Die wetterauer Stadtlinie vor Ort

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14 Antworten

  1. Schade, dass das Wetter nicht so recht mitgespielt hat. Ich grüble zurzeit aber ohnehin weniger darüber, warum die Stadtorte dort sind, wo sie sind, sondern vielmehr darüber, wo sie nicht sind. Mal angenommen, es sind alamannische Gründungen, wieso dann diese Lücke zwischen den südhessischen Stadtorten und denen im Niddatal? Wieso tauchen sie dann nach einer weiteren Lücke ausgerechnet um Erfurt und westlich entlang der Saale auf, also ausgerechnet im Operationsgebiet Karls des Großen. Wenn die dort thüringischen Ursprungs wären, würde sich die Frage stellen, warum sie nur entlang der Ost- und Südgrenze auftauchen und nicht nach Westen in Richtung Franken und Alamannen. Und dann sind da oben auch noch die Sachsen, die diesen Suffix ebenfalls sehr exzessiv, aber offenbar auch zeitlich sehr begrenzt verwendeten.

    Und wenn die Stadtorte im Niddatal fränkischen Ursprungs wären, dann stellt sich die Frage (neben der schwer erklärbaren Kuriosität, dass das Suffix dann nur in Grenzgebieten im Osten des Frankenreichs vorkam): gegen wen war diese Verteidigungslinie gerichtet? Sie zeigt ja ins Kerngebiet der Franken.

    Irgendwie stört mich ungemein, dass absolut alles keinen richtigen Sinn gibt, weder die etablierte Meinung in der Orstnamenforschung (die von keinem „tieferen“ Sinn der Stat-Orte und daher von Zufälligkeiten ausgeht bzw. keinen entscheidenden Unterschied zu -hof, -dorf oder -hausen Suffixe sieht), noch alle alternativen Erklärungen, die mir in den Sinn gekommen sind, seit ich mich damit beschäftige. Irgendwas stimmt einfach nicht an allen Erklärungen.

    Ich werde da irgendwann in den nächsten Tage noch mal so einiges dazu bloggen müssen, uns fehlt noch irgendein entscheidendes Element, das die ganze Sache erklärt.

  2. Markus sagt:

    Naja, es gibt kein schlechtes, Wetter nur falsche Kleidung.
    Über die Probleme die du ansprichst hab ich mir auch schon Gedanken gemacht. Stadtorte tauchen nicht nicht bei anderen alamannischen Höhenburgen auf, nicht bei den fränkischen Höhenburgen. Wenn eine Wildbanngrenze identisch ist mit einer Stadtlinie, so existiert die Stadtlinie zeitlich bereits vor dem Wildbann und dieser orientiert sich u.U. nur daran und ist keine Begründung dafür.
    Rein theoretisch sollten alle diese Orte mindestens eine sehr markante Gemeinsamkeit haben, nur welche?
    Man sollte vielleicht mal eine Datenbank anlegen in der man bestimmte Faktoren einträgt. Herschaftsstrukturen, Handelswege, Ersterwähnungen, Fundmaterial usw.

  3. andreas sagt:

    Okay, ich habe mir anhand aller geschichtlichen Informationen (sprich- Wüstungen, Ersterwähnungen, Altstrassen, Kirchenpatrozinien, Fundstellen etc.) die ich schon längere Zeit in einem Rhein-Main-Autoatlas sammle und dort eingezeichnet habe durch den Kopf gehen lassen.
    Ich setze mich jetzt auch nur mit der südhessischen Stadt-Siedlungen auseinander, die meiner Meinung nicht ganz zeitgleich mit jenen Orten in der Wetterau entstanden, aber wohl doch von der gleichen Volksgruppe gegründet.

    Fakt ist meiner Meinung, daß sich alle Bezugsnamen ausschliesslich auf Ortslage und auf Tiere beziehen, und eben nicht auf Personen! Der Bezug auf Tiere verleit dem ganzen etwas archaisches, altertümliches.

    Mit Ausnahme von Klein-Umstadt scheinen jene Orte allesamt oder unmittelbar an wichtigen Altwegen u liegen, um diese wahrscheinlich zu kontrollieren.

    Die Namensgebung von Kleestadt dürfte sich auf das ahd. „hleo“ beziehen, was (Hof)stätte beim Grab- oder GRENZHÜGEL bedeutet. Nördlich gibt es dort auch noch eine Flur namens „Zollstock“, wobei mir da der zeitliche Zusammenhang leider unbekannt ist.
    Die beiden Stockstadt scheinen sich ja ohnehin auf einen immaginären Grenzpunkt zu beziehen.
    Ramstadt wird im Mittelalter auch als „Ramstadt am Berg“ bezeichnet. Das ahd. „hrama“ bezeichnet ein Holzbauwerk und das mhd. „rame“ eine Stütze, Rahmen, Gestell = eine hölzerne Grenzmarkierung, die sich auf einem der Berge befand.

    Nun gibt es ja eine größere Stadt-Lücke zwischen Stockstadt/Rhein und Langstadt, die sich anhand der Lage der Dietwege und Römerstraßen mit der südlich von Babenhausen liegenden Wüstung „Altdorf“ schließen würde, wobei der Altname vielleicht einmal ein anderer war, oder es entziehen sich Stadt-Orte der urkundlichen Nennung.

    Aufgrund der überlieferten Urkundenlage geht der Reichsforst Dreieich auf das 9. Jh. zurück, dürfte natürlich trotzdem noch wesentlich älter sein. Äußerst seltsam ist natürlich, daß sich die Südgrenze der alten Dreieich ausgerechnet an einer der frühmittelalterlichen Grenze zwischen Alamannien und Franken orientiert. Auch wenn das nun nicht direkt damit zu tun hat verwundert mich auch immer wieder, warum jene angebliche Entscheidungsschlacht bei Zülpich im Rheinland, nahe Bonn, ausgerechnet so tief mitten in fränkischem Staatsgebiet stattgefunden haben soll und nicht näher an der Grenze zwischen beiden Völkern?

    Die anderen Stadt-Siedlungen um Bürstadt könnten in einem ganz anderen Zusammenhang vielleicht durch damals um Ladenburg siedelnde Sueben begründet worden sein, was vielleicht auch für Darmstadt (sprich der suebische Fund in der Innenstadt!), Otterstadt und Weiterstadt gillt. Das mit Dieburg aufgegangene Altenstadt ist ja auch wesenlich älter, sprich alamannisch, das wie eine unmittelbare Anschlusssiedlung an die untergegangene Römerstadt anmutet und worauf sich auch der Name Alt- bezieht.

    Jedenfalls mache ich mir auch noch weitere Gedanken zu alledem und sage nun Gute Nacht!

  4. Jörg Helene sagt:

    Bei Klein-Umstadt halte ich es für denkbar, dass der Ort erst später in Anlehnung an Groß-Umstadt entstanden ist und daher gar nicht zu den ursprünglichen Stat-Orten gehört. Wenn Kleestadt von hleo abgeleitet ist, ist aber erklärungsbedürftig, wieso es als Cletestat auftaucht. Wo kommt das t her?

    Und zur Dreieich ist zu sagen, dass zum einen die genaue Grenze erst später überliefert wird und sich offensichtlich vorschoben haben muss, da Eberstadt 1002 zum Forehahi gehört.

  5. Markus sagt:

    Da ich recht viel Literatur hab, in der die Dreieich und z.T. auch der Forehahi abgehandelt wird, werde ich mal raussuchen was denn Frau Dr. Schalles-Fischer und Herr Dr. Gockel so über die Entstehungen geschrieben haben. Ich glaube da auch etwas über jene Veränderung der „Grenzziehung“ um 1000 gelesen zu haben.

  6. Ne Kleinigkeit habe ich noch vergessen. In der Weisung des Wildbanns Dreieich aus dem 14. Jhd. wird bei Stockstadt am Main ausdrücklich ein „isern phale“, ein eiserner Pfahl erwähnt. Das scheint zum einen eine wichtige Landmarke gewesen zu sein, außerdem finde ich das Material „Eisen“ interessant. Die meisten Pfähle, auch Grenzpfähle dürften eher aus Holz bestanden haben. Eisen als beständigeres Material könnte vielleicht darauf hindeuten, dass der Pfahl da schon sehr lange stand.

  7. andreas sagt:

    Sicher ist auch eine Ableitung bei Kleestadt auch von „cleth“ für „Hürde“ oder „Graben“ möglich, das sind ja bei einigen Ortsnamen leider die mannigfaltigen Deutungsmöglichkeiten, könnte dann aber immer noch spekulativ etwas mit einer Grenze zu tun haben. Wie alles nur Ansatzpunkte einer Möglichkeit, um ein Gesamtbild herauszuschälen.

    Schaut man auf Rheinhessen, existiert dort fast kein Stadt-Ort was zu dem Rückschluss führte, daß die rechtsrheinischen Siedlungen noch vor dem Fall der römischen Rheingrenze Anfang des 5. Jh. entstanden und damit alamannisch (oder teilweise bucinobantisch?) wären. Der Ortsname Stierstadt bei Oberursel im Taunus beispielsweise ließe etwa auf einen alamannischen Stierkult und damit auch auf ein dementsprechendes Alter schließen.

    Ob es sich bei Darmund und Autmund nun um Personennamen handelt ist wirklich nicht so ganz eindeutig, aber ein germanischer Vorname mit einer -mund-Silbe nun auch nicht weiter ungewöhnlich für jene Zeit! Komisch ist nur, daß gleich drei räumlich nahe beieinander liegende Umstadt-Orte auftauchen und Wenigumstadt auch den gleichen Namenssinn eines „kleineren Umstadt“, wie eben Klein-Umstadt aufweist. Oder Klein-Umstadt entstand erst später, nach Wenigumstadt.

    Typisch fränkische Heim-Namen mit einer voranngestellten Tierbezeichnung sind mir mit Außnahme des Schweines, in Form der Schwanheim-Siedlungen, nun auch nicht weiter bekannt, was also im Gegensatz zu den Statt-Gemeinden, wohl ungewöhnlich für die fränkische Periode wäre!

    Stimmt, die Dreieichgrenzen scheinen sich recht früh etwas verschoben zu haben, was auch öfters bei den wechselnden Ortszugehörigkeiten zu den verschiedenen Verwaltungsgauen geschah.

  8. andreas sagt:

    Ja, Jörg, deshalb bedeuten „stud“ und „stock“ ja auch Pfosten und Stange, also ein Hinweis auf einen Grenzpfahl.

  9. Markus sagt:

    Ich wollte nur schnell mal einwerfen das eiserne Grenzppfähle gar nicht so selten sind. Im märkischen Museum in Berlin findet sich einer. Ca. 1250. Der Deutschorden pflasterte die Grenze nach Polen damit. Auch sonst gab es Sie immer wieder.

  10. Ich hab mir auch schon überlegt, dass „Stat“ vielleicht ein Lehnwort aus dem Lateinischen ist und auf die römischen Stationes zurückgeht. Dann hätte man den militärischen Ursprung.

  11. andreas sagt:

    Gut möglich, aber wer hätte sich dann gegen wen verteidigt und abgegrenzt. Zeitweise Burgunder und Alamannen, wobei
    Alamannen gegen Franken dabei vom Siedlungsraum plausibler erscheint. Aber das ganze deutet schon auch auf Spätantike hin, da beispielsweise die beiden Klein- und Groß-Wallstadt-Orte bei Mannheim und jene am Main namentlich anscheinend auf „Welche“ d. h. dort lebende romanische Restbevölkerungen zurückgehen.

  12. Markus sagt:

    Hab ich auch schon überlegt, aber die Stationes sollten an den Hauptwegen liegen. Außerdem lägen sie viel zu nah beieinander, weshalb ich das schon wieder abgehakt habe.

  13. Ich meinte auch nicht, dass die Stat-Orte tatsächlich römische Stationes sind, sondern dass sich der Begriff „Stat“ aus dem lateinischen Statio entwickelt hat und dabei den militärischen Hintergrund zunächst behalten hat, auch wenn Franken, Alamannen oder wer auch immer andere Strategien verfolgten als die Römer. Das Stat wäre dann sozusagen „Wachstationen“ entlang der Grenze.

    Vielleicht Zufall aber auch auffällig ist ja, dass der „Stadt“-Begriff in späterer Zeit im Gegensatz zum Dorf eine Befestigung (Stadtmauer) und eine Wehrhaftigkeit beinhaltete. Das könnte auch auf die ursprünglich militärische Bedeutung des Wortes hindeuten.

  1. 08/11/2010

    […] ja noch einmal ergänzend mit den Stadtorten im Niddatal befasst und hat sich das Ganze sogar mal vor Ort angeschaut. Es dürfte schwer zu bestreiten sein, dass zwischen diesen Orten und den Stadtorten in Südhessen […]

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