Kostenlos und Kultur

Wie bereits vor einiger Zeit angedeutet bin ich wegen der Verwendung meiner digitalen Rekonstruktion des Einhardsbogens für eine Ausstellung angefragt worden. Ich habe dem zugesagt und nach einigen Mailwechseleln kam die Frage auf wie viel ich den für die Verwendung des Bildes an Geldwert haben möchte.
Ich muss zugeben das mir dies schmeichelte, aber NEIN, ich will kein Geld für das was ich tue.

Klar steh ich wie die meisten darauf nichts oder möglichst wenig für etwas zu zahlen, bin aber dennoch kein verfechter der absoluten „Kostenloskulter“.
Aber das Bild als Solches existierte ja bereits, ich hatte es in relativ hoher Auflösung unter CC-BY-SA online gestellt. Also benutzen, Namen nennen, glücklich sein.

Nun bot ich aber an das Bild ein wenig zu überarbeiten. Das tat ich weil ich selbst in einigen Teilen unzufrieden war, mehr Details rein bringen wollte und auch Ideen hatte dies effektiver Umzusetztem. Das war aber nur mein Bier. Das ich nun ein fast vollkommen neues Modell bauen würde ahnte ich dabei nicht, ist aber ebenfalls mein Bier. Nur ungern würde ich ein Bild von mir in einer Ausstellung sehen, dass ich als „unfertig“ ansehe. Aber das ist letztendlich unerheblich für die Entscheidung kein Geld zu verlangen.

Der eigentliche Grund warum ich kein Geld dafür haben möchte ist ein anderer. Den Museen geht es auf gut deutsch scheiße. Ich weiß nicht ob schon mal jemand hier versucht hat die Rechte an einem Bild, zum Beispiel aus dem Katalog zur Ausstellung „Die Franken“ zu bekommen. Für die Kohle kann man schon einiges auf die Beine stellen! Aber die Leute, die Graphiker und Wissenschaftler, die diese Bilder erstellt haben leben davon. Im Gensatz zu mir. Es ist mein Hobby und nicht mein Job. Ich bin und sollte also nicht auf dieses Geld angewiesen. Ich bin daher der Meinung das ich kein Geld für ein Bild verlangen sollte das nicht eine spezielle Auftragsarbeit ist. (Und selbst wenn, gab ich mich bisher immer mit Büchern oder ähnlichem zufrieden)
Ich sehe es eher als meine Pflicht an mit einem Bild zu helfen, in der Hoffnung einen kleinen Beitrag zu leisten. Eigentlich ganz so wie dieses ganze Blog. Ich möchte das wir mehr für unser Geld bekommen und dazu möchte ich einen Beitrag leisten.
Hinzu kommt, das es sich beim „Museum bei der der Kaiserpfalz Ingelheim“, wo das Bild nun hängt, auch nicht um ein „reiches“ Museum handelt. Es besitzt eben auch mehr oder minder zufällig Ausstellungsfläche für die Kaiserpfalz Ingelheim. Und da ich nun aus der „Kaiserpfalz“ Trebur komme ist es quasi auch ein bisschen Nachbarschaftshilfe.

(Generell würde ich ohnehin dafür plädieren das wir alle ein bisschen geben um im Gegenzug auch nehmen zu können. Vielleicht bin ich da ein bisschen sozialistisch oder gar kommunistisch eingestellt, vielleicht hab ich auch einfach zuviel Star Treck gesehen oder hab zu viel am Idealismustopf genascht. Aber mir gefällt die Idee das jeder das macht was er irgendwie kann, sei es auch noch so gering, und alle profitieren am Ende davon)

Ach ja, und last but not least kann ich nun sagen, dass eine meiner Rekos in der Kaiserpfalz Ingeheilm hängt 😉

Mein Bild findet sich seit 18. März in der Ausstellung zum Einhardsjahr 2015 im Museum bei der Kaiserpfalz Ingelheim, sowie es in dem in dem Kurzvortrag „Einzigartig – Der Einhardsbogen“ am 16.4.2015 von Frau Renate Fath M.A. zu sehen sein wird. Infos unter http://www.museum-ingelheim.de/

Äpfel und Birnen: Sinnlose Waffenvergleiche im Netz

Vor einiger Zeit bekam ich aus einer privaten Sammslungsauflösung ein Katana geschenkt. Wie man das so in der Regel macht schaut man dem geschenkten Gaul dann doch mal ins Maul. Dabei stolpert man unweigerlich auch über zahlreiche Youtube Videos mit so klangvollen Namen wie: „European Longsword vs. Katana“, „Medieval Sword vs. Katana“ oder „Longsword vs. Katana“.

Bei all diesen Filmchen wird man nicht müde all die Klischees zu bedienen die uns Filme und zweifelhafte Publikationen seit ewigen Zeiten zu verkaufen versuchen. Egal ob es die Mär vom Zerteilen von Schwertern oder von millionenfacher Faltung, alles wird bedient. Witziger Weise kommt jeder zu einem anderen Ergebnis.
So fragt Galileo allen Ernstes ob man den wirklich mit einem Samuraischwert ein anderes Schwert zerteilen kann wie es in Kill Bill gezeigt wird.
Die „Versuchsanordnung“ ist dann auch relativ simpel: Ein eingespanntes Breitschwert wird zunächst mit einem Katana, dann mit einem Langschwert malträtiert. Und siehe da, das Katana verbiegt sich, das Langschwert überlebt und zerbricht das Breitschwert. Jeder der mal mit Schwertern gekämpft hat bekommt hierbei allein vom zusehen Bauchschmerzen. Galileo jedoch folgert: „Das deutsche Langschwert zerteilt die Klinge und erweist sich damit als das wahre Superschwert“. Aua!

Tatsächlich aber macht es nicht einmal Sinn das Katana mit einem europäischen Schwert des hohen oder späten Mittelalters zu vergleichen. Es ist der sprichwörtliche Vergleich von Äpfeln und Birnen.
Der Schlag eines Katanas entspricht mehr einem Schnitt als einem Schlag. Dies beding bereits die Form des Schwertes. Tatsächlich war ich ein bisschen erstaunt wie man doch durch die Form von Griff und Klinge dazu gezwungen wird bei einem Katana eine schneidende Bewegung durchzuführen. Dies erklärt sich durch die Art der japanischen Rüstungen, deren einfachere Modelle Aus mit Lack verstärkten Bambusplättchen und gehörtetem Leder gehörten und eine größtmögliche Beweglichkeit ermöglichten. Großflächige Metallteile an Rüstungen tauchten in Japan erst mit dem Nanbandō auf. Einem Kürass, den man direkt von den im 16. Jahrhundert in Japan auftauchenden Portugiesen kopierte und dessen primäres Ziel nicht der Schutz vor Schwerthieben, sondern der Schutz vor Gewehrkugeln war.
Die Portugiesen ihrerseits liefen auch nicht mehr mit dem Langeschwert herum sondern trugen Rapiere.
Das Langschwert war aber eine Entwicklung die mit der Plattenrüstung in Europa einher ging. Im Gegensatz zur japanischen Rüstung hatte die Plattenrüstung ein wesentlich höheres Schutzpotential, schränkte aber die Bewegung wesentlich stärker ein. Also vollkommen unterschiedliche Gegebenheiten. Und davon findet sich im Netz ein Haufen Mist.

Ein Katana mit einem europäischen Schwert zu Vergleichen kommt also dem Vergleich eines Tomahawks mit einer Bartaxt gleich. Es macht keinen Sinn, man kann aber Sendezeit damit füllen.

Dazu gibts auch zwei kurze Filmchen von Youtube (wobei ich mir Skallagrim mal näher anschauen muss, erinnert mich an den guten Lindy Beige) :

Spiegel Geschichte und der Campus Galli

Ursprünglich war das Thema Campus Galli/ Klosterstadt Meßkirch für mich abgehakt. Lediglich nach meinem Besuch vor Ort vor Ort schrieb ich noch einmal darüber. Zudem berichtet Hiltibold ausführlich zum Thema und hinterfragt jegliche Bewegung vor Ort.
Nun bewegte mich aber ein Facebookpost von Andreas Sturm, den ich vor einigen Tagen las, doch noch einmal das Wort zu ergreifen, da ich mich dabei persönlich angesprochen fühle. Er zitierte daraus aus dem aktuellen Ausgabe ( 1/2015) von Spiegel Geschichte.

Der Spiegel Geschichte berichtet darin auf S112 bis 119 in einem Artikel von Alexander Smoltczyk unter dem Titel „Zeitreise handgemacht“ über den Campus Galli. Der Artikel selbst bietet nichts wesentlich neues. Er versucht scheinbar neutral zu beleiben, lässt aber eine gewisse begeisterung für die Idee erkennen und lässt nur die Teilnehmer des Projekts zu Wort kommen und weckt somit eine pro Campus Galli Stimmung die (Mittelatermark-) Ambiente erzeugt, die ja das Projekt angeblichen zu vermeiden sucht. Die Teilnehmer äußern sich zu weilen auch über die ihnen entgegengebrachte Kritik:

„Es gibt natürlich auch immer Mittelalter-Fans, die nur hierherkommen, um nach Fehlern zu suchen. Aber das sind sehr wenige“, sagt der Schindelmacher. Die mokieren sich dann über das Nasen-Piercing der Färberin. Die fotografieren das Kleidergrößenetikett am Wollgewand oder den Elektrozaun am Schweinekoben und petzen es später aus dem sicheren Versteck ihres Blogs.
Sie haben den Campus nicht verstanden. Natürlich liegt da ein Feuerlöscher neben der Schmiede. Natürlich gibt es Sicherheitsschuhe. Die Versicherungen leben nämlich nicht im Mittelalter. Und die damalige Dichte an Einäugigen und Krüppeln möchte man nicht wiederaufleben lassen. (…) S.116
Niemand darf sich mit einer Uhr am Handgelenk oder einem Handy erwischen lassen. Auch Cola gibt es nicht, genauso wie das Rauchen für Besucher verboten ist.(…) S117)

Nun weiß ich nicht wie viele Geschichtsinteressierte vor Ort waren die später über den Campus Galli irgendwas gepetzt geblogt haben. Ich weiß aber das Hiltibold viel darüber schreibt und ich vor Ort war, Bilder machte, darüber schrieb und die Bilder auch Hiltibold zur Verfügung stellte. Ich bin daher so egoistisch und beziehe das auch auf mich und möchte hier etwas einwerfen „aus dem Versteck meines Blogs“.

Als ich vergangen Sommer in den Campus Galli fuhr, war ich auf dem Weg in den Urlaub. Ich hatte den Besuch nicht fest eingeplant, erst einen Tag zuvor erfahren das an diesem Tag das Sommerfest stattfinden würde. Ich kam auch nicht um geplant nach Fehlern zu suchen, primär wollte ich mir die Sache einmal anschauen, das mir jedoch einige Fehler ins Auge sprangen ist dann doch eher eine spezielle Aussage.
Ich glaube nicht das sich jemand ernsthaft über einen Elektrozaun oder Feuerlöscher auslassen würde. Ein Etikett am „Wollgewand“ dann doch eher, zumal mir nun niemand geläufig wäre der entsprechende Kleidung verkauft und ein Etikett anbringt. Es sei denn es ist eben der Baumwollkram den man so hinterher geschmissen bekommt. Piercings könnte man rausmachen vergisst man aber gerne, gebe ich zu. Aber die Aussage das sich niemand mit Uhr oder Handy erwischen lassen darf finde fast schon lächerlich. Als ich zu Besuch war sah ich Seindenschals, normale T-Shirts unter der Tunika und Polyestergürteltaschen. Selbst wenn , wie es zum Teil an diesem Tag der Fall war, auch Leute dabei waren die nicht regulär am Campus Galli beteiligt sind, so muss doch jemand da sein der sie eben erwischt. Besonders an einem Tag wie dem Sommerfest wo mit Presse und einem Haufen Fotoapparaten zu rechnen ist. Das scheint aber nicht der Fall zu sein! Auch hat meines Wissens nie jemand die Sicherheitsschuhe als solche kritisiert. Aber wenn man keine, gar keine Wendeschuhe sieht, wirds halt doch etwas eigentümlich.

Der Vorwurf man würde aus dem Versteck eines Blogs agieren ist geradezu hanebüchen. Natürlich könnte man sich Sendezeit im Fernsehen kaufen wenn man denn das Geld hätte. Man könnte für Zeitungen schreiben, wenn man denn die Zeit hätte. Aber das alles trifft auf uns nicht zu! Ich habe ein Impressum mit voller Anschrift, auch Hiltibold hat das. Es gibt gibt die Möglichkeit zum kommentieren. Ich denke nicht das einer von uns sich gegen ein Gespräch wehren würde. Hiltibold hat kürzlich den einen Beitrag von Geschäftsführer Hannes Napierala im Blog gehabt. Dennoch wird immer wieder um bestimmte Themen einen Bogen gemacht bzw. sie verschieden wiedergegeben und Blogger als das Böse unter dem Himmel beschworen.
Im Gegenzug darf sich also niemand wundern, der im Rampenlicht irgend eines Publikums oder iInteressengruppe steht, auch von diesem beurteilt oder kritisiert zu werden!

Am besten ist jedoch der Hinweis über Behinderungen im Mittelalter. In diesem kleinen Satz sind sämtliche Vorbehalte einer unendlichen Diskussion auf einen minimalen Raum eingedampft. Erinnert sich noch jemand an die Ausseinandersetzung Hiller/Mittelalterlich Spectaculum vs. Reenactment-/Living-History-Szene? Nein? Kurz zur Auffrischung:

Wir haben nicht den Anspruch authentisch einhundert Prozent korrekt zu sein, denn Authentizität ist unserer Meinung nach nur ein Schlagwort für die Besserwisser in der Mittelalterszene.(..) Es gibt nur die eine Tatsache, dass wenn man den Überlieferungen folgen würde, eine authentische Veranstaltung wegen der darzustellenden Armut, dem Schmutz, dem Gestank, der Krankheiten etc. mit hundertprozentiger Sicherheit nicht dem Anspruch bester Unterhaltung genügen würde. (Zitiert nach Tempus Vivit)

Nun bezieht sich die Aussage in Spiegel Geschichte, die dem Schindelmacher zugeordnet ist, wohl nicht darauf das man nie vollends authentisch sein kann, sondern ist eher im Sinne zu verstehen, dass man auf die Sicherheit achten muss und daher Abstriche in der Authentizität machen muss. Und dennoch ist und bleibt es die selbe Argumentationsweise wie sie im Konflikt Mittelaltermarkt gegen Reenactment-/Living-History-Szene. Und sie bleibt genauso falsch. Niemand hat etwas gegen Sicherheit. Niemand hat etwas gegen TÜV oder Versicherungen. Andere Veranstaltungsorten zeigen doch das es anders geht, siehe Bärnau. Und nein, ich will auch nicht im Mittelalter leben, falls die Frage aufkäme (das wäre bei der Argumentation zu erwarten).

Immer wieder erweckt der Text in mir auch ein befremdliches Schmunzeln. Etwa wenn der Text die Idee beschreibt am Eingang einen Misthaufen zu platzieren um auch geruchsbedingt die „Zeitreise“ ins Mittelalter einzuläuten oder wenn Artikel der für die Gemüsepflanzen zuständige Dame ein Faible für die Schriftsprache des 16. Jahrhunderts bezeugt auch wenn diese nicht mittelalterlich sei.

Es bleibt abzuwarten was in dieser, inzwischen für mich leidigen, Diskussion noch so alles passiert.

Wer sich das Video des Spiegel mal anschauen will zu dem Artikel („…Sicherheitsschuhe der Karolingerzeit, nämlich Holzschuhe.“) kann das hier tun: www.spiegel.de/sg12015kloster

Die karolingische Tunika VI – Fazit und Zusammenfassung

In und vor der Zeit Karls des Großen dominiert ein Schnitt ganz ähnlich bzw. gleich der Tunika des Mannes von Bernuthsfeld. Der Tod Karls und die innere Konsolidierung des Reiches unter Ludwig dem Frommen fördert auch den Konkurrenzgedanken gegenüber Byzanz und bringt somit Veränderungen.
Im Sinne der Renovatio wird eine größtmögliche Ähnlichkeit mit „den Römern“ angestrebt. Darunter ist jedoch nicht mehr Konstantin der Große oder gar die klassische römische Periode zu verstehen. Vielmehr bietet sich hier Ostrom, also Byzanz, als Vorbild an.

Gerade im höfischen Umfeld finden Elemente aus Byzanz regen Anklang. Der Rocksaum wird weiter, mitunter ohne Schlitzung. Die engen, geschoppten Ärmel waren wohl ähnlich jenen an der Tunika/Dalmatika des heiligen Ulrich geschnitten. Keile, wie sie im Hochmittelalter unter den Armen zur Weitung eingesetzt wurden, wurden wohl noch nicht genutzt. Die Kragenschlitzung war verdeckt, entweder durch den Halsbesatz oder aber lag auf der Schulter um dabei möglichst unsichtbar zu sein.

Besonders im gallo-romanischen Westfranken fallen die byzantinischen Einflüsse auf fruchtbaren Boden, während der Osten, der sich mehr und mehr Sachsen zuwendet, in Fragen der Mode eher Konservativer erscheint.
Der Import byzantinischer Stoffe floriert, auch wenn diese nur hochrangigen Personen verfügbar, bzw. bezahlbar sind. Mitunter konnten auch einfachere Adelige (Freie) durch Schenkung in Besitz dieser Stoffe kommen. Etwa als Dank für Verdienste in Feldzügen.

Clavi und andere Verzierungen wurden im besten Fall aus damaszierte Seite gefertigt, die die typischen Kreismotive des byzantinischen und persischen Raums aufwiesen. Mitunter konnte die gesamte Tunika aus Seide hergestellt sein. Die Verzierungen wurden, wenn die Kleidung abgetragen war, als ganzes oder partiell (also das Kreismotiv) abgelöst und auf einen neuen Grundstoff aufgebracht.
Diese Kleidung wurde jedoch nicht alltäglich genutzt sondern war wohl rein repräsentativen Anlässen vorbehalten. Sozusagen der Sonntagsstaat des Adels seiner Zeit. Für Jagd, Reise, Kriegszug o.ä. war die Kleidung hingegen ungeeignet. Hier wurden einfachere Schnitte aus weniger kostbaren Materialien getragen. Seinen Höhepunkt erreicht diese Mode in zivilen Kreisen während der Regentschaft Karls des Kahlen (843-877). Die Einfälle der Normannen dürften jedoch diese Entwicklung zurückgeworfen haben.

Es scheint daher als habe Westfranken bereits im 9. Jahrhundert viele Elemente byzantinischer Mode übernommen während der Osten diesen zunächst verhalten gegenüber steht. Erst mit Einheirat Theophanus hält auch verstärkt byzantinischer Chic Einzug ins frühere Ostfranken. Dennoch können wir sowohl in West- als auch in Ostfranken in den Herrscherdarstellungen byzantinisch, kaiserliche Tracht von der Herrschern getragen wird.

Alle vorherigen Artikel zu diesem Thema:
Die karolingische Tunika I – Kreisverzierungen
Die karolingische Tunika II – Historisierende Clavi oder Zeichen der Fremdartigkeit
Die karolingische Tunika III – Mehr als nur EIN Schnitt
Die karolingische Tunika IV – Das Gürtel Problem
Die karolingische Tunika V -Ein Ausflug zum heiligen Ulrich
Die karolingische Tunika Vb – Die Ulrichsdalmatika nachgenäht

Einhardsbogen überarbeitet

Vor kurzem bekam ich eine Anfrage zur möglichen Verwendung meiner Rekonstruktion des Einhardsbogens (hier) in einer Ausstellung.
Seiner Zeit war ich extrem zufrieden mit dem Ergebnis, inzwischen aber hatte sich bei mir die Einstellung entwickelt das es einige Sachen gab, die ich hätte besser machen können.
Die Anfrage, der ich zusagte, war nun die Gelegenheit die es brauchte um das Model umzugestalten und mit einem neutralen Hintergrund zu versehen. Aus der Umestaltung wurde jedoch ein Neubau. Lediglich der Aufsatz auf dem eigentlichen Bogen wurde aus dem alten Model übernommen, aber auch ein wenig verändert. Ich glaube das nun die Figuren detailreicher und besser zu erkennen sind. Im Moment überlege ich ob ich noch das Ardennenkreuz nachbaue um es oben auf zu setzten, zu dem fummele ich noch ein wenig an Beleuchtung und Hintergrund.
EinhardsbogenNeu

Das Widmungsbild der Vivian Bibel (f.423r)

Seit mehr als 2 Wochen und mehr als 2000 Wörtern schreib ich an einem Zusatzartikel zur karolingischen Kleidung und verzettelte mich derartig, dass ich mal Abstand brauche. Ich mich daher etwas angenommen, das mich schon lange interessiert hat und auch in das momentane Thema passt: Das Widmungsbild der Vivian Bibel.

Da es im folgenden auch um viele Details geht, die auf den Bildern, die etwa Wikipedia zur Verfügung stellt kaum zu erkennen sind, empfehle ich zunächst in einem weiteren Fenster die das zoombare Digitalisat zu öfnnen, welches die gallica bibliotheque nationale zur Verfügung stellt: Hier der direkte Linke auf Folio 423 recto

Ein Grund mich mit Folio 423 recto der Vivian-Bibel zu befassen sind die Dartsellung der Weltlichen, bzw. der 2 Personen direkt links und rechts des Thrones Karls des Kahlen. Diese zwei „Gestalten“ stoßen mir schon eine ganze Weile auf. Sie tragen goldenen Stirnreifen, doppelte Clavi auf ihren Tuniken, wie sie sich etwa auf kirchlichen Dalmatiken und byzantinischen Tuniken jener Zeit findet und dann diese Wadenwickel… ..oder doch etwas anderes?
Die Beiden auf Grund der Stirnreifen als Prinzen bzw. Söhne Karls des Kahlen zu identifizieren funktioniert nicht. Die Vivian Bibel entstandt 845/46, Karls ältester Sohn wurde jedoch erst 846 geboren.
Und dennoch müssen sie in enger Beziehung zum König stehen. Vorallem die Person die sich vom Betrachter aus auf der linken Seite des Königs befindet. Nicht nur das sie zur Rechten des Königs steht, auch der König wendet sich ihr zu. Und noch etwas wichtiges zeigt sich in der Darstellung der Beiden: Das Schuhwerk beider ist rot (mit Gold)! Dies mag auf den ersten Moment profan erscheinen, jedoch gibt es in Byzanz die Regel das nur der Kaiser, bzw. Personen der kaiserlichen Familie rote Schuhe tragen dürfen1

Charles Reginald Dodwell will in diesen Personen den ostuarius, den Obertormeister, sowie den saccelarius, den Säckler, sehen2 Micheal Patella identifiziert die Person zur Karls Rechten jedoch als Graf Vivian von Tours, Laienabt des Klosters St. Martin in Tours und Auftraggeber der Bibel, der diese dem König präsentiert3, wobei dieser das Amt des camerarius (Kämmerer) inne hatte und nicht das das ihm unterstellten sacelarius4 Ob er dieses Amt aber überhaupt noch inne hat als er zwischen September 843 und 5. Januar 845 Laienabt von Tours wurde ist nicht bekannt.

Das Bildprogramm wird nun etwas klarer. Der Auftraggeber der Bibel ist Graf Vivian (Comes Vivianus), einer der engsten Vertrauten Karls des Kahlen während dessen Aufstiegs. Im Amt des camerarius war er zwar nicht an höchster Stelle der Hofämter, aber wohl in der Stellung die dem König und seiner Familie am nächsten stand.5 Er lässt sich im wahrsten Sinne des Wortes auf Augenhöhe mit dem König zeigen. Fast im familiären Verhältnis.

Interessant zur Darstellung Vivians ist eine Anmerkung von Patrick Henriet6 das Vivian auf Wolken steht und daher als bereits verstorben betrachtet werden müsse , was die Entstehung auf nach 851 schieben würde.

Doch tatsächlich markant ist die Kleidung der „Zivlisten“. Wie bereits erwähnt zeigen ihre Tuniken 2 Clavi, Ihre Hosenbeine sind durch Riemen unterhalb des Knies verziert, während die Wadenbinden nicht wie herkömmliche Wadenbinden wirken und die Füße, bzw. Zehen nicht durch Schuhe bedeckt sind. Oder kurz gesagt, sie wirken byzantinisch, denn tatsächlich war die „zehenfrei“-Konstruktion aus Wickeln und Sandalen zumindest in Byzanz zu jener Zeit sehr beliebt.

Haben also Vivians Mönche byzantinische Vorlagen zur Gestaltung genutzt? Was die Anordnung der Personen, bzw. den Aufbau des Bildes angeht, so hat man sich an den spätantiken Vorlagen orientiert. Schließlich war St. Martin Tours ein Zentrum für spätantike Vorlagen. Die Gestaltung der Tuniken der realexistierenden Personen, also mit ausnahmen der allegorischen Darstellung von Krethi und Plethi, sollte andere Vorbilder haben.

Der Hof Karls des Kahlen galt als Zentrum der Byzantintisierung. Es wird berichtet das Karl sich 869 als novus constantinus ausriefen lies und in Ponthion graecisco more paratus et coronatus nach griechischer Art gekleidet und gekrönt auftrat.7
Als Kämmerer kannte Vivian nicht nur die Familie des Königs, sondern auch seine Kleidungsgewohnheiten, Geschenke die von Gesandtschaften kamen und auch die Geschenke die an andere Herrscher vergeben wurden.
Die beliebtesten Gesandtschaften waren jene aus Byzanz, die Wort wörtlich hofiert wurden bei ihren Anwesenheit. Fränkische Gesandtschaft wurden dagegen bei einem Besuch in Byzanz schon mal 80 Tage warten gelassen, bevor sie zum Basileus vorgelassen wurden.

Die Darstellung arbeitet folglich auf mehreren Ebenen. Auf Vivians persönlicher Ebene die seine Beziehung zum König darstellt, ihn nahe an den König heranrückt, aber auch auf der Ebene des Königs, bzw. einer ihm schmeichelnder Ebene. Diese stellt ihn auf die Ebene mit dem byzantinischen Kaiser, ohne dabei die Referenz an König David durc Kethi und Plethi zu verlieren, die die Franken mit den Israeliten gleichstellt. Und alle befinden zu auch in der Pose einer klassischen philosophischen Verhandlung.

Beschreibung der dargestellten Kleidung:
Die Kleidung der hohen religiösen Würdenträger im unteren Bildbereich entspricht dem was aus archäologischen Befunden aus Gräbern bekannt ist. An Füßen, zum Teil auch an den Händen, zeigt sich die Albe (Alba, von Tunica Alba – weiße Tunika ) Sie besitzt eng anliegende Ärmel und Reicht bis bis auf den Boden. Die Darstellung entspricht dem Schnitt den ich mit dem Nachschneidern der Ulrichsdalmatika erreichen konnte.
Darüber wird die cremefarben dargestellte Dalmatika getragen die bis über die Knie reicht. Sie ist mit roten Clavi verziert, neben denen sich V-förmige weitere Verzierungen befinden, die den Eindruck von kurzen aufgenäht erscheinenden Stoffbändern erwecken. Hierüber wird die Kasel getragen, deren Saum und Zierstreifen immer goldfarben dargestellt sind. Der Stoff der Kassel wird jedoch unterschiedlich dargestellt, sowohl in Farbe als auch Musterung. Die durch Gruppen von Dreierpunkten angedeutete Stoffmusterung verweist auf damaszierte Seidenstoffe. In der linken Hand tragen die Kleriker den Manipel.
In ihrer Darstellung unterscheiden sich drei Kleriker am linken Bildrand von den Übrigen, da sie weitaus weniger verziert erscheinen. Es handelt sich dabei um die drei Mönche aus St. Martin die die Bibel ausführten und sie nun gemeinsam dem König überreichen werden.

Im Gegensatz zur Tunika Karls des Kahlen im 20 Jahre später entstandenen Sakramentar Karls des Kahlen8, bei der ebenfalls dreier Gruppen von Punkten genutzt werden um eine Damaszierung darzustellen, weist die Tunika Vivians keine Punkte auf. Jedoch sind im Faltenwurf der Tunika mit Goldfarbe Lichtrefelexe dargestellt, die auf die Verwendung von Seide als Material hinweisen. Die Tunika ist in byzantinischem Stil mit 2 Clavi verziert, ein verzierter Saum am Handgelenk fehlt. Am unteren hingegen ist mit einem Rankenband verziert und besitzt eine seitliche Schlitzung. Die Saumverziehrung mit Ranken hebt sich von den restlichen Saumverzierungen ab, da diese sich geometrisch darstellen.
Die Hosen Vivians sind unterhalb der Knie mit Riemen, oder besser doppelten, goldfarbigen Bändern gebunden. Diese Bänder legen nahe das Vivian und auch die anderen weltlichen Personen kein Hose sondern Beinlinge, bzw. Strümpfe tragen, die bis auf die Oberschenkel reichen (ganz ähnlich Pontifikalstrümpfen) und kein Fußteil besaßen9
Die Schuhkonstruktion die der Künstler verwendet weist jedoch Fehler auf. Dieser fast kniehohe Hybrid aus Stiefel und Sandale bestand aus Leder und wurde auf der Vorderseite geschnürt. Stattdessen ist aber auf der Abbildung nur eine Wicklung zu erkennen. Es ist daher anzunehmen das der Künstler die Schuhe nicht aus eigener Anschauung kannte und sie von einer Vorlage, möglicherweise ein Konsulardyptichon oder ähnlichem, abzeichnete. Dabei interpretierte er die Schnürung als angedeutete Wicklung, übernahm aber den wulstigen Rand an Zehen und Wade.10

Wie weit die Darstellung der Kleidung nun dem Zeichner bekannt war, oder was tatsächlich so bei Hofe getragen wurde ist schwer zu entscheiden, jedoch scheint es als sei sehr viel Byzantinisches bereits weit vor Theophanu im fränkischen Reich angekommen.

Leider konnte ich aus Zeit und anderen Gründen nicht alles Unterbringen, das mir im Kopf rum schwirrt. Bitte das zu entschuldigen.

  1. vergleiche Mosaiken in San Appolinare Nouvo, Ravenna []
  2. Charles Reginald Dodwell The Pictorial Arts of the West, 800-1200 S.74 []
  3. Word and Image: The Hermeneutics of the Saint John’s Bible von Michael Patella S. 63 []
  4. vgl Regesta Imperii: http://www.regesta-imperii.de/id/0843-02-18_1_0_1_2_1_356_356 []
  5. Ironischer Weise starb Vivian auf einem Feldzug gegen die Bretonen 851 als einer der Heerführer, nachdem Karl mit seinen Truppenteilen, darunter „geliehene“ Sachsen, flieht. Die Leiche Vivians bleibt unbeerdigt auf dem Schlachtfeld bei Grand-Fougeray liegen. []
  6. Patrick Henriet La mort comme revelateur ideologique in Autour des morts S.70 []
  7. Ute Schwab , Die vielen Kleider der Passion in Theodisca S.323 []
  8. Abbildung Wikipedia []
  9. Ein Model langer, nach byzantinischer Art gefertigter Beinlinge/Strümpfe des 8. Jhd., jedoch mit Fußteil findet sich beim Metropopolitan Museum of Art. []
  10. vgl. z.B. den Barberini Dyptichon []

Buchveröffentlichung: Auf den Spuren Karls des Großen in Ingelheim

ingelheimWer sich Literatur über die Pfalz Ingelheim zulegen wollte, war bislang auf Einzelveröffentlichung wie „Die Grabungen in der Königspfalz zu Nieder-Ingelheim in den Jahren 1960-1970“, Sammelveröffentlichungen wie Bindings „Deutsche Königspfalzen“ oder schwere Fachliteratur wie „Pfalz und Fiskus Ingelheim“ angewiesen.
Im Karlsjahr 2014 wurde dies mit der Veröffentlichung „Auf den Spuren Karls des Großen in Ingelheim , Entdeckung – Deutung – Wandlung“ aus dem Imhofverlag behoben.
Als Herausgeber der im Auftrag der Stadt Ingelheim erschienen Publikation fungiert Forschungsleiter Holger Grewe M.A., der auch die meisten der Beiträge beisteuert.

Das im A4 Format vorliegende 143 Seiten fassende Buch gliedert sich in fünf Abschnitte: Teil I Spurensuche in der Schriftüberlieferung , Teil bildet „Spurensuche in der Kaiserpfalz“ und befasst sich mit Archäologie, Bauskulptur und final mit der Goldmnünze Karls des Großen. Als dritter Teil folgt „Metarmophosen: Palast- Ruine -Denkmal“ und folgt Pfalzanlage bis in die Gegenwart. Als vierter Teil folgt „Entdeckungen: Ausgrabung und Bauforschung“. Hier wird die Wiederentdeckung der Anlage ab dem 16. Jahrhundert und die ersten Ausgrabungen behandelt, wobei die Erwähnung einer Brechstange im zweiten Unterkapitel bereits ahnen lässt wohin der Weg führt.
Der letzte Abschnitt trägt den Titel „Spurensuche in der Gegenwart“. Gerade in diesem Teil weiß mich das Buch zu überzeugen und erläutert Fragen wie etwa warum nicht die Pfalz oder Teile davon wiederaufgebaut wird und wie während Sanierung vorgegangen wird.
Gerade dieser Abschnitt sollte doch von vielen gelesen werden die in einem Denkmalgebiet leben. Aber auch sonst sind diese Beiträge höchst interessant vermitteln sie doch wie sich die Auffassung von Archäologie und Wissensvermittlung geändert haben.

Das Buch ist generell gut zu lesen, auch wenn die Texte dem ungeübten in der Materie hin und wieder ein wenig kompliziert vorkommen könnten, so etwa wenn Caspar Ehlers über einen Hoftag eher beiläufig erwähnt das er unter den Begriffen synodus und auch generalis conventus auftaucht. In der Regel hält man sich jedoch daran Begriffe zu erläutern, so findet sich dann auch hinter „Dreikonchenbau“ der in Klammern gesetzte Einschub mit der Erläuterung was denn überhaupt eine Konche ist.
Viele, auch großformatige, Farbbilder erläutern die dargestellte Materie, auch wenn man wohl die meisten der Bilder bereits kennt wenn man in der Materie ist.

Zwar richtet sich das Buch, wie bereits angedeutet, eher an den interessierten, denn den versierten Leser, ist aber jedem nahe zu legen der sich für die Geschichte und die Architektur der Pfalz Ingelheim interessiert. Zumal man so kompakt die Informationen nicht noch einmal bekommt.

Auf den Spuren Karls des Großen in Ingelheim , Entdeckung – Deutung – Wandlung
Holger Grewe (Hg), Michael Imhhof Verlag
ISBN 978-3-7319-0074-0
19,95€
 

Tunikaverziehrungen und mögliche Vorbilder – Ein Brainstorming

Seit einigen Tagen bin ich mit einigen Details meiner Tunika-Suche nicht mehr ganz glücklich. Wobei es wohl aber nur eine Frage der Ergänzung bzw. des Zusammenhangs ist.

Im Rahmen der Ulrichsdamatik durchwühlte ich natürlich eine Menge historischer Messgewänder, war irgendwann beim Rationale und damit auch beim Superhumerale in seiner kirchlichen Fassung.  Und hier beginnt mein Kopfzerbrechen.

Das Superhumerale war, bevor es in unser Region eine religiöse Form erhielt, ein Herrschaftszeichen. Bereits spätantike Herrscher und Herrscherinnen trugen es. Am bekanntesten ist wohl die Darstellung Theodoras, der Frau Justunians, auf den Mosaiken Ravennas mit Superhumerale. Es taucht aber auch immer wieder auf späteren Darstellung bis weit ins Hochmittelalter auf. Es verschmiltz bei der Männerkleidung bisweilen mit dem Loros, auf das wir auch gleich kommen werden. Die Ähnlichkeit des Superhumerale als Kreisrunder, reichbestickter Stoffkragen, bzw. Collier mit dem Kragenbesatz karolingischer Tuniken ist frappierend. Besonders extrem wird diese Ahnlichkeit bei Superhumeralen die Streifen auf die Ärmel und auf Front und Rücken besitzen.
Es scheint so als haben die Karolinger ihre Tunikenbesätze nach Vorbildern byzantinischer Herrschaftskleidung gefertig, bzw. diese adaptiert.

Doch stellt sich die Frage ob es denn überhaupt byzantinische Kleidungsstücke gab, die sich in veränderter Form auf, oder als Inspirationsquelle für Kleidungsstücken unserer Breiten erweisen.

Tatsächlich fand ich in Bamberg, bzw. in Folge meines Bambergsbesuchs einen Hinweis.
So wird auf S. 67 von „Gekrönt auf Erden und im Himmel – Das heilige Kaiserpaar Heinrich II. und Kunikunde“ über die Tunika Heinrichs II, bzw. Tunika Kunigundes (wirklicher Träger unbekannt) geschrieben das es sich bei dem asymmetrischen Halsauschnitt um die Adaption eines byzantinischen Loros Handeln könnte. (Die Veröffentlichung bezeichnet den Halsauschnitt als „ohne Vergleichsbeispiel“. Wie wir jedoch bereits gesehen haben gibt es eine Vielzahl von Ausschnitten die nicht zentral und auch nicht symmetrisch sind, eine prominentes Beispiel ist etwa die blaue Tunicella aus den Reichskleinodien. Bezieht sich die Aussage auf die verzierten Beläge als solches stimmt dieses jedoch). Der Loros ist mit dem Superhumerale verwand und besteht aus einem Langen, reichverzierten Schal der kunstvoll um den Körper gewunden wird.

Ein weiteres Stück, welches scheinbar die Übernahme aus klerikaler Verwendung findest sich auf der Alba aus den Reichskleinodien. Hier wird die Rationale in ihrer Urform als Brustschild in Stickereien nachgebildet.

Nun, da ich diese Gedanken niedergeschrieben habe, bemerke ich etwas. Nicht zwingen muss es sich um byzantinische Vorlagen für die Übernahmen handeln, denn all diese Elemente kommen oder kamen auch in nahezu gleicher Verwendung an oder auf klerikalen Gewändern vor.
Dies könnte bedeuten ,das die Übernahme von klerikalen Gewändern erfolgte. So wie sei auch bei den Kleidungsstücken der Reichskleinodien erfolgte (darüber wird noch gesondert zu schreiben sein) um das Gottesgnadentum auch symbolisch in der Kleidung zu zeigen.

Sollte sich jemand hierzu einmal Gedanken gemacht haben, würde ich mich über ein Feedback freuen.

Die karolingische Tunika V-b: Die Ulrichsdalmatika nachgenäht

Ich habe mich tatsächlich gestern Abend hingesetzt und auf die Schnelle die Ulrichsdalmatika nachgeschneidert. Nun ja, zumindest die linke Seite, was aber für das Experiment vollkommen ausreichend sein sollte.

daltest2Zunächst einmal muss ich sagen das ich mir in dem weißen Ikea-Leinen-Kittel vorkam wie ein Mittelding aus Bischof, Weihnachtsengel und Jesus, aber seis drum.
Die Dalmatika scheint tatsächlich für meine Größe gemacht, wobei das dichte Seidengewebe des Originals sicherlich vollkommen anders und schwerer fällt. Die Dalmatika reicht bis weit auf den Boden wenn ungegürtet. Gegürtet und entsprechend über den Gürtel gerafft passt sie von der Länge perfekt.
Die Ärmel hingegen sind tatsächlich eine Offenbarung. Sie liegen am Unterarm perfekt an und sind entsprechend geschoppt. Die Oberarmerweiterung beginnt direkt an der Armbeuge. Etwas eigentümlich hingegen ist das der Übergang von Ärmel und Oberteil nicht auf der Schulter sondern daltest1auf dem Oberarm liegt wenn ich den Arm nach unten bewege. Jedoch zeigt ein Blick auf die Dalmatika in den Reichskleinodien, das auch diese im Schulterbereich ebenso weit geschnitten ist, auch wenn im Fall der Dalmatica das Trägermaterial hier erneuert wurde. Aber auch diese Abbildung Otto II. könnte ebenso weit sein  während die Ärmel entsprechend eng sind. Mich beschleicht momentan sehr das Gefühl das ich den Grundschnitt für die oberen 10(0) des Ostfränkischen Reiches  im 10. Jahrhundert gefunden habe… DieBewegungsfreieheit ist aber auf jeden Fall durch die Weite am Oberkörper mehr als gegeben.

Wenn ich am Oberkörper eine etwas schmalere Stoffbahn nehmen würde, vielleicht 70cm, und das Ganze kürze könnte ich dem Schnitt einer karolingischen Tunika durchaus nahe kommen. Da ich an meinem Dummy kein festes Kopfloch habe (Sicherheitsnadeln sei Dank) kann ich das ganze auch enger machen und ein wenig experimentieren.

Die karolingische Tunika V: Ein Ausflug zum heiligen Ulrich

Eine weitere Form der Verzierung erscheint gelegentlich in Abbildungen.Sie betrifft in der Regel Kleriker. Diese tragen statt einer zentralen Clavus zwei von den Schultern herablaufende Clavi.

ulrich
Dalmatik des hl. Ulrich. Abb. aus Die Heiltumskammer, Deutscher Kunstverlag

Eigentlich wäre ich wegen der Kleriker Geschichte gar nicht auf die Tunika eingegangen, wenn es hier nicht ein schönes Beispiel gäbe an dem sich viele der Beobachtungen an karolingischen Tuniken wieder finden, selbst wenn das betreffende Kleidungsstück nicht mehr karolingisch ist.
Es handelt sich um die Dalmatik des 973 verstorbenen Bischofs Ulrich von Augsburg. (Leider verschwand die Albe im Halleschen Heiltums, es wäre interessant wenn diese auch erhalten geblieben wäre).

Die Dalmatik ist aus byzantinischer Seide gefertigt, wohl aber nicht in Byzanz, sondern im Fränkischen Reich. Besonders die Clavi können über den Stoff berichten. Es handelt sich dabei um Samit mit Ritzmuster der wohl beim Schneidern der Kasel Ulrichs übrig blieb und nun auf der Dalmatik als Clavi Verwendung fand.
Der Samit zeigt einen gekrönten Herrscher mit Nimbus. Dieses Motiv lässt es wahrscheinlich werden, das der Stoff ursprünglich vom byzantinischen Königshof als Geschenk an Kaiser Otto I. gelangte. Vielleicht in Folge der Schlacht am Lechfeld erhielt Ulrich die Stoffe als Geschenk und lies prunkvolle Messgewänder daraus fertigen in denen er letztendlich bestattet wurde.

Das Kleidungsstück weist eine Breite von 202cm und eine Länge von 143cm auf. Die Ärmel entsprechen nebeneinander gelegt der Breite der Dalmatika an ihrer breitesten Stelle. Demnach ist die Stoffbreite etwa 101cm, die Länge eines Ärmels ca 50,5cm. Die  beiden Ärmel wurden demnach aus einem Teil der Stoffbahn geschnitten.
Was zunächst einmal auffällt sind die Maße des Kleidungsstück, von dem die Veröffentlichung „Die Heiltumskammer, der mittelalterliche Reliquienschatz von St. Ulrich und Afra“ das es eher einer Tunika gleiche denn einer Dalmatik, obwohl immer so genannt wurde. Sie sind ungewöhnlich groß.
Zum vergleich meine Tunika (und ich bin bei Gott nicht schlank) eine Gesamtbreite von 172cm, Länge 105cm und einer Bahnbreite von 62cm. Nur mal zum Vergleich, der ehemalige Schwimmstar Michael Groß, genannt der Albatros, besitzt auf eine Körpergröße von 201cm eine Armspannweite von 213cm (inkl. Hände). Demnach dürfte ihm die Dalmatik nach heutigem Verständnis ganz gut gepasst haben.

Nun ist aber vom heiligen Ulrich weder bekannt das er ein Riese gewesen wäre, noch das er besonders fettleibig war. Im Gegenteil wird er als asketischer Mensch beschrieben, der auf dem Teppich schlief!
Natürlich dürfte einer der Gründe für extreme Größe des Gewandes gewesen sein kein Zoll des kostbaren Stoffes zu verschwenden und so mit Status zu demonstrieren. Aber auch Die Weite die die Oberteile mitunter in Illuminationen haben und die geschoppten Ärmel könnten sich in diesem Kleidungstück finden.

Das Schnittmuster ließ sich für mich in Teilen anhand des Bildes nachvollziehen und erweist sich als durchaus Aufschlussreich. Gerade die Konstruktion der Ärmel hat es mir angetan.
ÄrmelDer ca. 50cm lange Ärmel (Stoffbreite ca. 35cm ungefaltet) wird auf einer Länge von etwa 25cm ein bogenförmiges Stück ausgeschnitten. Das nun schmale Stück wird den Ärmelsaum bilden. Die Ausgeschnittenen Stücke werden am Oberarm angenäht und bilden nun die Verbreiterung am Oberarm. Ihre Funktion ist ähnlich den Keilen unter der Achsel die uns gewöhnlich später begegnen. Der Stoff der Ärmel wird aus der vollen Stoffbreite geschnitten.

Auch der Halsabschluss ist interessant. Er ist eng ausgeführt, der Auschnitt liegt auf der Schulter und wurde dort geschlossen, wie mir gesagt wurde.

Das oben gezeigte Bild zeigt im Übrigen die Rückseite der Dalmatik, da diese wesentlich besser erhalten ist. Aus der Vorderseite wurden zudem einige Stücke als Reliquien heraus geschnitten. Urspünglich soll sie an den Seiten offen gewesen sein. Die breiten Saumborten stammen erst aus dem 14. Jahrhundert. Die Kleidungstücke des heiligen Ulrichs waren bereits 1183 nach einem Brand aus dem Grab geborgen worden und werden seit dem verehrt. Im Heiltumsblatt von ca. 1500 wird das Stück auch mit offenen Seiten und den breiten Säumen gezeigt (wobei ich mich frage ob die Saumborten nicht angefügt wurden nachdem das Kleidungstück begann zu zerfransen als man aus der Seite Reliquienstücke schnitt) und ist mit der Beschreibung versehen „Das ist die Dalmatic oder Sarok von Ulrich(s)…“

Zum einen überlege ich im Moment die Dalmatik zu Experimantalzwecken aus billigem Leinenstoff grob nachzuschneidern um einfach die zu erfahren wie der Stoff fällt, zumal ich mit 172cm in etwa der Durchschnittsgröße des Frühmittelalters entspreche. Zum Anderen bin ich ab Freitag in Bamberg und kann mir endlich die Kleidung von Heinrich II, Kunigunde und Papst Clemens II. ansehen, wovon ich mir zumindest ein paar Erkenntnisse oder Ideen verspreche.