Gedanken zur Reenactmentszene

Es gab einmal eine Szene, die von außen gerne als homogen angesehen wird. Auch wenn Sie auftreten sehen sie sich selbst sehr gerne als homogen. Aber im Inneren brodelt es.  Da werden einige Gruppen bereits als nicht authentisch bezeichnet weil sie gerne mal eine andere Musik hören als die andere Gruppe und wieder andere tragen die falsche Kleidung, oder sind zu bunt angezogen. Wieder andere sind nicht fantasievoll genug oder zu fantasievoll. Und dann vfindet man auch immer wieder Militaria, was den Anderen wieder zu viel ist. Zu allem Überfluss tummeln sich dann auch hin und wieder ein paar versprengte Nazis darunter,aber es heißt dann: “Ach wir sind doch unpolitisch”

Hat jetzt jemand die Mittelalterszene erkannt? Echt? Wirklich? Reingelegt, stimmt aber gar nicht! Ich hab gerade von Gothicszene gesprochen in der ich auch hin und wieder unterwegs bin!

Aber tatsächlich kann man hier Parallelen erkennen und könnte den Text ebenso auf die “Mittelalterszene”, was immer das auch sein mag,  anwenden. Und daher denke ist es vielleicht zunächst am einfachsten einmal vor der eigenen Haustür zu kehren, bevor ich weiter an nörgelswerten Umständen außerhalb der Szene rummeckere. Denn vieles haben wir selbst verbockt, wahrscheinlich unbewusst und ungewollt und haben uns in Teilen unseren eigenen Albtraum geschaffen der inzwischen in der Glotze und anderswo als Mittelalter verkauft wird und so die Wahrnehmung beeinflusst.

Ich möchte daher an dieser Stelle auf einige Gründe eingehen warum vielleicht einige ernsthaft interessierte in seichtere Gewässer abgewandert sind.

Aller Anfang ist schwer
In den 2000ern waren Foren, allen voran Tempus Vivit, eine der primären Informationsquellen für Neueinsteiger.  Doch die Foren waren und sind nicht das Gelbe vom Ei.
Zwar wurden Neulinge häufig aufgefordert Fragen zu stellen und oftmals wurden sie auch befriedigend beantwortet , doch leicht konnte es passieren das man an Leute geriet, die sich bereits zu oft den Mund fusselig geredet hatten, enttäuscht waren und entsprechend reagierten. Zwar heißt es man könne keine falschen Fragen stellen, aber das war so nicht richtig.
Oftmals wurden Neulinge von Veteranen zu schnell abgekanzelt.So entstand der Eindruck vom arroganten A-Papst der keinen Spaß versteht. Hin  und wieder kam es auch  dazu das eigentlich ernste Fragen, vielleicht unklug formuliert, schnell ins Off katapultiert wurden.

Harmloses Beispiel gefällig?
Anfrage: Hat jemand bessere Infos übers südtibetanische Käseproduktion im Neolithikum?
Antwort: Geh in die Bibliothek, die machen auch Fernleihe, da findest du was.
Was tatsächlich gemeint war
Anfrage:Kann mir jemand ein Buch zur südtibetanische Käseproduktion im Neolithikum empfehlen, es gibt so viele?
Antwort: Nerv nicht, du Noob!

Jeder Pädagoge weiß das das Lerntempo von Mensch zu Mensch unterschiedlich ist. Vielleicht hätten wir die Noobs, oder Neulinge, Anfänger oder wie auch immer man sie nennen möchte, mehr an die Hand nehmen müssen. Vielleicht hätte man einfach sie einfach mal einladen müssen, im Sinne von “Komm mal vorbei wir treffen uns da und da und dann sprechen wir mal in Ruhe und vergiss erst mal irgenwelche Klamotten”.
Foren und Blogs sind zwar tolle Möglichkeiten sich schnell Informationen zu holen, aber oftmals wird etwas falsch verstanden, der Gegenüber fühlt sich gekränkt, macht dicht. In einem persönlichen Gespräch sieht oftmals alles anders aus.

Viele hat man dadurch vergrault und dann doch eher ins Spaßmittelalter getrieben.

Andere Wege andere Probleme
Mittlerweile gibt es einige, wirklich sehr gut Kitguides für spezielle Zeitstellungen. Diese aber ohne gewissen Background zu finden ist nicht gerade einfach, zumal allein der Begriff Kitguide einem Neuling nicht unbedingt etwas sagen könnte. In einigen Foren und Blogs (etwa bei Hiltibold) , werden mittlerweile auch Links zu den Kitguides gesammelt.
Die meiner Meinung besten Kitguides enthalten nicht nur die Aufforderung “So wirds gemacht” oder “das ist die Mindestanforderung um bei uns mitzumachen”, sondern auch Quelleninformationen und Bilder und Nachweise, die dem Neuling auch gleich auf Literatur hinweisen, die aus dem Wust von Sachbüchern herausstricht und ihn zum lesen animiert.
Ein Nachteil ist natürlich wiederum das einige Zeitstellungen ganz fehlen, oder meist allgemein abgehandelt werden. Man müsste durchaus erwägen z.B. de tollen Kitguide Ottonik als Übergeordnet zu begreifen um dann in die Details zu gehen und dann etwa einen Kitguide Früh-Ottonik, Hoch-Ottonik und Spät-Ottonik zu schreiben um noch genauer und flexibler zu sein.

Was ist denn nun Authentisch?
Die Frage was den nun Authentisch ist bezieht sich bei mir nicht auf Plomben in den Zähnen oder ähnliche Diskussionen wie sie bis zum Abwinken schon durchgeführt wurden.
Ich spiele hier auf die Probleme an die das Bestreben nach Authentizität selbst aufwirft.
Ist etwa nur der Rückgriff auf archäologische Funde erlaubt, verletzt die Interpretation einer Abbildung den Authentizitätsgedanken oder ist auch die Vorgehensweise des Historikers erlaubt, also Zusammentragen, vergleichen von Funden und Quellenangaben, diese in Kontext bringen und somit die Erstellung einer theoretisch möglichen Version erlaubt (vergleiche meine Artikel über den karolingischen Helm) . Und wenn je, darf das nur jemand tuen der eine entsprechende Reputation besitzt oder zählen ausschließlich Quellen?

In den Foren gab es da mitunter bereits ermüdende Diskussionen.
Was mach nun der Anfänger, der Neugierige? Er liest diese Diskussionen und denkt sich das die Beteiligten bekloppt sind. Wenn die sich nicht einigen können, warum soll er sich dann an die Sachen halten die eben jene Leute aufstellen?

Lösungen?
Who watches the watchman?
Hin und wieder gab es Bestrebungen, bzw. Ideen eine Form von Zertifizierung für Reenectors zu initiieren. Doch diese Ideen wurden nie verwirklicht. Wer hätte eine Kontrollinstanz bilden sollen? Selbst eine Referenz á la “Prof. Dr. Dr. Xyz hat doch gesagt meine Ausrüstung wäre ganz toll” wäre eher sinnlos und würde im Schw…vergleich enden. Selbst wenn ein Dr. Weinfurter sagen kann das eine Salierdarstellung toll aussieht, würde ich ihm das nicht abnehmen, da sein Wissen in Kostümkunde weit hinter dem seines Wissens um politische Vorgänge zurücksteht. (Vorsichtig gesagt)
Grundsätzlich bin ich gegen Vereine, Verbände oder ähnliches, mag es einfach nicht. Was wir bräuchten wäre aber dennoch eine Art PR-Kampagne die Reenactment und Living History bewirbt bzw. deren Unterschiede hervorhebt.

Zuspruch aus der Wissenschaft
Es wäre wünschenswert von der Wissenschaft mehr Unterstützung zu erfahren bzw. Fürsprecher zu gewinnen. Hier sehe ich aber eine gute Chance für die Zukunft. Ältere Wissenschaftler legten oftmals eine Elfeinbeinturm-Mentalität an den Tag, jüngere hingegen sind neuem oft aufgeschlossener, arbeiten meist Fachübergreifend. So ergeben sich Wechselwirkungen, da auch moderne Wissenschaftler mehr und mehr gezwungen sind auf ihre Arbeit, bzw. deren Wichtigkeit aufmerksam zu machen. Zum Anderen nutzen Museen inzwischen Elemnte des Reenactment und Living History.

Akzeptanz
Wir müssen aber auch akzeptieren das es Menschen gibt die eben keinen Wert auf Authentizität legen, die gerne ambientige Veranstaltungen besuchen, die sich fälschlicheroder irreführender  Weise mit dem Titulus Mittelalter oder mittelalterlich schmücken.  Was wir allerdings nicht akzeptieren sollten ist wenn sich solche Leute sich zum Erklärbär aufschwingen, diese Veranstaltungen oder dort auftretende  Händler sich  Wissensvermittler darstellen, rein um der Marge willen. Ein Beispiel eines solchen Erklärbären mit Mörderaxt und Piratenhemd war in einem der verlinkten Videos von neulich zu sehen.

Das ich diese Akzeptanz anmahne hat mit meinem eigenen Werdegang zu tun, der mich vom Rollenspiel (Anfang der  90er), zum Zierschwert, zur Baumwollkotte, zum Salier und nun hierher geführt hat. Wir sollten jedem die Chance geben, der sie sucht. Auch wenn sie über Umwege führt.
Vielleicht kann man den ein oder anderen doch auch für die A-Seite interessieren.

5 Gedanken zu „Gedanken zur Reenactmentszene“

  1. Ich denke dein Artikel trifft das Dilemma und die Möglichkeiten sehr gut.
    Wenn alle, sei es Reenactor – Living History Darsteller- Historiker – Archäologe -etc… in der jeweiligen Scene verantwortlich, fair und fachübergreifend miteinander sich auseinandersetzen, können wir alle nur daraus gewinnen.
    Und wie du schon sagst: Der Weg muß nicht immer der geradeste sein.

    Und danke für die Lorbeeren, aber mittlerweile bin ich nicht mehr mit meinem Ottonik-Kitguide zufrieden, weil ich so viel mehr weis und gelernt habe, dass ich es gerne in eine Überarbeitung einfließen lassen möchte (-allein es fehlt die Zeit).
    Vielleicht bekomm ich es vor unserem Lager “Wilhaim 2014” noch gebacken.

  2. Hallo Gerald,
    Fair und fachübergreifend, mit Respekt anderem und anderen gegüber triffts ganz gut.
    Hätte ich länger überlegt wäre mir sicherlich noch mehr eingefallen aber ich ging ein bisschen von meinen Erfahrungen, aber auch von meinem eigenen Verhalten aus.

    Sicherlich sind in jedem Kitguide, in jeder Veröffentlichung immer wieder Revisionen denkbar und wahrscheinlich Notwendig. Zur Zeit ackere ich auch noch mal den Karolingerhelm durch und will das Ganze umfassender machen, dennoch sind Eure Kitguides durch Quellenangaben, Bebilderung und Co einfach die Besten die ich bisher sah

  3. Als examinierter Historiker (hier angeführt als bloß formaler Gegensatz zum Autodidakten) kann ich die hier erhobene Forderung nur unterstützen. Wenn sich die Fachwelt nicht nur in Lippenbekenntnissen erginge, sondern sich aktiv beteiligte, wäre viel gewonnen. Geschichte ist immer Rekonstruktion, und also stets offen für Überarbeitungen. Wieviel Authentizität richtig ist, hängt auch an dieser Frage. Und ja, Weinfurter hat mit Sicherheit keine vertiefte Kenntnis der salischen Trachten… Da liegt aber doch eine große Chance. Eine seriöse Aufarbeitung kann auch dem gestandenen Gelehrten noch etwas beibringen, indem sie anschaulich vergangene Lebenswelten wiederauferstehen lässt.

  4. Persönliche zähle ich mich zu den MAM gängern, was aber nicht heisen sollte das man die Zeit die man sich ausgesucht hat nicht so Authentisch wie möglich Darstellen zu können bzw. zu wollen, ich versuche es….. !
    Und wenn man sich auf den MAMs umschaut versuchen das doch immer mehr Leute.
    Aber natürlich finde man auch die Darsteller “Herr der Ringe” und soweiter ich Persönlich finde es zum Schmunzeln aber wenn die Leute sich gerne so “Gewanden” dann sollen sie es machen.
    Klar ein A-Papst würde meine Gewandung auch bemängeln, die Hose zu dunkel, ebenso der Umhang dann auch noch mit Kapuze alles Maschienengenäht (gut man sieht die Nähte nicht)…. Aber ich kenne meine Fehler und werde diese nach und nach abstellen.
    Ich würde mich freuen wenn man dem einen oder anderen MAM Besucher nicht gleich als unauthentisch begutachten würde, vielmehr als verbesserungswürdig betrachtet.
    Persönlich freu ich mich wenn ich Verbesserungsvorschlag erhalte.

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