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Mittelaltermusik, mittelalterliche Musik und Musik der Mittelalterszene

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4 Antworten

  1. Isidorus sagt:

    Ich liebe ja sehr die asturisch-galicische Musik, die wohl eher orientalisch-romanische Wurzeln hat als celtische (letztere verkauft sich aber besser), es dominieren oft Frauenbands, hier die „Faltris“ ganz ohne Band:
    http://www.youtube.com/watch?v=Y9tLRFZtkXg&feature=related
    Die Pandeiras und ähnliches sind nicht nur traditionell, sondern sind z.T. schon auf romanischen Kirchen (11. u. 12. Jhd) in der Gegend abgebildet. Der Ayayay-Gesang (heißt so) könnte noch älteren Ursprung sind. Die „Cantigas“ von Don Alfonso X. werden von diesen Mädels oft viel „authentischer“ rübergebracht als die Dudelei hierzulande.
    Laut geht es in Spanien aber auch, z.B. Mercedes Peon:
    http://www.youtube.com/watch?v=_l3fgy9Ds1A
    Aber auch da die Pandeireta als Grundinstrument für den Rhythmus.
    Spanien ist eben nicht nur Flamenco und olé.

    Saludos de Isidorus

  2. Nun, das ganze ist vielleicht ein bisschen zu unscharf, wie du’s formuliert hast. Ganz so ratlos, was die mittelalterliche Musik angeht, sind wir nun doch nicht. Neben der kirchlichen Überlieferung haben wir im deutschen Minne- und Spruchgesang (Jenaer Liederhandschrift, Neidhart-Handschriften, Kolmarer Liederhandschrift), vor allem aber im französischen Trobador- und Trouvères-Gesang eine reichhaltige Notenüberlieferung in Quadratnotation, nicht nur in Neumen. Die Quadratnotation lässt sich in bezug auf die Melodieführung genau entschlüsseln. Das ist sehr viel! Davon haben wir noch nicht den Rhythmus, das Tempo und die Interpretation, das ist wahr, aber das macht die Beschäftigung mit mittelalterlicher Musik auch so spannend und kreativ. Deshalb haben wir bei ein und dem selben Stück eine weitaus größere Bandbreite als bei einem Werk des von dir erwähnten Herrn Mozart. Was die „Schreib- und Lesefehler“ angeht, so gehört das zur „oralen“ Überlieferung fast zwangsläufig dazu, es ist aber gar nicht schlimm. Bedenke: Das einzig gültige und richtige „Werk“ wie bei der klassischen Musik gab es damals gar nicht. Eine gute Melodie wurde weitergereicht von Musiker zu Musiker und veränderte sich schon dabei. Schöne Melodien wurden, wie schon der Trobador Jaufre Rudel erzählt, von anderen Sängern aufgegriffen, variiert, mit neuen Texten versehen. Ja, der ganze deutsche Minnesang hat sich aus „Coverversionen“ und Fortspinnungen der Trobadorgesänge entwickelt.Die „Komponisten“ einer Melodie konnten nur selten selber etwas aufschreiben. Sie haben auch die eigenen Lieder je nach Anlass variiert oder mit neuen Texten vorgesungen. Insgesamt eine sehr lebendige Tradition, die die Beschäftigung lohnt! Insofern ist es auch nicht schlimm, wenn es heute sehr unterschiedliche Arten der Interpretation gibt. Trotzdem sollte jeder Musiker wissen, aus welchen Quellen er schöpft, was überlieferte Melodien sind, wer sie wie bearbeitet hat und was Neukompositionen sind, die auf mittelalterlich getrimmt wurden.

  3. Markus sagt:

    Vielen Dank für den fachlich Kommentar und die Aufklärung! Bin immer wieder geschockt wenn ich erfahre das sich auch Fachleute hier aufhalten!

  4. Jörg Helene sagt:

    Das mit den „Coverversionen“ und Fortspinnen hat sich im übrigen bis ins 20. Jhd erhalten. So geht das in der Version von Robert Burns weit verbreitete Auld Lang Syne textlich wie musikalisch zweifelsfrei auf eine sehr alte, vermutlich mittelalterliche Tradition zurück, allerdings kann man nachweisen, dass Burns Text wie Melodie stark verändert hatte. So was ist mit alten Liedern bzw. Melodien und auch Texten immer wieder geschehen und vergleichbar mit volkstümlichen Sagen, ein „Original“ gibt es nicht, allerdings dasselbe Thema in unzähligen Variationen, angepasst ans Publikum, an die Zeit, den Zeitgeist und oft auch dem Ort, an dem man sich gerade befand.

    Muss mal schauen, ob die Mediaval Lives Folge „The Minstrel“ noch auf Youtube zu finden ist, da wurden einige sehr interessante Sachen dazu gesagt.

    Auch klassische bzw. Orchestermusik, bei denen der Autor bekannt war, wurde ja immer wieder in Variationen in der Volksmusik weiterverwendet (spontan fällt mir -passend zur Jahreszeit- Dvoraks Symphonie aus der Neuen Welt ein, aus dem ein Thema in das – wenn man Großmutter fragt – angeblich so uralte „Morgen kommt der Weihnachtsmann“ wiederverwendet wurde, oder Griegs „In der Halle des Bergkönigs“ in dem reichlich blödsinnigen „Horch was kommt von draußen rein“ – das hat mit echter alter Musik natürlich herzlich wenig zu tun)

    Unsere heutige Vorstellung von einem Lied, das ein festgeschriebenes Original hat (und wehe jemand verändert es!) hat sich erst Anfang des 20. Jhds. durchgesetzt, als man mit Hilfe des Urheberrechts einen erfolgreichen Angriff auf die Kultur durchführte. Die damaligen Folkmusiker haben sich noch drüber lustig gemacht (wie zB Woody Guthrie, der in einem seiner Liederbücher haarklein die Copyrightnummer eines Liedes mit allen rechtlichen Hinweisen angibt, um dann jedem, der dabei erwischt wird, es ohne Genehmigung zu singen, anzudrohen, für immer gute Freunde zu sein). Heute ist es dann so, dass Bands Gebühren für ihre eigenen Lieder an die GEMA entrichten müssen, wenn sie Samples auf ihrer Homepage anbieten. Das ist krank, aber Gesetz.

    Von daher wäre es geradezu unsinnig, außer aus geschichtswissenschaftlichen Gründen natürlich, „Mittelaltermusik“ genauso zu reproduzieren, wie sie damals war. Das Ganze ist Folklore und wird daher dem aktuellen Bild vom Mittelalter angepasst. Das war schon beim Minnegesang so.

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