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Heiß, heißer, Museumsuferfest

 

Gawan Dringenberg (Rechts) und ich
Gawan Dringenberg (Rechts) und ich am Mainufer (Oder auch comes und iudex halten einen Plausch)

Am 27. und 28.8. war ich als Gast von Reges-Francorum im Archäologischen Museum Frankfurt und durfte dort mit Anderen den fränkisch karolingischen Erklärbar geben.
Zwar habe ich Ähnliches bereits früher gemacht, jedoch wurde mir bisher nie die Ehre zu Teil dies im Verbund einer Truppe , geschweige denn im Archäologischen Museum Frankfurt zu tun.

Meine Ausrüstung hatte ich bereits am Freitag Abend im Museum deponieren können, wo uns dankenswerter Weise ein Räumlichkeit im Untergeschoss zur Verfügung gestellt wurde die mit dem wichtigsten Utensil des Wochenendes ausgestattet worden war: Wasser!
Dem Samstag konnte ich somit gelassen entgegen sehen, zumindest was Probleme der Parkplatzsuche in der Frankfurter Innenstadt anging. Am frühen morgen fuhr ich am Samstag mit dem PKW bis an die Frankfurter Stadtgrenze, schwang mich auf meine mein Crossrennrad und konnte somit entspannt die letzten 10km hinter mich bringen und pünktlich vor Ort sein, das Rad im Keller des Museums verstauen und mich in Thorsberghose, Wadenwickel, nadelgebundene Strümpfe, Wendeschuhe, Untertunika und Tunika zwängen. Warum schreibe ich was ich trug? Kleidung war an diesem Wochenende, neben der Flüssigkeitsaufnahme, ein entscheidender Faktor, sollte doch das Quecksilber bis auf 36°C klettern.

Hintergrund unserer Anwesenheit war neben dem Museumsuferfest auch der Hinweis auf die kommende Ausstellung „Odin, Thor und Freyja“, in der auch auf die Beziehung zwischen Franken und Dänen eingegangen wird.

Bereits gegen 10 Uhr, als das Museum seine Pforten öffnete, merkte jeder von uns die Hitze die uns den Tag über begleiten und im Nacken sitzen sollte. Ich konnte dies bereits merken als ich in Begleitung kurz vor 11:00 Uhr erste Flyer am Mainufer verteilte die auf unsere kommenden Aktionen hinwiesen:
Gegen 11.00, 16:00 und 19:00 Uhr gab es Vorführungen von Militärtechnik und Militärtechniken, um 13:00 und 17:00 eine Modenschau der Damenwelt und durchgehend wurden im Museum und davor Handwerk präsentiert, darunter Schmiedearbeit und Glasperlen Herstellung, Scriptoriumsarbeit und Pergament Herstellung, Bogenbau, Stick- und Näharbeiten, Nadelbinding, Brettchenweben usw.
Gerade unsere Militäreinheit muss extrem geschwitzt haben unter Stoffpanzer, Kette oder Lamellenpanzer. Umso bemerkenswerter das manche den ganzen Tag die Rüstung nicht mehr auszogen. Wohl auch aus dem Hintergrund das alles darunter vollkommen durchgeweicht war. Hut ab meine Herren!
Selbst ich in gehobener Zivilkleidung legte nach einiger Zeit mein Schwert ab, denn jedes Gramm Gewicht das man mit sich herum schleppte war zu viel. Trotz dieser Wiedrigkeiten die am Sonntag auch noch Opfer in den eigenen Reihen fordern sollte, waren alle hoch motiviert, was nicht zuletzt auch am tollen Publikum lag, dem hier ein großartiges Lob gebührt!

Modenschau
Modenschau mit privilegierter slawischer Frau, Dame aus Haithabu, dänische Hofdame und fränkischer Adligen

Trotz der großen Hitze, die dem Museumsuferfest weniger Besucher bescherte, waren die Besucher am Archäologischen Museum durchweg interessiert und aufgeschlossen. Und das war wirklich bemerkenswert wenn man bedenkt das das Museumsuferfest in großen Teilen kein Fest der Museen mehr ist, sondern eine ausgiebige Party und Fressmeile bietet.
So entstanden jedoch fantastische Gespräche. Ich habe selten so ein interessiertes Publikum erlebt!!

Der zweite Tag war für uns wesentlich schwerer zu bewältigen. Obwohl Sonntag sich ein wenig die Luft bewegte, steckte doch allen die Hitze des Vortages in den Knochen. Fehlende Mineralien und der gestörter Wasserhaushaltund mitunter schlechter Schlaf in Autos taten ihr übriges. Einige der Damen und Herren hatten nun auch leichtere Kleidung gewählt und zum Beispiel Wollkleid gegen Leinenkleid getauscht. Dennoch war vieles gemächlicher, bis auf die Kampfvorführung die sogar etwas an Zahn zulegte. Aber wir hatten Sonntag doch einzelne kreislaufbedingte Opfer zu bringen und das Obwohl wir für in regelmäßigen Abständen einige Minuten immer mal wieder im Museumsinneren für Durchzug sorgen konnten.
Auch der Besucherandrang war am Sonntag wesentlich geringer. Vielleicht auch weil gegen 17:00 Uhr Windböhen aufkamen und dunkle Wolken ein Gewitter ankündigten das jedoch ausblieb. So lagen viele der Kämpfer nur noch kraftlos um Jaxas improvisierter Schmiede und versuchten es sich so angenehm wie möglich zu machen.

Als wir gegen 19:30 mit dem Abbau begannen und aus unseren Trachten schlüpfen konnten neigte sich ein anstrengendes, aber schönes Wochenende dem Ende entgegen. Ich möchte mich bei allen beteiligten ganz herzlich Bedanken, hoffe das alle gut nach Hause gekommen sind und freue mich auf jeden Fall auf eine weitere Einladung von Reges Francorum!

Auf Facebook befindet sich ein Album mit einigen meiner Aufnahmen (Klick mich) (Ein Video folgt…)

Kurzfristiger Veranstaltungshinweis – Karolinger in Frankfurt

Heute hat das Frankfurter Museumsuferfest begonnen. Und dabei wird das Archäologische Museum durch karolinger belebt.

Hier zu der Informationstext:

Die Karolinger und ihre nordischen Nachbarn – Die Pfalz Franconofurd 800 bis 1000 n. Chr.

Reges Francorum und Gäste

Das Archäologische Museum nimmt seine Besucher beim Museumsuferfest 2016 mit in die Zeit um 800 bis 1000 n. Chr. Als Karl der Große und seine Nachfolger in mächtigen Pfalzanlagen herrschten, wurde im wikingischen Norden in prächtigen Hallen Hof gehalten. Die Gruppe Reges Francorum gibt lebendige Einblicke in diese Zeit. Im Museum dreht sich fleißig die Spindel, die Bogensehne surrt, die Feder fliegt übers Pergament. Draußen ächzen Männer unter dem Gewicht der Kettenhemden, begleitet vom Hämmern der Schmiede. Hier werden Schilde in Anschlag gebracht und die Schwerter gekreuzt. Edle Damen zeigen, was es hieß, Fränkin oder Wikingerin zu sein. (…)

Der Punkt bei der Geschichte ist, das ich einer der Gäste bin und endlich auch mal wieder was aktiv mache…

Würde mich freuen wenn man sich sieht!

Ein neuer Gürtel für den Karolinger

Vor geraumer Zeit habe ich in Ingelheim eine Replik der Ingelheimer Riemenzunge im Tassilokelchstil erstanden (hier schrieb ich darüber). Schon damals wollte ich mir einen neuen Gürtel daraus fertigen. Etwas kleines , aber feines.

Ich hatte seinerzeit tatsächlich überlegt mich mit Kammweben auseinander zusetzten und mir selbst einen entsprechenden Gürtel zu weben. Da mir aber im Moment der Nerv und die Zeit dazu fehlt entschloss ich mich dazu einen passendes Leinenband fertig zu kaufen. Als Färbung entschied ich mich für Maulbeere, zu Einen weil mir die Farbe gefällt, zum Anderen weil die Maulbeere im Capitulare de villis genannt wird.

Da ich ihn aber nicht einfach nur maulbeerfarben lassen wollte, habe ich ihn ein kleinwenig verziert. Tatsächlich erfuhr ich ja von einem Fund einer Gürtelzunge an der auch noch Reste eines kammgewebten  Textilbandes fanden das Goldlan im Schuss besaß. Aber ganz so prunkvoll wollte ich (noch) nicht daher kommen.
Was die Schnalle der neuen Gürtelgarnitur angeht war ich ein wenig im Dilemma, denn am liebsten hätte ich ebenfalls etwas im Tassilokelchstil gehabt. Andererseits wollte ich etwas aus einem lokalen Fund. Und zu allem Überfluss musste die Schnalle ja zum Hauptstück, der Ingelheimer Riemenzunge in der Größe passen.  So griff ich dann letztendlich auf eine Schließe aus Frankfurt zurück.

SchnalleSie wurde am Alten Markt nördlich der Frankfurter Pfalzgebäude gefunden. In Franconofurd I wird sie auf um 800 datiert, was zeitlich konform geht mit der Riemenzunge. Zwar wird auf Grund ihrer geringen Größe am ehesten als Teil einer Sporengarnitur gesehen, aber wie gesagt es passt zeitlich und von der Größe. Vielleicht gibts noch mal 2 in Silber für die Sporen bei Gelegenheit 😉

Auf jeden Fall ist der Gürtel nun fast fertig und harrt der Dinge die kommen mögen.

Gürtel

 

Spiegel Geschichte und der Campus Galli

Ursprünglich war das Thema Campus Galli/ Klosterstadt Meßkirch für mich abgehakt. Lediglich nach meinem Besuch vor Ort vor Ort schrieb ich noch einmal darüber. Zudem berichtet Hiltibold ausführlich zum Thema und hinterfragt jegliche Bewegung vor Ort.
Nun bewegte mich aber ein Facebookpost von Andreas Sturm, den ich vor einigen Tagen las, doch noch einmal das Wort zu ergreifen, da ich mich dabei persönlich angesprochen fühle. Er zitierte daraus aus dem aktuellen Ausgabe ( 1/2015) von Spiegel Geschichte.

Der Spiegel Geschichte berichtet darin auf S112 bis 119 in einem Artikel von Alexander Smoltczyk unter dem Titel „Zeitreise handgemacht“ über den Campus Galli. Der Artikel selbst bietet nichts wesentlich neues. Er versucht scheinbar neutral zu beleiben, lässt aber eine gewisse begeisterung für die Idee erkennen und lässt nur die Teilnehmer des Projekts zu Wort kommen und weckt somit eine pro Campus Galli Stimmung die (Mittelatermark-) Ambiente erzeugt, die ja das Projekt angeblichen zu vermeiden sucht. Die Teilnehmer äußern sich zu weilen auch über die ihnen entgegengebrachte Kritik:

„Es gibt natürlich auch immer Mittelalter-Fans, die nur hierherkommen, um nach Fehlern zu suchen. Aber das sind sehr wenige“, sagt der Schindelmacher. Die mokieren sich dann über das Nasen-Piercing der Färberin. Die fotografieren das Kleidergrößenetikett am Wollgewand oder den Elektrozaun am Schweinekoben und petzen es später aus dem sicheren Versteck ihres Blogs.
Sie haben den Campus nicht verstanden. Natürlich liegt da ein Feuerlöscher neben der Schmiede. Natürlich gibt es Sicherheitsschuhe. Die Versicherungen leben nämlich nicht im Mittelalter. Und die damalige Dichte an Einäugigen und Krüppeln möchte man nicht wiederaufleben lassen. (…) S.116
Niemand darf sich mit einer Uhr am Handgelenk oder einem Handy erwischen lassen. Auch Cola gibt es nicht, genauso wie das Rauchen für Besucher verboten ist.(…) S117)

Nun weiß ich nicht wie viele Geschichtsinteressierte vor Ort waren die später über den Campus Galli irgendwas gepetzt geblogt haben. Ich weiß aber das Hiltibold viel darüber schreibt und ich vor Ort war, Bilder machte, darüber schrieb und die Bilder auch Hiltibold zur Verfügung stellte. Ich bin daher so egoistisch und beziehe das auch auf mich und möchte hier etwas einwerfen „aus dem Versteck meines Blogs“.

Als ich vergangen Sommer in den Campus Galli fuhr, war ich auf dem Weg in den Urlaub. Ich hatte den Besuch nicht fest eingeplant, erst einen Tag zuvor erfahren das an diesem Tag das Sommerfest stattfinden würde. Ich kam auch nicht um geplant nach Fehlern zu suchen, primär wollte ich mir die Sache einmal anschauen, das mir jedoch einige Fehler ins Auge sprangen ist dann doch eher eine spezielle Aussage.
Ich glaube nicht das sich jemand ernsthaft über einen Elektrozaun oder Feuerlöscher auslassen würde. Ein Etikett am „Wollgewand“ dann doch eher, zumal mir nun niemand geläufig wäre der entsprechende Kleidung verkauft und ein Etikett anbringt. Es sei denn es ist eben der Baumwollkram den man so hinterher geschmissen bekommt. Piercings könnte man rausmachen vergisst man aber gerne, gebe ich zu. Aber die Aussage das sich niemand mit Uhr oder Handy erwischen lassen darf finde fast schon lächerlich. Als ich zu Besuch war sah ich Seindenschals, normale T-Shirts unter der Tunika und Polyestergürteltaschen. Selbst wenn , wie es zum Teil an diesem Tag der Fall war, auch Leute dabei waren die nicht regulär am Campus Galli beteiligt sind, so muss doch jemand da sein der sie eben erwischt. Besonders an einem Tag wie dem Sommerfest wo mit Presse und einem Haufen Fotoapparaten zu rechnen ist. Das scheint aber nicht der Fall zu sein! Auch hat meines Wissens nie jemand die Sicherheitsschuhe als solche kritisiert. Aber wenn man keine, gar keine Wendeschuhe sieht, wirds halt doch etwas eigentümlich.

Der Vorwurf man würde aus dem Versteck eines Blogs agieren ist geradezu hanebüchen. Natürlich könnte man sich Sendezeit im Fernsehen kaufen wenn man denn das Geld hätte. Man könnte für Zeitungen schreiben, wenn man denn die Zeit hätte. Aber das alles trifft auf uns nicht zu! Ich habe ein Impressum mit voller Anschrift, auch Hiltibold hat das. Es gibt gibt die Möglichkeit zum kommentieren. Ich denke nicht das einer von uns sich gegen ein Gespräch wehren würde. Hiltibold hat kürzlich den einen Beitrag von Geschäftsführer Hannes Napierala im Blog gehabt. Dennoch wird immer wieder um bestimmte Themen einen Bogen gemacht bzw. sie verschieden wiedergegeben und Blogger als das Böse unter dem Himmel beschworen.
Im Gegenzug darf sich also niemand wundern, der im Rampenlicht irgend eines Publikums oder iInteressengruppe steht, auch von diesem beurteilt oder kritisiert zu werden!

Am besten ist jedoch der Hinweis über Behinderungen im Mittelalter. In diesem kleinen Satz sind sämtliche Vorbehalte einer unendlichen Diskussion auf einen minimalen Raum eingedampft. Erinnert sich noch jemand an die Ausseinandersetzung Hiller/Mittelalterlich Spectaculum vs. Reenactment-/Living-History-Szene? Nein? Kurz zur Auffrischung:

Wir haben nicht den Anspruch authentisch einhundert Prozent korrekt zu sein, denn Authentizität ist unserer Meinung nach nur ein Schlagwort für die Besserwisser in der Mittelalterszene.(..) Es gibt nur die eine Tatsache, dass wenn man den Überlieferungen folgen würde, eine authentische Veranstaltung wegen der darzustellenden Armut, dem Schmutz, dem Gestank, der Krankheiten etc. mit hundertprozentiger Sicherheit nicht dem Anspruch bester Unterhaltung genügen würde. (Zitiert nach Tempus Vivit)

Nun bezieht sich die Aussage in Spiegel Geschichte, die dem Schindelmacher zugeordnet ist, wohl nicht darauf das man nie vollends authentisch sein kann, sondern ist eher im Sinne zu verstehen, dass man auf die Sicherheit achten muss und daher Abstriche in der Authentizität machen muss. Und dennoch ist und bleibt es die selbe Argumentationsweise wie sie im Konflikt Mittelaltermarkt gegen Reenactment-/Living-History-Szene. Und sie bleibt genauso falsch. Niemand hat etwas gegen Sicherheit. Niemand hat etwas gegen TÜV oder Versicherungen. Andere Veranstaltungsorten zeigen doch das es anders geht, siehe Bärnau. Und nein, ich will auch nicht im Mittelalter leben, falls die Frage aufkäme (das wäre bei der Argumentation zu erwarten).

Immer wieder erweckt der Text in mir auch ein befremdliches Schmunzeln. Etwa wenn der Text die Idee beschreibt am Eingang einen Misthaufen zu platzieren um auch geruchsbedingt die „Zeitreise“ ins Mittelalter einzuläuten oder wenn Artikel der für die Gemüsepflanzen zuständige Dame ein Faible für die Schriftsprache des 16. Jahrhunderts bezeugt auch wenn diese nicht mittelalterlich sei.

Es bleibt abzuwarten was in dieser, inzwischen für mich leidigen, Diskussion noch so alles passiert.

Wer sich das Video des Spiegel mal anschauen will zu dem Artikel („…Sicherheitsschuhe der Karolingerzeit, nämlich Holzschuhe.“) kann das hier tun: www.spiegel.de/sg12015kloster

Die karolingische Tunika V: Ein Ausflug zum heiligen Ulrich

Eine weitere Form der Verzierung erscheint gelegentlich in Abbildungen.Sie betrifft in der Regel Kleriker. Diese tragen statt einer zentralen Clavus zwei von den Schultern herablaufende Clavi.

ulrich
Dalmatik des hl. Ulrich. Abb. aus Die Heiltumskammer, Deutscher Kunstverlag

Eigentlich wäre ich wegen der Kleriker Geschichte gar nicht auf die Tunika eingegangen, wenn es hier nicht ein schönes Beispiel gäbe an dem sich viele der Beobachtungen an karolingischen Tuniken wieder finden, selbst wenn das betreffende Kleidungsstück nicht mehr karolingisch ist.
Es handelt sich um die Dalmatik des 973 verstorbenen Bischofs Ulrich von Augsburg. (Leider verschwand die Albe im Halleschen Heiltums, es wäre interessant wenn diese auch erhalten geblieben wäre).

Die Dalmatik ist aus byzantinischer Seide gefertigt, wohl aber nicht in Byzanz, sondern im Fränkischen Reich. Besonders die Clavi können über den Stoff berichten. Es handelt sich dabei um Samit mit Ritzmuster der wohl beim Schneidern der Kasel Ulrichs übrig blieb und nun auf der Dalmatik als Clavi Verwendung fand.
Der Samit zeigt einen gekrönten Herrscher mit Nimbus. Dieses Motiv lässt es wahrscheinlich werden, das der Stoff ursprünglich vom byzantinischen Königshof als Geschenk an Kaiser Otto I. gelangte. Vielleicht in Folge der Schlacht am Lechfeld erhielt Ulrich die Stoffe als Geschenk und lies prunkvolle Messgewänder daraus fertigen in denen er letztendlich bestattet wurde.

Das Kleidungsstück weist eine Breite von 202cm und eine Länge von 143cm auf. Die Ärmel entsprechen nebeneinander gelegt der Breite der Dalmatika an ihrer breitesten Stelle. Demnach ist die Stoffbreite etwa 101cm, die Länge eines Ärmels ca 50,5cm. Die  beiden Ärmel wurden demnach aus einem Teil der Stoffbahn geschnitten.
Was zunächst einmal auffällt sind die Maße des Kleidungsstück, von dem die Veröffentlichung „Die Heiltumskammer, der mittelalterliche Reliquienschatz von St. Ulrich und Afra“ das es eher einer Tunika gleiche denn einer Dalmatik, obwohl immer so genannt wurde. Sie sind ungewöhnlich groß.
Zum vergleich meine Tunika (und ich bin bei Gott nicht schlank) eine Gesamtbreite von 172cm, Länge 105cm und einer Bahnbreite von 62cm. Nur mal zum Vergleich, der ehemalige Schwimmstar Michael Groß, genannt der Albatros, besitzt auf eine Körpergröße von 201cm eine Armspannweite von 213cm (inkl. Hände). Demnach dürfte ihm die Dalmatik nach heutigem Verständnis ganz gut gepasst haben.

Nun ist aber vom heiligen Ulrich weder bekannt das er ein Riese gewesen wäre, noch das er besonders fettleibig war. Im Gegenteil wird er als asketischer Mensch beschrieben, der auf dem Teppich schlief!
Natürlich dürfte einer der Gründe für extreme Größe des Gewandes gewesen sein kein Zoll des kostbaren Stoffes zu verschwenden und so mit Status zu demonstrieren. Aber auch Die Weite die die Oberteile mitunter in Illuminationen haben und die geschoppten Ärmel könnten sich in diesem Kleidungstück finden.

Das Schnittmuster ließ sich für mich in Teilen anhand des Bildes nachvollziehen und erweist sich als durchaus Aufschlussreich. Gerade die Konstruktion der Ärmel hat es mir angetan.
ÄrmelDer ca. 50cm lange Ärmel (Stoffbreite ca. 35cm ungefaltet) wird auf einer Länge von etwa 25cm ein bogenförmiges Stück ausgeschnitten. Das nun schmale Stück wird den Ärmelsaum bilden. Die Ausgeschnittenen Stücke werden am Oberarm angenäht und bilden nun die Verbreiterung am Oberarm. Ihre Funktion ist ähnlich den Keilen unter der Achsel die uns gewöhnlich später begegnen. Der Stoff der Ärmel wird aus der vollen Stoffbreite geschnitten.

Auch der Halsabschluss ist interessant. Er ist eng ausgeführt, der Auschnitt liegt auf der Schulter und wurde dort geschlossen, wie mir gesagt wurde.

Das oben gezeigte Bild zeigt im Übrigen die Rückseite der Dalmatik, da diese wesentlich besser erhalten ist. Aus der Vorderseite wurden zudem einige Stücke als Reliquien heraus geschnitten. Urspünglich soll sie an den Seiten offen gewesen sein. Die breiten Saumborten stammen erst aus dem 14. Jahrhundert. Die Kleidungstücke des heiligen Ulrichs waren bereits 1183 nach einem Brand aus dem Grab geborgen worden und werden seit dem verehrt. Im Heiltumsblatt von ca. 1500 wird das Stück auch mit offenen Seiten und den breiten Säumen gezeigt (wobei ich mich frage ob die Saumborten nicht angefügt wurden nachdem das Kleidungstück begann zu zerfransen als man aus der Seite Reliquienstücke schnitt) und ist mit der Beschreibung versehen „Das ist die Dalmatic oder Sarok von Ulrich(s)…“

Zum einen überlege ich im Moment die Dalmatik zu Experimantalzwecken aus billigem Leinenstoff grob nachzuschneidern um einfach die zu erfahren wie der Stoff fällt, zumal ich mit 172cm in etwa der Durchschnittsgröße des Frühmittelalters entspreche. Zum Anderen bin ich ab Freitag in Bamberg und kann mir endlich die Kleidung von Heinrich II, Kunigunde und Papst Clemens II. ansehen, wovon ich mir zumindest ein paar Erkenntnisse oder Ideen verspreche.

Die karolingische Tunika IV – Das Gürtel-Problem

Ursprünglich war der Gürtel der karolingischen Tunika eines der Themen mit dem ich mich zuerst befassen wollte. Jedoch stellte sich schon bald heraus das dies nicht so einfach sein würde wie ich mir das vorstellte.

Obwohl ich fast zwei  Dutzend karolingischer Handschriften und Fragmente wälzte, blieb es doch  einzig bei zwei Gürtelabbildungen bei „Zivilpersonen“. Und das war die, die ich ohnehin schon kannte.

karlkahlDas erste Bild zeigt eine Festkrönung Karls des Kahlen  die früher für eine Darstellung Karls des Großen gehalten wurde. Karl wird hier mit einer breiten Riemenzunge dargstellt (Zudem beachte man die Tunika, die potentiel aus Damastseide besteht und angedeute Schlitzungen am weit fallenden Rockteil besitzt)

Der Katalog „Die Macht des Silbers“ weiß dazu zu berichten das es sich bei vielen der bekannten großen silbernen Riemenzungen aus dem Fundgut um eben solche Riemenzungen von Klerikern handelt. Hinweise hierfür sind die geistlichen Sinnsprüche oder Kreuze die sich auf den Zungen finden. Während man in Rom  die Alba mit einem Band knotete, trug man im gallischen Raum den Gürtel mit der wuchtigen Riemenzunge. Da , so der Katalog, der Zeichner nur die die Welt der Kleriker kannte, zeichnete er auch Karl mit einem solchen Gürtel.

Ich halte das für nicht zu Ende gedacht! Kontext, my dear Watson!
Dargestellt ist eine Festkrönung, eine liturgische Handlung. Zudem kennen wir den sakralen Charakter des Königtums. Karl ist also festlich gekleidet aber nun doch nicht dargestellt wie ein gallischer Kleriker. Vielmehr ist er entsprechend seines Standes gekleidet. Zudem tragen die beiden Kleriker die Karl einrahmen den römischen Typus des geknoteten Bandes. Unwahrscheinlich das der Zeichner zwar die römische Art die Albe zu binden kannte nicht aber die eines Zivilsten. Zudem unterscheidet sich seine Gürteldarstellung von denen der Kleriker in der Bibel von St. Paul.  Während diese die Riemnzung in der Körpermitte tragen, bzw. die Riemenzunge mittig hängt, liegt sie bei Karl auf dem rechten Oberschenkel. Selbstverständlich kann dies ein zeichnerischer Kunstgriff sein um sowohl Riemenzunge als auch Rechteckmantel zu zeigen (auch keine Klerikerkleidung!)

KarlGroßSchauen wir uns nun die zweite Abbildung an. Es handel sich dabei um ein im Archivio capitolare di Modena verwahrtes Fragment einer Abschrift des 10.Jahrhunderts aus dem ersten Drittel des 9. Jahrhunderst. Die Abbildung, die für den Schwiegersohn Ludwigs des Frommen hergestellt worden war, zeigt Karl den Großen und seinen Sohn Pippin den Buckligen sich gegnübersitzend, scheinbar in Beratungen.
Es ist die Riemenszunge Karls des Großen die sichtbar ist. Leider lässt sich nicht sagen ob diese Riemenzunge zum Schwertgurt oder Leibgurt gehört.

Die meisten gefundenen Riemnzungen die zu Schwertgurten zugehörig sind, sind verhältnismäsig lang und schmal. Die in der Abbildung gezeigte Riemenzunge macht jedoch einen kürzeren und breiteren Eindruck. So wie zuvor die Riemenzunge Karls des Kahlen. Meiner Auffassung nach handelt es sich daher auch in dieser Abbildung um den Leibgurt. Und wie schon zuvor ist an der der rechten Körperhälfte Karls zu sehen. Auch hier kann dies ein Kunstgriff sein um sie überhaupt darzustellen.  (Ihr scheint also eine besondere Bedeutung zuzukommen)

Gehe ich also davon das es sich bei beiden Riemenzungen um Zungen des Leibgurtes handelt, so muss ich davon ausgehen das es den Klerikern vorbehalten war diese in der Körpermitte zu tragen, während der „Zivilist sie nach rechts verschoben trug, scheinbar sogar soweit das komplett auf der rechten Körperhälfte lag. Wenn dies der Fall sein sollte, ließe sich so erklären warum die in der Regel frontal dargestellten Personen keine Riemenzungen aufweisen. Sie befinden sich auf der rechten Körperhälfte und währen somit nicht sichtbar.
Der tragweise scheint demnach auch eine Bedeutung zu besitzten, die sich aber meiner Kenntnis entzieht. Ich erkenne aus dem Stegreif Ähnlichkeiten zur Trageweise von Orden.

Die Riemen der Leibgurte konnten im einfachsten Fall aus Leder bestehen, jedoch sind auch Funde aus Stoff bekannt. So wurde mir kürzlich über einen Gürtel berichtete, der aus Tuchbindung mit Leinenkettfäden und Goldlahnschuss(!) bestand.

Die karolingische Tunika I – Kreisverzierungen

Ursprünglich hatte ich geplant einen großen Artikel zur karolingischen Männertunika zu schreiben. Jedoch entwickelte sich die Recherche viel aufwendiger und langwieriger als gedacht, so das ich mich entschloss ihn in einzelen Parts zu splitten. Beginnen möchte ich heute mit der berühmten, kreisförmigen Verzierung aus dem Stuttgarter Psalter an der sich bereits viele versucht haben.

Zierstreifen mit Kreismotiv
Eines der bekanntesten Elemente der karolingischen Tunika, vor allem bekannt aus dem Stuttgarter Psalter, sind die Zierstreifen (Clavi) mit und ohne Verzierung mit Kreismotiven. Wie auch schon bei den Bartträgern im Stuttgarter Psalter (Nur getragen von „Ausländern“/Feinden und Propheten) wird auch bei der Kleidung differenziert.
So zeigt sich David vor seiner Ausrufung zum König zwar mit Clavi verzierter Tunika, jedoch nur mit wenigen angedeuteten Kreismotiven und mit unverziertem Mantel. Bei seiner Krönung jedoch weist Tunika und der nun gefasste Mantel zahlreiche Kreisverzierungen auf (zu purpurfarbener Hose!). So lässt sich eine Rang- und Standesabfolge im gesamten Psalter erkennen.
Die einfachste Version der Tunika ist jene ohne jegliche Verzierungen, gefolgt von jenen mit gefassten Säumen gesteigert durch zentrale Clavi und weiter gesteigert durch die Verzierung mit Kreismotiven. Abschließend lässt sich die Reihe fortsetzen mit einigen wenigen langen Tuniken, die mit bunten Steinen Geschmückt sind und deren Träger oftmals Kronen tragen.

Bereits hier lässt sich erkennen das das Kreismotiv nicht aus einem einfachen Filzkreis bestehen kann wie es etwa in einer Rekonstruktion durch Dr. Dagmar-Beatrice Gaedtke-Eckardt für das Niedersächsisches Landesmuseum Hannover entstand1

Einen ersten Hinweis zur Beschaffenheit der Zierstreifen höher gestellter Personen erhalten wir wiedereinmal in Einhards Vita Karoli Magni in der er Karls „Alltagstunika“ als mit Seide gefasst beschreibt. Ähnliche Hinweise finden sich recht häufig, jedoch wird nie eine weitere Verzierung erwähnt die die Kreisform direkt erklären könnte. Es ist daher von Bedeutung sich die Beschaffenheit der Seidenstoffe genauer zu betrachten.
Pierre Riché listet in „Die Welt der Karolinger“ einige Seidenstoffe auf.2 So etwa für das Grab Bernhards von Italien einen Mantel aus 15m damastartiger Seide, sowie Erwerbungen Abt Angilberts von Saint-Riquier die fast ausschließlich aus Seidenbrokat oder Seidendamast bestehen.

Dies deckt sich mit den Funden aus Klerikergräbern, und mit denen hochgestellter Persönlichkeiten. Dort finden sich Seidenstoffe, die großflächig mit „orbiculi“, kreisförmigen Schmuckelementen, geschmückt sind bereits seit den 6. oder 7. Jahrhundert.
An dieser Stelle sei zunächst das Grab der Veventia genannt, der bereits als Kind verstorbenen Tochter Pippin des Älteren3, der ein solcher Stoff mit Greifenmotiv ins Grab gelegt wurde. In diese Reihe gehört auch der Quadrigastoff aus Aachen, der möglicherweise Grabtuch Karls des Großen war.

Auch lange Zeit nach Karl dem Großen fanden diese Motive noch Verwendung. So findet sich diese Stoffmotive auf der Heiratsurkunde der Theophanu und kehren auch in der großen Adlerfibel von Mainz wieder.
Ein weiterer Hinweis zu byzantinischen Seidenstoffen als Dekorierung von Tuniken erreicht uns aus den Funden des Osebergschiffs. In diesem Schiff des 9. Jahrhunderts fanden sich unter anderem in Streifen zerschnittene byzantinische Seidenstoffe, die wohl für die Anbringung an einer Tunika vorgesehen waren, sowie ein karoförmiges Palmettenmotiv aus brokatierter Wolle auf Leinengewebe, das zwar aus lokaler Herstellung kam, jedoch persische oder byzantinische Motive nachahmt.4

Das sich karolingische Adlige mit byzantinischen Stoffen geschmückt haben steht außer Frage, zumal Byzanz das Monopol auf Seide besaß und Einhard, als auch Notger uns davon berichten. Doch warum könnten es gerade diese byzantinischen Kreismotive sein, die sie übernahmen?

Orbiculi waren für die frühen Franken nichts fremdes. Sie dienten als Foederati bis zum Untergang des Weströmischen Reiches in der Armeen der Römer. Als solche waren ihnen die Orbiculi, die den Kniebereich der römischen Tuniken schmückte nichts fremdes.
In Byzanz wurden sie schließlich zum Standessymbol. Das Mantelfutter Justinans I. auf den Mosaiken in San Vitale Ravenna ist sogar in Gänze mit Kreismotiven geschmückt. Doch nicht nur der Oströmische Kaiser schmückte sich damit.
In Byzanz war es für die Höflinge üblich und Zeichen ihres Standes, ihre Gewänder mit Seidendamast oder Seidenbrokat mit aufwändigen Orbiculi am Saum und einer breiten, zentralen Clavi zu schmücken. Je mehr desto besser. Aus dem 9. Jahrhundert haben uns auf Grund des Bilderstreits nur wenige Abbildung erreicht, so etwa die Abbildung einer Heiligen als byzantinische Hofdame, sinniger Weise gewebt auf der Clavi einer koptischen Tunika (Abbildung) Klarer noch ist ein tatsächlicher Tunikasaum aus Ägypten (zweites Bild von unten )

Wir wissen nun um Renovatio Imperii und dem damit verbundenen Verständnis der Karolinger sich als Nachfolger des West-Römischen Reiches zusehen. Der Adel war im Besitz von Elfenbein Dyptichen spätantiker Herkunft und die adlige Jugend wurde, fast wie in römischen Zeiten, in den 7 Künsten unterrichtet. Karl orientierte sich beim Bau der Aachener Marienkirche an byzantinischen und bei der Aachener Aula und der Ingelheimer Pfalz an antiken Vorbildern. Die Illustratoren der Handschriften bauten Reminiszenzen der Antike in ihre Werke ein.

Möglicherweise nutzten die Karolinger diese und ähnliche Verzierungen bereits länger auf ihren Tuniken, der Abstraktion der Künstler fielen diese jedoch zum Opfer, zumal diese Verzierungen auf Distanz oder ungünstigem Licht ohnehin kaum im Detail zu erfassen sind und lediglich als farbige Fläche erscheinen.

Die Verwendung byzantinischer Damast und Brokatstoffe innerhalb karolingischer Eliten ist jedoch nicht gleich zusetzten mit einer allgemeinen Verbreitung dieser Stoffe. Das Original war sicherlich nur für die oberste Klasse bei Hofe verfügbar. Niedrigere Adelige dagegen sollten sich, wenn es ihnen den möglich war, mit Resten der Stoffe, ausgetrennten Kreisformen verschidenster Herkunft befestigt auf einem unedleren Trägermaterial zufrieden gegeben haben. Noch geringere Adlige dagegen mussten wohl gänzlich auf den byzantiniscghen Prunk verzichten und wählten wohl eher die Variante, die sich auch im Osebergschiff fand – Nachgewebte oder gestickte Kreiselement aus Wolle nach dem Originalvorbild, aufgenäht auf Tuniken.

Ergänzend möchte ich hier noch einen byzantinischer Saum aus dem 11. Jahrhundert zeigen, der durchaus einen Eindruck vermitteln kann wie die karolingischen Säume in ihrer edelsten Form ausgesehen haben könnten:
tunikasaum
Zudem wollte ich noch darauf hinweisen, dass ich nicht der erste bin der diesen Gedanken hatte, wie dieses Bild bei Wikipedia zeigt.

  1. …Eine Frau darf keine Männerkleidung tragen, und ein Mann keine Frauenkleidung… Vorabdruck aus „Die Kunde“, Jahrgang 2005 []
  2. Pierre Riché Die Welt der Karolinger,S203. , 2te Auflagge 1999, Reclam []
  3. Otto von Falke gibt in der Kiunstgeschichte der Seidenweberei fälschlicherweise Pippin den Jüngeren an und datiert den Stoff daher ins 8. Jahrhundert []
  4. vgl. Anne Stine Ingstad, The textiles in the Oseberg ship []

Belebung des Freilichtlabors Lauresham mit Reges Francorum

Nachdem mich Gawan Dringenberg fragte ob ich denn nach Lorsch zur Belebung des Freilichtlabors Lauresham kommen würde, warf ich kurzfristig meine Terminplanung um und fuhr in Begleitung nach Lorsch.

Zwar hatte ich bereits einiges an positiven über das gerade im Probebetrieb eröffnete Freilichtlabor gehört, wusste aber nicht wirklich was mich erwartete. Und fast wäre auch am Eingang die Stimmung etwas gekippt, ob der Klärung der Frage ob meine Begleitung mit Schwerbeschädigtenausweis mit Begleitperson eine Ermäßigung bekommt. Diese Unsicherheit führe ich jedoch darauf zurück das es sich hier um die erste Veranstaltung ihrer Art handelte und sich das Ganze auch noch einspielen muss.

Vom Eingangsbereich mit improvisierten Kassenhäuschen, der eigentlich Eingangsbereich ist noch nicht fertiggestellt, erreicht man den den Vorplatz der eigentlichen, mit Palisaden bewehrten, Curtis. Im Aussenbereich finden sich wirtschaftliche Nutzflächen, Schmiede, Färberhaus, eine Brunnenanlage usw. Etwas weiter entfernt von der Curtis, hinter der Schmiede befand sich ein kleiner, ebenfalls improvisierter Getränkestand an dem „Lauresham Bier“ (nach Aussage von Reges Francorium sehr lecker) und anderen Getränken, sowie Lauresham Honig verkauft wurde. Positiv zu erwähnen ist zu einem das Stand deutlich abgegrenzt war von eigentlichen Geschehen und versuchte gar nicht sich ins frühmittelalterliche Ambiente einzupassen, wodurch eine Verwechselungsgefahr erst gar nicht bestand, sowie die sehr zivilen Preise. Alle Mitarbeiter des Freilichtlabors trugen grüne Kleidung mit dem Emblem der „Staatlichen Schlösser und Gärten Hessen“, womit sie sich deutlich vom Living History Geschehen abgrenzten.

lorsch2Das Hauptgeschehen spielte sich in der Curtis ab, die über mehrere Eingänge verfügt, wobei der Haupteingang vom Vorplatz her erfolgt. Zur Rechten, in der Scheune erfolgten Holzschnitzarbeiten, zur Linken liegen das Haus der Frauen und Kinder, sowie das Frauenarbeitshaus mit Gewichtswebstühlen in dem fleißig gewebt wurde und den umstehenden Zuschauern beständig Auskunft gegeben wurde. Auf dem Hauptweg, gegenüber des noch recht kahlen Gemüsegartens mit Hochbeeten, gab es zwei Verkaufsstände. Zum einen Andi Helfert mit seinen fantastischen Schuhen, zum anderen einen wunderbaren Stand mit Keramik an dem gerade eine Tatinger Kanne ihre aufwendige Zinnfolienverzierung bekam.
Weiter auf der linken Seite liegt das Herrenhaus mit Festhalle und Feuerstelle sowie zwei angegliederten Schlafräumen. Hier wurde schon fleißig für das Essen für den Herren (Wildchschweingulasch, so die interne Information) Holz gehackt. Der indes hatte es sich gegenüber im Haus des Clericus bequem gemacht. Hier, an der oben geöffneten Halbtür/Klöntür stand er und beantwortete Fragen zu dem hinter ihm liegenden Schwert oder den Pergamenten auf dem Schreibpult . Wegen der halboffenen Tür wurde schon vom „Kiosk Dringenberg“ gefeixt.
Weiter führt der Weg auf die Kapelle mit eingezogenem Rechteckchor zu und dem auf der linken Seite liegenden kleinen Backhaus in dem gerade frisch gebackenes Brot abkühlte.

lorsch3Durch Gawan Dringenberg bekam ich einige der Requisiten aus den Dreharbeiten des Films die Päpstin zu sehen, die Herr Dr. Schefers (er hatte die Beratung des Films in Fragen des Scriptoriums inne) gezeigt. Und ich muss eingestehen das er sich wirklich die Rosinen herausgepickt hat. Auf echtem Pergament ausgeführte Handschriften mit karolingischer Minuskel, oder etwa eine Replik des Ardennenkreuzes, die nun in der Apsis der Kapelle steht.

Ich war sehr beeindruckt von der Veranstaltung. Ich wünschte mir es gäbe mehr davon. Natürlich ist es bisher nur der „Probebetrieb“ des Freilichtlabors und ja ich hatte Skepsis, aber diese Veranstaltung hat mir mehr als Hoffnung gegeben.  Und sogar meine Begleitung (inzwischen kritischer als ich) hatte nichts auszusetzen und das will was heißen!
Spätestens wenn Reges Francorum wieder dort ist, werde ich auch dort sein.

Die Akte Campus Galli

Noch immer trauere ich der Idee des Campus Galli alias Karolingische Klosterstadt Meßkirch hinterher.  Seit dem die Ausführung des Projektes in eine andere Richtung zu gehen scheint als ich mir das erhofft hatte schrieb ich nicht mehr darüber. Für mich ergab sich aber nun die Möglichkeit mir die Anlage einmal selbst aus nächster Nähe anzusehen. Das ich dabei ausgerechnet den Tag des Sommerfestes erwischte war nicht beabsichtig. Ich konnte daher aber einigen Sachen nicht so nachgehen wie ich das gewünscht hätte, andererseits ergaben sich dadurch auch andere Möglichkeiten. Dazu mehr im Text. Die Bilder die ich machte, habe ich zu Flickr ausgelagert (Hier das Album), spezielle Beispielbilder habe ich in dem Text verlinkt.

Der Weg in den bzw. durch Campus Galli sei zu lang, war an einigen Stellen zu lesen. Ich glaube man muss hier differenzieren.  Den Weg selbst, also vom Eingang bis zu den ersten Gebäuden fand ich persönlich nicht zu lang. Er führt ein Stück über eine Wiese und biegt dann auf den Rundweg des Campus Galli ein. Dieser Rundweg führt  vorbei an den einzelnen Hütten der Handwerker durch den Wald, unterbrochen von einigen Querwegen, darunter auch dem Weg auf den „Marktplatz“ bei dem sich auch die Baustelle der Holzkirche befindet. Der längere Weg wirkt zum einen als Zeitschleuse, zum anderen schottet er das Gelände optisch und haptisch von der Straße ab.
Der Sinn und Zweck der Wegeführung ergab sich aber speziell durch den Fakt des „Sommerfestes“, bei dem weitaus mehr Besucher kamen als dies regulär der Fall sein dürfte. Der Zweck liegt einfach darin die Besucherströme auseinander zuziehen. Das Problem ist aber das dadurch das Konzept der auf einer Rodung liegenden Klosterneugründung mit Baustelle ad absurdum geführt wird. Mitunter erinnerte mich das ganze an das Konzept von Märchenparks meiner Kindheit in denen man durch ein Waldstück ging und hier und da Häuschen standen bei denen man auf einen Knopf drückte und Schneewittchen und die 7 Zwerge zu sehen sind und jemand was dazu erzählt. Die umliegenden Arbeiterhütten erweckten also das Gefühl nicht wirklich zur eigentlichen Baustelle zu gehören.
Ach ja die Häusschen. Hiltibold berichtete bereits über die rege Verwendung von Zeltplanen (Link). Dies kann ich nur bestätigen. Fast jede der Hütten besaß noch einen Platz der mit einer Zeltplane überspannt war. Dabei handelte es sich ausnahmslos um Industrieplanen, mit Industrienähten und D-Ringen oder ähnlichen Befestigungen, die neben den Hütten angebracht sind. (Beispielbild einer Plane)

„An den Schuhen sollt Ihr sie erkennen“, war ein Spruch der die Wichtigkeit von anständigen Schuhen für eine Darstellung verdeutlichen sollte und bei uns in der Anfangszeit rumging. Das in der Klosterstadt Sicherheitsschuhe und Holzschuhe (in der Funktion als Sicherheitsschuhe) getragen werden ist mir durchaus verständlich. Warum aber nun kein einziger der Klosterstadt „Bewohner“, wenn er denn keine Handwerkliche Tätigkeit ausführte (Bild jonglierender Junge),Wendeschuhe trug sondern  mit Wanderstiefeln umher lief bleibt wohl ein Rätsel. Zumal es durchaus günstige Wendeschuhe (im Notfall auch mit „unecht“ genagelter Sohle für die furchtbaren Schotterwege) gibt.

Anachronismus ick hör dir trapsen. Vor einiger Zeit wurde kritisiert das auf einem Bild ein Arbeiter zu sehen war der ein T-Shirt unter seiner Tunika trug. Auch ich konnte dies Beobachten (Bild eines T-Shirt tragenden Arbeiters). Dies war aber bei weitem nicht das Schlimmste, denn ein T-Shirt kann man mitunter Kaschieren, zumal das T-Shirt eine helle Farbe hatte. Dramatischer war aber die Verwendung anachronistischen Gürteltaschen. So gesehen einmal in der Schmiede in Form einer Gürteltasche aus Leder mit Riegelhaken/Hakenverschluss wie man sie oft auf Mittelaltermärkten findet (entsprechendes Bild), sowie einmal in Form einer Polyestergürteltasche mit Reißverschluss bei einer der Seilerinnen (Bild). Letztere trug ebenfalls noch einen Seidenschal moderner Machart.
Die größte Sammlung von Anachronismen auf einem Platz fand ich beim Drechsler. Lassen wir mal das Schild über dem Laden außer Acht auf dem das Wort Drechsler in roter Schreibschrift mit einem Drachen als D stand (Bild der Bauhütte). Das allein trieb einem schon die Schamesröte ins Gesicht. In der Hütte fand sich neben einem modernden Strohhut (Bild des Strohuts), eine römische Amphore, ein Messingtopf (der Naht nach aus Spritzguss) (Bild des Innenraums) und einen Zinnbecher  (Zinnbecher erkennbar hier). Eigenartig war auch der Verkauf(?) von unpassenden Pflanzen auf einer gegenüber angelegten Kräuterspirale (Pflanzenverkauf). Positive erwähnen muss ich dagegen das sich in der Drechslerwerkstatt 2 Räder mit einer Holzachse fand für einen möglichen neuen Karren fand. Ach und ich glaube über die Verwendung von Daubeneimern mit verzinnten oder vernickelten Ringen brauchen wir nicht zu sprechen.

Generelles Problem der Informationsvermittlung. Mitunter wurde den Bewohnern vorgeworfen falsches oder mangelndes Wissen an den Tag zu legen.  Ob dies tatsächlich der Fall ist konnte ich nicht herausfinden, denn der Andrang war einfach zu groß und man konnte nur schwer nachfragen oder sich durch die Menschentrauben zwängen die sich vor den einzelnen Märchenhaushütten Werkstätten bildeten.  Es fiel mir jedoch mitunter bei den Personen eine große Unsicherheit auf vor Publikum zu agieren.  Zum Teil wirkten sie auch so als wüsten sie zwar ihre Aufgabe, hatten jedoch nicht das Ganze verinnerlicht. Will sagen sie sie wussten was sie für eine Aufgabe hatten, das 9. Jahrhundert, in dem sie ja per Definition handelten, erschien ihnen jedoch fremd. Es waren eben Menschen des 21. Jahrhunderts die man in Kostüme des 9. Jahrhunderts gesteckt hatte und deren Erfahrung als Erklärbär sich in argen Grenzen hielt.

Ein anderes Problem in diesem Bereich waren verwaiste Baustellenteile. In meinem Fall betraf das den neuen Grubenmeiler. Man sah eine Runde Feuerstelle in bzw. an einer Grube neben der einige Kalksteine lagen. Ich ging davon aus das es sich um den Versuch einer Kalkbrennerei für den Mörtel handelte. Aber es war der Grubenmeiler. Ich hätte mir Schautafeln gewünscht, nicht nur am Grubenmeiler, die auf die dort ausgeübte Tätigkeit hinweist und informiert.

Das Programm des Sommerfestes war eher absurd.  Zwar hatte ich am Anfang das Gefühl das hier etwas richtig gemacht wird, denn direkt hinter den Kassenhäuschen fanden sich einige Stände mit Bratwurst und ein bisschen Firlefanz (Bild). Ich ging also davon aus das hier zwischen dem Markt und der Baustelle getrennt wird. Leider hatte ich mich getäuscht. Denn auch der auf dem Marktplatz gab es mehr Firlefanz als sich das jemand gewünscht hätte. So wurde auf dem „Marktplatz“ „Wikingerschach“ (Bild) angeboten während eine typische Gro-Mi-Gruppe Kalinka gab zum besten (Video).  Zudem konnte man auf dem Markplatz man „karolingische Wurst im Teigmantel“ erstehen (Bild)  aus einer karolingischen Verkaufsstand(?) herraus, oder an einem Stand die üblichen Seifen kaufen (Bild). Wohlgemerkt auf dem Marktplatz der Klosterstadt, der zentralen Rodung – Heiliger Boden Highlander!! Dieses Rahmenprogramm war vielleicht gut gemeint, aber wird extrem absurd wenn dann  auch noch Thomy der Weltenbummler „Da Vincis Malerwerkstatt“  am Baugrund der Scheune aufbaut (Bild). Ach, und zwei mal konnte ich typische Mittelaltermarktbesucher (Gewandung) erkennen. Dies hielt sich also in Grenzen.

Es mag sich nun jeder sein eigenes Bild machen.