Zur Westwerks-Problematik

Ursprünglich wollte ich gar nicht in die Diskussion über „Westwerke“ einsteigen, zu unterschiedlich sind die Meinung, zu vielfältig die Aussagen. Da ich aber die Problematik in einem Einschub letzte Woche in dem Artikel zu Kaufungen erwähnte, dachte ich könnte es doch einmal wagen und zumindest einen Überblick vermitteln.

Der Begriff „Westwerk“ ist eine recht junge Schöpfung. In ihrer Baukunst des Abendlandes hatten Dehio und von Bezold die These aufgestellt, das „die Deutschen“ , bis zum Ende der Romanik  nie ein Bewusstsein für Fassade entwickelt hätten. In Folge der Entwicklung von Westchören seien große Portale im Westen verschwunden.

Von dieser Aussage angespornt schrieb 1899 Wilhelm Effmann über westliche Eingangsbauten, wofür er sich einen von Josef Bernhard Nordhoff 1888/89 erfundenen Begriff auslieh – „Westwerk“. Er schrieb das Westchöre und Westwerke absolut gegenteilig seinen und die Entwicklung der Doppelturmfassade aus dem Westwerk stamme, wobei er als Beispiele Centula, St. Gallen und Corvei anführte.

Dehio und von Bezold hatten aber nie bestritten das es etwas wie ein Westwerk gab. Bis zu diesem Zeitpunkte fasste man lediglich  alles was im Westen lag und nicht nur eine bloße Tür darstellte als Westchor zusammen. So schrieb man Beispielsweise vom mehrgeschossigen Westchor von Corvey.

Der Begriff Westwerk setzte sich nur verhalten durch und war nicht genau deffiniert.  Nachdem Effman 1917 starb veröffentlichte Alois Fuchs einige von Effmanns Arbeiten postum und setzte sich für den Begriff „Westwerk“ ein, wobei das Westwerk genauer definiert: quadratisch oder rechteckig, von der Basilika irgendwie abgetrennt aber iher   Breite entsprechend, mit eigenem Altar und mehrgeschossig.

Da Fuchs auch einfachere Versionen erkannte, billigte er seine Kriterien nur Centula und Corvey zu, für alle ähnlichen Gebäude erfand er neue Begriffe: „Zentralwestwerke“, Querwestwerke“ , „Turmwestchöre“, „Westwerkchöre“ und „eigenartige Mischbildungen“. Desweiteren sah Fuchs in der Mehrgeschossigkeit und den Emporen einen Herrschaftsanspruch der einen Ehrenplatz , eine Kaiserloge“ akzentuiere. So glaube er an einen Kaiserthron im Westwerk von Corvey.
Nachdem man eine Häufung von Michaelsweihungen in den Altären der vermeintlichen Westwerke ausgemacht hatte, begann man in den 30er Jahren die Westwerke als ein typisch germanisch-christliches Merkmal zu sehen. Es entwickelte sich das Bild des Westwerks als Bollwerk gegen die Mächte der Finsternis zu Entwickeln, das Westwerk wurde zum Symbol des Kaisers innerhalb der neu eroberten sächsischen Gebiete. Die Michealsweihungen seien Umdeutungen eines germanischen Kultes. Viel nationalistischer Pathos floss hier ein. 1940 schrieb der Aachener Hochschullehrer Otto Gruber sogar über „Westbauten als Symbole des kämpfenden deutschen Christentums“
Gerade in dieser Zeit setzte sich der Begriff „Westwerk“ durch.

In den 50er Jahren war es wieder Alois Fuchs der sich zu Wort meldete und sich auf die älteren Veröffentlichungen der 30er und 40er Jahre zum Thema berief und die Frage des Zwecks der Westwerke als geklärt sah und sie analog zum Westbau von Aachen einzig als Kaiserkiche und Herrscherempore gedient hätten. Ebenfalls definierte er den Begriff Westwerk erneut :

„Es handelt sich dabei um der Front der Basilika angefügte dreigeschossige Vorkirchen , in denen über einem kryptenartigen, von Säulen durchstellten Erdgeschoß ein als Zentralraum gestalteter Kultraum lag. Dieser war nach Westen beiderseits von Nebenräumen umgeben, über denen im dritten Geschoß eine hufeisenförmige, dreiflügelige Emporenanlage ausgeführt war. Nach außen traten diese Vollwestwerke mit einem mächtigen Hauptturm über dem Mittelraum und zwei den Obergeschossen führenden Treppentürmen sehr stattlich in Erscheinung.“

, seine vielfältigen Betitelungen anderer Bauten behielt er jedoch nicht bei.
Dies wurde bis auf wenige Ausnahmen so akzeptiert und findet sich heute noch in der Definition des „Westwerkes“ auch in architektonischen Handbüchern, wobei Westwerke und alle anderen Gebäudestrukturen im Westen als Westbauten zusammengefasst werden.  Dennoch entfernte man die Thronreplik im Westwerk von Corvey 1954, denn es kamen Zweifel an der Emporentheorie.

Die Definition Fuchs birgt aber viele Probleme, denn sie trifft einzig auf Corvey zu. Bei keinem andern Gebäude lässt sich die Definition exakt  anwenden, auch wenn man dies immer wieder versuchte und auch für einige Kirchen, wie zum Beispiel Lorsch zeitweilig annahm. Durch neuere Auswertungen und Nachgrabungen konnte kein Gebäude nach der Definition Fuchs als „Westwerk“ bestätigt werden.

Diese Differenzen nahm Dagmar von Schönfeld de Reyes zum Anlass das Buch „Westwerkprobleme : zur Bedeutung der Westwerke in der kunsthistorischen Forschung“ zu schreiben. Sie plädiert darin den Begriff „Westwerk“ aufzugeben.  Uwe Lobbedey hingegen plädiert dafür, so lange es keine neuen Erkenntnisse verfügbar sind,  den Begriff „Westwerk“ innerhalb der Definition Fuchs weiter zu fassen (Er sieht wieder Centula und vielleicht auch Reims als Westwerk)  und sich damit von der strengen  Definition  zu lösen aber  Westbau für alle anderen Bauten zu verwenden.

In Textquellen sind Westwerke und Westbauten übrigens oftmals nur schwer zu identifizieren. Für Corvey heißt es etwa „tres turres „, also drei Türme, was noch mit der westlichen Bausubstanz  identifiziert werden kann. Centula dagegen wird „ecclesia vel turris“ gennant , also „Kirche oder Turm“. Andere Texte von nicht mehr existenten Kirchen beschreiben oftmals eine Kapelle „in turris“ im Turm. Ob das natürlich ein Westwerk ist, ist eigentlich anhand des Textes nicht zu entscheiden.

Und ich? Ich bin der Meinung den Begriff  „Westwerk“ nur sehr, sehr vorsichtig, wenn sogar gar nicht zu verwenden.  Und wenn , dann eben nur auf  Corvey, denn nicht mal auf Aachen trifft die Fuchsche, und noch gültigem,  Definition zu ! So lange die Wissenschaft sich aber immer noch nicht sicher ist, was denn eigentlich ein Westwerk ist, bzw. ob es überhaupt das ist, für das man es hält, versuche ich mich zumindest an diese Definition zu halten.

Quellen:
http://edok01.tib.uni-hannover.de/edoks/e01dh04/388873469.pdf
http://homepage.univie.ac.at/rudolf.koch/geocities/rudolf_koch2003/diss/karolingischesWWerk.htm

 

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