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Zur Wahrnehmung von Reenactment, Living History-Szene und Co

Wer hier mit liest, der weiß in der Regel wo die Unterschiede zwischen Living History und Reenactment liegen. Er weiß zum Beispiel das LH ein Teil von Reenactment sein kann, aber nicht zwingen sein muss. Man wird experimentelle  Archäologie kennen und wissen das es nicht zwingend spezielle Kleidung dafür benötigt. Er wird LARP kennen und hat vielleicht auch schon bemerkt das es LARPer gibt, deren Ausrüstung tatsächlich das Niveau eines Reenactors haben kann. Ähnliches gilt auch für Cosplayer, speziell historisches Cosplay, wo es nur und einzig um die Kleidung geht. Und wahrscheinlich kennt man auch die SCA, deren Anachronismus oftmals fantasyartige Auswüchse annimmt, die aber zum Teil auch wunderbare Rechercheergebnisse liefern.

Wir sind eine Subkultur, da beißt die Maus keinen Faden ab. Das kann man man sehr gut nachvollziehen wenn man sich einmal außerhalb der üblichen Kreise bewegt.
Bereits als ich im Oktober auf meiner Arbeitsstelle einen Probetag hatte, wurde ich ergoogelt. Die Frage war ob ich Rollenspieler sei.
Nun da ich seit 1.12. dort arbeite ist mein Facebook-Freundeskreis um einige Arbeitskollegen angewachsen. Mein Profilbild wirft natürlich fragen auf. Die gängigste Frage, bzw. Feststellung ist wohl „Du bist auf auf Mittelaltermärkten, oder?“ Die Sachverhalte und meine Ambivalenz zu diesen Märkten kann ich im direkten Kontakt eigentlich leichter aufklären, gestaltet sich aber mit unter dann doch schwieriger.

Dies war einer der Sachverhalte an die ich dachte als ich kürzlich über das Dilemma zwischen Reenactmentszene und TV-Machern schrieb und am Rande vermutete eines der Probleme zwischen beiden Gruppen möglicherweise in der Wahrnehmung der Gruppe der Living History Enthusiasten, der Reenactors und Sonstiger liegt.
Nach dem ich darüber noch einmal nachdachte halte ich dies mehr und mehr für ein Problem mit Folgen.

Rollenspiel, also das Schlüpfen in eine spezifische Rolle und das agieren in eben dieser Rolle innerhalb eines vorgegebenen Kontexts, ist nicht nur im LARP ( Liverollenspiel) vorhanden.  Auch das Reeneactment (auf dt. Nachstellung oder auch Nachspielen) und   Living History (Lebendige Geschichte), nutzen dieses Element. So muss der Willhem Darsteller im Hastings 1066 Reenactment in der nachgestellten Schlacht eine Rolle spielen, genauso wie der der Knecht in einem Living History Event seine Rolle spielen, auch wenn er die Ebene für Erläuterungen durchbrechen mag. Nichts anderes macht auch der LARPer wenn er den Ork oder Magier gibt, der SCAler und der Cosplayer.

Alle spielen eine Rolle, jedoch ist der Grund, bzw. der Zweck dieses Rollenspiels verschieden.

Der äußere Betrachter ohne tieferes Vorwissen, Andreas Sturm nannte ihn exemplarisch in einem Vortrag1 den Müllwerker mit Frau und zwei Kindern, wird bei erster Betrachtung allenfalls  feststellen können das alle ihre Rolle nur spielen.

Ein Versuch die Gruppen über ihre Kleidung zu definieren könnte sich ebenfalls zu einem schweren Unterfangen entwickeln, denn unserem Müllwerker und seiner Familie fehlt das entsprechende Vorwissen. Er wird nicht unterscheiden können was authentisch ist wenn er auf einem Mittelaltermarkt mit Marktsprech angesprochen wird, oder der LHler ein Althochdeutsches Vater unser mit den Worten „Fater unsêr,..“ beginnt.

Er ist ein unbeschriebenes Blatt in dem wahrscheinlich Interesse, aber auch viele Falschinformationen und noch mehr
Wunschdenken stecken.
Das Fernsehen spielt eine zentrale Rolle beim Bedienen von Wunschvorstellungen und in Zeiten wie diesen wird, gerade auf den privaten Sendern, gerne ein Gefühl bedient das zeigen soll „seht her, die sind noch schlimmer, noch ärmer, noch bescheuerter als Ihr, alles ist gut. Keep calm and carry on.“

Dabei bleibt echte Information oft auf der Strecke und ich rede jetzt nicht von Doku-Formaten wie Terra-X oder Filmen wie Die Pilgerin (war auch nichts anderes als Angelique-Schmonzetten)
Die Unterscheidung zwischen Falsch und Richtig, bzw zwischen Authentisch und Fantasy fällt immer schwerer. Dazu fällt mir ein Satz eins den ich mal irgendwo gelesen oder gehört habe:

Ich glaube nur was ich sehe, seit es Fernsehen gibt glaube ich alles!

Doch wie steht es generell zur Wahrnehmung von Reenactment, Living History, LARP und Co, bzw. mit deren Differenzierung und was tut das Fernsehen dazu?

Durch Zufall sah ich über Weihnachten DMAX  Der Hobbyist – Was ist LARP2. Im ersten schwachen Moment, ich hatte gerade geschlafen, dachte ich tatsächlich es handelt von historischen Kelten, da sich eine LARP-Gruppe als solche bezeichnete, bzw. von der Offstimme immer als Kelten angesprochen werden. Ob es also Kelten nur im Fantasy gibt oder ob Kelten im Reenactment im Umkehrschluss falsch sind , weil eben Fantasy bleibt unbeantwortet.

Ganz ähnlich kommt die kurze  ARD Reportage Ritter der Kokosnuss – Rollenspiele als Freizeitbeschäftigung3 daher. Sie  schafft es fast  nahtlos von einem Mittelaltermarkt, der eher nach Fantasy aussieht, zu LARP und wieder zurück zu springen ohne einen großen Unterschied anzudeuten.  (es liegt vielleicht daran das er nicht zu erkennen ist, außer das das LARP besser aussieht als der Markt)

Nach diesen beiden  fast noch positiven   Beiträgen  habe ich mich in die Abgründe des deutschen Fernsehens begeben.  

Für Akte 04 49 war Mittelalter identisch mit Fantasy LARP4 welches auf das Jahr 1204 datiert, wenn man der Einblendung glaubt. In der SWR Spielshow „Wer zeigts wem“ ist nich nur das Mittelalter der Depp sondern auch Sci-Fi5. Und zu dem Beitrag von RTL II Exklusiv möchte ich aus Rücksicht überhaupt nichts sagen. Einfach anschauen. Hier… Das kann man eine ganze Weile so weitermachen, z.B. auch mit Frauentausch, aber das spare ich mir.

Mittelalter Reenactment oder Living History scheint immer mit einen Augenzwinkern ob der „Verrückten“ betrachtet zu werden.  Den Machern scheint selbst der Unterschied nicht bewusst, oder wird bewusst für die Show nicht herausgearbeitet. Sie nehmen nur das Spiel war. Andere Zeitstellungen scheinen dagegen im Fernsehen besser wegzukommen. So etwa im BR über US Bürgerkriegsreenactment6 oder bei der Berichterstattung zur Völkerschlacht. Interessant ist hierbei auch das der Begriff Reenactment beim MDR zur Völkerschlacht von Leipzig gar nicht fiel. Es war die Rede von einer „Gefechtsdarstellung“.
Auch ausgenommern ist die Römerdarstellung. Dies ist zu großen Teilen der Verdienst Marcus Junkelmanns. Das Mittelalter hat einen schweren Stand.

Das Mittelalter wird also in der Öffentlichkeit ehehr stiefmütterlich behandelt. Als Studienfach ist die Medievistik immer noch unterbesetzt im Gegensatz zu anderen Zeitstellungen, ein Großteil des Bilds vom Mittelalter ist noch immer geprägt durch Darstellung und Ideen des 19. Jahrhunderts die sich auch noch in meinen Schulbüchern fanden, Umsetzungen tendieren ins Fantastische.,bietet doch das Mittelalter eine unglaubliche Projektsionsfläche. Natürlich können wir uns den Mund fusslig reden  und unser Credo verkünden, aber wieder ist auch die boulevardisierung der Medien und des Journalismus in die Schuhe zu schieben, wie wir in den obigen verlinken Beiträgen sehen. Das betrifft übrigens nicht nur die Geschichte.

So titelte die einst renommierte SZ gestern morgen „7. Januar 2014 05:37  Unbekanntes Flugobjekt sorgt für Aufregung – Vermeintliches Ufo in Bremen“.
Ein unbekanntes Flugobjekt, kurz UFO, ist nie ein vermeintliches UFO im Sinne eines außerirdischen Raumschiffs, sondern bis zur Identifizierung als etwas Bekanntes ein UFO. Und selbst wenn es ein Raumschiff wäre wäre es damit kein UFO mehr! UFO ist ein Platzhalter!  Hauptsache Schlagzeile!

Wenn wir uns also über inkorrekte Dokumentationen aufregen, müssen wir uns generell mit den Medien befassen und allgemein die Boulevardisierung kritisieren.
Hinzu kommt der  schwache Stand des Mittealalters. Vermeintlich vielversprechende Projekte entpuppen sich als Blender und historisch korrekte Veranstaltungen und Und Projekte wie der Geschichtspark Bärnau-Tachov oder die Lütjenburg lassen sich nahezu an einer Hand abzählen. Während Beispielsweise Römerdarsteller  nicht als „Spinnerte“ dargestellt werden, bieten Zeitstellungen die entweder nur wenig Berücksichtigung erfahren (z.B Bronzezeit, Junsteinzeit etc.) und das Mittelalter als Projektsionsgebiet eine ganz andere Angriffsflächen. Da wird dann doch lieber vom strahlenden Ritter und dem Burgfräulein Kunigunde im unverputzten, mit Stroh ausgelegten Thronsaal in der Höhenburg und grau-braunen Bauern gedacht als an alles andere.

Übrigens war für mich im Alter von 10 Jahren das hier auch Mittelalter….

  1.  Didaktik und Qualitätssicherung performativer Geschichtsdarstellung, Videos hier: http://opus.bsz-bw.de/kidoks/volltexte/2013/133/  []
  2. online hier: http://www.dmax.de/programme/der-hobbyist/videos/der-hobbyist-episode-1/  []
  3. Online: http://www.youtube.com/watch?v=u56A0KurqpY []
  4. online: http://www.youtube.com/watch?v=UXB20MKHJtg []
  5. Video:http://www.youtube.com/watch?v=ABJ5kuKq_ps  []
  6. Video: http://www.youtube.com/watch?v=lOZZe6HXmBY  []