Kritische Betrachtung karolingischer Helme anhand illuminierter Handschriften

Ursprünglich hatte ich angedacht mehrer Posts über den karolingischen Helm zu schreiben und somit einen gewissen Spannungsbogen zu erzeugen. Da ich aber bereits nach dem ersten Post merkte, dass hier eins ins andere greift, bzw. einzelne Posts Fragen aufwerfen würden, die der Folgende lösen könnte,was dann wieder Korrekturen erforderte habe ich mich entschlossen einen einzigen, großen Artikel daraus zu machen. Zu dem kann ich mir so ein wenig Zeit lassen und gewissenhafter arbeiten.
Zu Beginn meiner Suche glaubte ich eigentlich, und das  recht fest in diesem Glauben, an einen karolingischen Helm der ähnlich dem in der  Vivien Bibel abgebildeten Helme aussah. Nun nach dem ich ich durch hunderte von Handschriften, Bücher und Texte gequält habe, hat sich meine Welt ein bisschen verändert und daran möchte ich Euch teilhaben lassen.
Ich beanspruche damit aber nicht ultimative Lösungen aufzeigen zu können, da doch Interpretationsspielraum bleibt und vieles wohl immer eine Ansichtssache bleiben wird. Dennoch würde ich mich über eine Diskussion freuen, kann sie uns doch alle nur nach vorne bringen.

Fragestellung

Der karolingische Helm, der aus vielerlei Darstellungen bekannt ist, lässt sich archäologisch nicht fassen. Es bleiben zur Zeit einzig die Darstellungen aus Handschriften der Epoche und daraus resultierende Überlegungen.

Fundproblematik

Es gibt keine Helme die mit Sicherheit in das 9. Jahrhundert des fränkischen Reiches datiert werden können. Zwei Helme aus  Groningen-Euvelgunnerburg und Bremen , die mit Spitznieten besetzt sind, werden hin und wieder dem 8./9. Jahrhundert zugeschlagen, dabei ist die Datierung strittig und Fundzusammenhang unbekannt.
Das 9. Jahrhundert kennt die Bestattungen mit Beigaben nicht mehr, so dass man nicht darauf hoffen kann entsprechende Funde zu machen. Bereits im späten 7. und frühen 8. Jahrhundert finden sich in prunkvollen Bestattungen keine Helme als Beigaben, während die sonstige Ausstattung dies erwarten lassen würde.  Auch Hortfunde, ähnlich den gemachten in England sind unwahrscheinlich, bestand doch in der Regel im fränkischen Kerngebiet kein Grund dafür kostbare Gegenstände wie Waffen zu vergraben, da diese im Verteidigungsfall (z.B. Einfall der Nordmänner) benötigt worden wären.  Einzig Funde im Ausland, etwa in skandinavischen Ländern könnten hilfreich sein. Denkbare wäre etwa ein Beutestück aus den Zügen der Nordmänner in das fränkische Reich, vergleichbar mit den Kleeblattbeschlägen von Schwertgurten. Es muss aber bedacht werden, dass man ein solches Stück möglicherweise nicht erkennen erkennen könnte. Als Beispiel könnte hier der Wenzelshelm aufgeführt werden, dessen Nasalpartie wesentlich früher als die Kalotte datiert wird, ohne aber die Herkunft mit Bestimmtheit lokalisieren oder datieren zu können.

Der karolingische Helm in Texten

Die Textquellen, die sich mit Helmen befassen oder diese erwähnen sind rar. Zunächst einmal soll die Lex Ribuaria erwähnt werden. In diesem wird der Preis für einen Helm mit 6 Solidi angegeben.  Fast genau soviel wie ein Schwert mit Gurt und Scheide mit 7 Solidi. Dagegen wird im capitulare missorum  (792/93) der Helm nicht erwähnt.1  Nach dem Aachener Capitular (802/803)  hatten Anführer, Bischöfe, Grafen und Äbte Brünne und Helm aufzubieten. Der Schwiegersohn Ludwigs des Frommen, Markgraf Eberhard von Friaul, führte in seinem Testament 865 9 Schwerter, 3 Brünnen aber nur einen Helm mit Panzerhemd auf.2 Das bedeutet das sich nur die Elite einen Helm leisten konnte, bzw. gezwungen waren  sich einen solchen zu leisten.

Illuminierte karolingische Handschriften und Kunstwerke mit Helmdarstellung im Versuch einer chronologischen Reihenfolge

Es wurde während der Rechereche auf eine Vielzahl von Digitalisaten karolingischer  Handschriften zugegriffen. Einige davon könnten weitere Helmabbildungen enthalten, wie etwa die Miniaturen in den Initialen der Drogo-Bibel, oder in den Sternzeichendarstellungen in der „Sammlung astronomisch-komputistischer und Naturwissenschaftlicher Texte -BSBClm 210“. Diese Abbildungen sind jedoch so klein und ungenau das hierüber keine genaue Aussage getroffen werden konnte.  Eine Vergleich mit byzantinischen Handschriften gestaltet sich schwierig. Viele Handschriften wurden in der ersten Hälfte des 9. Jahrhunderts durch den wieder aufkeimenden Ikonoklasmus zerstört, der bis 843 währte. Abbildungen zu den besprochenen Illuminationen finden sich am Ende de Beitrags in einer Galerie. 

  • Psalter von Corbie um 800, Corbie
  • Apokalypse von Valenciennes vor 825, möglicherweise Lüttich
  • Stuttgarter Psalter ca. 820-830Saint-Germain-des-Prés
  • Kanonische Sammelhandschrift Cod. CLXV 1. Hälfte 9. Jh
  • De laudibus sanctae crucis ,  Versionen ab 825, Fulda
  • Trierer Apokalypse, um oder vor 825,
  • Einhardsbogen, ca. 830
  • Vivian-Bibel oder Erste Bibel Karls des Kahlen, 845/46, Tours
  • Lothar Evangeliar, 849/51, Tours
  • Prudentius, Carmina  2. Hälfte 9.Jh. Abtei Saint Amand
  • Goldener Psalter von St. Gallen, ca.870 begonnen, St. Denis
  • Psychomachia des Prudetius, 870-899, möglicherweise Reims 
  • Prudentius Sammelhandschrift 9.Jh (z.Zt bis ins 14. Jh. bearbeitet) Maastaal 

Genaue Betrachtung Quellen und der darin abgebildeten Helme

Der Psalter von Corbie steht in der Tradition insularer Handschriften, so sind die illuminierten Initialen mit Flechtbandmotiven und Tierfiguren dargestellt. Das Kloster Corbie war seit Bathilde eines der bedeutendsten Klöster des Merowingerreiches von hier aus gingen bedeutende Schritte zur Christianisierung Sachsens aus. Der Psalter enthält 2 oder 3  verschiedene Abbildungen von Helmen. Eine erscheint als  Spangenhelm . Auf der Abbildung scheint der Träger ihn auf die Stirn nach oben geschoben zu haben. Auf der Stirn sitzen 2 Kugeln, möglicherweise ein angedeutetes Nasal. Am Ohr weist der Helm ein Verlängerung nach unten auf. Entweder eine Wangenklappe oder ein Nackenschutz.  Die weiteren Abbildungen zeigen möglicherweise einen Helm des selben Typus, lediglich aus 2 verschiedenen Perspektiven. In einem Bild blickt man frontal auf diesen Helm. Er hat eine konische Form.  Ein Reif führt horizontal geschwungen um den Helm, ein weiter führt wie bei einem Kammhelm auf die Kalotte hinauf. Um den Helm scheint ein Tuch gebunden, welches im Wind flattert. Das dritte Bild zeigt eine mögliche Seitenansicht, die Ohren sind bedeckt, wobei nicht klar ist ob der Helm derart tief an den Seiten heruntergezogen ist oder Wangenklappen zum Einsatz kommen, auf der Stirn scheint ein runder Punkt zu sitzen. Optisch erinnert die Seitenansicht an ein Camauro, es könnte also auch eine Kopfbedeckung sein.

Die Apokalypse von Valenciennes entstand wahrscheinlich vor 825. Als Entstehungsort ist  Lüttich in Betracht gezogen worden, ohne dies jedoch belegen zu können. Der Künstler der Handschrift stammte wahrscheinlich aus dem angelsächsischen Raum, wie die Flechtbandmotive und die Gestaltung der Figuren verrät.3  Die dargestellten Figuren tragen fränkische Kleidung, die Lanzen sind jedoch nicht als Flügellanzen ausgeführt. Letztendlich lässt sich nicht entscheiden ob hier mehr angelsächsischer Einfluss als fränkischer Vorliegen könnte.
Mehrere Personen zeigen sich als Helmträger, aber ohne weitere Rüstungsteile. Die Helme sind gleich gestaltet und unterscheiden sich nur in ihrer Farbgebung. Die Kalotte bedeckt den Kopf halbkugelförmig und ist in einem Fall länglich nach oben gestreckt. Von der Stirn verläuft ein sich abhebendes Band nach oben und wahrscheinlich weiter in den Nacken. Die Ohren erscheinen bedeckt  und sind,  zumindest im Gegensatz zu weiteren Darstellung der Handschrift, nicht angedeutet. Wahrscheinlich besitzt der Helm Wangenklappen. Das ganze Konstrukt zeigt Linien die zum Zentrum des Helms zu verlaufen scheinen, wahrscheinlich Eisenplatten aus denen die Kalotte zusammengenietet ist. Ein Nasal ist nicht zu erkennen.Am ehesten ähneln die Helme Kammhelmen  wie dem Coppergate Helm, jedoch ohne Nasal.

Der Stuttgarter Psalter ist eng mit dem byzantinische Chludov Psalter verwandt. Bei ihren jeweiligen Illustrationen der Kreuzigung sind sie im Bildaufbau fast identisch. Wie A.Schäfer  ((  A. Schäfer „Der Stuttgarter Psalter“  S.14)) schreibt, geht Florentine Mütherich in „Die Stellung der Bilder in der frühmittelalterlichen Psalterillustration“ davon aus Byzanz habe die fränkischen Darstellungen beeinflusst. Beide Werke sollten sich  , zumindest in Teilen, auf eine vorikonoklastische Quelle berufen.  Die Landesbibliothek Baden Würtemberg erklärt auf ihrer Informationsseite, dass mehrere, bis zur Spätantike reichenden,  Psaltervorlagen vorhanden gewesen sein müssen.4  Beide Abbildungen haben sich jedoch ihren entsprechenden optischen Gepflogenheiten angepasst. So tragen die Franken entsprechende fränkische Tracht und Flügellanzen. Ähnliches  dürfte auch bei den Helmen geschehen sein. Dabei setzte der Stuttgarter Psalter allein an der Masse seiner dargestellten Helme Maßstäbe  da mehr als die Hälfte der kämpfenden Personen Helmträger sind.5
Die Helme selbst zeigen farblich abgesetzte die Bänder die zur Spitze der Kalotte verlaufen. Die Grundform ist rund bis eiförmig, in einem Fall ähnelt sie einer phrygischen Kappe.  Oben auf sitzt in der Regel ein Kugel, nicht jedoch bei der phrygischen Form. In der Horizontalen scheint ein Band um den Helm zu laufen. Wo sich vertikale und horizontale Bänder  treffen,  scheint ein kreisformiges Objekt, ähnlich einem Medaillon,  angebracht zu sein. In einigen Fällen scheint ein Nackenschutz angebracht zu sein. Die Ohren sind sichtbar, die Helme besitzen also keine Wangenklappen.
Umlaufendes und nach oben verlaufendes Band erwecken in Kombination mit der Aufsitzenden Kugel und Form den Eindruck eines Spangenhelms ähnlich dem Typ Baldenheim. Es könnte sich jedoch auch um einen Kammhelm handeln, da immer nur ein Band zu erkennen ist, das durch verzerrte Perspektive eher seitlich als zentral wirkt, oder absichtlich so dargestellt wird.

In der Kanonische Bilderhandschrift aus Norditalien befinden sich 2 Doppelblätter mit unkolorierten Federzeichnungen die das Konzil von Nicäa und das erste Konzil von Konstantinopel darstellen. Es wird angenommen, dass die Zeichnungen auf eine italische Vorlage zurückgehen, die ihrer Seits wiederum auf eine byzantinische Vorlage zurückgehen.6
Die abgebildeten Helme ähneln denen des Stuttgarter Psalters, spitzkonisch, ein Band zu erkennen, hier zentral über der Stirn, mit einem Kreis über der Stirn und Kugel auf der Kalotte.

Das De laudibus sanctae crucis ist ein Sammlung von Hrabanus Maurus verfasstes Figurengedichten, welche eine Gedicht zu Ehren Ludwigs des Frommen enthält. Verfasst wurde dieses um 810. Das Buch wurde jedoch vielfach mit Widmungen versehen verschenkt. Für diese Betrachtung konnte ich die Version  Biblioteca Apostolica Vaticana, Reg. lat. 124 (um 825/826 für den Mainzer Bischof),die Version  Amiens, Bibliothèque municipale, Ms. 223 (um 843/844 an Papst Gregor IV) und die Version  Bibliothèque Nationale de France, Lat. 2422 (um 843/847 an das Kloster St. Dennis) ansehen. Bei letzterer fehlt die Darstellung Ludwigs. Beide daher auswertbaren Versionen unterscheiden sich nur in Leuchtkraft, Farbe  und Erhaltungszustand, wobei sich in der Version  Ms. 223 noch eine Vorzeichnung Ludwigs erhalten hat (Möglicherweise auch Nachzeichnung?) , der man eine schnelle Strichführung ansieht. Ludwig wird dort als miles Christi, also Krieger Gottes/ Gotteskrieger dargestellt, wobei sein Aussehen eine Mischung aus fränkischen (Schildbuckel) und antiken (Brustpanzer) Attributen aufweist.Einige der Abbildungen stehen in der Tradition antiker Virgil Darstellungen.7 Der Helm den Ludwig trägt sehen wir in Frontalansicht. Er scheint aus zwei Viertelkugeln gefertigt die in  der Mitte verbunden sind. An der Stelle des Bandverlaufes scheint der Helm eine Mulde zu bilden, als sei er dort eingedellt.Horizontal führt ein Band um den Helm. Über der Stirn, wo sich die Bänder treffen befindet sich ein kreisrundes Objekt. Die Ohren erscheinen nicht bedeckt.
Der Helm dürfte am ehesten als Kammhelm unbekannter Art  identifizierbar sein. Interessant ist das gestalterische Elemente des Kreises über der Stirn, welches eine Parallele zum Stuttgarter Psalter herstellt.

Die Trierer Apokalypse, nach ihrem heutigen Verwahrungsort benannt, ist eine auf spätantiker Vorlage beruhende Abschrift des Johannesevangeliums.8 Zahlreiche Darstellungen wurden der fränkischen Mode angepasst. Bei den vorhandenen Helmen handelt es sich um die gleiche abgebildete Situation wie bei der  Apokalypse von Valenciennes. Auch hier fand eine Anpassung statt.
Die Helme erscheinen hier klar als Spangenhelme identifizierbar, die über ein Zentrales Element auf der Kalotte verbunden sind. Ohren sind nicht sichtbar, wahrscheinlich durch Wangenklappen verdeckt.
Die Helme sollten als Spangenhelme (Typ Baldenheim) angesehen werden können.

Der Einhardsbogen selbst ist heute nicht mehr erhalten. Nur eine barocke  Zeichnung auf Papier9 , des  ehemals 31,69cm hohen, 246cm breiten und 11,6cm tiefen Bogens10 , gibt Aufschluss über dessen Gestaltung. Es handelte sich dabei um einen Sockel für ein Kreuz, das in seiner Form den römischen Titusbogen nachahmt.11   Sein Stifter Einhard lies es für das Kloster St. Servatius Maastricht herstellen, dem er bis 830 als Laienabt vorstand. Alcuin lobte ihn für die Kenntnis der Klassiker römische Literatur. Sein Werk, die „Vita Karoli Magni“, verfasste er nach dem Vorbild der Kaiserbiographien Suetons12 Der gesamte Bogen ist programmatisch Religös aufgebaut. Alle dargestellten Personen tragen Nimben, nicht jedoch die zwei Reiter die auf der Innenseite des Bogens abgebildet sind. Ihr Habitus gleicht dem des Erzengels Michael, der den Teufel in Form einer Schlange niederwirft. St. Georg als Drachentöter kommt erst mit den Kreuzzügen in Mitteleuropa auf und scheidet daher aus.
Die Helme sind selbst nur schwer identifizierbar  Erstmalig taucht hier ein scheinbar breitkrempiger Helm auf. An seiner Stirn findet sich ein rundes Element. Auf der Kalotte befindet sich ein Aufsatz auf dem scheinbar eine fächerartiger Federbusch aufsitzt. Zwischen Krempe und Kalotte ist ein ein Band eingezeichnet. Der zweite Helm ist kaum zu deuten. Auf einem kreisrunden Helm, der die Ohren zu bedecken scheint sitzt eine geschweifte Helmzier. Ob stilisierter Busch oder Kammscheinbenartig muss offen bleiben. Zumindest der breitkrempige Helm ähnelt denen die die allegorische Roma auf spätantiken Dyptichen trägt.
Am wahrscheinlichsten, auch und gerade wegen des Bezuges Einhards zur Klassik, scheint die Übernahme antiker Vorbilder.

Die Bamberger Bibel (Alkuin Bibel), die Grandval Bibel,  Die Bibel von S.Paolo fuori la muro , Vivien Bibel und auch  das Lothar Evangeliar bedienen sich, zumindest nachgewiesen in Teilen,  einer Vorlage. Dies wird bei den Darstellungen Adams und Eva deutlich, die ebenso Entsprechungen in byzantinischen Handschriften finden, als auch als Vorlage für die späteren Bernwardstüren Verwendung fanden.13 und14
Zudem teilen sich Vivien Bibel und Lothar Evangelier den selben Künstler, den sogenannten „Meister C“ oder „Meister der Vivien Bibel“, der wahrscheinlich auch nach der Zerstörung von St. 853 durch die Nordmänner die Bibel vonvon S.Paolo fuori la muro in Reims schuf.15   Die Bibel selbst wurde im Auftrag von Vivien Graf von Tours und Laienabt des Klosters von Tours hergestellt. Auf der letzten Illumination ist die Übergabe des Werkes zu sehen. Die Darstellung der Übergabe orientiert sich an der Darstellung Davids in der Mitte der Bibel und vergleicht somit den Herrscher mit König David16 bzw. Davids Aussehen wurde nach dem Aussehen  Karls des Kahlen gestaltet17 Auffällig ist die Gestaltung der Bibelübergabe, die sich  im Schema einer spätantiken Gelehrtenversammlung vollzieht.18 Die Abbildungen der Figuren hat ihre direkte Vorlage in der virgiuls vaticanus , die etwa um 400 n. Chr. entstand19 Vergleiche hierzu Abbildung des Trojanischen Rates und die Herrscherwachen im Virgilus Vaticanus20

Das Lothar Evangeliar besitzt zudem eine Eigenheit in seiner Stifterdarstellung. Sie auf das Minimalste beschränkt.   König Lothar befindet sich  in einem Throngehäuse auf dem Thron sitzend. Zu seiner linken, bis zum Kopf vom Thron verdeckt, befindet sich ein Lanzenträger mit Helm und Schild. Genauso verdeckt befindet sich ein weiterer Behelmter, der Lothar über das Throngehäuse das Schwert reicht. Lothar beachtet dies jedoch nicht und weist mit seiner Hand zu  seiner linken, wo sich die Stifterinschrift des Evangeliars befindet. Das Schwert , das Lothar erhält sollte  das Richterschwert darstellen, doch Lothar tritt in diesem Fall nicht als weltlicher Richter, sondern Stifter auf. Er überlässt somit die Richterposition Gott, der über seine Taten entscheiden möge.
Das besondere an dieser Darstellung ist die Positionierung der beiden Bewaffneten. Zwar sind sie fast vom Throngehäuse verdeckt, überragen Lothar dennoch um Hauptes Höhe. Es ist normaler Weise die Position an der Heilige, Engel, Christus oder Gott selbst positioniert werden. Sie weisen jedoch keinen Nimbus auf und sind somit nicht als Heilige zu identifizieren.  Eine entsprechende Darstellung und Aufbau findet sich im Konsulardyptichon des Magnus aus dem Konstantinopel des Jahres 518. Hier befindet sich der Konsular Magnus vor den Personifikationen der Roma und der Konstantinopel. Auch ein Helm der Personifikation scheint mit denen auf Lothars Herrscherbild zu entsprechen.21 Gleiches gilt auch für den Helm der Roma, der dem der Wachen nahezu entspricht, lediglich der Kronbügel schein ausgetauscht oder stilisiert worden zu sein.
Auch hier sehr wahrscheinlich das die Helme ein antikes Vorbild hatten, vergleiche Virgil bei der Vibien Bibel

Wie Vivien Bibel und Lothar Evangeliar gilt für sämtliche Frühmittelalterforschung Prudentiushandschriften, dass sie auf eine frühere, wahrscheinlich spätantike, Quelle zurückgreifen.22 Dies gilt sowohl für die Psychomachia, die Carmina, als auch für die Sammelhandschrift, die sich zum Teil ganze Abbildung bis ins letzte Detail teilen. Einige der Helme lassen jedoch die breite Krempe des Antiken Vorbildes vermissen und weisen dafür vermehrt den Kreis in der Stirnpartie auf. Hierbei fällt auch ein spitzkonischer Helm extrem auf. Es ist denkebar das über die Zeit das Muster des spätantiken Vorbildes, zumal das Skriptorium von  Tours zerstört war.

Der Goldener Psalter von St. Gallen (Psalterium Aureum) weist starke parallelen zu den irischen, also insularen/ angelsächsischen,  Manuskripten auf, die im Skriptorium des Stiftes gefertigt wurden.  (( Christoph Eggenberger „Der Goldene Psalter und die Buchmalereis des Klosters St. Gallen“ in „Alemannisches Jahrbuch 2001/2002“ S. 64 )) Zudem orientierte man sich am Psalter Karls des Kahlen, ohne diesen jedoch einfach zu kopieren. Eggenberger vergleicht die Darstellung der Helme im Psalter mit dem Helm Ludwigs des Frommen im De laudibus sanctae crucis  ((  Christoph Eggenberger „Psalterium aureum Sancti Galle“ S. 182 )). Die Helme scheinen, zumindest von ihrer Form her in der Darstellung von der Antike inspiriert, vermischen aber die Form mit Darstellungen wie aus dem Stuttgarter Psalter.  Wie in anderen Abbildungen bereits gesehen ist hier über der Stirn eine Kreis markiert, Über die Kalotte führt ein Band, genau so wie ein horizontal laufendes Band existiert. Zum Teil scheinen sie eine Krempe zu besitzen, wobei hier auch perspektivische Fehler  bei der Darstellung eines Nackenschutzes eine Rolle spielen könnte.

Zusammenfassung

Grundsätzlich muss zwischen zwei Arten von Darstellungen unterschieden werden. Zum einen die Abbildungen nach spätantiken Vorbildern, vor allem aus Virgildarstellen. Sie zeichnen sich Grundsätzlich durch eine starke Breitkrämpigkeit aus. Ihre künstlerischen Wurzeln scheinen  im Umfeld des Klosters von Tour zu liegen, wo die alten merowingisch-fränkischen Reichsreliqiuen des hl. Martin verwahrt wurden. Mit dem Ende des Klosters verwischen sich die Spuren der Antikenrezeption in der Darstellung langsam.

Weitere Darstellungen zeigen, recht sicher identifizierbar Spangenhelme und Kammhelme. Im Laufe der betrachteten 100 Jahre verschwinden zunächst Wangenklappen und dann Spangenhelme  ganz aus den Illuminationen und es scheint sich eine Art Kammhelm durch zusetzten.  Nasale scheinen die Helme nicht besessen zu haben, oder aber sie wurden auf Grund der Sichtbarkeit der Gesichter nicht eingezeichnet. Allen Helmen ist die Kreisform auf der Stirn gleich. Möglicherweise eine Antikenrezeption auf die Chi-Ro Helm-/Helmkammbeschläge der späten Römerzeit23 Der kugelartige Aufsatz auf der Kalotte , der im Stuttgarter Psalter sichtbar ist, weckt Erinnerungen an den Boar Helmet und ähnliche Helmaufsätze.

 

Fazit

Es scheint am wahrscheinlichsten das sich im 9. Jahrhundert eine Art des Kammhelmes durchsetzte. Dieser Kammhelm sollte in der Regel mit einem Nackenschutz versehen gewesen sein, wahrscheinlich Kette aber auch ein fester Schutz ist in Teilen denkbar, aber kein Nasal besessen haben. Er bestand scheinbar aus zwei Teilen, die von Stirn zu Richtung Nacken vernietet waren.  Die Naht scheint mittels eines Bleches betont worden zu sein, ähnlich den Nordischen Kammhelmen. Ebenso der Punkt an dem das Blech die Frontpartie trifft. Federschmuck scheint möglich.

Ergänzende Anmerkung: Ein runder oder spitzovaler  Kammhelm aus zwei Kalottenteilen  könnte die Lücke zu zum einteiligen Nasalhalm schließen (z.B. Helm des heiligen Wenzel). Hierfür würde auch die Darstellung des Makkabäerbuches aus St. Gallen des frühen 10. Jahrhunderts sprechen24 , die runde Helme mit einem zentral über die Kalotte verlaufenden Streifen zeigen.

Ergänzend lies sich nun die Frage stellen ob vielleicht einige nordische Kammhelme/ Brillenhelme aus dem Fundgut Zweitvertungen aus karolingischem Bestand sind, denen u.U.  noch Brillen hinzu gefügt wurden.

  1. Heiko Steuer, „Bewaffnung und Kriegsführung der Sachsen und Franken“ in 799 Kunst und Kultur der Karolingerzeit S.310 []
  2. Reallexikon der Germanischen Altertumskunde Band 25 S.443 []
  3. Johanna Monighan-Schäfer „Offenbarung 12 im Spiegel der Zeit Eine Untersuchung theologischer und künstlerischer Entwicklungen anhand der apokalyptischen Frau“ S.13 []
  4. http://www.leo-bw.de/web/guest/highlights/der-stuttgarter-psalter []
  5. Heiko Steuer, „Bewaffnung und Kriegsführung der Sachsen und Franken“ in 799 Kunst und Kultur der Karolingerzeit S.311 []
  6. „799 Kunst und Kultur der Karolingerzeit“ Katalog Band I S. 60 []
  7. vgl. Jan M. Ziolowski  „The Virgilian Tradition: The First Fifteen Hundred Years“ []
  8. Peter K. Klein““The Apocalypse in Mediaval Art“  in „The Apocalypse in the Middle Ages“  S.164 []
  9. Paris, Bibliothèke Nationale de France, FR 10440, fol. 45 []
  10. „799 Kunst und Kultur der Karolingerzeit“ Katalog S. 700 []
  11. Hans Belting „Zeitschrift für Kunstgeschichte“ 36.Bd, S. 93-121 []
  12. Evelyn  Scherabon Fischer „Vita Karoli Magni Das Leben Karls Des Großen“ S.87 u. 89 []
  13. Vasiliki Mavroska „Adam and Eve in the Western and Byzantine art of the Middle Ages“ S.59ff []
  14. “ Reallexikon der Germanischen Altertumskunde“ Band 16  S.305 []
  15. Klaus H. Dingeldein „Das Geheimnis der vermeidlichen „Rolin-Madonna“ – Eine Analyse der Bildhermeneutik“  S.187 []
  16. Egon Boshoff „Karl der Kahle –  novus Karolus magnus?“ in   „Karl der Große und das Erbe der Kulturen“ S.149 []
  17. Christoph Winterer „Stasis und Bewegung im Herrscherbild Karls des Kahlen“ in „Habitus – Norm und Transgression in Bild und Text“ S. 19 []
  18. s.o. []
  19. Angela Geyer „Die Genese narrativer Buchillustration – Der Miniaturenzyklus zur Aeneis im Virgilus Vaticanus“   []
  20. Abbildung bei Wiki Commons http://commons.wikimedia.org/wiki/File:VaticanVergilFol073vTrojanCouncil.jpg  []
  21. Harald Keller „Nachleben des antiken Bildnisses“ S. 58 []
  22. Susanne Böckler „Studien zur Ikonographie der 7 Todsünden“ S.10 []
  23. vgl.  Christian Miks „Vom Prunkstück zum Altmetall“ S. 53 []
  24. Abbildung: http://www.artigo.org/searchShowSingle?resultNumber=4&queryString=HANDSCHRIFT&cid=167048&conversationPropagation=join  []

3 Gedanken zu „Kritische Betrachtung karolingischer Helme anhand illuminierter Handschriften“

  1. Hallo,

    vielen Dank für diese sachkundige , mit viel Fleiss und viel Mühe zusamengetragene Arbeit!
    Solche Zusammenfassungen sind undankbare, weil zeitaufwändige und arbeitsintensive Tätigkeiten.

    Symptomatisch für die geschilderte Situation ist, dass alle, innerhalb der Reenactment-Szene, vor Rekonstruktionen karolingischer Helme zurückschrecken. ( Ich kenne nur einen liebevoll gefertigten, allerdings wenig überzeugenden „Nachbau“.)

    Diese unbefriedigende Tatsache ist dem Umstand geschuldet, dass es bis heute kein Real-Stück gibt – dass Ähnlichkeiten mit einem der abgebildeten Helme hätte. Die bekannten Abbildungen lassen leider keinen Rückschluss auf das Aussehen der Rückseite der Helme zu.

    Auf allen (mir) bekannten Abbildungen sind Konstrukte zu sehen, die man problemlos Helmen der Spätantike – oder fast schon zeitlosen (also auch nicht geniuin karolingischen Typen) zuordnen kann – oder muss.

    Spangenhelme, die in Eurasien fast 1ooo Jahre in Gebrauch waren, sowie Abbildungen, die am ehesten schlecht wiedergegebene Intercisa I oder II zeigen. Die zur Zeit K.d.G. mehrere Jahrhunderte alt gewesen wären . . .

    Wenn ich die vielzitierte Eisenarmut der Karolinger in Betracht nehme – dann sind mir doch beträchtlich zu viel Helme abgebildet. (das vielzitierte “ . . . man investierte in Schwerter, nicht in Pflüge.“ lasse ich hier nicht gelten, es bedarf nämlich vieler Pflüge, um eine Schwert zu erarbeiten.).

    O.G. Arbeit zeigt m.E. deutlich, das hier ein hier noch viel historologisches Neuland vorliegt.

    Danke für diesen Beitrag! Jens Kämmerer

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