Der byzantinische Helm des 9. Jahrhunderts – Teil 1 der Chludow Psalter

Vor kurzem bekam ich eine Anfrage , bzw. die Bitte um meine Meinung zu byzantinischen Helmen des 9. Jahrhunderts. Diese Frage ist meiner Meinung nach noch schwieriger als die Frage nach einem karolingischen Helm. (siehe hier) , den es ergeben  sich daraus eine große Anzahlen von Nebenfragen und Problemen. Wobei ich zunächst mit den Problem anfangen möchte.
Die einfachste Möglichkeit zur Erörterung der Frage nach einem byzantinischen Helm des (frühen) 9. Jahrhunderts stellt neben dem archäologischen Fund die Abbildung in illuminierten Handschriften dar.  Jedoch kam es im 8.Jahrhundert  und erneut 815-843 zu einem Ikonoklasmus, einem Bilderstreit, dem viele Werke zum Opfer fielen.
Die „überlebenden“ Werke werfen dazu weitere Fragen auf. Als Beispiel sei hier der Chludow Psalter genannt. Ihn nannte ich bereits bei der Betrachtung karolingischer Helme, denn er weist eine identische Kreuzigungsszene wie der Stuttgarter Psalter auf. Beide griffen also auf eine ältere, wahrscheinlich Spätantike, Vorlage zurück. Folglich muss ebenso wie bei den karolingischen Illuminationen auf mögliche spätantike Vorbilder, bzw. Übernahmen geachtet werden.

Ein weiter wichtiger Aspekt liegt in der Beeinflussung von außen.
Wehrtechnik,militärische Ausrüstung und Taktik ist immer auch der Beeinflussung von außen unterworfen. Man passt sich dem Feind an, übernimmt gegebenenfalls dessen Taktik und dessen militärische Ausrüstung, oder wandelt diese ab. Gerade unter den „klassischen Römern“ lässt sich dieser Effekt sehr gut beobachten, ebenso aber auch in Ostrom. Dies wird noch eine wichtige Rolle spielen.

Bis etwa 650 stellte der Hauptgegner des Oströmischen, bzw. Byzantinischen Reiches das Sassaniden Reich dar. Konnten die Sassaniden durch ihre schwer gepanzerten Kataphrakten und Clibanarii zunächst noch militärische Vorteile erreichen, hatten sich Ostrom dem Gegner so sehr angepasst, das diese kaum zu unterscheiden waren. Typisch sind die metallenen Lamellenpanzer und der Spangen-/Bügelhelm, welche wahrscheinlich auch noch in der zu betrachtenden Zeit getragen wurden.

Die Nachfolge der Sassaniden als Feinde im Osten des 9. Jahrhunderts hatten die Araber übernommen.
Prototyp des Byzantinischen Feindes des 9. Jahrhunderts waren jedoch die Bulgaren, die den Freiraum, den die Awaren auf dem Balkan hinterließen, einnahmen. Der Slawisierungsprozess der Bulgaren sollte weitgehend abgeschlossen gewesen sein und auch kulturelle Einflüsse der Awaren waren bei ihnen noch vorhanden. Ihr Kampf gegen Byzanz sollte sich bis 1018 ziehen.

Betrachtung der illuminierten Handschriften
Zunächst wollte ich mich der Madrider Bilderhandschrift des Skylitzes (Skylitzes Matritensis, Madrid, Spanische Nationalbibliothek, Codex Vitr. 26-2) widmen. Da diese jedoch weit nach der zu betrachtenden Zeit entstand entschied ich mich um und versuche mich nun möglichst Zeitnah zu bewegen, weshalb ich den Chludow Psalter auswählte, der mit dem Ende des Ikonoklasmus vor 850 entstand.

Abbildungen des Chludow Psalters
Wie bereist erwähnt enthält der Chludow Psalter Darstellungen, die auch im Stuttgarter Psalter enthalten sind. Im Gegensatz zu diesem enthält der Chludow Psalter aber mindestens zwei, eher drei verschiedene Darstellungen von Helmen!

Ikonographisch überschneiden sich in den abgebildeten Personen, wie im übrigen auch im Stuttgarter Psalter, zwei Vorstellung. Zum Einen wird der Feind als Barträger dargestellt (z.B. Goliath). Hierin schwingt die Idee des bärtigen Barbaren ohne die Kultur der Rasur mit, wie sie von den Römern seit der Antike vertreten wurde. Zum Anderen werden aber auch Propheten als Barträger dargestellt, wobei der Bart als Zeichen des Alters und der Weisheit dient. Die Helmträger müssen also getrennt nach Bart- und Nichtbartträger betrachtet werden um zwischen Freund und Feind, bzw. Byzantinern und Nichtbyzantinern zu unterscheiden. Hierbei taucht ein weiteres Problem auf. Der Chludow Psalter strotzt vor ironischen Anspielungen zum Bilderstreit. So ist auch schon einmal der byzantinische Kaiser dabei mit einem Schwamm ein Christus Bildnis weg zu wischen.Es wäre also durchaus denkbar das Byzantiner selbst, mit satirischer Konnotation, als Fremde dargestellt werden.

David und Goliath Szene des Chludow Psalters
DavidAuch der Chludow Psalter enthält die Darstellung der Köpfung des Goliaths durch David. Ihr Bildaufbau ähnelt dem des Stuttgarter Psalters. Wie auch im Stuttgarter Psalter wurde jedoch auch hier die Ausstattung der Personenen modifiziert. David trägt eine weiße Tunika mit zwei Clavi. Sie erinnert an Spätantike Vorbilder, bzw. erhaltene koptische Tuniken die auch auf das 9. Jahrhundert datieren. Stellen also keinen zeitlichen Anachronismus da.
Goliath ist mit einer blauen Tunika gekleidet, über der er einen Schuppenrock trägt. Den Oberkörper scheint ein metallener Brustpanzer zu bedecken. Der bärtige Kopf ist bereits abgetrennt. Links neben den Personen liegt ein Helm.
Der Helm besitzt ein Nasal, auf der fast eiförmig wirkenden Kalotte sitzt ein kugelartiges Objekt in dem ein Feder(?)busch steckt. Der Nacken besitzt eine Art Nackenschutz. Dieser ist eigentümlich wellig dargestellt. Entweder handelt es sich um ein gestepptes und gepolstertes Tuch, oder aber um ein Kettengeflecht.
Eine etwas dunklere Linie auf dem Helm könnte eine Spange darstellen, ist aber zu undeutlich um dies zu verifizieren. Es ist der Einzige Helm den ich in denen mit zugänglichen Abbildungen des Chludow Psalters, der ein Nasal sichtbar zeigt.

Weitere Helme des Chludow-Psalters
chludowhelmeObwohl zuvor die Gegebenheiten zur Unterscheidung von Freund und Feind aufgeszählt wurden, fällt die Unterscheidung schwer. Dennoch sind die Darstellungen bemerkenswert.
Sicherlich auf der „guten“, byzantinischen Seite zu sehen ist die Darstellung Davids mit deinen Leibwächtern Krethi und Plethi. Beide scheinen spitzkonische, bzw. spitz auslaufende Helme zu tragen. Bemerkenswert sind angedeuten Brauen der Helme, die vor allem bei dem rechten Träger zu erkennen sind.
Die Helme scheinen nicht auf dem baren Haupt getragen.
Der linke Träger scheint eine Art (Ketten-)Haube zu tragen, möglicherweise auch aus Lamellen oder Schuppen die einen Kragen bilden. Der Rechte scheint eine enganliegende Haube zu tragen (Kette?). Ein Kragen ist nicht zu erkennen.

Diese Helm und Hauben Kombination, sowie die spitzen Helme mit angedeuteten Brauen tauchen auch in weiteren Darstellungen auf (Abbildungen unter David). Einzig eine weitere Gruppe von Kämpfern (unterste Abbildung) fällt aus diesem Schema heraus, wobei die Darstellungen nicht klar erkennbar sind.

Der Kämpfer links im Vordergrund fällt hierbei besonders auf. Die farbliche Schattierung erweckt den Eindruck eines Kamms oder zumindest eines zentral verlaufenden Bandes. Es könnte sich um einen Bandhelm handeln. Zumindest trägt er keinen der zuvor zu sehenden Helme.
Auch lässt sich nicht erkennen ob hier ebenfalls eine Haube zu erkennen ist, oder ob es sich um Wangenklappen handelt.

Die im Chludow-Psalter abgebildeten Helme im Fundgut
Die im Chludow Psalter abgebildeten Helme sind im Fundgut keine Unbekannten .Auch in Anatolij N. Kirpichnikovs Typologie tauchen ähnliche Helme auf, datieren jedoch erst in Zeiten ab dem 10. Jahrhundert aufwärts.1 Dies mag dem Faktum geschuldet sein, dass Kirpichnikov lediglich russisches Fundgut betrachtet und zu dem einige Vergleichfunde die mittlerweile früher bzw. mit anderer Herkunft datiert werden nicht kannte2

David Nicholle führt in “War & Society in the Eastern Mediterranean 7th-15th century” einige Helme auf die ebenfalls dem Schema der Chludow-Helme zu folgen scheinen und datiert diese früher. z.T. bis ins 5.-6. Jahrhundert hinein.3

Einen Helm, der mich besonders wegen seines Brauenbandes interessieren würde beschreibt ebenfalls David Nicolle. Dieser nennt einen Helm der sich einst in den Berliner Museen befand aber verschollen ist. Die Platten sollen direkt miteinander, ohne Spangen, miteinander vernietet sein. Als Herkunft gibt er Russisch, Gothisch oder Byzantinisch an, datiert ihn auf das 5.-6. Jahrhundert und schließt einen magyarischen oder türkischen Einfluss nicht aus.

Es stellt sich nun eine elementare Frage.
Wir schreiben das Jahr 850, byzantinisches Militär wird dargestellt mit Helmen, die man umgangssprachlich als Slawen- oder Rushelme bezeichnet. Wer aber trug sie zuerst? Und was trug man 50 Jahr zuvor?
Eine weitere Frage die zu einer Lösung beitragen könnte ist ebenfalls nicht geklärt und sorg mitunter für Kontroversen. Es handelt sich um die Frage woher die Inspiration kam, diese „slawischen Helme“ mit Masken zu versehen. Kam die Idee unabhängig von römischen Maskenhelmen durch die Steppenvölker auf oder ist sie durch die römischen Maskenhelme inspiriert, was auf Byzanz hinweisen würde. Wobei sich auch dann die Frage stellen würde ob ein ursprünglich slawischer Helmtypus mit römischen Elementen kombiniert wurde?

Nebenbemerkungen
Keinerlei Hinweise fand ich auf die aus der Madrider Handschrift abgeleiteten „konzentrischen Helme“, die gerne zum Verkauf angeboten werden4 für den entsprechenden Zeitraum.
Der Pariser Psalter (ca.920) scheint einen ähnlichen Helmtypus wie der Chludow-Psalter wiederzugeben. Auch hier kann man stilisierte Brauen erkennen, sowie eine Erhöhung auf der Spitze der Kallotte. Lediglich die Nackenpartie erscheint andersartig, wobei dies durchaus dem auf römische Abbildungen rückbesinnenden Stil der Handschrift geschuldet sein kann5

 

Teil 2 wird online gestellt sobald ich weitere Informationen gefunden habe.

 

  1. Anatolij N. Kirpichnikov “Drevnerusskoe Oruzhie III: Dospech, Kompleks Boevych Sredstv IX-XIII vv” 1971 , online übersetzt hier mit Abbildungen  []
  2. vgl. Über die Ukraine zum Karolingerhelm []
  3. vgl.  David Nicholle “Arms of the Umayyad Era” in Yaakov Lev “War & Society in the Eastern Mediterranean 7th-15th century” S.65.-67 Einträge  z.B.  Helm von Legerevskie, der Yasenovo Helm könnte eine Variante des im Oben erwähnten Helmes mit Kamm oder Band sein. []
  4. hier ein Rekonstruktionsversuch online []
  5. Abbildungen hier und hier []

2 Gedanken zu „Der byzantinische Helm des 9. Jahrhunderts – Teil 1 der Chludow Psalter“

  1. Servus Markus,

    ich gehe mit deinen Erörterungen absolut konform.
    Die “konzentrischen Helme” gehen vermutlich aus den Abbildungen des Skylitzes (weshalb sie vermutlich Byzantinisch angesprochen werden) hervor. Dort konnte ich Helme dieser Art bildlich das erste mal erkennen.

    Gruoss
    der Uhl

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