Eine Frage der Festkleidung oder warum Byzanz nach Franken gekommen sein könnte

Schon vor 5 Jahren machte ich mir Gedanken zu Mänteln und ihrer Bedeutung als möglicher „Sonntagskleidung“ (siehe hier und hier ). Dabei schnitt ich das Thema leider viel zu kurz an , wie ich beim erneuten Lesen feststellen musste. Tatsächlich scheint hier mehr dahinter zu stehen als einfach eine spezielle Art der Kleidung des adligen Karolingers zum Kirchgang oder für zeremonielles Ritual.

Beinlinge aus byzantinischer Seide
Beinlinge aus byzantinischer Seide, getragen von einem fränkischen Grafen (Gawan Dringenberg)

Das Byzanz Einfluss auf den Kleidungsstil der Karolinger hatte. beschreibt auch Notker in seiner Gesta Karoli1 , wenn er sich über die Höflinge in ihrer feinen Kleidung lustig macht, die nicht zur Jagd geeignet sei. Wobei Notker wohl augenscheinlich etwas übertreibt, denn in der Karlsbeschreibung Einhards wird die fränkische Tracht Karls wie selbstverständlich als mit Seide verziert beschrieben. Seide als solches war also im fränkischen Reich nichts unbekanntes, wenn auch lediglich der High Society verfügbar.

Doch wie kamen die Karolinger, nach dem sie ja schon Seidenstoffe kannten und trugen und das schon seit Opas Merowingerzeit, an die Byzantinische Kleidung an sich, bzw. was veranlasste sie  byzantinischen Stil und Chick zu übernehmen oder sich von ihm beeinflussen lassen? Und das weit bevor mit den Kreuzzügen ähnliche Moden im zentralen Europa für  breite Schichten verfügbar waren?

Eine Frage der Diplomatie:
Zwar hatte der byzantinische Kaiser Michael 812 den Titel Karls des Großen als Kaiser bestätigt, sah sich aber selbst dennoch in einer Vormachtstellung über alle Fürsten der Welt. Allein schon da er über den Patriarchen stand, während der Fränkischen Kaiser im Verständnis der westlichen Kirche unter dem Papst standen.

Den Franken war diese Abwertung ihres Kaisertums durchaus bewusst, es konnte ihnen auch nicht verborgen bleiben, denn die byzantinischen Kaiser nannten sich schon bald explizit romanorum imperator augustus, also Römische Kaiser während die Franken nur den Titel des imperator augustus , also Kaiserfür sich beanspruchen konnten. Erst Otto III. fügt den Zusatz des römischen Kaisers dem Seinen hinzu.

Die Franken versuchten beständig ihren Kontakt mit Byzanz zu verbessern, auch bezüglich ihrer Anerkennung,  und schickten Botschafter in den Osten. Doch beim Kaiser empfangen zu werden war ein langwieriges Unterfangen. Es konnte Monate dauern bis man vorgelassen wurde und das Prozedere selbst war weit weniger leger als am fränkischen Hof und in ein starres Korsett gepresst, das heute als Byzantinismus bezeichnet wird. Davon weiß zum Beispiel Luitbrand von Cremoa zu berichten, als er 949/950  und 968 am byzantinischen Hof weilte.

Die als Barbaren bezeichneten fränkischen Gesandten mussten sich also ihrer Umgebung anpassen um nicht ganz als Barbaren da zu stehen. Am einfachsten war dies in dem man sich am Kleidungsstil anpasste um so zumindest optisch der Vorverurteilung zu entgehen.

Natürlich kehrten die Gesandten auch wieder ins Fränkische Reich zurück. Im Gepäck unter Anderem das Wissen um das aufwendige Hofprotokoll und die Kleidung aus Byzanz.

Aber auch der umgekehrte Fall ist uns bekannt. Byzantinische Gesandte am fränkischen Hof. So berichten die fränkischen Annalen von Ludwig dem Frommen  der in den Vogesen oder dem Pfälzerwald auf byzantinische Gesandte trifft. Der Wald ist nicht unbedingt der Ort an dem man Audienz mit den Byzantiner halten will, also gehts weiter nach Ingelheim nur um festzustellen das die Mühe eher sinnlos war:

(…)und als er hörte, dass ihre Botschaft keine andere sei als die, welche erst vor kurzem Niciforus als Gesandter desselben Kaisers überbracht hatte, entließ er sie bald wieder und reiste weiter, wohin er [eigentlich] wollte.

Man bemühte sich also den Byzantinern einen gewissen Prunk zu zeigen, denn Pfalzen hätte es durchaus gegeben auf dem Weg, nur eben keine wie Ingelheim.

Schenken wir nun Einhards Beschreibung Karls des Großen und auch der später erschienenen Gesta Notkers Glauben, so könnte sich folgendes Bild ergeben: Unter Karls Herrschaft und wohl auch noch in Teilen unter Ludwig dem Frommen herrschte noch ein gewisses fränkisches Selbstbewusstsein, das es aus eigenem Stolz heraus nicht nötig machte sich näher Byzanz anzubiedern. Den späteren karolingischen Herrschern fehlte eine Dominanz wie sie Karl inne hatte.  Man suchte die Augenhöhe mit Byzanz herzustellen in dem man mehr und mehr byzantinische Gepflogeneiten übernahm, darunter auch die Kleidung bei Hofe. So ist die nach 880 entstandene Gesta Karls mit der Anekdote der byzantinisch gekleideten Höflinge als Kritik der Anbiederung an Byzanz zu verstehen.

Dies wird auch deutlich wenn man sich ein bestimmtes Herrscherbild aus späterer Zeit ansieht, das ich jedoch in seinem Kontext gesondert morgen behandeln werde.

Es zeigt sich also das die Verwendung byzantinischer Trachtenbestandteile nicht aus modischen Aspekten zu verstehen ist. Vielmehr handelt es sich um den Versuch den Anspruch auf den westlichen Kaiserthron auch in Kleidung und Habitus zu manifestieren.

 

Ergänzend. bzw. in die Merowingerzeit führend,  findet sich bei academia.edu ein neues PDF von Fr. Mechtild Schulze Dörrlamm „Einflüsse byzantinischer Prunkgewänder auf die fränkische Frauentracht“ aus dem Arch. Korrospondezblatt von 1976, ich hab allerdings noch nicht reingeschaut…

 

  1. Gesta Karoli I 8 []

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