Die Schlacht bei Lenzen
Kürzlich wurde ich von einem Freund angesprochen, mal was über die Schlacht von/um oder bei Lenzen zu schreiben. Hintergrund war, dass Ende Mai das Reenactment „Lenzen 929“ stattfand (Link ) und er etwas unglücklich war das es wohl Leute gab, die nicht wussten um was es überhaupt ging. Gut, sagte ich, trifft sich, ich hab nämlich auch keine Ahnung… Also begann ich zu lesen und witziger Weise ist die ganze Geschichte verkettet mit einem letzten Video zur Pfalz Grona. (Video hier bei Youtube )
Die Hauptquelle zur Schlacht um/ bei oder von Lenzen ist Widukind von Corvey im Kapitel 36 seiner Sachsengeschichte:
Widukind vermerkte Heinrich I. habe Obodriten, Wilzen, Heveller, Daleminziner Böhmen und Redarier tributpflichtig gemacht, was Frieden brachte. Jedoch sollen die Redarier rebeliert haben. Sie sollen eine große Streitmacht gesammelt und die Feste Walsleben, zwanzig Kilometer westlich des Zusammenflusses von Havel und Elbe erobert und dort alle Menschen getötet haben. Als Antwort entsandte Heinrich I. daraufhin Bernhard, der als (Mark-)Graf für die Region der Redarier verantwortlich war mit einem Heer aus “professionellen” Kämpfern. Bernhard zur Seite wird Graf Thietmar gestellt, der einer der engsten Berater Heinrichs I. war. Ihr Befehl lautet nun, die Festung Lenzen zu belagern.
Am 3. September 929, dem fünften Tag der Belagerung wird den Grafen gemeldet, dass eine Armee der “Barbaren” im Anmarsch ist und das Lager der Sachsen überfallen will.
Die Soldaten sammeln sich nun um die Zelte Bernhards. Dieser gibt nun die Order aus, die ihm Thietmar geraten hat: Die Männer sollen über Nacht in Bereitschaft und unter Waffen bleiben.Doch ein Angriff bleibt aus, da durch einen Sturm die Nacht dunkler ist als gewöhnlich.
Beim Morgengrauen wurde eine Messe gelesen und die Eucharestie gefeiert. Im Anschluss legten die Soldaten erst dem Heerführer, dann gegenseitig , einen Eid ab das sie ihren Pflichten im Kampf nachkommen würden. Und als die Sonne aufging zogen sie mit wehenden Fahnen in die Schlacht.
Bernhards erster Angriff scheitert. Es wird berichtet, dass der Gegner im Gegensatz zu ihm kaum Berittene besaß. Zudem hatte der Regen der Nacht den Boden aufgeweicht , so dass ein direkter Angriff , wohl durch die eigene Reiterei, nicht möglich war und die Redarier nicht gezwungen werden konnten sich offen den Sachsen zu stellen. Als jedoch die Sonne höher steigt , und die nasse Kleidung der “Barbaren” zu dampfen beginnt schöpft man neuen Mut und setzt wieder zum Angriff an. Vereinzelt gelingt es die Slawen vom Hauptheer zu trennen um sie dann nieder zu mähen.
Erst als Thietmar ( Im Text an dieser Stelle als collega bezeichnet 😉 ) sieht, dass Bernhard alleine nicht Herr der Lage wird, schickt auch er seine Truppen in den Kampf. 50 schwer Berittene, wohl Panzerreiter, stürmen nun zu Pferd in die Flanke der Slawen.
Die Reihen brechen und die Redarier versuchen zur Festung zurück zu fliehen, doch Thietmar schneidet ihnen den Weg ab und drängt sie in einen See. Wer nicht durch das Schwert stirbt , ertrinkt. Keiner der Fußsoldaten überlebt und nur wenige Reiter können fliehen.
Am nächsten Tag marschieren die sächsischen Truppen auf die Festung, die sich nun ergibt. Unbewaffnete Männer dürfen abziehen. Unfreie, Geld, sowie Frauen, Kinder und Güter der Barbaren (in dieser Reihenfolge) wurden gefangen genommen. Auf sächsischer Seite sollen nur zwei Große gefallen sein: Die Grafen von Walbeck und von Stade, die Urgroßväter von Bischof Thietmar von Merseburg.
In Sachsen wurden die Gefangenen dem König übergeben, wahrscheinlich in Quedlinburg, wo im September ein Hoftag stattfand, der diese sofort enthaupten lässt. Bachrach vermerkt hierzu das nicht klar ist wer denn nun enthauptet wird: Die Unfreien, die Herrscherfamilie die in Lenzen festgenommen wurde, die Soldaten die in der Schlacht festgenommen wurden, oder alle zusammen.1
Und das war dann auch schon die eigentliche Geschichte.
Und so schön wie sich das Ganze liest ist das aber nicht, denn Widukind scheint sich in einigen Belangen die Geschichte so zu biegen, oder zumindest zusammenzustellen, wie sie ihm (aus welchen Gründen auch immer) am Besten erscheint.
Zunächst sei einmal darauf hingewiesen, das Widukind wieder den Grafen Thietmar als großen und überlegenen Strategen und Retter nutzt. Thietmar war der Erzieher und engster Berater Heinrichs I. Er war auch dabei als Heinrich, damals noch Herzog in der späteren Pfalz Grona von König Konrad I. belagert wird. Nach Widukind gelang es Thietmar mit einer List Konrad zum Abzug zu bewegen. Angeblich ritt er locker fluffig in die Burg Grona und fragte wo denn seine ganzen Truppen lagern sollten, weil da wäre ja überall zu wenig Platz, was wiederum Konrad von Thietmars Überlegenheit überzeugt hätte. Das Ganze hatte sich aber in Grona wohl nicht so zugetragen. Es wird eher davon ausgegangen das sich Heinrich Konrad unterwirft und der Status Quo beibehalten wird. ( Zu Grona hatte ich gerade ein Video gemacht! )
Wir wissen ansonsten recht wenig über Thietmar, d.h. aus welcher Familie oder woher er kam. Jedoch wurde er in der Memoria , dem Totengedenken, der Liudolfinger eingeschlossen. Sein Sohn ist dagegen ein bekannterer Charakter. Es ist Markgraf Gero, der den Stift Gernrode gründete und die Herrschaft über sächsische Ostmark, also das Slawengebiet ausübte.
Aber auch die Erzählung Widukinds zur Schlacht von Lenzen , weist so ihre Ungenauigkeiten auf. Dies fängt tatsächlich schon bei den slawischen Stämmen an. Widukind vermerkt das Heinrich die slawischen Stämme tributpflichtig gemacht habe. Aber bereits 822 erscheinen Abodriten, Sorben, Wilzen, Böhmen, Mährer mit einer Gesandtschaft in Frankfurt2 , was als Zeichen ihrer Tributpflichtigkeit an die Franken unter Ludwig dem Frommen gedeutet wird. Demnach hätte Heinrich I. die Tributpflicht nur erneuert oder im besten Fall wieder hergestellt.
Auch dass die Redarier als Aufständige bezeichnet werden, trifft die Sache wahrscheinlich nicht vollständig, denn Lenzen war nicht das Gebiet der Redarier, es war das Zentrum der Linonen, die Widukind gar nicht erwähnt. Die Redarier siedelten grob zwischen Neubrandenburg und Stargard, also hauptsächlich im Bereich westlich der Oder. Auch die zuerst angegriffene Festung in Walsleben grenzte an das Siedlungsgebiet der Nielitizi.
Es wäre also eher davon auszugehen das der Aufstand vielleicht von den Redariern ausging, sich aber auf die anderen Stämme ausgeweitete.3, bzw. das die Redarier eine gewisse Führungsfunktion hatten.
Ohnehin muss auch offenbleiben inwiefern der slawische Tempelort Rethra im Kontext mit den Redariern eine Rolle spielt, zumal dieser örtlich nicht lokalisiert ist.
Es war auch nicht das erste Mal, dass die Region um Lenzen in den Geschichtsbüchern im Zusammenhang mit einem Aufstand auftaucht. Schon vorher war sie umkämpft gewesen. 810 wird in den Reichsannalen ein :
. castellum vocabulo Hohbuoki Albiae flumini adpositum, in quo Odo legatus imperatoris et orientalium Saxonum erat praesidium, a Wilzis captum. – Eine Burg namens Hohbuoki an der Elbe in der der kaiserliche Legat Odo stationiert war , wurde von den Wilzen erobert.
Dieses castelum Hohbuoki , bzw Höhbeck-Kastell, liegt genau auf dem anderen Ufer der Elbe gegenüber Lenzen, der Hauptburg der slawischen Linonen.
Es kam zu einem Vergeltungsschlag der Franken und das Hobeck Kastell wird wieder aufgebaut, wird aber in den Quellen nicht mehr erwähnt.4 Möglich das Thietmar und Bernhard von hier aus ihren Angriff begannen bzw. sich sammelten, bevor sie auf die andere Seite der Elbe übersetzten.
Bei der Betrachtung der Schlacht von Lenzen sollte auch die gesamte zeitliche Einordnung nicht außer Acht gelassen werden.
In aller Regel sieht man für die Zeit Heinrichs I. in der Hauptsache den Konflikt mit den Ungarn. Doch 926 gelang es nach der Gefangennahme eines ungarischen Anführers die Aushandlung eines 10 jährigen Waffenstillstandes, der die Möglichkeit zur Burgenordnung Heinrichs I. auslöste, als auch erst die Möglichkeit schuf, gegen die Slawen vorzugehen. So Beschreibt Widukind auch im Kapitel 35 seiner Sachsengeschichte, also ein Kapitel vor der Schlacht um Lenzen, das Anlegen der Heinrichsburgen, aber auch das Heinrich plötzlich gegen die slawischen Heveller (im Gebiet der Havel), gegen die Daleminzier (im östlichen Gebiet der späteren Markgrafschaft Meißen, etwa von Meißen bis zum Erzgebirge ) und weiter gegen Prag zieht, wo er die Unterwerfung des Böhmischen Königs Wenzels entgegen nimmt.
Der Aufstand der Slawen , der von den Redariern ausging, war also keine eine spontane Aktion, sondern die Reaktion auf das Vorgehen Heinrichs. Und auch Heinrichs Aktion gegen die Slawen muss im Kontext der Ungarneinfälle gesehehen werde.
Die 10 Jahre Zeit, die sich Heinrich mit dem Waffenstillstand mit den Ungarn ergaben, mussten genutzt werden um die Grenzen zu sichern, um sicherzustellen, dass ein verheerender Angriff der Ungarn nicht etwa durch die Slawen ausgenutzt würde.
Genauso aber steht er auch innerhalb des Kontexts der späteren Ereignisse: der Schlacht an der Raxa am 16. Oktober 955 , des Slawenaufstandes von 983 und dem Lutitzenbund.
Bleibt mir nur noch abschließend festzustellen, das die slawische Burg Lenzen nicht identisch ist mit dem heutigen Burg Lenzen. Die steht zwar auch auf einem slawischen Ringwall , dieser entstand erst in den 980er Jahren.
Die Burg der Schlacht befindet sich näher an der Elbe und wird als Lenzen-Neuehaus bezeichnet, wobei es sich um einen Ringwall des Feldberger-Typs handelt. D.h. Es ist keine einfache Fluchtburg, sondern eine Ringburg innerhalb eines weiteren Walls, also vergleichbar mit Burg und Vorburg, die einer Herrscherfamilie als Sitz dient.5 Somit fand das disjährige Reenactment am Rudower See auch nicht am original Ort statt, aber das ist verkraftbar, zumal der echte Ort im Naturschutzgebiet liegt.
Bachrach, Deeds of the Saxon S54 ↩
I I n. 766a, in: Regesta Imperii Online, URI: https://www.regesta-imperii.de/id/0822-00-00_1_0_1_1_0_1719_766a ↩
siehe z.B. Karl Leyser, Communications and Power in Medieval Europe . S36 ↩
Matthias Hardt, Magdeburg und die Ostgrenze des Frankenreiches in Das Miteinander , Nebeneinander und Gegeneinander von Kulturen – Zur Archäologie und Geschichte wechselseitiger Beziehungen im 1. Jahrtausend n- Chr. S176 ↩
vgl. z.B.F.Biermann, A. Kieseler, Die Burgwälle von Lenzen-Neuehaus und Lenzersilge. ↩


Oh, und wir haben letztes Jahr mit einer Karolinger-Darstellung begonnen. 😟 Naja, ein bisschen Brettchenborte und ein Trinkhorn am Gürtel…
Oh ja gerne!
Hallo, Bei Recherchen zur Tunika Heinrich des Zänkers bin ich auf eine ähnlich Lösung gekommen, ich habe mir das Stifterbild…
Hab jetzt gerade Terra X schauen wollen. Seit neusten mit KI generierten Stimmen. Diese Entwicklung gefällt mir nicht. Ich muss…
Gut gelungen. Dieses Miniriemchen im Riemendurchzug der Scheide hält das Ganze.