Der Helm von Verden – kein karolingischer Helm

Vor kurzem bekam ich eine Anfrage bezüglich des “Helmes von Verden”. Dieser Helm war mir schon bei meinen Recherchen zu Helmen untergekommen, aber auf Grund der mangelhaften Informationslage hatte ich ihn nicht berücksichtigt. Nun aber versuche ich dem Helm, bzw. der Problematik des Selben gerecht zu werden. Da der Helm im Gesichtbereich einen keilförmigen Ausschnitt besitzt und auch über die Möglichkeit einer Aufnahme einer Helmzier verfügt wird mit unter Angenommen das es sich hierbei um „den Karolinger Helm“ handeln müsse. Davon ging im übrigen auch sein „Entdecker“ aus.

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Der Verdener Helm nach „Zeitschrift für historischen Waffenkunde“ Band 6. Links der Ausschnit für das Gesicht

Über den Helm wurde erstmals, und wie es scheint auch einzigst, in der „Zeitschrift für historischen Waffenkunde“ Band 6, erschienen zwischen 1912 und 1914, publiziert. Verfasser des dortigen Atrikels mit dem Titel „Ein Frühmittelalterlicher Spangenhelm“ war ein gewisser Dr. jur. W.A.J. Wilbrand, der auch der damalige Besitzer des Helmes war. Der Verfasser ist höchst wahrscheinlich  mit dem Darmstädter Dr. jur. Wilhelm (Willi) August Julius Wilbrand (1871-1957) gleichzusetzen , dem Sohn eines Darmstädter Ministerialrates, selbst Politiker, Jurist und auch Verfasser einiger weniger geschichtlicher Schriften.

Fundgeschichte und erste Probleme
Wilbrand hatte den Helm und eine Lanzenspitze bei einem Händler erworben wie er schreibt. Dieser berichtete beide Funde stammen aus dem Verdener Moor, wo sie beim Torfstechen von zwei Torfstechern gefunden worden seien. Wie Wilbrand selbst berichtet sind ihm die Finder, als auch die Fundumstände unbekannt und auch der Händler konnte keine weiteren Angaben machen.
Diese Aussagen müssen daher mit einer gesunden Skepsis betrachtet werden und Fundumstände und Fundort hinterfragt werden.
Bereits seit Ende des 19. Jahrhunderts blühte der Versuch dem „Verdener Blutgerichtes“, der angeblichen Sachsenschlächtung Karls des Großen 782, habhaft zu werden. Zahlreiche mehr oder minder wissenschaftliche Texte und Bücher wurden verfasst und auch Heimatdichter Hermann Löns befasste sich 1912  damit. In dieser, auch politisch, aufgeheizten Stimmung um (neu-)Heidentum, „Sachenschlächter“ Karl und und Nationalstolz konnte mit einem Helmfund der den Sachsenkriegen zugeordnet wurde, wesentlich bessere Preise erzielt werden als mit einem profanen Helmfund. Ähnliche Vorgänge im Kunst- und Antikenhandel waren, und sind auch heute noch keine Seltenheit.

Vor diesem Hintergrund müssen Fundort und Fundzusammenhang von Helm und Lanze infrage gestellt , bzw. müssen mit Vorsicht genossen werden, weshalb ich mich auch nicht der Lanzenspitze sondern lediglich dem Helm widmen werde.

Der Fund als Solches
Der Helm besteht aus 2 überkreuzt laufenden Spangen, die jeweils 4 Segmente in Form halten und dem Helm seine halbkugelige Form geben. Auf dem Zentrum des Helm befindet sich eine zentrale  quadratische Platte, die an den Längseiten gekerb und in der Mitte halbkugelig ausgetrieben ist. Sie verbindet noch einmal die Segmente miteinander und in der Austreibung befindet sich eine schräge Bohrung, wahrscheinlich zur Aufnahme einer Helmzier.
Der Helm weist neben dieser recht gängigen Form einige Besonderheiten auf. Wie bereits beim Helm von Gnezdovo sind die Platten der Kalotte nicht direkte miteinander vernietet, sondern sind an den Spangen befestigt, welche eine kammartige Aufwölbung besitzen.
Auf der Vorderseite ist der Helm keilförmig eingeschnitten, so dass die Spange hier kürzer ist, aber die Nieten sich in gleicher Höhe wie bei den anderen Spangen befindet. Hierdurch liegt die Spange in diesem Bereich nur auf den Platten an und ist nicht fest mit ihnen verbunden.
Auch die Spangen an sich scheinen ungewöhnlich, den sie sind in keiner Weise verziert, bis auf die Aussparungen in kreissegmentform so dass sich ein Wellenmuster ergibt.
Der Rand des Helmes ist leicht nach oben gebogen. Eine Einfassung mit einem Metallband ist daher nicht anzunehmen. Am Rand selbst befinden sich einige Löcher, wohl zur Befestigung eines Innenfutters, Wilbrand fand wohl in den Löchern einen grünlichen Filzstoff darin.
Neben dem Ausschnitt für das Gesichtsfeld befinden sich 3 direkt nebeneinander liegende Löcher. Wilbrand vermutete hier die Befestigung eines Riemens. Andere vermuteten die Befestigung von Wangenklappen.

Vergleiche:
Zunächst erscheint der Verdener Helm einzigartig. Bei näherer Betrachtung finden sich jedoch parallelen zu anderen Helmen.
Die Wellen förmige, bzw der Kreissegmentauschnitt der Spangen findet sich bei slawischen Helmen wieder, zum Teil auch bei zu Platten verbreiterten Spangen wie etwa dem Helmen Cherna Mogolia (ca.960-970), Mokroe (ca.1000) , Raiki(ca. 1100-1250) oder stark verzierte Spangen bei Gnezdovo (2) (10. Jahrhundert.)

Helm von Peshki,
Helm von Peshki, Kirpichnikov 1971

Ebenso wie sich die Wellenform der Spangen bei slawischen Helmen findet, findet sich auch der quadratische Aufsatz für die Helmzier bei slawischen Helmen. Am vielleicht ähnlichsten ist hier die am Helm von Peshki (ca. 1250-1300)  zu finden, wobei hier die Spitzen des Quadrats sternförmig verlängert wurden.

Ebenso verhält es sich mit einer fehlenden Randeinfassung, die sich immer wieder bei slawischen Helmen findet.
Mehr noch gibt der keilförmige Ausschnitt für das Gesichtsfeld zu denken. Wie bereits beschrieben ist die Spange am Ende nicht mit den Platten vernietet und liegt lose auf diesen auf. Bei einen Schlag auf den Helm fängt dieser Teil an zu schwingen, was nicht nur unangenehm, sondern schädlich für die restliche Vernietung der Spangen ist! Ein Rüstungsschmied hätte diesen Malus wohl kaum beabsichtigt. Es scheint als sei der Ausschnitt für das Gesichtsfeld erst später vorgenommen worden zu sein, vielleicht um den Helm für einen Träger mit kleinerem Kopf tragbar zu machen, vielleicht auch um einen Defekt (defektes Nasal oder Brille?) zu entfernen.

Fazit
Eine Abschließende Wertung für diesen Helm abzugeben fällt mir schwer. So interessant dieser Helm auch erscheint, so sehr beschleicht mich das Gefühl das Wilbrand einem Betrüger aufgesessen ist, de ihm ein X für U vormachte.
Neben den bereits genannten Ähnlichkeiten zu slawischen Helmen kommen weitere Indizien hinzu.
Wilbrand berichtet von grünen Filzresten in den Löchern des Helmrandes. Wenn man aber davon ausgeht das der Helm ca. 1100 Jahre im Torfmoor lag, sollte man denken das Gerb- und Huminsäuren die Textilreste zu einem Rotbraun verfärbt haben. Da dies aber nicht der Fall scheint, ist anzunehmen das der Helm nicht im Moor lag. Wenn also anzunehmen ist, dass die Geschichte von den zwei Torfstechern nicht stimmt ist die Wahrscheinlichkeit das Wilbrand einem Betrüger aufgesessen ist extrem hoch.

Meine persönliche Meinung ist, dass es sich bei dem sogenannten Verdener Helm um einen slawischen Helm des 12.- 13. Jahrhunderts handelt, der aus welchen Gründen auch immer, im Gesichtsbereich verändert wurde. So oder so würde ich jedem von diesem Helm für eine Karolingerdarstellung abraten!

Wenn jemand neuere Erkenntnisse zu dem Helm hat, oder aber auch anderer Meinung ist,  würde es mich freuen davon zu hören.

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