Ein „Mega-Landgraben“ von 1772 zum Darmstädter Schloss

Noch immer steht das Wasser auf den Wiesen des hessischen Rieds und vielfach ist das Problem hausgemacht.  Durch das schwere Ackergerät ist der Boden so press und wasserundurchlässig, das auf Wiesen große Seen stehen, während die Flutgräben 1,5m weiter fast leer sind, weil das Wasser nicht durch den Boden in die Gräben sickern kann.

Gräben wurden in der Region seit dem Hochmittelalter immer wieder zur Entwässerung eingesetzt. Der Monumentalste dieser Gräben ist wohl der Landgraben. Zwar ist sein Ursprung wohl  römisch, aber Landgraf Georg I. ließ ihn um 1582 ausbauen. (Seltsamer Weise habe ich den Nachdruck eines Dokumentes von 1547 in der der Landgraben bereits beschrieben wird…) Das Ziel des Landgrabens  war aber nicht nur die Entwässerung, sondern auch das Bündeln und Ableiten des aus dem Odenwald kommenden Wassers, das selbst wenn der Rhein noch kein Hochwasser führte das hessische Ried in arge Bedrängnis bringen konnte.

1651 zerstörte ein Hochwasser die Astheimer Kirche. Geld für größere Sanierungsmaßnahmen hatte es während des 30 jährigen Krieges nicht gegeben und die bereits existierenden Rheindeiche waren in schlechtem Zustand. Ab den 1730ern kam es zu einem verhaltenen Bauboom in der Region, der jedoch durch den Polnischen Erbfolgekrieg gestört wurde, bei dem sich Preußen und Franzosen am Rhein belauerten.

1772 verfasst Johann Jakob Hill unter dem Titel „An Ihro Hochfürtl. Duchlaucht des Regierenden Landgraffen unterthänigstes Memoria nebst zweyen Land-Carten mit Anmerkungen und Erklärungen über die Gegend des Rheins von Speyer bis Mayntz nebst der Situation längst der Bergstraße und wie dieselbe en General zu verbessern von Johann Jakob Hill bisheriger Ingenieuer-Leutnant, Darmstadt den 30.ten Dezember 1772“ einen Plan zur Verbesserung der Hoch- und Abwassersituation in der Region.

Hill war Nachfolger des Obristen-Leutnants Karge, der ja einige Karten der Region angefertigt hatte. Darunter auch die die einzige Ansicht der Laurentiuskirche, mit dem man zumindest etwas anfangen kann.

Er beschwört die Gefahr des Hochwassers für die Region. Er nennt als durch den Alt-Neckar zerstörte Orte: Cilolvesheim (Zeilsheim bei Ladenburg), Altenmünster (bei Lorsch), Hasalaha und Otterstatt. Für den Rhein nennt er Fränkenfeld, Lochheim und Phuphenheim(Poppenheim). Als stark gefährdet bezeichnet er Biebesheim und Stockstadt. Als einen Grund für die Gefahr nennt er das alte Neckarbett, das stark verlandet ist und bei starke, Regen und Schneeschmelze das Wasser des Odenwalds nicht mehr aufnehmen kann, zumal man dem Langraben das Wasser,  u. a. für eine  1619 errichtete  Mühle bei Goddelau, abgegraben wurde und  verlandet.

Zunächst schlägt er vor den Landgraben im Neckarbett zwischen Dornheim und Wolfskehlen nach Westen umzuleiten und ihn dann westlich an Wallerstädten vorbeizuführen. Die Wallerstädter Mühle soll ihr Wasser in Zukunft vom „Rutzebach“, dem Groß Gerauer Mühlbach bekommen. Das sumpfige Gelände des Alt-Neckars soll in fruchtbare Wiesen verwandelt werden. Die Rhein möchte er begradigen um das Aufstauen von Eismassen im Winter zu verhindern. Ein Projekt das erst 1828/1829 mit dem  Durchstich des Kühkopfs verwirklicht wird, wobei Hills Pläne viel weitreichender waren.

Als Krönung seines Entwässerungsprojektes möchte Hill einen „neuen Landgraben“ schaffen, der nicht weniger zum Ziel hat, als dem Darmstädter Schloss eine schiffbare Verbindung zum Rhein zu spendieren! Er verleiht seinem Ansinnen Nachdruck  in dem er einen ansehnlichen Wasserzoll, den Wiederaufbau von Otterstatt, Hasalaha und Aphabahala (?) , eine Menge Frucht-Zehnten, Vorbeugung von Hochwasserschäden und Deichreparaturen , Verhindern des Fruchthandels von Juden (!) und besseren Zugang zu den wichtigen Orten Groß-Gerau, Trebur, Bauschheim und Ginsheim in Aussicht stellt.

Hills "Mega-Landgraben" und der abgegrabene alte Landgraben, zum Vergrößern. Karte: Google Maps

Später beschreibt er dann seinen angestrebten Kanal: Er soll von Ginsheim aus, südlich an Bauschheim vorbei in Richtung Schönauer Hof (in diesem Bereich im alten Mainbett) laufen, dann nach Süden aknicken und dann bei Trebur, auf Höhe des Osterbruchs in den Schwarzbach (auch als Rutzelbach bezeichnet) münden. In diesem Altneckarbett soll er vorbei an Groß-Gerau und Dornberg bis zur Mündung des Darmbachs führen. Hier siedelt Hill auch die Wüstung Otterstatt an, das auch so in der zugehörigen Karte Karges von 1735 verzeichnet ist. Der Kanal soll im Darmbach weiter zum Gehaborner Hof führen, wo Hill ein Reservoir anlegen möchte. Heute existiert dieses Hochwasserreservoir wirklich etwas westlich des Gehaborner Hofes. Von hier aus sollte der Kanal zum Frankfurter Tor in Darmstadt und damit zur Residenz führen.

Er führt an das man im Bereich des alten Mainbettes viel Torf abbauen könnte, was einen Großteil der Ausgaben finanzieren aollte. Genauso wie im alten Neckarbett ab Groß Gerau. Dazwischen aber (Jetzt kommts! 😉 ) sollete man viele Reste vom zerstörten Trebur finden! Hill spielt wahrscheinlich auf die Aussagen an, die seit Merian existieren und ein riesiges Trebur propagieren (weltberühmte gewaltige Stadt, Zweites Rom, 2 teutsche Meilen Umfang etc.).

Die Schwarzbach trägt übrigens zu dieser Zeit ihren Namen erst ab dem Zufluss des Landgrabens!

Hill plante noch eine ganze weitere Reihe von kleineren Gräben und Umlenkunden von Bächen. Seine Pläne werden allerdings nicht umgesetzt. Günstlinge des Hofes war Hill ein Dorn im Auge und er wurde abgesägt.

Ich hätte gerne die beiden Karten hier reingestellt, aber leider sind sie in A3 und Kopie von Kopie von Kopie… so dass wenn ich sie auf akzeptable Größe gebracht hätte, man wohl nur noch Grauschleier gesehen hätte…

10 Gedanken zu „Ein „Mega-Landgraben“ von 1772 zum Darmstädter Schloss“

  1. Vielen dank für die Info. Suche seit Jahren einen Stich/Zeichnung der den geplanten Kanal incl baumbestandene Promenade von Darmstadt bis zum Rand von Griesheim zeigt. Ich hoffe Sie kennen diese Zeichnung/eigentlich Landschaftsbild.
    Vielen Dank für Hilfe. Habe es vor Jahren bei einem Diavortrag zum Stadtwald Darmstadt gesehen.
    Gruß
    Martinus Boll

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