine architekturgeschichtliche Untersuchung“ von Karl Maria Swoboda aufmerksam gemacht, das erstmals 1919 erschien.

Ich hätte alles darauf verwetten können das ich das zuhause, zumindest als PDF rumfliegen habe, hab es aber nicht gefunden. Ich fand aber ein anderes Buch bei mir, nein kein PDF, das sich auch auf Swoboda bezieht, bzw. ihn als Quelle angibt für den hier zusammengefassten Abschnitt nennt.

Es handelt sich um Walter Hotz „Kleine Kunstgeschichte der Burg“, 1965 erschienen in der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft Darmstadt. Unter Abschnitt II. Geschichte der Burg , Teil C  Der Pfalzenbau bis zur Salierzeit betrachtet Hotz auch frühe Königshöfe. Den Abschnitt nannte er „Die germanische Königshalle“

Zuvor aber nimmt Hotz an das Königshöfe (curtis regia) eine Art Mischung aus germanischem Gehöft und Typen römischer Landgüter darstellt.

Als germanische Wurze des Palastbaus nahm Hotz die Königshallen der germanischen Heldenlieder an, er nennt hier als Beispiel die Halle im Nibelungenlied, was aber auch durch die Methalle im Beowulf ergänzt werden könnte. Er sieht in ihr den Mittel- und Höhepunkt höfischer Repräsentation.

Als überlieferte reelle Beispiele nennt Hotz das Palatium Theoderichs in Ravenna, das er zwar byzantinische beeinflusst sieht, in seinem Grundaufbau jedoch die germanische Halle wieder spiegele.  Ähnliches sieht er auch in der Halle von Naranco. Den gleichen Typus von Hallen, mit Säulen, bzw -Bogengängen sieht Hotz auch auf dem Teppich von Bayeux weshalb er schließt dieser Typ Halle sei ebenfalls der Typus fränkischer Königshallen, wie er sich in den Königshöfen befand.

 

Derweil hatte ich auch noch einige kleinere Veränderungen an meiner Halle durchgeführt, zum Beispiel Bögen  an der Balustrade eingefügt um steinerne Architektur zu imitieren. Unbewusst machte ich das was Hotz für die Hallen annimmt, einen Bogengang.  PS. Es handelt sich hier nur um einen optischen Test, (Beleuchtung durch HDRI aus dem Backdrop) das ist auch der Grund warum die Palisaden so komisch sind und ich auf der Balustrade stehe.

HDRItest

Balthilde, „Grande Robe“ und eine Mail

Am Sonntag Abend hatte ich Dr. Egon Wamers, der sich ja unter anderem für die Ausstellung „Königinnen der Merowinger“ verantwortlich zeichnet, eine Mail geschrieben.  Grund war meine Neugierde bezüglich des Textils „Le  Grande Robe de Bathild“ (Eine Abb. findet sich hier).  Ein sehr ungewöhnlich Stück, ein kaftanähnliches Textil aus feinem Leinen das für die angenommene Trägerin Balthilde viel zu groß gewesen wäre und daher zu mancher Spekulation anregt. So las ich von der Idee einer Schlitzung der Ärmel ähnlich einem Cardecorps des Hochmittelalters, von geschoppten Ärmel wegen der Länge, von der Idee eines Reiterkleides etc.

Ich schrieb daher:

 Sehr geehrter Herr Prof. Dr. Wamers,

Bezüglich der Ausstellung „Königinnen der Merowinger habe ich eine Frage.
Ich konnte bereits den Austellungskatalog, als auch die Ausstellung selbst, ausführlich studieren. Jedoch vermisste ich ein Objekt, über das ich mir mehr Informationen erhofft hatte. Es handelt sich dabei um das als „Le Grande Robe de Bathilde“ bezeichnete Textil. Im Katalog „Krone und Schleier – Kunst aus mittelalterlichen Frauenklöstern“ wird das Textil Balthilde zugeordnet, nach „Sépultures et Reliques de la Reine Bathilde et de l’Abbesse Bertille“ von Jean-Pierre LaPorte und  Raymond Boyer scheint eine Datierung gänzlich unsicher, während der „Radegunde“-Katalog es auf 680 datiert usw.
Wurde das Objekt ob dieser unterschiedlichen Datierungen und Unsicherheiten nicht in Katalog und Ausstellung aufgenommen, oder gibt es neuere Informationen die sich meiner Kenntnis entziehen?

Über eine Antwort würde ich mich freuen und Sie  bitten diese in meinem Blog Tribur.de veröffentlichen zu dürfen.

Mit freundlichen Grüßen
Markus Zwittmeier

Die Antwort kam schnell:

Sehr geehrter Herr Zwittmeier,

Soweit die Primärpublikation von J.-P. Laporte 1988, 92 ff., erkennen lassen, ist eine Zuweisung der „grand robe“ an Balthilde nicht gesichert; allein ihre Größe war für die ca. 158 cm kleine Balthilde kaum geeignet. Vergleichbare „Kostüme“ datieren auch frühestens ins 9. Jh.

Mit freundlichen Grüßen

Egon Wamers

Barthilde und die Kleidung wurde nicht im Originalgrab gefunden. Das Grab war bereits im frühen 833 im Beisein Ludwigs des Frommen  geöffnet  und Kleider und Knochen getrennt worden, was ihren guten Zustand erklärt, wobei die Zeitgenossin Balthildes, Bertille der Klostergründerin , mit ihr zusammen gelegt wurde. Die Stoffe selbst trugen bei der Wiederauffindung ein 1544 ausgestelltes Etikett das ihre Echtheit bezeugen sollte. Es gab also mindestens 2 mal die Möglichkeit dem Stoffbündel etwas hinzuzufügen. Wahrscheinlich ab noch weitere Möglichkeiten.

Herr Dr. Wamers bezieht sich mit der Aussage „Vergleichbare „Kostüme“ datieren auch frühestens ins 9. Jh.“ wahrscheinlich eine Abbildung aus der  Apokalypse von Valenciennes (Leider habe ich das passende Bild nicht parat). Auch wenn dieses Textil damit nicht in die merowingische Zeit passt, ist es für mich persönlich als potentielles karolingisches Kleidungstück von großem Interesse.

Königinnen der Merowinger – Ausstellung

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Ausstellungsposter

Nachdem ich bereits den Austellungskatalog gekauft, gelesen und hier beschrieben  habe, habe ich es nun endlich geschafft am  Wochenende auch die Ausstellung zu besichtigen.

Ich war ein bisschen in Sorge um die Ausstellungen, denn die meisten Sonderausstellungen im Frankfurter Archäologischen Museum finden in der Verbindung vom Neubau zur Klosterkirche, sprich dem im Querhaus der Karmeliterkirche,  statt. Durch die offen gestaltete Architektur nach oben und zum Römerbereich hin verschwimmen die Grenzen der Sonderausstellungen und der Dauerausstellung meist und die Ausstellung wirkt nicht ganz so als wenn sie für sich allein stünde, was ich immer  etwas schaden finde.

Die Bedenken waren dieses mal jedoch vollkommen unbegründet, denn während die EZB im Querhaus Euro-Scheine ausstellt (hab nicht so ganz verstanden was das hier zu suchen hatte) hatten die Merowingerköniginnen ihren Platz im Refektorium gefunden, also ganz für sich alleine.

Im Refektorium selbst  befindet sich ein aus Stellwänden gebildeter rechteckiger Würfel der 4 Einbuchtungen besitzt, zwei auf der Fensterseite und zwei auf der gegenüberliegenden Seite. In diesen 4 Einbuchtungen finden sich jeweils die Ausstellungstücke der Grabfunde, angefangen mit Wisigarde , Arnegunde, zu Balthilde und den Mädchengräbern aus dem Frankfurter Dom, die von ihren jeweiligen Lebensbild-Rekonstruktionen „bewacht“ werden. Auf den Aussenseiten des roten Rechteckes finden sich zu jeweils Karten die den Zustand des fränkischen Reiches wiedergeben, Verwandtschaftsverhältnisse der Personen und sonstige Hintergrundinformationen.

Auf der Stirnseite, gegenüber dem Eingang finden sich Vergleichsfunde aus Gräbern verschiedener sozialer  Stellungen: Der Hofherrin, mit ihrer reichen Ausstattung, der Dame aus der Hauswirtschaft mit geringerer Ausstattung und der Dame aus dem Gesinde , die als einzigen Schmuck eine Perlenkette besaß.

Die vorletzte  „Einbuchtung“ beherbergt Funde aus dem Grab der Balthilde, allem voran das bekannte Hemd mit den Schmuck imitierenden Stickereien und der große seidene Mantel. Leider konnte ich keine Person auftreiben, die mir die Frage beantworten kann warum die „grande robe“ nicht erwähnt wird und habe mich entschlossen daher mal eine Mail ans Museum/ an Herrn Dr. Wamers  zu schicken und einfach mal nachzufragen. Werde bescheid geben wenn ich etwas erfahre.

Die Texte waren gut in guter Höhe und ausreichend großer Schrift angebracht, einzig  die Objektbeschriftungen innerhalb der Vitrinen  war, wie so oft, zu bemängeln, da dies für sehbehinderte Personen schlecht zu erkennen ist. Im Nachhinein viel mir allerdings zusätzlich auf,  das die Vitrinenbeschriftung  nicht direkt den Objekten zuzuordnen war, d.h. Die aufgezählten Objekte waren nicht etwa über Zahlen am Objekt in Verbindung zu bringen. Wenn man nicht wusste was eine „Vitta“ ist, dann musste man sich das Objekt zum Namen zusammenreimen.  Sicherlich ungünstig für den Gelegenheitsbesucher der vom Frühmittelalter wenig Ahnung hat.

Der Inhalt der Ausstellung stellt tatsächlich eine sehr schön geraffte Version des Kataloges dar, oder wenn man so will der Katalog eine schöne Erweiterung der Ausstellung.
Wer eine große Ausstellung, vergleichbar denen in Speyer erwartet, ist natürlich falsch. Nicht die schiere Masse des ausgestellten Material mach diese Ausstellung aus , sondern deren herausragende Qualität und  Einzigartigkeit. Generell ist die Ausstellung sehr sehenswert, da sie königliche Funde in einer bisher wohl kaum dar gewesenen Vielfalt präsentiert und sich zudem noch der Frau widmet, die ja sonst eher etwas untergeht da man sich meist dem männlichen Adel widmet. Allein die ausgestellten Textilien sind für Interessierte einen Besuch wert.

Die Ausstellung „Königinnen der Merowinger“ kann noch bis 24.2.2013 im Archäologischen Museum Frankfurt besichtigt werden, der Eintritt beträgt 6,00€, ermäßigt 3,00€.

Offenlegung: Ich besuche Ausstellungen meist in Begleitung einer sehgeschädigten Person, was mich dazu veranlasst die Ausstellung mit ein wenig anderen Augen zu sehen und auch auf entsprechende Barrierefreiheit zu achten.

Königinnen der Merowinger – Begleitband

merowiZunächst einmal muss ich gestehen, dass ich kein Kenner der Materie der Merowinger im Allgemeinen und der Frauenbekleidung jener Zeit im Speziellen bin. Ich habe zwar die Franken Kataloge im Regal, aber dies hauptsächlich im Blick auf die Karolinger. Man darf also nicht erwarten , dass ich Fehler oder die aller aller aller neusten Erkenntnisse im Blick habe oder mir Gedanken um bestimmte Rekonstruktionen gemacht habe.

Die Ausstellung in Frankfurt „Kœniginnen der Merowinger“ hab ich zur Zeit noch nicht gesehen, um so mehr interessierte mich der Begleitband, ist er doch für 19.95€ erhältlich, was ich für einen absolut akzeptablen Preis halte. Die Idee mir einen Begleitband zu kaufen bevor ich eine Ausstellung besuche kam mir schon Häufiger, da ich denke man kann die Objekte für die man sich am meisten interessiert bereits heraus suchen und dann im Original gezielter und genauer betrachten.

Seit der Konrad I. Ausstellung scheinen rote Umschläge in zu sein, war mein erster Gedanke als ich das 200 Seiten  Buch in Händen hielt. Orange-gelb auf Rot prangt dort der Titel, verziert mit einer stilisierten umlaufenden  Brettchenwebborte. 
Das Buch gliedert sich in zwei Hauptabschnitte. Auf den ersten 78 Seiten wird auf die Lebenswelt der adeligen Damen in merowingischer Zeit eingegangen.Danach folgen die vier Begräbnisse. Jedes in einem eigenen Abschnitt.

Der erste Abschnitt ist drei Kapitel gegliedert, „Zwischen Polygamie und Heiligkeit, Merowingische Königinnen“ von Martina Hartmann beleuchtet die mitunter verworrene und für heutiges Verständnis seltsame  Heiratspolitik der merowingischen Königshäuser. Der Augenmerk liegt hier vor allem, aber nicht nur auf den drei namentlich bekannten Königinnen, die im weiteren Verlauf des Buches behandelt werden und mit kurzen biographischen Eckpunkten vorgestellt werden.
Das zweite Kapitel, „Die weibliche Elite im Merowingerreich – Königinnen, Hofherrinnen und Töchter“ von Ursula Koch, befasst sich mit Kleidung, Hofhaltung, Schmuck, desses Handelswege usw.
Sebastian Ristows Beitrag „Gräber der merowingerzeitlichen Elite in und bei Kirchen“ bildet den Abschluss des ersten Teils in dem er einen Bogen von der Antike hin zum Frühmittelalter in Sachen Bestattungsriten spannt.

Es folgen nun die die eigentlichen Bestattungen von Wisigarde, Arnegunde, Balthilde und dem Mädchengrab aus dem Frankfurter Dom, wobei Funde erläutert und rekonstruiert werden. Bisweilen werden auch gesonderte Exkursionen unternommen, wie etwa die Fragestellung nach Herkunft von Almandinen oder die Bedeutung der Stickereien des Hemdes der Balthilde.

Generell sind die Beschreibungen der vier Personen recht ausführlich und durchaus gelungen. Auch die Abbildungen , wenn etwa eine Brosche sowohl in Vorder- als auch Rückseite abgebildet werden, durchweg gut, hätten aber an einigen Stellen etwas größer sein dürfen. Dennoch habe ich einige Kritikpunkte. So frage ich mich warum bei den gefunden, wenn auch wenigen, Stoffen nicht die Webart angegeben wurde. Zudem fiel mir auf das die „grande robe de Bathilde“ (hier Infos dazu) vollständig fehlt. Selbst wenn sich nun enpuppt haben sollte, das sie nun der im gleichen Reliquienkasten befindlichen Bestattung der Bertille zugehörig wäre, wäre es durchaus gerechtfertigt gewesen dies in einem Nebensatz zu erwähnen.

Abschließend möchte ich das Buch aber dennoch empfehlen. Die Literatur über adelige Damen in der Merowingerzeit ist allgemein recht dürftig und man muss sich die Einzelteile in der Regel zusammensuchen. Natürlich kann „Königinnen der Merowinger“ in diesem Bereich auch eine Recherche nicht ersetzten, sie gibt aber einen ausgezeichneten Startpunkt ab und 19,95€ sollten da nicht weh tun.

PS: Die Schuhrekonstruktion der Arnegunde kann durchaus auch für Karolinger interessant sein!

Das Buch „Königinnen der Merowinger – Adelsgräber aus den Kirchen von Köln, Saint-Denis, Chelles und Frankfurt am Main“ kostet 19,95€, ist 2012 bei Schnell + Steiner erschienen und trägt die ISBN 978-3-7954-2689-7