Mein ambivalentes Verhältnis zu Mittelaltermärkten

Ich habe ein sehr ambivalentes Verhältnis zu Mittelaltermärkten. Es entstand über die Jahre hinweg.

Als ich vor knapp 15 Jahren meinen ersten Mittelaltermarkt besuchte war ich begeistert. Wow, Schwerter, Riddä , Patchouli gemischt mit dem Geruch von Weihrauch, Badezuber…. Ja , ich gebe zu ich war begeistert. Es war diese naive Begeisterung aus einer Zeit in der ich noch Rollenspiele machte, Herr der Ringe auf Englisch gelesen hatte und das erste selbstverdiente Geld meines Zivi-Solds aus dem Fenster warf.

Es war die Kombination aus Fantasy und Geschichte die mich faszinierte. Das funktionierte auch eine Zeitlang recht gut. Und wahrscheinlich wie die Meisten wollte auch ich dazugehören, legte mir ein Piratenhemd zu und merkte schon bald wieder das das Käse ist. Nähte meine erste Cotte aus Baumwollstoff und merkte das das Käse ist…

Mit jedem Fehler den ich machte, wuchs der eigene Ansporn es besser zu machen. Ich lernte dazu und recherchierte. Aber genauso wie ich es besser zu machen wusste und mein eigener Anspruch stieg, desto mehr stieg auch mein Anspruch an Veranstaltungen und an das Dargebotene. Ich begann alles  in Frage zu stellen: Warum käpften da Wikinger gegen Spätmittelalterliche? Was hatten die Elben da zu suchen? Warum kannte auf einem Barbarossamarkt, niemand Barbarossas Marktgesetze?  Warum trug der Däne Rushosen und warum wusste er nicht was Rushosen sind? Es war nicht einfach mich als Begleitung dabeizuhaben, ständige Nörgeleien und Klugscheißereinen…

Ich besuchte immer weniger Märkte, fast gar keine mehr. Nun nach einiger Pause haben wir wieder  mal einen besucht Und ich muss sagen ein wenig habe ich mich gewandelt. Ich finde den Begriff „Mittelaltermarkt“ zwar immer noch doof für etwas, das meist eine Kunsthandwerks-und-Kitsch-Veranstaltung mit Fantasyabmiente ist, aber man hat sich dran gewöhnt.  Auch hab ich nichts mehr gegen Elben mit doofen Ohren, denn die haben verstanden das es nicht um Mittelalter, sondern um Fantasy geht. Auch die Lederhosen Rocker mit Schwert sind mir Schnuppe.  Auch für die Kunsthandwerker und Fressbudenstände hab ich Verständnis entwickelt. Die müssen ja schließlich auch von irgendwas leben.

Aber es gibt immer noch gewisse Spezialisten, für die ich kein Verständnis habe. Da sind da zum einen eine Gruppe von Händlern, die dem Unwissenden, der sich oft genug auch redlich bemüht, einen Stuss vor dem Herrn erzählen. Klar wollen die Verkaufen (siehe oben), aber man muss nicht mit falschen Datierungen oder irgendwelchen dahergeholten Argumenten kommen. Kleines Beispiel gefällig? Also bitte: Eine Gruppe noch recht „grüner“ Jungs kommt zu einem Händler der die einfachen und viel zu dünnen Gambesons verkauft. Sie sprechen ihn auf die Gambesons an, mit der Frage ob er auch was habe, das für Freikampf geeignet wäre und besser gepolstert wäre. Sie legten dabei nicht mal Wert auf Leinen, Handnähte oder gar Rosshaarpolsterung. Die Diskussion wogte ein wenig hin und her, bis der Händler sinngemäß zu verstehen gab das Freikampf Stuss ist und wenn sie ihn angreifen würden, würde er ihnen einfach Sand in die Augen werfen und dann brächte ihnen der gepolsterte Gambeson auch nichts mehr…. Ja, das sind die Antworten die ein Neuling braucht, selbst wenn er nur  Dengeln will!

Auch das die berühmt berüchtigen Steckstühle eher in einen Austellung über Gynokologie als auf eine Fantasyveranstaltung gehören sollte sich langsam rumgesprochen haben (guckst du hier). Die Argumente die dann immer wieder angebracht werden sind hanebüchen. Die Einfachkeit der Herstellung wird angeführt, wie praktisch und bequem das Ding doch sei wird bemerkt… hat schon mal jemand gesehen, wenn sich einer besoffen von so einem Ding runter kegelt? Oder hat schon mal jemand versucht mit Rückenschmerzen von so einem Ding bequem aufzustehen ohne lächerlich zu wirken? Das geht nicht! Und das hätte auch nicht im gelenkzerstörerischen Mittelalter funktioniert. Merke: Steckstuhl für lädierte Bandscheibe = Aua! Also doch lieber auf die Truhe setzen , und wenn die Scheiße sein sollte, ist sie immer noch besser als ein Steckstuhl.

Die dritte Sache die mir immer mehr Aufstößt und die ich früher nie beachtete habe ist eine ganz eigene Spezies. Sie tritt meist in Rudeln auf. Ich habe ja die Vermutung das diese Gruppe Menschen Mitglieder des örtlichen Skatclubs, Dackelzüchtervereins, Geschichstverein oder doch Rotarier sind. Vorzugsweise tragen sie dunkelblauen Samt in einem Schnitt der an die Renaisance erinnert und für dessen Herstellung ungezählte Polyestertierchen sterben musste. Die Felle der Polyestertierchen wurden dann für Zierborten verwendet und deren Federn für für weit ausladende Barette. Als Bewaffnung ist alles möglich an das sich glitzernde Steine anbringen lässt, vorzugsweise Degen, Rapiere aber auch Herr der Ringe Schwerter  wurden schon beobachtet. Eine ganz besondere Eigenschaft dieser Spezies ist auch ihr doch recht fortgeschrittenes Alter und die Positionierung auf thronartigen Stühlen von deren erhöhte Postition aus sie die Besucher beäugen. Gelegentlich greifen sie auch zur Wandergitarre und singen Lieder die an studentische Sauflieder erinnern. Mal drauf achten! Die gibts echt auf jedem Markt!

Ach und damit ichs nicht vergesse: Das aller schlimmste sind Eltern mit kleinen Kindern! Naja , vielleicht nicht alle, aber so einige. Wenn die Tochter oder der Sohn mit wunderbarer und lobenswerter Naivität die Eltern nach allem befragt. So mal mir über mich geschen. Ich trug Schuhe nach Haithabuh Typ 10 mit Biesennaht und Sohnemann fragt Papa was das für Schuhe seinen. Papa sagte: “ Das mein Sohn, sind Indianermokasins, sowas hat man im Mittelalter nicht getragen. Da trug man sowas,“ und zeigte auf die typischen Leonardo Carbon Stulpen Stiefel….

Aber sonst kann ein Mittelaltermarkt  echt Spaß machen! Echt jetzt! Kein Scheiß! Vorallem mit Diazepam! Und deswegen zum Abschluß noch ein Video vom letzten Wochenende…

Ach und das Video soll  wirklich Ernst gemeint sein und hat so seinen ganz eigenen Charme… 😉

Nachtrag: Bin gespannt wann Prinz Eisenherz und Sigurd gegen das Video intervenieren! Ähh ja, auf dem Markt war ich am Wochenende und nein ich bin auf dem Video nicht zu sehen. Ach und ausserdem war ich ganz erstaunt einen Merowinger zu treffen (könnte auch ein spätantiker Auxilliar gewesen sein) ebenfalls in handgenähter Klamottee… Ach und Eintritt hab ich auch keinen bezahlt 😉 Und noch was, das war mein 1000 Post!!!

6 Gedanken zu „Mein ambivalentes Verhältnis zu Mittelaltermärkten“

  1. Schöner Beitrag. Und ja, ich mag Märkte. Es sind nette Themen-Kostümparties unter dem Motto „Freaks aller Kategorien, vereinigt euch“ ^^. Wenn ich was übers Mittelalter wissen will, lese ich allerdings lieber ein Buch.

    Und das mit der überall auftretenden ältlichen Pannesamt-Gilde ist mir auch schon aufgefallen.

  2. Was bist Du auch in Mokasins rumgelaufen? 😉 Gab’s auch Wikinger mit Hörnerhelm? Die find ich super. Auch wenn sie eigentlich nur zum Met-Trinken gekommen sind. Was man auf solchen Märkte auch nie machen sollte, ist über die historischen Fehler in Braveheart zu diskutieren, da macht man sich echt Feinde. Wenn man noch einfach mal: „Und Elben sind sowieso alle schwul“ in die Runde ruft, sollte man keine Mokasins beim Davonlaufen tragen.

    Letztes Jahr bei den Mainlandgames (gut, jetzt nicht direkt ein Mittelaltermarkt, aber da gibt’s schon ne Menge Überschneidungen, schwarzafrikanische Highlander im Kilt und mit Turnschuhen, das muss man mal gesehen haben) hab ich mich auch köstlich über die „Keltenesoteriker“ amüsiert, die da Anhänger und Ringe mit angeblich keltischer Ornamentik verkauft haben.

    Nicht allein, dass höchstens die Hälfte wirklich keltisch oder zumindest „vorchristlich“ war, was die nette Verkäuferin dazu erzählt hat, war bemerkenswert. Sie wusste da genau im Detail, was die Kelten unter diesen Symbolen verstanden haben. Da fielen so Worte wie „Ewigkeit“, „Widerstand“ oder „Kraft“, was sie dann zu astrologisch anmutende größere Bedeutsamkeiten zusammenfügte. Irgendwann fragte ich dann mal ganz unschuldig, woher sie denn wüsste, dass die Kelten das darunter verstanden haben… ähm… nunja… um die Sache abzukürzen, ich hab mein Geld dann lieber am Whiskystand gegenüber ausgegeben.

  3. ohohoho … *hektisch melde und mit dem Finger schnippe* ohohoh … Ich weiß auch was … ich weiß auch was …
    >>> Glitzerplastikzauberstäbe<<< … jetzt ist es raus … mal wieder … ich komm nicht drüber weg ;o)

    Ich mag vorallem die Trinkhornfraktion … vor allem solche von der im Video gezeigten Art … "Das ist meine Freundin … sie ist dabei um mein Trinkhorn zu tragen … ja die Kleine mit dem Großen ist meine … wie was meinst du mit 'kompensieren'?"

  4. Das ist zwar schon etwas älter aber……. Ich finde ihr Brecht zu schnell die Lanze.
    Ich kam das erstamal 2013 mit einem Mittelaltermarkt in Kontakt, viel wusste ich über diese Zeit nicht, auch nichts über die Kleidung, mein Interesse lag vielmehr in der Antike.
    Ich fand die Märkte unterhaltsam, und es gab was zu Essen und zu trinken, nach einiger Zeit wollte ich mehr, das 10. und 9. Jahrhundert war auch was für mich, also kaufte ich mir so nach und nach in den einschlägigen MAM Länden die ich noch dem Studieren unzähliger Artikel in diese Zeit Einordnen würde.
    Klar alles war gekauft, nichts von Handgenäht, aber ich wollte zu Anfang nicht soviel Geld ausgeben.
    Im gleichen Atemzug wollte ich aber auch nicht als Fantasy Karolinger rumlaufen, also Fragte ich den Hiltibold was er von meiner Kleidung hielt, seine Meinung dazu, klar mit Abstrichen passt es ins 9.-10. Jahrhundert.
    Anfang dieses Jahr waren wir in Worms auf dem MAM das Essen und Trinken macht immer noch Spaß und das neu hinzugekommen Analysieren von Trachten machte auch Spaß, das weitete sich auch auf TV Sendungen aus, was wiederum keinen Spaß mehr machte, Sendungen wir Vikings war sonst immer für mich kurzweilig und nicht Nervigt weil die Darstellungen nicht stimmig sind und so wurde jeder Besuch eines MAM auch immer Anstrengender.
    Was für eine Wandlung vom Spaß Event zum Stress Event, das wollte ich nicht weil die Freunde die mit uns diese Märkte besuchten Normalos sind oder deren Gewandung nicht wirklich (nicht annähernt „A“ sind), ich habe mein Gleichgewicht gefunden MAM sind für mich Spassmärkte deren Besucher sich so Kleiden wie sie es wollen (ich versuche ja auch das 9-10. Jahrhundert so „A“ wie mir möglich darzustellen) und keiner Rümpft die Nase über mich.
    Gleich halte ich es bei den o.g. TV Sendungen und siehe da ab jetzt ist es wieder Kurzweile für mich.
    Aber bei all dem Gleichgewicht bleibt ein bleibt einen Frage für mich, wie geht es mit meiner Gewandung weiter, gehe ich mehr in Richtung „A“ und komme mehr zum LH was sicher auch sehr Interessant sein dürfte, aber für meinen Persönlichen Geschmack zu langweilig ist, ich steh halt auf Essen und Trinken bei diesen MAM Veranstaltung und ich Mark auch die Musik und das nicht erst nach dem 3. Met.
    Ein Kompromiss muss her, der wird klar so aussehen das ich nach und nach meine Gewandung fürs 9. Jahrhundert optimiere, werde sicher mir auch das eine oder andere Nähen lassen, und werde in dem Bewustsein MAMs Besuchen, das meine Gewandung nahe an das 9. Jahrhundert herankommt und ich dennoch oder gerade deswegen weiter meinen Spaß auf MAMs haben werde.

  5. Ich mach mich gleich nass!
    Die gleichen A-Disskusionen, wie seit über 30 Jahren, in denen ich jetzt schon Living History und Reenactment betreibe 😂

    Schön, dass sich manche Dinge nie ändern.

    #MAM-Highlander, Trinkhörner, Polyestertierchen & Co.:

    Der gemeine Bilderbuch-MAM-Highlander hat einen nahezu einheitlichen Dresscode.
    Meistens handelt es sich dabei um eine Kombination aus kariertem, kiltähnlichen Viskosestoff, der in Falten irgendwie um die Hüfte trapiert wurde und mittels eines zusätzlichen Stücks des gleichen Stoffs, das ähnlich einer Schärpe, welche vom Tragestil an die K und K – Zeit, der königlich kaiserlichen Hochzeit, der deutschen Monarchie erinnert, laszif um die Schulter hängt und vom Gesamteindruck das Trugbild eines Fileadh mhor, auch gemeinhin als „Belted Plaid“ bekannt, vermitteln soll.
    Bei der Wahl des Tartans bewegt sich der MAM-Highlander, ich nenne sie auch gerne „Marktwolperdinger“, bevorzugt in einem engen Rahmen, der über Black Watch (Hochlandregiment, das 1729 von der englischen Regierung gebildet wurde, um „den Frieden in den schottischen Highlands zu wahren“), über Royal Stuart, bis hin zu einer Reihe fiktiver, neuzeitlicher Caromuster reicht, die natürlich alle akribisch recherchiert wurden, um deren Authentizität zu belegen, oder gerade deswegen WISSENTLICH des nicht vorhanden seins gewählt wurden, um einer möglichen Fehde mit erbosten, in der Gegenwart immer noch existenten schottischen Clans, vorzubeugen (was für eine himmelschreiende, gequirlte Scheiße!!!)

    Weiter ausstaffiert wird dieses „authentische Outfit“ mit einem in Schafspelzform gestalteten Flokati, der um die Schulter gelegt wird und dort, meistens mittels einer natürlich „original keltischen“ Fibel fixiert wird.
    Aus den Resten des Flokati-Massakers werden meist die Springerstiefel gecovert, welche kein MAM-Highlander, der etwas auf sich hält, an seinem Outfit missen lässt.

    Abgerundet wird das Ganze meist durch einen, natürlich durch und durch schaukampftauglichen, Ein- oder Eineinhalbhänder (vorzugsweise als Produkt halbgarer, dafür aber kostengünstiger Schmiedekunst) und einem mindesten 2 – 3 Fuß langen Trinkhorn, welches aber verständlicherweise unverzichtbar ist, da die überellenlangen, ledernen Armstulpen die, für das Trinken aus einem kürzeren Trinkgefäß, nötige Abknickfunktion des Ellbogens, enorm einschränkt.

    Die weiblichen Begleiter dieser Spezies kleiden sich meist in gegurteten, unterkleidähnlichen Baumwolltogas, mit einer vorher bereits schon erwähnten Tartan-Schärpe über der Schulter, um die Solidarität zu ihren männlichen Artgenossen zu symbomisieren.
    Zusätzlich ein Fuchspelz um die Schulter, oft auch nur auf besagtes Unterkleid aufgesteppte mehrere Schweife dieser bemitleidenswerten Gattung, sind bevorzugte Accessoires zum zusätzlichen Ausschmücken des Erscheinungsbild, welches durch vielfältige, natürlich auch wieder „original keltische“ Schmuckstücke, verschiedenster Epochen dieses Zeitalters und oftmals freizügig zur Schau gestelter nordisch inspirierter Tattoos komplettiert wird.

    Immer wieder ein Genuss, diesen Jungs und Mädels bei ihren euphorisch ausschweifend Ausführungen über „authentische schottische“ Geschichte zu lauschen.
    Ich liebe es

    An dieser Stelle möchte ich wiederholt Hollywood meinen besonderen Dank, für viele Jahrzehnte Irreführung des Verständnisses für authentische Geschichte, aussprechen.
    Ohne diese Institution würde alljährlich doch ein recht hoher Faktor meines Amusements auf der Strecke bleiben 😉

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