Warum ein echter (A) Mittelalterfilm wohl nicht klappen würde

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7 Antworten

  1. Holger sagt:

    Barry Lyndon ist eine wunderbare Aneinanderreihung von Dingen, die Du whl als „igitt“ in die „Das ist aber nicht A“-Schublade schmeissen würdest. Nur bemerkst DU die nicht, weil Du sie schlicht nicht erkennst – ist eben nicht Deine Epoche.

    Gleiches würde für einen Film aus dem Mittelalter gelten. Die kleine Gruppe „Authentiker, Frühes Mittelalter Februar 802-Juni 803, südwestliche ripuarische Region, Monschau, Begrstrasse 3-6“ (Gemeinhin „Eifler“ genannt 🙂 ) finanziert eben einen solchen Film nicht und der Rest merkt den Unterschied gar nicht – so er denn den Inhalt überhaupt verstehen würde, denn bei Karl dem Großen dürfte Latein gesprochen worden sein, das man dann für’s einfache Volk ins Ripuarische übersetze – selbst mit dem dann schon nicht mehr korrekten Althochdeutsch dürften die meisten überfordert sein

  2. Das mit Barry Lyndon mag durchaus sein, aber er schafft es zumindest, das Bild einer Zeit zu entwerfen und optisch zu vermitteln, was anderen Filmen m.A. nicht gelingt.

    Das Sprachding habe extra nicht erwähnt, weil ich sonst Mel Gibson hätte anführen müssen. Mit Sicherheit ist so etwas aber auch interessant. 😉

    Mir ging es rein um die Optik, wo so oft erzählt wird man authentische Optik erzielen und dann mit eigenartigsten Versatzstücken arbeitet. Auch mit einer entsprechenden Optik, und aktueller Sprache, sollte es möglich sein einen ansprechenden Film zu inszenieren. Geht nur unseren Sehgewohnheiten gegen den Strich (Vergleich Kerzenlichtszenen Lyndon – karolingerzeitliche Uniformität der Pflanzenfarbe)
    Falls wir an einander vorbeitippen sollten sags ruhig…. 😉

  3. Jörg sagt:

    Barry Lyndon basiert ja auf einem Roman aus dem 19. Jahrhundert und ist deshalb eben an vielen Stellen so wie man sich das 18. Jahrhundert im 19. Jahrhundert vorgestellt hat. Dazu kommt, dass es Kubrik wie bei den meisten seiner Filme mehr um das Visuelle ging, der Film orientierte sich an vielen Stellen an Gemälden aus Spätbarock und Rokoko. Es ist also – zumindest stellenweise – auch eine filmische Umsetzung einer Kunstepoche, die ja für sich genommen auch nicht die graue Realität abgebildet hat. Und dann wollte Kubrick die aufwendigen Recherchen, die er für seinen nie produzierten Napoleon-Film betrieben hatte, nicht einfach verkommen lassen und hat das mit eingearbeitet, was auch den Handlungszeitraum von Barry Lyndon knapp verfehlt. Auch die Musik ist ja nicht immer ganz authentisch aus der Zeit, Schubert zum Beispiel kommt auch vor, obwohl der ins 19. Jhd. gehört. Und im Irlandteil am Anfang hört man die Chieftains, was mehr die romantisierte Imitation von irischer Folkmusik des 18. Jhds ist als authentische. Der Film basiert also eigentlich nicht auf tatsächlich historischen Ereignissen oder Zuständen, sondern auf einer ganzen Reihe von Fiktionen, die auf historischen Ereignissen oder Zuständen basieren. Und dann sind die Historiker heute ja auch nicht auf dem Erkenntnisstand von 1975 stehengeblieben.

    Trotzdem ist Barry Lyndon meiner Meinung nach immer noch einer der authentischsten Historienfilme überhaupt. Aber was zählt meine Meinung da schon? Ich bin auch der Meinung, dass Das Leben des Brian der nach wie vor authentischste Film über die Zeit Jesu ist. 😉

    The Libertine fand ich war noch ein halbwegs ordentlicher Versuch, historischer Authentizität darzustellen, man sollte aber bei Filmen keine vollständige Authentizität erwarten. Filme bedienen immer auch ein bisschen den Zeitgeist und im Gegensatz zur tatsächlich authentischen Geschichte ändert der sich ständig.

    Auch Mel Gibsons Splatterfilm, äh, sorry, Passionsspiel ist nicht dadurch authentischer, weil er die Leute Aramäisch sprechen lässt, dass zB die Römer da mit den Juden Latein sprechen, ist auch ziemlich haarsträubend. Mal abgesehen davon, dass der Film auch sonst nur so vor Fehlern strotzt.

  4. Was mir an Kubrick eben generell gefällt ist die Optik. Die Darstellung Gemälden folgend finde ich ja eine gute herangehensweise. Wenn ich nun einen Film über Karl den Großen oder eher Ludwig den Frommen drehen wollte würde ich auch beispielsweise die Bauernszene im Stuttgarter Psalter im Hintergrund einbringen während Königs vorbeireitet.
    Wenn man sich den Auschnitt oben ansieht, ganz am Anfang wenn Barry ins Dorf reitet, zieht eine Wolke an der Sonne vorbei und wirft einen Schatten. Wenn das bei einem normalen Hollywood Film geschähe, würde die Szene neu gedreht. Hier ist das Teil der inszinierten Wirklichkeit und verleiht dem Ganzen Natürlichkeit.
    Was nun die Sprache angeht, fand ich das im Prinzip bei Gibson witzig und so übel nicht. Da ich kein Latein oder Aramäisch kann war mir sogar die Aussprache wurst 😉 Aber ein Film soll auch unterhalten und wenn dann die Story irgendwie unbekannt ist (die Jesus Story kennt ja so ziemlich jeder, und bei den Indianern war das Sprechen nicht so wichtig) und wenn man dann zwischen opulenter Optik und Text hin und her wackelt finde ich das unschön.
    Ich wäre dann mehr dafür die Rheinfranken Deutsch sprechen zu lassen und den Rest dann in „Originalsprache“. Da war der 13. Krieger recht innovativ mit seiner Lösung. Vielleicht hatte Michael „Bully“ Herbig mit seiner Begründung für den bayrischen Dialekt seiner Protagonisten in „Schuh des Manitu“, das die Bayern die Südstaatler Deutschlands sind genauso wie Ranger Südstaatler der USA ist… 😉
    Also auch für das Problem gäbe es auf jeden Fall eine Lösung.

    Dennoch ist das Grundproblem, das so einen „absolut authentisch Mittelalterfilm“ nur ein paar kranke Hirne schauen würden, wenn nicht pro Person mindesten 50l Blut fließen und sich die halbe Welt darüber aufregt! Es würde sich also keine Finanzierung finden, wenn man alles an echten Schauplätzen drehen würde. Mit CGI ginge es vielleicht, aber dann fällt die „echte“ Natürlichkeit weg. Licht, Schatten, man sieht doch immernoch das es CGI ist.

    Aber auch die Geschmäcker sind anders (Kommt auch noch dazu) Es gibt Leute die schwören auf Master & Commander, so nach dem Motto „Da, siehst du das Knopfloch? Das ist Handgenäht!“ Ich schlaf bei dem Film regelmäßig ein weil er mich irgendwie nicht berührt, finde aber den doch recht langatmigen Lyndon spannend wie sonst was.

    @Jörg Schön das du noch lebst! Der beste Jesus Film wäre eine Mischung aus Brian und die letzte Versuchung Christi, jawoll 😉

  5. Jörg sagt:

    Master & Commander hab ich auch zweimal versucht, aber nicht gepackt. Bin zwar nicht eingeschlafen, hab aber beides mal umgeschaltet, weil es mich angeödet hat.

    Was CGI betrifft: dieses Pixelgewitter überzeugt mich grundsätzlich nicht. Die Aufgabe von CGI scheint es zu sein, die Produktion billig zu machen, nicht überzeugend. Bei Architektur ist es meist recht okay, aber sobald irgendwas lebendes animiert wird, sieht das unechter aus als ein Stop-Motion-Modell.

    Dass mit der Sprache stört mich aber ehrlich gesagt gar nicht. Die tatsächliche Sprache von damals wäre heute nur für einen ganz kleinen Personenkreis halbwegs verständlich und auch für die wohl sehr anstrengend. Lasst die Leute doch modernes Deutsch reden, dann ist das quasi eine Übersetzung, was soll’s? Ich hab das mal bei Filmfehler gelesen als Beispiel, dass der Ire in Braveheart irgendwie einmal „Fuck“ oder „You’re fucked“ sagt und dass das ja ganz blöd wäre, weil es das Wort damals noch nicht gegeben hätte. So was ist mir völlig wurscht. Dann hat er eben etwas gesagt, was man heute nicht mehr richtig versteht, was aber mit „You’re fucked“ ziemlich gut getroffen ist. Was ich an dem Film befrendlich fand, war, dass die da alle Kilts tragen, mehr als 300 Jahre bevor es die gegeben hat, was etwa so ist, als würde man Martin Luther in Jeans auftreten lassen, aber mangelnde sprachliche Authentizität hat mich noch nie gestört. Dagegen finde ich es ziemlich albern, wenn man in historischen Filmen oder -dokumentation so eine Art Kunstsprache spricht, also modernes Deutsch mit ein paar eingestreuten, veralteten Begriffen. Kein Mensch würde es wagen, in historischen Filmen einen völlig modernen Sprachduktus zu verwenden (außer in Satiren natürlich), aber genauso auch keinen völlig authentischen, also macht man irgendwas zwischendrin, was so niemals zu irgendeiner Zeit gesprochen wurde. Das ist kurios, stört aber keinen, im Gegenteil, die meisten stört es, wenn es nicht so ist.

  6. Segestes sagt:

    Der Marsch am Anfang dieses Ausschnitts von Barry Lyndon ist der Hohenfriedbergmarsch, der höchstwahrscheinlich NICHT zeitgenössisch ist – schon gar nicht dieses orchestrale Arrangement, das sowas von 19. Jahrhundert ist…
    Auch hier wurde demnach nur mit Wasser gekocht 😉

    Unlängst im Fernsehen war eine TV-Neuverfilmung von Ben Hur zu sehen.
    Und wieder wurden die röm. Galeeren von Sklaven gerudert….
    Dabei hat man viel von der Geschichte verändert, doch ausgerechnet den bekanntesten und größten Fehler nicht…

    Zu den TNG Trek-Filmen: Die letzten beiden waren nicht wirklich der Brüller.
    Da gefiel mir JJs Neuinterpretation schon wesentlich besser, da zeitgemäßer (OK, Blendeffekt und die iPhone-Ästhetik der Brücke, sind Dinge über die man diskutieren kann).
    Star Trek und Shakespeare, gabs übrigens in „Das Unentdeckte Land“ (VI) im Übermaß 🙂

    Ob z.B. das Rolandslied guten Stoff für einen A-Mittelalterfilm bieten würde?
    Ich weiß nicht so recht, denn das ist ja eigentlich auch bloß Fantasy.
    Es gibt hingegen viele wahre Begebenheiten, die zu verfilmen es sich lohnen würde. Große Männer deren Geschichten auch große Spannung innewohnt, gibt es genügend: Widukind der Sachsenherzog, Sextus Pompeius der „Seekönig“ oder Lucius Caedicius – der Held von Aliso.
    Und auch Paulus Diaconus hat im vierten Buch seiner Historia Dinge niedergeschrieben, die an Dramatik kaum zu überbieten sind.

    Ich persönlich mag mich jedenfalls gar nicht mehr über lausig umgesetzte Historienfilme ärgern. Lieber lese ich einen gut recherchierten historischen Roman mit männlichem Protagonisten (bitte keine Wanderhure, Wanderheilerin, usw. usw!
    „Kino im Kopf“, ist eben immer noch alternativlos.

  7. Segestes sagt:

    Noch was zu Master and Commander (ich besitze übrigens sämtliche Bücher der Romanserie – also über 20 Stück).

    Der Titel ist eigentlich sowas von falsch….
    „Master and Commander“ war die Bezeichnung für den Kommandanten eines sehr kleinen Kriegsschiffes der Royal Navy. Die Bezeichnung vereinigte quasi den Rang eines „Commanders“ und den eines „Sailing Masters“ in sich.
    Und zwar deshalb, weil es auf so kleinen Schiffen keine Planstelle für einen eigenen Sailing Master gab, und der Kommandant (Commander) dessen Pflichten übernahm.
    Im Film gab es aber sehr wohl einen eigenen Segelmeister (Sailing Master), denn das Schiff, eine Fregatte, war groß genug dafür.
    Also passt der Titel nicht wirklich.

    Soviel nur zur oft gepriesenen, perfekten Authentizität dieses Films.
    Oder anders formuliert – man findet immer ein Haar in der Suppe, wenn man über genügend Hintergrundwissen verfügt 😉
    Diese Filme sind eben leider in erster Linie für Normalos gemacht.
    Dementsprechend schlampt man bei der Umsetzung.

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